Warum das KGV kein Timing-Indikator ist

Es ist traurig wenn man sieht, an wie vielen Stellen unbedarfte Anleger immer wieder und immer wieder mit Sätzen penetriert werden, die ungefähr so lauten:

Die Aktie ist mit einem KGV von soundsoviel Prozent zu teuer (bzw billig)

Dieser Satz und alle Abwandlungen davon, ist aber reiner Quatsch - Punkt! Wer solche Sätze für sich alleine schreibt, impliziert damit direkt, daß er/sie besser weiß als der Rest des Marktes, was für eine Aktie die angemessenen Gewinnerwartungen sind. Viel Glück mit dieser Hybris, eines verspreche ich, zu Erfolg im Depot wird es nicht führen.

Denn das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) einer Aktie, spiegelt die Gewinnerwartungen des Marktes in die Zukunft wieder und nichts sonst. Also das Vielfache des Gewinns, das ein theoretischer Gesamtunternehmenskäufer für das Unternehmen aktuell bereit wäre zu zahlen.

Bei Unternehmen, denen man ein starkes Wachstum zubilligt, ist der Wert natürlich viel höher, als bei Unternehmen die nicht wachsen oder sogar schrumpfen. Wer wollte nicht eine Google im Jahr 1998 aufkaufen, oder? Eine Xerox dagegen eher nicht. Diesen Unterschied der zukünftigen Entwicklung, spiegelt das KGV wieder.

Ein kleines KGV ist also nicht Ausdruck einer "billigen "Aktie, sondern Ausdruck negativer Markterwartungen an die zukünftigen Gewinne. Und ein hohes KGV ist Ausdruck hoher Wachstums- und Gewinnerwartungen, sonst nichts. Man schaue noch einmal auf diesen Artikel zu Amazon aus 2016, nun ist der Kurs noch viel höher: -> Amazon - der Beweis für die Klugheit des Marktes <-

Das KGV ist also nichts weiter als eine Ist-Aufnahme der Erwartungen, die der Markt in der Gegenwart an den Gewinn eines Unternehmen hat.

Der obere Teil des KGV, der Kurs, wird dabei immer vom Markt brandaktuell ermittelt und stellt zu jedem Zeitpunkt die Summe der Erwartungen der Marktteilnehmer dar. Der untere Teil des KGVs aber, der Gewinn, wird aber auf Basis von manchmal mehrere Monate alten Daten - dem letzten Quartals-Gewinn bzw letzten Gewinn-Forecast nämlich - berechnet, womit das KGV in besonderen Fällen sogar völlig veraltet sein und auf die falsche Fährte führen kann, dazu unten mehr für Zykliker.

Abgesehen davon, eine Ist-Aufnahme der Erwartungen, kann immer richtig oder falsch sein, der Markt kann die Lage überschätzen, unterschätzen oder richtig sehen. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt die Risiken unterschätzt, ist bei einem KGV von 100 keineswegs größer als bei einem KGV von 10, auch wenn unser Affenhirn uns so etwas einflüstert. Und die Wahrscheinlichkeit, dass der Markt die Chancen unterschätzt, ist ebenso bei einem KGV von 10 nicht größer, als bei einem KGV von 100. Beides sind nur rechnerische Grö0en, die sich jederzeit verdoppeln oder halbieren können.

Ich könnte das nun mit endlosen Charts im Stile Amazons belegen oder mit "Gurken", die mit KGV von 6 immer weiter fallen und am Ende Pleite gehen. Die Friedhöfe der Börsen sind voll mit solchen Aktien. Ich brauche aber hier nichts zu beweisen, entweder Sie erkennen die Wahrheit darin, oder lassen es bleiben.

Was ich Ihnen aber noch zur Unterstützung des Themas in Erinnerung rufen will, ist ein alter Artikel aus dem Jahr 2012 - ja diesen Blog gibt es mittlerweile schon mehr als 6 Jahre. 😉

Er heisst -> Warum billige Zykliker teuer sind und umgedreht <- und erklärt am Beispiel einer speziellen Art von Aktie, wie das KGV völlig falsche Signale geben kann, wenn es nicht richtig verstanden wird.

Hier ist der Artikel im vollen Wortlaut noch einmal:

Gerne wird ja das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Anlegern benutzt, um einzuschätzen, ob eine Aktie "billig" oder "teuer" ist. Wie sehr dieses Kriterium aber bei Zyklikern in die Irre führt, will ich mit Ihnen heute besprechen.

Zyklische Aktien wie zum Beispiel Stahl, laufen ja in der Regel mit der Konjunktur in Wellen - auch Schweinezyklus genannt. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche. Eine anziehende Konjunktur sorgt für erhöhte Nachfrage. Das treibt bei bestehendem Angebot die Preise und die Gewinne der Unternehmen. Was wiederum zur Kapazitätsausweitung und Investitionen der Zykliker führt - siehe die neuen Stahlwerke von ThyssenKrupp. Diese Kapazitätsausweitungen werden solange vom Markt aufgesogen, solange die Nachfrage weiter steigt, was wiederum zu erneuten Kapazitätsausweitungen führt.

