Warum ich vom Platzen des Euros ausgehe und trotzdem noch ganz entspannt bin

Letzte Woche haben wir wieder erlebt, wie die Eurokrise erneut ihr Haupt erhoben hat. Auch ich konnte das nicht übersehen, während ich gemütlich 2 Wochen meinen Pfingsturlaub verbracht habe.

Nichts davon ist wirklich überraschend, viele haben - mich eingeschlossen - schon wie eine Gebetsmühle über das Problem geschrieben. Nur die Politik im Raumschiff Berlin will davon nichts wissen und träumt abgehoben weiter von "Rettungspaketen", die rein gar nichts retten, sondern nur die berühmte verrostete Kanne, einfach etwas weiter die Straße herunter treten - "kicking the can down the road".

Als Beispiel für längst Gesagtes, kann man zum Beispiel mal meine harten Worte vom 29.06.2012 lesen:
-> Ein historischer Tag, das Ende Deutschlands so wie wir es kennen <-

Oder auch am 06.07.2012:
-> Zum Thema Merkel und Sinn - Von getroffenen Hunden und Weltökonomen <-

Oder auch am 17.02.2015:
-> Der Euro und der Grexit - Der Kern des Problems <-

Reicht nicht? Dann schauen Sie mal am 05.06.2015 in den folgenden Artikel hinein:
-> Griechenland - es ist nicht mehr zu ertragen! <-

Ich denke das ist erschöpfend und das alleine hier bei mir. Und dabei habe ich keineswegs das Copyright auf diese Art Argumentation, es gibt mehr als genügend kluge Köpfe, die seit Jahren mehr oder weniger das Gleiche sagen.

Das beweist aber Eines ganz eindeutig. Nichts an dem, was in Italien gerade passiert, ist überraschend. Man muss eher schon in einer bornierten Parallelwelt leben, das überraschend zu finden.

Ich muss jetzt hier auch nicht erneut ausführlich herleiten, was die strukturellen Gründe für die Unwuchten im Euro sind, das wurde alles schon erschöpfend getan. Man kann sich da kurz und knapp halten:

Es ist schlicht eine ökonomische Schnappsidee, divergente Volkswirtschaften in das Korsett einer gemeinsamen Währung zu stecken, ohne einen Ausgleichsmechanismus zu etablieren.

Der natürliche Ausgleichsmechanismus ist der Wechselkurs unterschiedlicher Währungen und der wurde mit dem Euro abgeschafft. An diese Stelle würde in einem gemeinsamen Staat der Ausgleich durch Wirtschaftsförderung, eine gemeinsame Finanzregierung und die Schuldenunion treten. Auch wir hier in Deutschland haben eine Schuldenunion, denn die prosperierende Region München zahlt und haftet zum Beispiel via Bund mit für die Schulden, die in den chronisch dysfunktionalen Stadtstaaten Berlin und Bremen gemacht werden. Müsste Berlin alleine Anleihen begeben, ohne auf die Solidität des Bundes zurück greifen zu können, wären Zinsen wie in den schlimmsten Jahren der Lira fällig. Das ist die Realität Berlins als theoretisch selbstständige Einheit.

Das ist aber im Rahmen des Staatsgebildes Deutschland alles im Sinne Solidarität und gemeinsamer Staat gewollt und richtig so und es gibt ja - zumindest auf dem Papier - eine funktionierende, zentrale Wirtschaftsregierung, die für den Ausgleich zwischen starken und schwachen Regionen sorgt.

Wie gesagt auf dem Papier, denn dass auch das in einer Demokratie nicht immer funktioniert, zeigt nicht nur wie Berlin und Bremen immer weiter absacken und sich dann auf Jammern und Forderungen an andere verlegen, sondern zeigt auch Italien, dessen norditalienisches Kraftzentrum den Mezzogiorno trotz jahrzehntelanger Subventionen auch nicht auf die Beine gebracht hat.

