Warum Frau Merkel immer noch keine Anführerin ist

Heute Abend kommt der Gipfel der Eurostaaten zusammen, um vordergründig über das weitere Vorgehen im Fall Griechenland zu entscheiden. Wir haben ja schon viele Gipfel erlebt und immer war "nach dem Gipfel" letztlich nur "vor dem Gipfel".

Dieses Mal wird es aber anders sein, denn die normative Kraft faktisch insolventer griechischer Banken, erlaubt keine weiteren Verschiebungen und Illusionen mehr.

Was auf dem Gipfel wirklich verhandelt wird, ist hinter dem vordergründigen Thema Griechenland, eine viel grundsätzlichere Thematik. Die Frage nämlich, ob die Währungsunion endgültig zur Transferunion mutiert oder im letzten Moment diese Bewegung gestoppt wird.

Hinter der Fassade der Konsensfloskeln, sind dabei die Kampflinien klar. Im Wesentlichen steht das südeuropäische Bild von Wirtschaft, gegen das auf Leistungsfähigkeit ausgerichtete nordeuropäische Bild von Wirtschaft. Und die südeuropäischen Denkstrukturen, haben eine strategische Mehrheit in der Eurozone.

Dahinter im Hintergrund spielen auch geostrategische Einflüsse herein und die US machen aus Eigeninteresse Druck, dass es zum "südeuropäischen Europa" kommt - dazu habe ich heute im Premium Bereich ausführlicher geschrieben.

Es ist dieser Moment des Abwartens auf eine wichtige Entscheidung, an dem ich gerne mal in alten Archiven krame, was ich zum Thema schon so alles geschrieben habe. Und dabei fiel mir der folgende Artikel in die Hände, den ich -> am 30.11.2012 unter obigem Titel <- verfasst habe.

Damals 2012 liefen im Bundestag gerade die diversen Abstimmungen zu den "Rettungsprogrammen" in Sachen Griechenland und wir erinnern uns an Interviews mit völlig desorientierten Bundestagsabgeordneten, die wie Schlafwandler keinen blassen Schimmer davon hatten, was sie da taten.

Dabei war schon damals für klar sehende Augen mit ein wenig ökonomischer Bildung klar, was für ein Schwachfug diese "Rettung" war und wie man für nichts und wieder nichts die Regeln der Währungsunion mit Füssen getreten hat.

Sicher verstehe ich auch, dass Motivation der damaligen Rettung vor allem Sorge um das eigene Bankensystem war. Nur das Problem hätte man mit dem gleichen Geld auch anders lösen können, ohne den Maastricht Vertrag zu zerstören.

Lesen Sie einfach noch einmal, was mir damals zu Frau Merkel eingefallen ist und wie aktuell das noch ist. Und wundern Sie sich - oder wundern sich nicht 😉 - wie wenig sich seit dem geändert hat.

Liebe Frau Merkel, Führen ist mehr als moderieren. Moderieren ist ein Teil der Gleichung und oft sinnvoll. Aber es gibt die Momente, in denen es ohne klare Richtungsentscheidung nicht geht.

Heute steht so eine Richtungsentscheidung über eine fehlkonstruierte Währungsunion an. Und Sie haben erneut eine Chance zu beweisen, dass Sie doch eine Anführerin sind!

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November 2012: Ein sehr persönlicher Kommentar zu Frau Merkel und zum Thema Führung:

Manchmal entstehen Gedankengänge adhoc aus dem Nichts. Sie wissen aus vielen grundsätzlichen und durchaus politischen Artikeln zur Eurokrise, wie sehr mich die Konsequenzen dieser Fragen für unsere Zukunft umtreiben.

So erinnere ich an Artikel wie -> Ja aber .. oder wie man sich selber abschafft <- oder -> Das Ende Deutschlands wie wir es kennen <-.

In Anbetracht der Meldungen zur wievielten? Abstimmung des Bundestages über die wievielte? "letzte" Stützung Griechenlands, wurde mir selber bewusst, dass selbst ich mittlerweise komplett auf geistigen Durchzug geschaltet habe, sobald von Politik, Berlin und Bundestag die Rede ist. Und ich habe mich gefragt, woran das liegt, denn an mangelndem politischen Interesse oder fehlendem Verständnis für die sachliche Problematik, kann es bei mir nun wirklich nicht liegen.