Irgendwann steigt die Nachfrage nicht mehr, die Kapazität steigt aber weiter, weil diese Investionen ja Jahre brauchen bis sie den Markt erreichen. So trifft dann am Höhepunkt der Konjunktur eine seitwärts laufende oder leicht fallende Nachfrage auf immer weiter steigende Kapazitäten, was zwangsläufig den Preis ins Bodenlose drückt. Der sinkende Preis sorgt für die Abschaltung oder Aufgabe von Kapazitäten, solange bis die Nachfrage nicht mehr fällt und eine wieder steigende Nachfrage auf immer noch fallende Kapazitäten trifft. Und so setzt sich eine neue Runde des Schweinezyklus in Bewegung.

Der Grund für diesen Effekt liegt also in der zeitlichen Disparität zwischen der Entwicklung der Nachfrage und der Entwicklung der kapitalintensiven Produktionskapazitäten.

Schauen wie uns nun einmal an, wie sich die Aktien der Zykliker und das KGV entwickeln. Und hier haben wir auch eine massive Disparität zwischen den Gewinnschätzungen und dem Kursverlauf, die von unerfahrenen Anlegern immer wieder falsch interpretiert wird. Denn die Gewinnschätzungen laufen der Wirklichkeit um Monate nach. Die Kursentwicklung läuft aber der Konjunkturentwicklung vor, weil der Aktienmarkt ein ausgezeichneter konjunktureller Frühindikator ist.

Am Höhepunkt des Booms werden die Gewinne der Zykliker in die Folgejahre fortgeschrieben, was auf dem Papier zu sehr geringen KGVs führt. Auf dem Höhepunkt sehen die Aktien also "billig" aus. Und wenn dann der Frühindikator "Mr. Market" schon zu fallen beginnt, werden die Kurse optisch nur noch billiger, was viele veranlasst, dann 20% unter dem Zyklushoch die Aktien für "sehr billig" zu halten. Sie sehen aber nur so aus, weil die Gewinne des Aufschwungs einfach fortgeschrieben wurden. In Wirklichkeit hat der Absturz gerade erst begonnen.

Umgedreht ist es am Tiefpunkt. Der Tiefpunkt ist typischerweise dadurch gekennzeichnet, dass die Firmen kein Geld mehr verdienen, weil der Marktpreis ins Bodenlose gefallen ist. Genau dann werden die Entscheidungen getroffen Kapazität abzubauen und aus dem Markt zu nehmen. Und genau dann sehen die KGVs extrem hoch aus, da sind 50 oder 60 durchaus möglich - was kein Wunder ist, wenn die Firmen kaum mehr Geld verdienen. Genau dann stabilisiert sich aber der Marktpreis und die Gewinne beginnen wieder zu fliessen, was die KGVs dann ganz schnell wieder in normale Regionen bringt.

Abweichend von dem was unerfahrene Anleger erwarten würden, gilt also:

-> Der beste Zeitpunkt einen Zykliker zu verkaufen ist dann, wenn die Aktie optisch billig aussieht und die Kurse aber schon fallen und sich gerade ein neuer Abwärtstrend etabliert.

Genau in diesem Moment kauft Otto Normalanleger aber, weil die vermeintlich billigen Kurse den "Buy-the-Dip" Reflex auslösen.

-> Der beste Zeitpunkt einen Zykliker zu kaufen ist dann, wenn die Aktie optisch teuer aussieht und die Kurse aber wieder steigen und sich gerade ein neuer Aufwärtstrend etabliert.

Genau in diesem Moment traut sich Otto Normalanleger aber nicht zu kaufen. Vielmehr ist der Kursanstieg bei so "hoher" Bewertung für ihn das Signal, nun endlich seine Verluste zu realisieren und endgültig auszusteigen, nachdem er den gesamten Absturz bis dahin brav ausgesessen hatte.

Das Fazit ist, dass das KGV für sich alleine kein Timing-Indikator ist. Punkt. Es kann zusammen mit anderen Informationen eine hilfreiche Information zur Entscheidungsfindung liefern, aber nur wenn man versteht was es ist:

Eine Ist-Aufnahme der Gewinn-Erwartungen des Marktes an eine Aktie und sonst gar nichts!

Ihr Hari

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Petrobras & Volkswagen: Non-Value

Der folgende Artikel erschien Montag 28.09.15 10:30 in Hari Live und adressiert das ganz grundsätzliche Problem eines fehl interpretierten Value-Gedankens, mit dem sich zu viele Anleger immer wieder "Anlage-Gurken" ins Depot holen und daran dann auch noch zu lange festhalten.

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Ich habe hier ja schon oft gegen einen naiven, völlig falsch verstandenen Value-Gedanken gewettert, der dummerweise gerade in Deutschland immer wieder den unbedarften Anlegern verkauft wird und dort - typischerweise auf der Suche nach "Sicherheit" - auf fruchtbaren Boden fällt.

Und das ist der Irrglaube, dass es reichen würde, auf vergangene Stärke und die damit verbundenen Parameter wie KBV und KGV nach dem Motto "je kleiner desto besser" zu schauen, um "Value-Aktien" zu identifizieren.