Aber wenigstens theoretisch, macht in einem gemeinsamen Staatswesen mit gemeinsamer Regierung eine "Schuldenunion" Sinn. Ein Europa selbstständiger Staaten aber, ohne gemeinsame Führung, denen der Wechselkurs als Ausgleichsmechanismus genommen wurde, ist einfach grosser, ökonomischer Schwachsinn. Und solange die Staaten jeder für sich eigene Entscheidungen treffen, würde eine Schuldenunion nur dazu führen, dass sich die Einen gnadenlos auf Kosten der Anderen bereichern.

Man kann das Eine nicht ohne das Andere haben. Eine gemeinsame Währung und die Vergemeinschaftung von Schulden, ist nicht der Start wie beim Euro, sondern der Schlußpunkt der Intergration in ein neues Staatswesens mit gemeinsamer Wirtschafts- und Finanzregierung.

Die Väter des Euro haben das auch gewusst und im Prinzip Hoffnung das Pferd vom Schwanz her aufgezäumt und darauf gesetzt, dass der Euro diese Konvergenz erzwingen würde. Genau das ist aber nicht passiert und deshalb ist der Euro in meinen Augen jetzt schon gescheitert und alles was EZB und Brüssel da noch veranstalten, ist letztlich eine Form von Insolvenzverschleppung, an deren bitterem Ende alle nur noch auf das wettbewerbsfähigste Mitglied der Währungsunion als "last man standing" zeigen werden: Deutschland.

Das Geschwür, das da nun in Italien endgültig sichtbar wurde, wird also nicht mehr weggehen, weil die ökonomischen Prinzipien, die es haben entstehen lassen, sich nicht wegbeten lassen und es deshalb in dieser fehlkonstruierten Gemeinschaftswährung immer weiter eitern wird. Ausser die Währungsunion und ihre Prinzipien wandelt sich ganz grundsätzlich - so wie jetzt, geht es auf jeden Fall nicht mehr weiter.

Trotzdem wird das Problem noch lange von ganz viel weißer Salbe überdeckt werden und EZB wie EU - unsere "Bundesraute" mittemang - werden noch viele Verrenkungen machen, die am Ende das Leiden nur verlängern. Auch die Schuldenunion wird auf die eine oder andere Art und Weise kommen obwohl ihr die politische Grundlage fehlt, genau genommen ist sie via Target ja schon da und auch das muss erst weiter eitern, bevor das Furunkel platzen kann.

Gerade Deutschlannd wird diese Entwicklung "between a rock and a hard place" bringen, also in einen Schraubstock zwingen. Denn auf der einen Seite stehen die immer unverhohleneren Erpressungsversuche zur Finanzierung der im Süden angehäuften Defizite, die Target-Salden als Druckmittel. Auf der anderen Seite steht aber Trump mit seinem Druck auf den Handelsüberschuß und nun raten Sie mal, was den Handelsüberschuß weiter drastisch anheizen und die sowieso schon vorhandene Überhitzung der deutschen Industrie weiter steigern wird: ein fallender Euro! Sic!

Zwischen diesen beiden Polen wird Deutschland massiv unter Druck geraten, man muss kein Prophet sein, um das zu erkennen. „Nebenschauplätze“ wie eine von der Türkei ausgehende Bankenkrise sind dabei nur Brandbeschleuniger - Brüssel und EZB haben es sträflich versäumt, das europäische Bankensystem wirklich grundlegend neu aufzustellen.

All das ist wie gesagt nichts Neues und können Sie an vielen Stellen so lesen. Nur wird dann von einigen, die das richtig erkennen, ein massiver anlagetechnischer Fehler gemacht: Man geht wegen dieser Aussichten aus dem Markt.

Und das ist mit hoher Wahrscheinlichkeit weiter ein Fehler, weil es die Zeitkomponente fatal missinterpretiert. Dazu habe ich auch vor einem halben Jahr hier geschrieben:

Denn EZB und Brüssel haben wohl noch mehrere Umdrehungen der alten Medizin in Petto, bevor sie endlich vor ökonomischen und damit politischen Gesetzmäßigkeiten kapitulieren müssen. Die Wahrscheinlichkeit ist also hoch, dass es weiter im Text geht und mehr weisse Salbe auf immer deutlichere Risse der Währungsunion geschmiert wird.

