Doch! Du wirst Angst haben!




Der folgende Artikel ist in leicht abgewandelter Form schon im Februar 2017 im Premium-Bereich erschienen.

Gerade für unerfahrene Anleger mit kurzer Anlagehistorie, ist er aber von hoher Bedeutung!

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Wer schon länger hier mitliest weiss, das ich das Gerede vom jahrzentelangen, ruhigen Buy- and Hold-Akkumulieren, für das Gerede von Theoretikern halte, die noch nie selber einen echten Crash mit Verlusten bis zu 60-70% erlebt haben.

Ein gefährliches, unverantwortliches Gerede, das sich am Ende verheerend für die grosse Mehrheit aller Anleger auswirken wird. Diese Leute führen viele ihre Anhänger früher oder später in den Untergang. Und das gar nicht mal mit Absicht, die glauben ja selber daran, sondern rein aus Ignoranz, Selbstüberschätzung und Unwissenheit.

Dabei haben sie ja theoretisch recht. Wenn wir keine Menschen sondern Roboter wären, wenn wir keine Ängste kennen würden und auch kein Umfeld hätten, das auf uns Druck macht und keine Verantwortung für unsere Familie spüren würden, dann wäre Buy-and-Hold ohne jede Absicherungskomponente völlig richtig, solange man noch genügend Restlebenszeit hat um jedwede Baisse auszusitzen. Theoretisch ist das richtig.

Dummerweise sind wir aber Menschen. Dummerweise haben wir Familien, für die wir Verantwortung tragen. Und dummerweise ist unsere Lebens- und damit Wartezeit beschränkt.

Machen wir es mal konkret.

Nehmen wir mal an, wir waren klug, wir haben mit 25 Jahren schon angefangen im Aktienmarkt anzusparen. Wir haben jeden Monat jeden freien Euro in Qualitätsaktien angespart. Und da wir gut verdient haben und sich die Märkte im Schnitt gut entwickelt haben, ist daraus eine hohe sechsstellige Summe geworden. Fast unser ganzes freies Vermögen steckt darin.

Und wir haben in den 15 Jahren auch einige Korrekturen erlebt, die zwar schmerzhaft waren, aber wir haben das durchgestanden. Und immer sind die Märkte und unsere Aktien danach weiter gestiegen. Wir sind sehr selbstsicher und glauben an unsere Fähigkeit. Wir haben keine Angst. Wir doch nicht.

Und dann sind wir fast 40, haben eine junge Familie und planen mit unserem Partner den Kauf eines Hauses, das wir zum grossen Teil finanzieren wollen, um unser Geld im Markt weiter arbeiten zu lassen. Auch die Alteicherung wird ganz langsam zum Thema, die Mitte des Lebens ist da.

Immer noch ist unser Vermögen aber im Markt, wir haben das ja im Griff und mit knapp 40 hat man ja auch noch über 20 Jahre um jedwede Baisse auszusitzen. Wir haben das im Griff. Wir haben keine Angst.

  • Dann fängt der Markt an zu fallen. Eine schwere Krise ala Lehman braucht sich zusammen, das wissen wir aber zum dem Zeitpunkt noch nicht.
  • Der Markt fällt 20% und wir sind sicher und selbstbewusst.
  • Der Markt fällt 30% und wir spüren leichte Nervosität, aber wir haben ja keine Angst.
  • Der Markt fällt 40% und unser Partner fängt an kritische Fragen zu stellen und Druck auf uns zu machen. Wollen wir das neue Haus aufs Spiel setzen? Und unsere Altersicherung? Wir reden wortreich mit unserem Partner, aber wenn wir ehrlich sind, reden wir vor allem mit uns selber, um uns selber zu beruhigen. Wir fangen aber an, jeden Tag mehrmals auf die Kurse zu schauen, so als ob wir sie hochbeten könnten.
  • Der Markt ist 50% gefallen. Unser Partner macht uns Vorwürfe, wir sollten mal an unsere Kinder denken. Wir schlafen schlecht. Wenn wir aufwachen, gilt der erste Gedanke dem Markt. Der fällt aber.
  • Der Markt ist 60% gefallen. In den Medien ist Weltuntergang. Banken wackeln. Regierungschefs treten mit beruhigenden Worten vor die Kameras. Die Stimmung zu Hause ist mies, Vorwürfe liegen in der Luft, das Gefühl ein Versager zu sein kriecht in uns hoch.