Ich muss hier die Argumentation warum das Unfug ist, nicht wiederholen, sie steht sehr ausführlich im Artikel
-> Gedanken zum langfristigen Vermögensaufbau und zum Zerrbild des Value-Investing <-.
Der Tenor lautet: Value-Investing funktioniert. Aber nicht so trivial und nicht so einfach für normale Anleger.

Es gibt aber aktuell einen geradezu wunderbaren Fall, um das Zerrbild zu demontieren und nein, das ist nicht Volkswagen, obwohl man das Thema auch da fest machen kann.

Es ist der brasilianische Öl- und Staats-Konzern Petrobras, der nicht nur mit dem niedrigen Ölpreis, sondern auch mit Korruption und zu grossem staatlichem Einfluss zu kämpfen hat. Und darüber wollte ich schreiben.

Dummerweise ist mir Ende letzter Woche dann Mark Dittli von der FuW im Artikel zuvor gekommen, so dass ich die Story dahinter nun nicht wiederholen muss.

Ich will aber trotzdem noch ein paar ähnliche Sätze aus der Sicht der Aktienanlage hinzu fügen. Denn einige von Ihnen werden sich sicher daran erinnern, wie Petrobras 2010 oder 2011 gesehen wurde:

Riesig, erfolgreich, gigantische Ölfelder neu entdeckt, Teil einer dynamisch wachsenden Volkswirtschaft, gering bewertet, hohe Dividenden usw usw. Genau das war ein klassischen Beispiel für das Zerrbild des Value-Investings.

Und hier haben wir nun die US notierten ADRs zu Petrobras. Tiefer geht immer, oder? Und das soll "Value" sein?

Petrobas 28.09.15

Was ist passiert? Sie lesen es zum Teil bei Markt Dittli, aber gewisse Parallelitäten zu Volkswagen sind für mich persönlich durchaus da, wo es ja auch eine Staatsbeteiligung über das Land Niedersachsen gibt:

Grössenwahn, Korporatismus, Gemauschel und Rücksichtsnahmen zwischen Regierungen und Unternehmen und bei Petrobras zusätzlich und als I-Tüpfelchen sogar noch Korruption.

Und dann bringt das Schicksal halt plötzlich eine unerwartete Änderung der Spielregeln, wie bei Petrobras der stark fallende Ölpreis oder bei VW nun das aktuelle Geschehen, vermengt mit der Gezeitenwende der Elektromobilität.

Und es macht *Autsch* und alle schlummernden Probleme treten offen und schmerzhaft zu Tage. Was ist also eher "Value" als eine Petrobras?

Es sind Unternehmen mit einem dauerhaft stabilen Geschäftsmodell, die wachsen, agil sind und bewiesen haben, dass sie sich verändernden Umgebungsbedingungen schnell anpassen können und nicht wie die Dinosaurier beim ersten Meteoriten-Einschlag zu Grunde gehen. Und die auch nicht nur von einem Faktor wie dem Ölpreis abhängen.

Und um die zu finden, muss man sich intensiv mit dem Geschäftsmodell beschäftigen und auch nicht nur mit der Bewertung der Vergangenheit, sondern mit dem, was die Zukunft wahrscheinlich zu bieten hat. Das ist für normale Anleger kompetent fast nicht zu leisten und stellt sehr hohe Anforderungen, die weit über das Ablesen von Vergangenheits-Indikatoren wie KBV hinaus gehen.

Wenn man dem aber mit geringem Aufwand ein wenig näher kommen will, dann sind das Unternehmen wie die vorgestellte -> Procter & Gamble <- und eben nicht eine Petrobras, bei der alles von einem Parameter - dem Ölpreis - abhängt. Und auch nicht Volkswagen, das kurz vor einer bedeutenden Umwälzung der Technologie, einfach zu gross und träge geworden ist und auch ohne den aktuelle Skandal schon zum Problemfall geworden ist, siehe auch meinen Artikel schon von Mitte Juli -> Problemfall Volkswagen <-.

Übrigens, wer sehen will, wie es bei Volkswagen weiter geht, findet hier auch in der FUW ein treffendes Muster: .

Wer also unbedingt VW mag und als Aktie nun unbedingt will, kann das mit Kursen unter 100€ vielleicht mit sehr langfristigem Ansatz tun. Vielleicht. Ich persönlich mache das nicht und bin daran völlig desinteressiert, aber ein langfristiges Investment mit Einstieg unter 100€ wäre vielleicht zu verantworten.

Nur schnelle Gewinne braucht man eher nicht zu erwarten, das Thema wird nun lange und schmerzhaft Folgeschäden generieren. Und wenn das so ist, warum will man dann überhaupt VW nun näher treten? Ich will und werde es auf jeden Fall *nicht*, ausser als taktischer Trade.

Denken wir einfach an Petrobras und wie wenig Grösse und Vergangenheitszahlen bedeuten, wenn ein Gezeitenwechsel in der Welt ansteht! Und wer davon auch noch nicht überzeugt ist, kann ja mal an E.ON und RWE denken.