Geben wir uns also keiner Illusion hin, bei der Trägheit politischer Systeme - zumal wenn so viele Eigeninteressen der damit verbundenen "Eliten" im Spiel sind - kann das noch locker 5 oder 10 Jahre weiter "eitern" und sich trotzdem wenig ändern, nur der Druck im System dabei steigen.

Gleichzeitig sind die Wirtschaftsdaten aus den US und fast der ganzen Welt aktuell aber weiter gut und konterkarieren im Weltmassstab das europäische Problem. Wir werden also kurz- bis mittelfristig volatileres Hin- und Her erleben und die Aktien Europas werden weiter nicht der Ort sein, an dem die großen Gewinne gemacht werden. Wir werden den DAX sich schnell mal nach unten bewegen sehen, wir werden aber deswegen alleine eher *nicht* sofort die große Krise und damit auch eher *nicht* das Ende des Bullenmarktes an der Wallstreet erleben!

Und letztlich hat uns der Markt letzte Woche genau diese Botschaft gegeben. Er hat uns mit der Reaktion am letzten Dienstag gezeigt, dass er die Risiken kennt und keineswegs sorglos ist. Und er hat uns mit der folgenden Beruhigung gezeigt, dass er auch weiss, dass das Ding zwar weiter schwärt, man auf Sicht von Monaten aber noch keine ernsten Sorgen haben muss.

Und so gehen wir mit einem Markt in den Frühsommer, der wieder seine Stärke bewiesen hat und der gerade im Momentum-Bereich letzte Woche eine ganze Reihe ausgezeichneter Setups offenbart hat. Das ist nicht das Verhalten eines Bärenmarktes, die Indizes lassen den Markt eher schwächer aussehen, als er in Wirklichkeit ist.

Ich bin also weiter eher verhalten optimistisch zum Jahresende 2018 und verbleibe in meinem großen Bild des Jahres 2018, das die Seitwärtsbewegung noch bis in den Hochsommer fortschreibt, man dann aber spätestens im Herbst von einem Ausbruch hin zu S&P500 3.000 ausgehen kann!

Und trotzdem halte ich es für wahrscheinlich, dass der Euro am Ende an innerem Eiter zu Grunde gehen wird oder sich so grundlegend wandeln muss, dass es nicht mehr der heutige Euro ist, sondern wir endlich eine funktionsfähige Währungsunion haben. Beides wird nicht ohne massive Schmerzen abgehen. Das ist aber kein Widerspruch zur bullischen Sicht oben, weil völlig unterschiedliche Zeitebenen betroffen sind.

Wir tanzen also weiter auf dem Vulkan, was bleibt uns auch anderes übrig? Was die Politik in Europa an Verleugnung von ökonomischen Realitäten zelebriert, lehrt einem gesunden Zynismus und Galgenhumor.

Nächste Woche wird uns Herr Draghi bei der EZB Sitzung dann bestimmt auch wieder erklären, dass wir hier in Deutschland uns nur völlig unsinnig aufregen. Das stimmt auch, bis er im Herbst 2019 abtritt, wird der Laden bestimmt mit Nullzinsen zusammen gehalten. Sein Nachfolger darf dann die Folgen aufwischen.

Die Deutschen wünschen sich ja gerade, dass ein Deutscher der nächste EZB-Präsident wird. Ich halte das für einen Fehler, denn durch eine Person wird sich nichts ändern. Im Gegenteil, die Folgen der Nullzinspolitik Draghis, werden beim ökonomisch unbedarften europäischen Durchschnittswähler dann an den Deutschen festgemacht. Das Problem ist systemisch, wenn man wirklich etwas ändern wollte, wäre es viel wichtiger bei den Stimmrechten im Rat zu beginnen, die Deutschland derzeit auf eine Stufe mit Malta setzen.

Ihr Michael Schulte (Hari)

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