In dem Moment, bricht unser Widerstand zusammen, wir machen einen innerlichen Sprung, befreien uns von dem Druck und verkaufen.

Und weil das so an uns nagt, weil es so schmerzt, wollen wir das verdrängen. Und schauen aus reinem Selbstschutz über Jahre nicht mehr auf die Börse. Und sind nicht mehr dabei, als der Markt bei 65% Minus dreht und im Folgejahr um 30% steigt.

Wir hatten eben doch Angst. Wir hätten besser auf die Filme unserer Jugend gehört. Erinnern Sie sich noch, wie in Star Wars - Das Imperium schlägt zurück der junge Luke auf Dagobah bei Yoda in der Hütte hockt? Wie er ihm in jugendlicher Selbstüberschätzung bezogen auf die bevorstehenden Herausforderungen sagt:

Ich habe keine Angst!

Und Yoda antwortet mit bedrohlicher Stimme:

Doch! Du wirst Angst haben! Du wirst Angst haben!

So wird es auch bei Ihnen als Anleger sein, wenn Sie mit viel Geld in so eine Situation geraten. Ich garantiere Ihnen das!

Sicher, es gibt ein paar Ausnahmen, die das vielleicht trotzdem durchhalten. Die können dann tatsächlich stures Buy-and-Hold über Jahrzehnte machen. Ausnahmen gibt es aber immer und die bestätigen nur die Regel.

Der obige Verlauf ist aber die wahre Geschichte der allermeisten Anleger, die ohne jedwede Strategie ein Vermögen am Aktienmarkt mit Buy and Hold ansparen wollen. Erklärt wird das auch von Michael Batnick, der hier in den Punkt sehr treffend macht.

Denken wir also an Yoda: Du wirst Angst haben! Du wirst Angst haben!

Es ist richtig, schon als junger Mensch langfristig am Aktienmarkt anzusparen.
Es ist richtig, das im Wesentlichen mit einem ruhigen Investmentansatz zu tun, mit dem man Qualitätswerte langsam akkumuliert.
Es ist richtig, erst einmal Ruhe zu bewahren und davon auszugehen, dass Korrekturen nur temporär sind.

Aber schreiben wir uns Eines hinter die Ohren:

Wir brauchen im Vorfeld eine klare und einfache Strategie, die uns *vor* den ganz schlimmen Einbrüchen aus dem Markt holt und *danach* wieder rein bringt. Oder eine Strategie, die uns zumindest in diesen schlimmen Phasen neutralisiert und den Druck auf uns verringert. Und wenn wir uns diese Strategie nicht im Vorfeld überlegt, genau definiert und auch mit unserem Partner besprochen haben, wird sie mitten im Gefecht nicht funktionieren.

Ob diese Strategie mit gleitenden Durchschnitten operiert, wie ich das hier in Artikeln als sehr einfache Lösung vorgeschlagen habe oder mit anderen Methoden ist sekundär, solange sie auch wirklich umgesetzt wird. Und erneut, es geht dabei nicht darum den Markt zu schlagen, es ist sogar hinzunehmen, dass man durch so eine Strategie ganz leicht schlechter als der Markt abschneidet.

Es geht darum, dauerhaft dabeizubleiben, in dem man temporär aussteigt.

Denn wer nicht gelernt hat temporär auszusteigen, wird nicht dauerhaft dabei bleiben können, wenn das Geld im Markt so viel geworden ist, dass es wirklich etwas bedeutet.