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Mit dem Wind im Rücken zum Markterfolg segeln

Der folgende Beitrag erschien schon vor ca. 5 Monaten am Donnerstag 12.03.15 14:20 in Hari Live und wurde für den freien Bereich nun noch gering angepasst, weil einige Referenzen im Originalartikel nicht frei verfügbar sind.

Da fragen Sie sich sicher, wie kann ein 5 Monate alter Beitrag noch interessant sein?

Die Antwort ist, weil er sehr grundsätzlicher Natur ist und die Entwicklung der letzten Monate sehr präzise gezeigt hat, wie zutreffend er doch ist.

Und er passt gut zu anderen Beiträgen der letzten Monate im freien Bereich, wie -> Kohle - tiefer geht immer und erst bei Null ist Schluss! <-

Hier geht es los:

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Ich habe schon mehrfach über eine -> Sektorenstrategie für normale Anleger <- geschrieben.

Und in Hari Live habe ich unter dem Titel "Das langfristige Megatrend-Depot für den kleinen Geldbeutel" auch darüber geschrieben, warum es für kleine Depots Sinn machen könnte, seine Investments auf die grossen Megatrends zu konzentrieren.

In dem Artikel hatte ich darauf hingewiesen, dass:

  • Zykliker zwar wild hin- und her schwingen, langfristig aber nicht vom Fleck kommen.
  • Rohstoffe oder Gold, in ihren Bewertungen zwar wild schwanken können, aber kein echtes Wachstum durch Innovation in sich tragen.
  • Reine "Cash-Kühe" ohne Wachstum, zwar jede Menge Cash per Dividende ausschütten, am Ende aber langfristig nicht vom Fleck kommen.
  • Niedrige KBVs und KGVs und hohe Ausschüttungen, keine langfristige Sicherheit verschaffen.
  • Sehr langfristig über Jahrzehnte genau die Firmen am "sichersten" sind, die sich neben starken, eigenen Produkten, in einem stark wachsenden Marktumfeld bewegen, denen neue Kunden also sozusagen von alleine zufliegen, weil der sie umgebende Markt einfach wächst

Ich halte diese Aussagen immer noch für grundlegend richtig und wichtig.

Heute will ich mal daran anknüpfen und erklären, warum die Sektorenwahl bei der Frage, welche Aktie in ein Investmentdepot gehört, für mich das erste wichtige Nadelöhr ist, durch das ein potentielles Investment durch muss.

Denn wenn man ein langfristiges Investment tätigt, macht es jede Menge Sinn, das aus einem Sektor zu wählen, der langfristig wächst. Ein Sektor, bei dem der zu verteilende Kuchen also immer grösser wird.

Erfahrene Segler wissen zu Genüge, wie viel einfacher es ist, mit dem Wind im Rücken zu segeln, als gegen den Wind anzukreuzen. Letzteres geht zwar auch, erfordert aber weit höheren Aufwand, um voran zu kommen.

Und was beim Segeln der Wind ist, ist bei der Geldanlage der fundamentale Trend, der für steigende Umsätze und Gewinne sorgt. Unternehmen, die in so einem Markt sind, haben es leicht, den Aktionären Freude zu machen. Warum also, sollten wir bei der Geldanlage freiwillig auf diesen Vorteil verzichten?

Ich bin sowieso ein Fan des "Growth"-Gedankens. Denn Bewertungen, die sich aus der Vergangenheit herleiten, sind genau das: Vergangenheit. Viel wichtiger damit unsere Investmentdepots ergrünen ist aber, dass das Geschäftsmodell in der Zukunft Wachstum zulässt. Denn Wachstum wird langfristig in steigende Kursnotierungen umgesetzt. Und wenn die Grösse des zu verteilenden Kuchens wächst, fällt es Unternehmen leicht, daran Teil zu haben.

Neben der Grösse des zu verteilenden Kuchens, sind dabei aber die Eintrittshürden ebenso wichtig. Denn wenn ein Markt wächst, wollen andere auch daran Teil haben. Je schwerer das ist, je mehr Anlaufinvestitionen das erfordert, desto leichter tun sich die an der Börse notierten Platzhirsche, ihre Margen zu verteidigen.

Der ideale Sektor für ein Investment wäre also einer, der absehbar in den kommenden Jahren wächst und bei dem der Neueintritt neuer Mitbewerber aber aufgrund hoher Eintrittsbarrieren fast ausgeschlossen ist.

Nach dieser Vorrede, will ich daher eine Diskussion mit Ihnen beginnen, welche Sektoren im Sinne eines mehrjährigen Investments zu bevorzugen sind und welche nicht. Treue Leser werden über die Liste nicht überrascht sein, denn natürlich finden sich diese Präferenzen auch in den Einzelaktien wieder, die ich immer wieder mit Ihnen bespreche.

Damit konkret zu den Sektoren. Vorab sei noch gesagt, dass natürlich keine Regel ohne Ausnahme existiert. Auch in starken Sektoren, gibt es schwache Aktien, von denen man die Finger lassen sollte. Und in kritischen Sektoren, gibt es trotzdem starke Aktien, vielleicht gerade weil diese den Sektor so aufmischen, wie eine Tesla Motors die Autoindustrie.