Die Antwort war mir schnell klar. Es handelt sich um eine Art unbewussten Selbstschutz meinerseits, weil ich das konzeptlose "Geschwurbel" der Politik in Anberacht der gewaltigen Konsequenzen die daraus erwachsen, einfach nicht ertrage. Es tut meinem Seelenheil gut, die Bilder der weitgehend hilf- und ahnungslosen Bundestagsabgeordneten, die da nach Fraktionsdisziplin abstimmen, zu verdrängen. Denn ansonsten würde ich jeden Tag die Verzweiflung spüren, die aus einem Gefühl der Hilflosigkeit erwächst. Hilflosigkeit, wenn man glaubt weit besser als die Mehrzahl der Politiker zu verstehen was nötig wäre, aber keinen Einfluss auf das Ergebnis hat.

So kam es zu einem Kommentar in den Live-Tips, darauf Kommentaren von Lesern und Antworten von mir, und so entstand ein Gedankengang, den ich für so wichtig halte, dass ich Ihn auch in Form eines Artikels verewigen will.

Denn eines ist doch offensichtlich. Wir haben in Europa, speziell aber gerade in Deutschland, ein gefühltes Führungsvakuum. Es fehlt dem Land an Orientierung und an Visionen, die seinen Weg in die Zukunft beschreiben. Von all den grundsätzliche Fragestellungen, die sich über Jahrzehnte aufgestaut haben, aber ohne konzeptionelle Antwort bleiben, ganz zu schweigen. Dieser gefühlte Mangel trägt wesentlich dazu bei, dass sich in schwierigen Zeiten dieses Gefühl der Hilflosigkeit breit macht, weil man glaubt sowieso nichts ändern zu können und so der Zukunft ausgeliefert zu sein.

Und wir haben mit unserer Bundeskanzlerin eine Meisterin des Machterhalts und der Organisation der komplexen Gegenwart, die aber nach meinem persönlichen Eindruck sofort ein spürbares Unbehagen zu befallen scheint, sobald es darum geht eine Richtung vorzugeben - ausser wenn diese Richtung sowieso Common Sense und damit offensichtlich ist. Denn etwas vorzugeben und sich mit seiner Überzeugung in den Wind zu stellen, ist aktiv und nicht reaktiv. Und es birgt die Gefahr in sich, dabei falsch zu liegen. Leider ist aber genau das Führung, das andere nur das Verhalten eine Verwalters. Immer nur aus der Deckung zu agieren, schützt vor Wunden, das Verhalten eines Anführers ist das nicht. Und Menschen werden so auch nicht motiviert.

Worauf sich die Frage anschliesst, warum das gerade in Deutschland so ausgepägt ist. Dem Land, auf das nun ganz Europa und die ganze Welt schaut, um in Europa Führung zu zeigen. Wer, wenn nicht Deutschland, könnte man fragen - und so sieht es auch die Welt ausserhalb Europas.

Ich befürchte wir sehen hier in Deutschland die Gegenbewegung zu den traumatisierenden Erfahrungen der zwei Weltkriege. Denn alles was mit Vision und Charisma zu tun hat, steht bei uns seit dem unter Generalverdacht.

Gerade bei den Deutschen ist das auffällig. Deutschland hatte seit der Reichsgründung 1870/71 eine beeindruckende Kraftentfaltung. Man konnte sozusagen vor Kraft kaum Laufen. Es gab so etwas wie ein kollektives Gefühl der Bestimmung zur Grösse, das dann natürlich auch primitiver Kraftmeierei eine Steilvorlage gab, statt klug eingesetzt zu werden. Mit dem Ende der Nazi-Herrschaft entstand dann ein gewaltiger Kater und seitdem ist alles diskreditiert, das mit Charisma und Vision zu tun hat.

Ich konnte es doch im Nachhinein an den Erzählungen meines Grossvaters beobachten. Ein Idealist wie er im Buche steht und überzeugtes Mitglied der Partei. Und irgendwann ist das dann umgeschlagen in ein Gefühl betrogen und missbraucht worden zu sein. Die Folge war innerlicher Rückzug in die überschaubare Welt des Schrebergartens.

Nun hindert uns diese kollektive Erfahrung, wieder in grösseren Dimensionen zu denken und die Welt gestalten zu wollen, statt sie nur zu erdulden und uns in ihr einzurichten. Und dieser Gestaltungswille ist nun im Zeitalter der Globalisierung dringend geboten ! Denn entweder wir gestalten, oder wir werden von anderen gestaltet !

Dabei ist Gestaltungswillen, Vision und Führungskraft zunächst einmal moralisch wertfrei und es sind Fähigkeiten, die immer wieder zwingend nötig werden. Moralisch “gut” oder “böse” wird Führung immer erst im Nachhinein, wenn man das Ergebnis der Führung dann bewundern und werten kann.