Ihr Hari

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Schlafwandler und Kriegstreiber – mein Blick auf die Ukraine-Krise

Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid. (Yoda)

Perfekter kann man es nicht sagen. Manchmal findet sich Weisheit eben auch in der Populär-Kultur. 😉

Sie werden sich nun fragen, warum ich in einem Börsenblog einen langen Artikel zur Weltlage schreibe.

Nun, seit dem Ende der Sowjetunion vor fast 25 Jahren hatte ich nie mehr ein Wochenende, an dem ich nur sorgenvoll über Weltpolitik gegrübelt habe. Das letzte war so Eines.

Und ich hatte überhaupt noch nie einen Wochenstart, an dem ich eigentlich keine Lust habe, mich mit dem Markt zu beschäftigen, weil es Wichtigeres gibt.

Ich denke es gibt Punkte in der Geschichte die so bedeutsam sind, dass man als Bürger nicht einfach schweigen kann. Punkte an denen es wichtig ist, dass Menschen ihre Stimme gegen Hass, Einseitigkeit und Propaganda erheben, Menschen die sich um Mitte und Mass bemühen und um einen differenzierten, unideologischen Umgang mit der Wirklichkeit.

Ich betone dabei ausdrücklich, dass ich nicht die Wahrheit gefressen habe, sondern wie wir alle mir nur ein Bild aus den diversen Quellen machen kann. Diese Erkenntnis meiner Begrenzung, unterscheidet mich dann aber von all den selbstgerechten Kriegstreibern, die auf beiden Seiten nun einer Eskalation das Wort reden und dabei so tun, als hätten sie Wahrheit und Weisheit gefressen. Ich habe das nicht.

Alles worum ich mich bemühen kann und es im Folgenden auch werde, ist mein Bild möglichst breit und unabhängig entstehen zu lassen und mich nicht nur von einer Quelle einer freiwilligen, medialen Gehirnwäsche zu unterziehen. In diesem Spiel kennt niemand die ganze Wahrheit, selbst nicht die Staatschefs, die sich da nun vielleicht in Minsk zu viert gegenüber sitzen. Und die Lage ist so verwoben und so voller vielfältiger Aspekte, dass die Frage berechtigt ist, ob es überhaupt eine klare "Wahrheit" gibt.

Hier ist also mein Versuch, eine Schneise der Rationalität in die Eskalation hinein zu schlagen. Höchst subjektiv und ohne Wahrheitsanspruch. Einfach nur, wie ich als Bürger Europas die Lage erlebe.

Wenn Sie nur an Börse interessiert sind, brauchen Sie nun nicht weiterlesen. Wenn Sie aber als Bürger Europas nun Sorgen haben, betrifft es Sie. Und auch die Märkte wird natürlich betreffen, wie sich die Lage weiter entwickelt. Und so schliesst sich der Kreis zum Börsenblog.

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Der überraschende Besuch von Merkel und Hollande in Moskau zeigt, dass es 5 vor 12 ist und die Lage rund um den Ukraine-Konflikt dramatisch und brandgefährlich wird. Denn zwei Staats- und Regierungsschefs, die zu den wichtigsten der Welt gehören, reisen in einer Krise nicht einfach ohne absehbaren und schon diplomatisch vorbereiteten Erfolg zu einer anderen Konfliktpartei. Das passiert ganz selten und nur in dramatischen Ausnahmesituationen, sozusagen um über "Krieg oder Frieden" zu entscheiden.

Eigentlich fällt mir unmittelbar nur Neville Chamberlain ein, der im September 1938 ohne vorbereitetes Ergebnis nach Deutschland kam, um den "Frieden in unserer Zeit" zu sichern. Er schloss dann das Münchner Abkommen und glaubte der Welt Frieden gebracht zu haben .... für ein paar Monate. Aber es gibt sicher andere ähnliche Fälle, die mir nur gerade nicht einfallen, wenige sind es aber auf jeden Fall.