Zunächst einmal die Sektoren, die ich bevorzuge, weil hier nach meiner Erwartung langfristiges Wachstum zu finden ist:

Clean Energy & Clean Tech

Ich denke das "warum", muss ich hier nicht mehr aufführen. Solange nicht als "schwarzer Schwan" eine ganz neue Technologie wie die "kalte Fusion" auftaucht, die alles auf den Kopf stellt, habe ich am langfristigen Erfolg und Wachstum des Sektors keinerlei Zweifel. Kurzfristige Verwirrrungen wie aktuell durch den Einbruch in China, ändern nichts am grossen Bild.

Aerospace & Defense

Natürlich inklusive Raumfahrt. Langfristig ein klarer Wachstumssektur und auch unsere Art uns und unsere Waren zu transportieren, wird bestimmt "dreidimensional" werden, sobald die autonomen Systeme so weit sind, dass "Fahr-Flug-Zeuge" alleine wie an einer Schnur gezogen fliegen können. Coruscant lässt sozusagen grüssen. 😉

Aber das dauert noch ein paar Jahrzehnte. Real ist aber nun die durch die multipolare Welt geförderte Rückkehr der strategischen Konflikte. Russland, China, Japan - überall wird massiv aufgerüstet und die Friedensdividende nach dem Fall des eisernen Vorhangs wieder abgebaut. Der Westen und insbesondere Europa wird nachziehen, das betrachte ich auf Jahre als nahezu sicher. Und die Eintrittsbarrieren im Sektor sind immens hoch. Wachsende Umsätze werden also mit hoher Wahrscheinlichkeit unter den Unternehmen verteilt, die heute schon bekannt sind.

Biotech & Life Sciences

Auch das muss ich wohl nicht weiter begründen, für mich immer noch *der* langfristige Boomsektor des neuen Jahrhunderts.

Agro Tech

Die Betonung liegt dabei auf "Tech", denn die eher profanen Düngemittel verstehe ich nicht darunter. Die fallen eher unter Rohstoffe und sind zyklischer Natur.

Aber alles was durch Innovation dabei hilft, die wachsende Weltbevölkerung trotz schlechter werdender Böden zu ernähren, vom robotergeführten Traktor bis zur intelligenten Bewässerung, wird seinen Weg machen und hat absehbar steigende Geschäftsvolumina vor sich.

Robotics

Eigentlich kein richtiger Sektor und nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Denn Robotics ist eigentlich eine Basistechnologie, die sich an ganz unterschiedlichen Stellen auswirken kann. Zum Beispiel in der Medizin bei Intutive Surgical. Oder in der Agrarwirtschaft durch autonome Erntemaschinen. Oder im Rüstungsbereich bei Drohnen. Oder in der Autoindustrie beim autonomen Fahren. Oder bei der Produktion wie bei Kuka. Oder. Oder.

Die verschiedenen Ausprägungen dieser Basistechnologie, stehen aber vor massivem Wachstum, auch davon ist auszugehen.

Software

Wie Robotics ist auch "Software" eine Basistechnologie und man kann nicht pauschal sagen, dass ein Investment in Software per se aussichtsreich sei. Es ist aber an ganz vielen Stellen Software, die den Unterschied macht. Überlegen Sie sich alleine mal, wie die zunehmenden Fähigkeiten von Spracherkennung (Siri und Co.) ganze Industrien umkrempeln werden - "Tea - Earl Grey - Hot!";). Oder denken Sie an das Thema Cyber-Security, auch das ist offensichtlich ein Wachstumsthema.

....

So weit als Beispiele ein paar Sektoren, die ich mag und aus denen ich gerne Aktien für mein Investmentdepot wähle. Es gibt noch andere und keiner der obigen Sektoren sollte sie überraschen. Aber allen diesen Sektoren ist gemein, dass der Wind des Wachstums in den Rücken des Investments bläst. Und es macht jede Menge Sinn, auf diesen Rückenwind zu setzen.

Nun noch kurz und beispielsweise ein paar Sektoren, um die ich in der Regel bei Investments einen Bogen mache und warum.

Versorger

Versorger braucht man immer? Habe ich auch mal gedacht und ist wahrscheinlich falsch. Die Technologie macht zentrale Versorger zwar nicht völlig unnötig, drängt sie aber in den Hintergrund und nimmt damit die Wachstumspotentiale. Dezentraler Energie gehört nach meiner Überzeugung die Zukunft.

Und die etablierten Versorger haben für mich schlicht kein Geschäftsmodell mehr und keine wirklich überzeugende Idee, wie ein neues entstehen soll. Warum da "gegen den Wind" segeln?

Autoindustrie

Von den Paradigmenbrechern wie Tesla abgesehen, ist die Autoindustrie derzeit in einem gesättigten Markt unterwegs. Etwas flapsig gesagt, passen mehr Autos nicht mehr auf diesen Planeten - ausser man geht in die dritte Dimension, siehe oben.