So können Visionen uns in den Untergang führen, aber auch in eine bessere Welt. Und wenn wir aufhören wollen, das Gute zu wagen, nur weil es auch schief gehen könnte, sollten wir in Deutschland besser gleich im Bett bleiben. Ich habe es schon einmal geschrieben, wir begehen hier in Deutschland in meinen Augen “Selbstmord aus Angst vor dem Tod !”

Und unsere Bundeskanzlerin passt perfekt dazu. Sie scheint mir persönlich so viel Angst davor zu haben, dass ihr die Kontrolle über die komplexe Situation entgleitet, dass sie darüber die wahre Rolle jedes Anführers vergisst: dem Land Orientierung, Richtung und das Gefühl eines gemeinsamen Sinns zu vermitteln. Genau die Fähigkeiten, die übrigens einen guten CEO von einem schlechten unterscheiden.

Dabei sind Führungsfragen und die Anforderungen an Führungspersonal ja nun nichts Neues und begleiten die Menschheit, solange wir Aufzeichnungen über die Geschichte haben. Und über die Jahrtausende haben sich daher auch bewährte Mechanismen heraus geschält, die jede grössere Gruppe von Menschen benötigt, wenn sie kollektiv vor schwierigen Herausforderungen steht.

So gibt es auf jedem gut geführten Schiff nicht ohne Grund neben dem Kapitän den 1. Offizier. Es ist der erste Offizier, der den Laden operativ am Laufen hält und auch die Disziplinargewalt ausübt, bewusst nicht der Kapitän. Der Kapitän dagegen bestimmt die Richtung und befeuert die Herzen der Mannschaft. Der Kapitän muss daher diese Eigenschaft besitzen, die man als Charisma bezeichnet. Diese Rollenverteilung hat sich über Jahrhunderte bewährt. Und auf einem Segelschiff über Monate eingepfercht den Naturgewalten trotzen zu müssen, hat durchaus Parallelen zu den "Naturgewalten" der einfachen Mathematik, mit denen wir uns nun im Angesicht der Staatschuldenkrise auseinander setzen müssen.

Wir in Deutschland haben mit Frau Merkel einen gut funktionierenden 1. Offizier, dem wir operativ nach aller Erfahrung auch vertrauen können. Der Kapitän ist dagegen schmerzlich “Missing in Action”.

Und nein, ich persönlich kann im derzeitigen politischen Personal niemanden erkennen, der diese Rolle des Kapitäns überzeugend ausfüllen kann. Schon gar nicht dünnhäutige Polterer, die eher Schafe im Wolfspelz als umgekehrt sind. Aber auch das ist für mich Zeichen des Elends unseres politischen Systems, das eher den angepassten Parteisoldaten fördert, als den unabhängigen, kantigen Überzeugungstäter.

Wenn wir in der globalen Weltgeschichte in Zukunft gestalten und nicht nur passiv hin- und her geworfen werden wollen, dann brauchen wir in meinen Augen eine Art Demokratie 2.0. Eine Demokratie, die die besten, klügsten und durchsetzungsstärksten Mitglieder unserer Gesellschaft dazu motiviert, sich politisch zu engagieren. Und ihnen das auch ermöglicht, ohne vorher eine stromlinienförmige Wandlung durchlaufen zu müssen. Eine Verfassung, die einer Regierung auch die Mittel gibt, dann mal "durchzuregieren" wenn sie gewählt ist, statt sie in eine permanente Quasi-Grosse-Koalition mit permanentem Vermittlungsausschuss zu zwingen, der nur graue Einheitssosse hervor bringt. Und als Gegenwicht zu dieser stärkeren Exekutive stärkere plebiszitäre Elemente, so dass der wahre Souverän, der Bürger, die Regierung zur Räson bringen kann, falls diese ihre Macht zu missbrauchen beginnt.

Und wir brauchen eine(n) Bundeskanzler(in), die/der zur Führung befähigt ist und von eigenen Überzeugungen über den richtigen Weg geleitet wird, verbunden mit der unverzichtbaren Fähigkeit, diesen Weg dem Land auch überzeugend zu vermitteln. Die operative Gestaltung der Details ist Aufgabe der ersten Offiziere, in Form der Bundesminister.

So weit meine Sicht auf das Elend unserer Politik. Und auf Frau Merkel, die ich persönlich als verlässliche Sachwalterin der Gegenwart durchaus schätze. Als Anführerin unseres Gemeinwesens aber persönlich für einen ziemlichen Ausfall halte.

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