Und natürlich wissen Merkel und Hollande, dass das böswillig als "Bittgang" ausgelegt werden kann und auch wird von denen, die kein Interesse an Frieden haben, sondern in ihren Schützengräben eingegraben sind.

Und während die meisten Bürger immer noch denken, dass das ein Geschehen „in der fernen Ukraine“ sei, besteht die reale Gefahr, dass sich 2015 in der Nachbetrachtung in die Jahre 1914 und 1938 einreiht.

Wobei ich eher Ähnlichkeiten mit 1914 sehe, denn auch da hat den grossen Krieg so richtig eigentlich keiner gewollt, aber Misstrauen, Hass und Kommunikationsunfähigkeit, führten die Welt dann doch auf die Rutschbahn zum grossen Konflikt.

Und genau das - Misstrauen, Hass und Kommunikationsunfähigkeit - habe ich am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesehen, die ein erschreckendes Bild des Pessimismus und der Ratlosigkeit abgab. Und das in einer Zeit, wo auch die atomare Gefahr wieder ihr Haupt erhebt und Russlands Dmitrij Kiseljow im Staatssender "Rossija" sagte: .

Da bleibt einem nur der Mund offen stehen. Nun bin ich sicher, dass es in den US ebenso extreme Fanatiker gibt, die wieder über die Machbarkeit eines Atomkrieges fabulieren. Nein, aggressiv militärisches Dominanzdenken gibt es leider überall auf der Welt und die auf Kooperation und Verständnis orientierten Menschen geraten dann leicht in die Defensive. Aber dass solche Sätze wieder öffentlich gesagt werden, ohne dass es den Sprecher sofort den Kopf kostet, ist bezeichnend dafür, wie uns die Denkstrukturen des kalten Krieges wieder im Griff haben.

Bei mir steigt auf jeden Fall zunehmend die Wut auf Stümper und Kriegstreiber auf allen Seiten, die wie Schlafwandler – ja wie „Schlafwandler“ – einen Konflikt eskalieren, der nicht sein müsste. Wir haben in München amerikanische Senatoren und einen russischen Aussenminister gesehen, die alle wohl im kalten Krieg sozialisiert wurden und nur in diesen Denkstrukturen denken können. Misstrauen und Scheuklappendenken prägen das Bild und jeder ist in seinem fest gefügten Welterklärungsmodell gefangen, ohne es auch mal aus der anderen Brille betrachten zu können oder wollen.

Ich habe mich mit meiner Frau daher am Sonntag Abend mal bei einem Glas Wein hingesetzt, und wir haben in 2 Stunden den gesamten geschichtlichen Ablauf rekapituliert. Denn wenn man das Problem verstehen will, muss man die Geschichte verstehen.

Wir haben uns die alten Landkarten des Zarenreiches angeschaut und uns an den erinnert, in dem Millionen Ukrainer 1932/33 in den Hungertod getrieben wurden und den viele als Genozid Stalins interpretieren. Will man den Hass verstehen, den bestimmte Gruppierungen in der Ukraine gegen Russland haben, muss man bis dahin zurück gehen.

Wir haben über die willkürlichen Grenzziehungen des Ukrainers und „Schuhklopfers“ Chruschtschow gesprochen, durch die 1954 russische Teile wie die Krim, überhaupt in der Sowjetrepublik „Ukraine“ landeten. Eine Sowjetrepublik Ukraine, die innerhalb der UDSSR ausser als Verwaltungseinheit keine Bedeutung hatte und nach dem Zusammenbruch der UDSSR aber plötzlich als selbstständiger Staat da stand.

Wir haben uns angeschaut, wie oft in den letzten hundert Jahren das Gebiet im Westen um Lemberg den Staat wechseln musste. Da hatten wir seit dem 18. Jahrhundert Österreich-Ungarn, dann von 1918-1939 Polen, dann im Zuge des Hitler-Stalin Paktes von 1939-1941 die Sowjetunion. Von 1941-1944 als Teil des Generalgouvernements Deutschland, aber 1944 wieder Sowjetunion und ab 1991 Teil der unabhängigen Ukraine.