Und die Industrie steht vor einer Zeitenwende voller Risiken und neuer Mitbewerber ala Google und Apple. Sicher, vielleicht setzen sich von den derzeit etablierten Autobauern ein paar durch und starten in das neue Zeitalter der Mobilität. Aber das ist völlig unklar.

Warum also sollte man sich als Investment diese Risiken antun? Hier scheinen mir die Risiken kurzfristig höher als die Chancen.

Öl und Gas

Das Öl- und Gaszeitalter geht zu Ende. Und neue Quellen zu finden, wird immer teurer. Paradoxerweise könnten gerade die aktuell niedrigen Ölpreise diese Entwicklung noch befördern. Denn in dem neue Investitionen unterbleiben, könnte der nächste Preissschub um so stärker ausfallen und den Wechsel von Öl und Gas auf andere Energieformen (siehe oben) befeuern.

Banken

Brauchen wir (traditionelle) Banken in einer modernen Welt überhaupt noch? Als Transmissionsriemen für Kredite funktionieren sie ja schon jetzt nicht mehr richtig. Und um Zahlungen abzuwickeln, braucht man sie bald auch nicht mehr, Paypal und Co. lässt grüssen.

Dann sind die Banken noch völlig undurchsichtig, weil selbst Branchenexperten vor deren Bilanzen kapitulieren. Und Wachstum soll woher kommen? Hallo, ist da jemand?

Wie können solche Aktien also Grundlage eines langfristigen, mehrjährigen Investments sein?

So..... so weit ein paar Beispiele. Nichts davon dürfte Sie überraschen, ich wollte es nur einmal im Zusammenhang darstellen.

Und selbstverständlich habe ich nicht die Weisheit gefressen und wenn es um die Einschätzung der Zukunft geht, kann ich auch nur Vermutungen anstellen, ohne diese zu kennen.

Der wesentliche Punkt den ich hier machen will ist, dass bei einem langfristigen Investment die Sektoren vorzuziehen sind, bei denen der zu verteilende Kuchen absehbar grösser wird - uns also der Wind in den Rücken bläst und uns ganz ohne Anstrengung antreibt.

Es macht in meinen Augen weit mehr Sinn, sich bei Investments über diese Potentiale der Zukunft Gedanken zu machen, als sich in den Zahlen der Vergangenheit zu vergraben.

Und wenn Sie mal genau hinschauen, werden Sie bemerken, dass sich die hohen Dividenden gerade in den Sektoren sammeln, denen das Wachstum fehlt. Das ist auch kein Wunder und habe ich in dem lesenswerten Artikel -> Dididenden - überschätzt, overhyped, missverstanden und trotzdem wichtig <- dargestellt.

Für mein langfristiges Anlageverhalten gilt daher der vielleicht überraschende Satz "Wachstum schafft Sicherheit!". Ich persönlich bin damit über Jahre sehr gut gefahren.

Ihr Hari

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Was Fortinet und 3D Systems gemein haben

Der folgende Artikel erschien in erweiterter Form am Donnerstag 23.07.15 16:40 in Hari Live und führte die Thematik der "Erwartungen" fort, die ich zuletzt im Artikel -> Apple der Markt und die Erwartungen <- adressiert habe.

Heute habe ich ja den Tag der Erwartungen. Und Erwartungen sind ja nichts Objektives, sondern sind auch von Stimmungen und vor allem von Modetrends abhängig.

Gerade wenn Themen "Mode" werden, neigt Mr. Market auch mal dazu zu übertreiben, der Hype um die 3D Drucker war so ein klassisches Beispiel. Das Chart dazu liefert 3D Systems, zu dem man wohl nicht mehr viele Worte machen muss:

DDD 23.07.15

Dass die 3D Drucker Aktien Ende 2013 in einer Übertreibungsphase waren, war anzunehmen und haben wir hier auf surveybuilder.info auch so gesehen. Nur der genaue Zeitpunkt, zu dem so ein parabolischer Anstieg dann dreht, ist im Vorfeld nicht exakt zu antizipieren.

Und insofern kann man so Bewegungen mit Momentum, wenn sie sich noch in der starken Trendphase befinden, wie bei DDD 2012 und bis Mitte 2013, einfach mitgehen. "The trend is our friend".

Sobald die Kurse aber nur noch senkrecht steigen und aus einem stabilen Trend sogar nach oben ausbrechen, während das Thema gleichzeitig extrem in Mode ist, muss man vorsichtig werden.

Dann muss man irgend wann auf die Seite treten, wohl wissend, dass es vielleicht noch weiter hoch geht, weil Übertreibungen durchaus länger andauern, als wir uns vorstellen können. Weitere "entgangene" Gewinne sollten einen dann aber nicht mehr stören und man richtet seinen nach Chancen suchenden Blick auf andere Opportunitäten.

Klar ist aber auch, dass wenn so ein parabolischer Anstieg mal bricht, es ebenso brutal nach unten geht. Das Chart von DDD sagt dazu alles und im Moment muss man sich eher fragen, ob der Sektor "3D Druck" hier jetzt nicht unter Wert behandelt wird, denn das Thema ist ja immer noch ein Wichtiges für die zukünftigen Produktionsprozesse.