Wundert sich da noch jemand, wie sehr die Menschen um Lemberg nach Westen wollen ? Umgedreht wundert sich jemand, dass sprachliche und ethnische Russen im Donbass weiter primär Russen sein wollen?

Auch wenn es politisch unkorrekt ist, die Ukraine ist in diesen Grenzen ein Staat, den es für mich ebenso wenig geben dürfte, wie ehedem Jugoslawien. Was daraus wurde, wissen wir ja. Die Ukraine ist so wie sie ist in diesen Grenzen, für mich eine Laune des Zufalls, zerrüttet von 25 Jahren Oligarchen-Herrschaft, wo man wirklich nicht mehr weiss, ob nun die hasserfüllte Timoschenko oder der korrupte Janukowitsch der schlimmere Regierungschef war.

Dann haben meine Frau und ich den Ablauf der jüngeren Geschichte besprochen. Über die eine Hälfte der Ukraine, die nach Westen will und sich im Maidan gegen Korruption und Misswirtschaft auflehnte, als ihr mit der Ablehnung des EU Assoziierungsabkommens der Weg scheinbar abgeschnitten wurde.

Und nein lieber Kreml, nur weil Ihr als teilweise Ex-KGB Offiziere in so Kategorien denkt, wird es nicht wahrer: Der Maidan war nach meinem Eindruck im Wesentlichen eine Volksbewegung und kein orchestrierter Staatsstreich, obwohl es ohne Frage auch Zündler und Antreiber von Aussen und Innen gab, die ihre eigenen finsteren Interessen auf dem Rücken des Aufstands durchsetzen wollten. Die gibt es aber in so Umbrüchen immer, darin habt Ihr auch Übung liebe Russen, insbesondere der KGB. Bitte keine Doppelmoral lieber Kreml!

Und wir haben über die unrühmliche Rolle geredet, die die EU insbesondere in Person der stümperhaften Aussenbeauftragten Ashton gespielt hat. Eine Ashton, die nicht sehen konnte, dass es da auch eine andere Hälfte der Ukraine gab, die nicht mit dem Maidan war und deren gewählter Präsident – und das war Janukowitsch – einfach revolutionär verdrängt wurde. Und hinter einer unfähigen Ashton standen dann Scharfmacher wie Victoria „fuck the EU“ Nuland. Diese Frau ist übrigens immer noch bei Kerry. Und ein Scharfmacher wie McCain, der in der Ukraine den Aufstand aufgewiegelt und ihm unrealistische Hoffnungen gemacht hat.

Und nein lieber Westen, es ist kein legitimer Regierungswechsel gewesen, eine Wahl wäre Monate danach sowieso gekommen. Es war ein gewaltsamer Umbruch und das wie die Russen als Putsch zu empfinden, ist absolut nachvollziehbar. Wo war denn die Aufregung des Westens, die bei der Vertreibung eines demokratisch gewählten Staatschefs eigentlich nötig wäre? Bitte keine Doppelmoral lieber Westen!

Wir haben über die unsäglichen, rechtsgerichteten Mitglieder der ersten neuen ukrainischen Regierung gesprochen, die sofort Russisch als zweite Amtssprache abschaffen wollten. Und damit latenten Ängsten im Osten und auf der Krim Berechtigung verschafften. Und wir haben über den Kreml gesprochen, der irgendwann in dieser Zeit nach der Flucht Janukowitsch wohl die Entscheidung getroffen haben muss nun einzugreifen und die eigenen Interessen zu sichern. Und da es wegen des Völkerrechtes formal offen nicht möglich war, eben verdeckt mit Russen in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen und unter Ausnutzung lokaler Grössen mit separatistischem Gedankengut.