Aber auf Euphorie kommt halt der schwere Kater. Das ist nicht nur bei Alkohol und sonstigen Drogen so, sondern auch am Markt.

Womit wir zum Thema "Cyber Security" und im speziellen zu Fortinet (A0YEFE, FTNT) kommen.

Ohne jede Frage, ist das Thema "Cyber Security" ein riesiges Zukunftsthema. Und ohne Frage ist es aufgrund aktueller Geschehnisse nun besonders "en vogue" und das heisse Geld mäandriert in jede Aktie aus dem Sektor, die nicht schnell auf dem Baum ist.

Mein Problem mit dem Thema ist, dass ich bei vielen der Softwareanbieter nicht so sicher bin, was den langfristigen Wettbewerbsvorteil (Edge) gegenüber den Mitbewerbern angeht. Die Marktstellung ist für mich also das Fragezeichen.

Denn was in Wirklichkeit hinter schönen technologischen Begriffen verkauft wird, ist eigentlich primär *Vertrauen*. Ob in jedem Fall hinter der Software die super-intelligenten Konzepte sind, kann man von aussen sowieso nicht überprüfen und aus nahe liegenden Gründen bleibt Code im Bereich Cyber Security geheim.

Und Vertrauen ist eben ein scheues Reh und wenn es nur durch eine Kleinigkeit geschädigt wird, werden so Firmen brutal einbrechen. Bis dahin, können sie aber noch massiv steigen, der Sektor scheint in meinen Augen gerade den Übergang vom Trend zur parabolischen Phase zu vollziehen.

Schön kann man das an Fortinet sehen, die nach Zahlen heute erneut über 10% steigen und aus dem Trend nach oben auszubrechen "drohen".

FTNT 23.07.15

Wir sehen, dass ein KGV von 384 keineswegs ein Hindernis für grosse Gewinne sein muss. Da ist ein KGV von 6 eher das Hindernis, aber das Thema hatten wir ja ausführlich im Rahmen unseres Teamprojektes "Sicherheit durch Wachstum". 😉

Mir hat der Sektor auch lange gefallen, der nun auch im US ETF "HACK" abgebildet ist und ich hatte ja auch Cyberark Software (CYBR) hier bei surveybuilder.info eingeführt. Aber manchmal muss man wissen, wann es gut ist und bei Fortinet frage ich mich, ob der Zeitpunkt nicht nahe ist.

Denn wenn wir den selben Massstab wie oben bei DDD wählen, sehen wir Strukturen mit einer gewissen Ähnlichkeit. Es scheint wirklich so zu sein, als ob nun die parabolische Phase bei Fortinet eingesetzt hat.

FTNT 23.07.15 2

Eine Phase, die bei DDD ungefähr bei 50 USD einsetzte und bis 100 USD zu einer nochmaligen Verdoppelung führte. Bei Fortinet wären wir dann vergleichbar auch knapp unter 100 USD. 😉

Wo diese Phase endet, kann ich Ihnen also nicht sagen, vielleicht noch viel höher. Ich hatte schon im Januar das Video von Chuck Yeager beim Höhenrekordversuch in Hari Live, das zeigt, was bei parabolischen Flugbahnen passiert. Man nennt das "Stall", zu deutsch .

Für mich hat der Cyber-Security Sektor nun die Phase der Begeisterung erreicht, an der ich gerne einen Schritt zurück mache. Auch woanders gibt es schöne Gewinne in dafür stabilen Trends, bei denen man nicht Nachts in Schweiss gebadet aufwachen muss. Parabolische Flugbahnen voller Hype sind nicht so mein Ding und ich steige gerne ohne Reue vor dem Strömungsabriss (Stall) aus. Das ist mir mein ruhiger Schlaf wert. 😉

Wer es aber mag, bleibt bei Fortinet drin und zieht aber zwingend einen Trailing-Stop mit. Und wenn das Ding mal irgend wann - vielleicht viel höher - zu fallen anfängt, dann denke man bitte an DDD und jeder weiss dann hoffentlich, was zu tun ist!

Ihr Hari

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Der DAX und das ….Rrrisiko!

Ein Gastkommentar von Tokay

Heute mal ein staubtrockener Beitrag angesichts der dramatischen Entwicklungen im Weltgeschehen, die einen kaum noch Zeit zum Luftholen lassen. Es geht um die Frage, ob der DAX mittlerweile schon zu teuer geworden ist, oder ob er angemessen, wenn nicht sogar günstig bewertet ist. Ausgangspunkt solcher Überlegungen ist oftmals das KGV. Ein geringes KGV sei etwas positives und damit eine Riesenchance zum Einstieg, während ein hohes KGV ganz klar „Finger weg!“ anzeigen würde, wird in der Finanzpresse gerne kolportiert.