Denn von der westlichen Seite kam nichts, was diese zweifelhafte und illegitime neue Regierung mal in Frage stellen würde. Und im Westen war auch niemand, der die nicht völlig unberechtigten Sorgen und Ängste des Kremls um das Assoziierungsabkommen und eine folgende Nato-Mitgliedschaft mal ernst nehmen würde. Aus der westlichen, dumm-naiven Welt, war die ganze Ukraine in einem fahnenschwingenden Freiheitskampf, den man unterstützen muss. So sieht das halt aus, wenn das Geschichtsverständnis sich auf Fernsehbilder reduziert. Lesen sie mal die Artikel der Medien von damals und wie sehr ich mich vor einem Jahr hier im Forum darüber aufgeregt habe.

Tja und so haben wir ein Russland, das sich über das Völkerrecht hinweg setzt. Und damit auch einen Bürgerkrieg mit schweren Waffen angezettelt hat, den es so nicht hätte geben müssen. Aber so simpel, dass dahinter nur "böse russische Aggressionsgelüste" stehen, ist es halt leider nicht.

Dass die Separatisten massiv mit russischen Waffen hochgerüstet wurden, ist dabei für mich so offensichtlich, wie etwas nur offensichtlich sein kann. Noch im letzten Sommer standen die Separatisten nach den Worten der eigenen! panischen Hilferufe in Richtung Moskau kurz vor einer finalen Niederlage. Und natürlich waren da alle greifbaren Lager der ukrainischen Armee schon geplündert, was sonst. Wie man dann ganz alleine, aus einem kleinen Gebiet mit völlig zerstörter Infrastruktur heraus, ohne Maschinen und Fabriken, neue, moderne und bisher im Land nicht benutzte Waffen produziert, Munitionsnachschub produziert und dann plötzlich wie aus dem Nichts wieder Stärke generiert, kann für mich nur mit massiver Hilfe von aussen erklärt werden.

Klar, vielleicht waren es ja auch Nordkoreaner oder noch besser Marsianer, die die Separatisten mit Nachschub versorgt, neu ausgerüstet und aufgestellt haben, man weiss ja nie. 😉 Bei aller berechtigen Vorsicht und Skepsis hinsichtlich offizieller Verlautbarungen auf allen Seiten, sollten wir uns aber noch ein Stück gesunden Menschenverstand bewahren und nicht nur weil wir der einen Seite misstrauen, der anderen jede dreiste Lüge glauben.

Nein, die russische Propaganda hat nicht Recht. Die tausenden Tote gibt es ursächlich deshalb, weil Russland nun in den Konflikt involviert ist und die Separatisten gerüstet und unterstützt hat. Militäreinsätze und Übergriffe der ukrainischen Armee, die es auch gegeben hat, ebenso wie sinnlose Bombardierungen, waren eine Reaktion darauf und nicht der Auslöser. Das macht das Unrecht ukrainischer Kriegstreiber, die eigene Bürger bombardieren, nicht besser, aber Ursache und Wirkung sollten nicht verdreht werden.

Und einen breiten Volksaufstand im Donbass hat es nie gegeben, das ist propagandistische Legende, denn Janukowitsch war selbst im Osten schon unten durch. Und bei geschlossenen Grenzen hätten die Separatisten ein paar Panzer aus Depots geklaut, mit Gewehren geschossen und nach 1 oder 2 Monaten wäre ihnen Treibstoff und Munition ausgegangen und sie im Gefängnis gelandet. Und fertig. Dafür hätte man Polizei gebraucht, mehr nicht. Die jetzige Eskalation ist nur durch massive Aufrüstung der Separatisten durch "Marsianer" möglich, das ist offensichtlich.

Dann haben wir einen Westen, der sich wie ein Elefant im Porzellanladen verhalten hat und zu blöd und arrogant war zu sehen, dass aus russischer Sicht spätestens in dem Moment, wo ein gewählter Regierungschef vertrieben wird, die rote Linie überschritten wurde. Ein Regierungschef, der sich qua seines Amtes in einer für Russland sehr wichtigen Frage des Assoziierungsabkommens für die russischen Interessen entschieden hat. Das einen verfassungswidrigen Putsch zu nennen, ist durchaus zutreffend und ich kann die Wut Russlands da gut verstehen. Und auch der Vorwurf der Doppelmoral in Richtung Westen ist hier für mich zutreffend.

Am Ende hat sich dieser Konflikt also in Bewegung gesetzt, weil beide Seiten jede Menge Fehleinschätzungen hatten und sich Misstrauen ausgebreitet hat. Denn Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid. Und die Ukraine hat ja eine Vorgeschichte, in Georgien und darüber hinaus, die von Missverständnissen und enttäuschten Erwartungen geprägt ist - auch auf der sehr persönlichen Ebene zwischen den Spitzenpolitikern.

Es ist tatsächlich so, Russland hat friedlich und kooperativ immer wieder gegen eine Reihe von strategischen Entscheidungen protestiert, wie die Aufnahme des Baltikums in die Nato. Solange bis man im Kreml irgendwann zum Ergebnis gekommen ist, dass man wohl die Tonlage hoch drehen muss um gehört zu werden. Wenn der Westen jetzt erschreckt aufwacht - und die Medien mit ihren Schlagzeilen zeichnen dieses Bild - dann zeigt das nur, wie lange man selbstgefällig geschlafen hat. Die jahrelange mediale Verteufelung Putins als „Gottseibeiuns“ war dabei nicht hilfreich, eben so wenig wie Obamas kalte Arroganz, die bei mir den Eindruck erweckt, eher eine Unfähigkeit zu sein, persönliches Vertrauen um sich herum aufzubauen.

Umgedreht aber, gilt für die Haltung des Kremls das Sprichwort: "Was ich denk und tu, trau ich anderen zu". Es gab und gibt keine Verschwörung des Westens um Russland zu bedrohen. Man muss sich nur den jammervollen Zustand der Bundeswehr und der US Atomwaffen anschauen um das zu verstehen. Eine Verschwörung erfordert ja, dass man das Ziel wichtig findet. Auch wenn es Russland nicht gefallen wird, das Problem war eher, dass Russland für die US unwichtig geworden war, die Augen sich auf China richteten und niemand sich mehr ernsthaft mit russischen Befindlichkeiten befasst hat. Nein, es gab und gibt einfach nur das heterogene Geschnatter unzähliger Demokratien, in denen auch Spinner und Kriegstreiber existieren, die aber eben die Politik nicht dominieren. Auch nicht in den US.

In den Denkstrukturen von Verschwörungstheoretikern aber - nach denen es immer irgendwie den "finsteren Plan der XYZ gibt" (XYZ bitte gegen Freimaurer, CIA, KGB was auch immer ersetzen) - ist es unmöglich sich die Dynamik komplexer Gesellschaften vorzustellen und zu akzeptieren. Letztlich ist das nichts anderes, als der sehr menschliche Wunsch am Markt immer einen singulären "Grund" für eine Kursbewegung zu finden. So hierarchisch und kausal funktionieren aber komplexe Systeme nicht und der Westen als Ganzes schon gar nicht. So funktioniert der KGB und die CIA, aber keine offene Gesellschaft.

Es sind halt Denkwelten, die da aufeinander prallen. Für einen KGB Mann ist das also alles orchestriert, geplant und gegen ihn persönlich und sein Land gerichtet. Dabei ist es nur Gedankenlosigkeit, Desinteresse und typisch demokratisches Durcheinander. Und westliche Politiker, die es wie Merkel gewohnt sind selbst als "Hitler" dargestellt zu werden, sind dann taub für damit verbundene Verletzungen und Vertrauensverluste bei Menschen mit anderen Denkstrukturen.

Tja und da stehen wir und gucken doof aus der Wäsche und uns gefällt die Welt nicht, in der wir aufwachen. Wir stehen am Ende einer Kette unsäglicher Fehler und eingefahrenen Denkens aus dem kalten Krieg. Fehler die auf westlicher Seite schon direkt nach dem Zerfall der Sowjetunion begonnen haben und die nun von Russland gemacht werden, weil es schlicht an Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit fehlt.

Auf jeden Fall hat eine Person bei mir in den letzten Tagen an Achtung gewonnen. Es ist Angela Merkel mit ihrer Bereitschaft, wohl überlegt das aus ihrer Sicht Richtige zu tun, egal wie schwierig es ist. Sie hat Mut bewiesen mit dieser Aktion. In dem Moment wo es nötig war, war sie da. Selbst wenn die Initiative nun verläuft, hat sie dafür Achtung verdient.

Und sie hat dem Kreml nun ein unglaubliches Angebot auf einer strategischen Ebene gemacht, dass er nun unbedingt begreifen muss.

Denn wenn diese Initiative fehl schlägt, wird der Westen zusammen rücken und die militärische Karte wird kommen. Wenn der Kreml nun aber die Chance erkennen kann, dann stärkt er nun durch Generosität den beiden Europäern den Rücken. Stellen Sie sich nur vor, jetzt gäbe es einen echten, belastbaren Frieden. Ohne Waffenlieferung und ohne Beteiligung der US. Es wäre ein massiver Reputationsgewinn Europas. Und auch einer Putins. Und die US ständen dabei an der Seitenlinie. Wenn Putin in seinem sehr persönlichen Antiamerikanismus Europa von den US wegbewegen will und Obama dumm dastehen lassen, dann hat er hier einen Elfmeter.

Und am Ende wird auch die Krim russisch bleiben, es braucht nur eine weitere Volksabstimmung unter internationaler Aufsicht - deren Ausgang in Anbetracht der ethnischen Zusammensetzung klar ist - und schon wäre auch die Annektion der Krim so ausreichend legitimiert, dass niemand im Westen ernsthaft dagegen argumentieren kann.

Wenn Putin nun strategisch denkt und ernsthaft Frieden will, kann er nun nur gewinnen und hat eine Chance als Sieger und Friedensstifter aus diesem Konflikt hervor zu gehen. Er muss sich dafür aber jetzt an die Spitze des Kompromisses setzen und den Elfmeter verwandeln.

Wir werden viel über seine wahren Absichten erfahren, in dem wir nun beobachten, ob er diesen Elfmeter versenken kann und will und wir am Mittwoch einen Vertrag bekommen, der von Russland auch wirklich durchgesetzt wird. Die Anzeichen die ich sehe machen mich skeptisch. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Europa ist an einer Wegscheide. Frieden und Zusammenarbeit oder kalter Konflikt mit heissem Atomrisiko? In ein paar Tagen werden wir es wissen.

Ich merke auf jeden Fall, wie in mir die Wut steigt. Die Wut auf Stiernacken, Sturköpfe und Kriegstreiber auf allen Seiten. Und dann muss ich wieder an Yoda denken und wie die Wut zu Hass führt und zu unsäglichem Leid und deshalb habe ich nun lieber so einen Artikel geschrieben, statt zu hassen.

Denn Hass ist nun unter uns. Auch und gerade in Foren. Ich habe am Wochenende mal ein bisschen gelesen - überall. Was einem da an vielen Stellen an Aggressivität, Hass auf "die anderen" und Menschenverachtung entgegen schlägt, ist einfach erschreckend.

Und Atomwaffen sind zunehmend überall. Die Welt ist in meinen Augen gefährlicher geworden, als sie je gewesen ist.

Was wir nun brauchen ist klaren Verstand und Differenzierung. Selbstgerechte gibt es schon genug. Es zeichnet gerade Dummheit aus, dass die Weltbilder immer einfach und fest gefügt sind. Denen dürfen wir nicht unser Schicksal überlassen!

Ihr Hari

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