Dabei wurde an dieser Stelle schon einmal die Meinung vertreten, dass das KGV für sich genommen nur sehr wenig aussagt. Das liegt daran, dass der Kurs d.h. der Marktpreis von sehr vielen intelligenten Leuten analysiert wird und damit die Markterwartungen dieser Leute bereits enthält. Anders formuliert, ein tiefes DAX-KGV etwa bringt zum Ausdruck, dass die Marktteilnehmer von den DAX-Unternehmen nicht viel erwarten. Ein hohes DAX-KGV lässt hingegen darauf schliessen, dass die Wachstumsperspektiven der DAX-Unternehmen als ausgesprochen rosig eingeschätzt werden.

Wovon das DAX-KGV beeinflusst wird, wissen wir. Es sind
• die Gewinnerwartungen;
• die Zinsen;
• die Risikoeinschätzungen;

Dies kommt in folgender Gleichung, die sich durch Umformung aus dem sogenannten Dividendendiskontierungsmodell ergibt, zum Ausdruck:

P/E = D/E / (r-g)

Es lohnt sich, diese Gleichung näher zu untersuchen. D/E ist die Ausschüttungsquote der DAX-Unternehmen. Es ist nicht unplausibel, davon auszugehen, dass die Unternehmenschefs konstante Gewinnanteile ausschütten werden, um die Aktionäre bei der Stange zu halten. Also kann man D/E längerfristig als konstant annehmen.

Bei den Zinsen kommen zwei Fragestellungen ins Blickfeld. Erstens, was könnte man alternativ zum DAX erzielen, etwa in längerfristigen Bundesanleihen ? Die wären vergleichsweise risikolos im Verhältnis zu den enormen Kuchwankungen, die am Aktienmarkt doch immer wieder durchlebt werden müssen. Zweitens, wie gross müsste die Zusatzprämie ausfallen, um einen für das Risiko am Aktienmarkt zu entschädigen?

Nun, die Zinsen für Bundesanleihen sind beobachtbar, man kann sie jeden Tag im Wirtschaftsteil der Tageszeitung nachlesen. Für die Risikoprämie gilt das nicht. Aber man kann sie sich ungefähr herleiten:

1. Da die Ausschüttungsquote D/E identisch ist mit der Dividendenrendite D/P mal dem KGV bzw. mit P/E, ergibt sich bei D/P = 2,8 % und P/E = 13,3 %, das sind die Werte aus dem DAX, ein Wert von D/E = 37,2 %.
2. der Zins r ergibt sich als risikoloser Zins längerfristiger Anleihen r0 der Risikoprämie rp, d.h. r = r0 + rp.
3. Die Gewinnerwartungen g ergeben sich als reale Gewinnerwartungen zuzüglich der (längerfristigen) Preissteigerungsrate, d.h. g = g(real) + p

Diese Ausdrücke setzt man ein in die oben präsentierte Formel und löst nach der Risikoprämie rp auf, also:

rp = D/E / P/E + g(real) + p – r0

Jetzt muss man diesen Ausdruck „nur noch“ mit „richtigen“ Zahlen füllen. Die Ausschüttungsquote D/E haben wir ja bereits berechnet, P/E kennen wir ebenfalls. Wir erkennen hier übrigens, dass sich die Risikoprämie zum KGV invers verhält; eine hohe/tiefe Risikopräme ist immer mit einem tiefen/hohen KGV verbunden.

Das reale Gewinnwachstum g(real) kennen wir nicht. Hier müssen wir Annahmen treffen. Eine sinnvolle Annahme ist zum Beispiel das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in den letzten 10 bis 15 Jahren. Nach dieser Logik könnte man etwa ein Wachstum von ca. 1,5 Prozent jährlich zugrundelegen.

Bei der Preissteigerungsrate müssen wir ebenfalls Annahmen treffen. Legt man das Expertenpanel der Bundesbank zu den Inflationserwartungen zugrunde, dann wären auch hier 1,5 Prozent Preissteigerung jährlich ein plausibler Wert.

Den risikolosen Zins kennenwir auch ungefähr; nehmen wir den Zins der zehnjährigen Bundesanleihe, dann sind wir bei etwa 0,35 Prozent.

Also ergibt sich die Risikoprämie rp als

rp = 37,2 % / 13,3 + 1,5 % + 1,5 % – 0,35 % = 5,55 %.

Ist das nun viel oder wenig ? Angenommen, wir würden die Meinung vertreten, der DAX sei überbewertet, dann würde eine solche Überbewertung mit einem hohen KGV einhergehen, sagen wir bei etwa 30, was in Deutschland zuletzt im Jahr 2000 der Fall war. Befänden wir uns in der Hochkonjunktur, dann lägen Wachstumsaussichten, Preise und Zinsen entsprechend höher. Die Alternativrechnung sähe dann zum Beispiel so aus:

rp = 37,2 % / 30 + 2,5 % + 2 % - 6 % = - 0,26 %

Das hieße, in einer echten Überhitzung wären die allgemeinen Perspektiven so glänzend, daß die Anleger bereit wären, auf eine Risikoprämie gänzlich zu verzichten und gegebenenfalls sogar noch einen Abschlag hinzunehmen.

Ist der DAX aber andererseits noch unterbewertet ? Dann hätten wir ein tiefes KGV. Preise und Zinsen lägen sehr tief, was ja derzeit tatsächlich der Fall ist, also z.B.

rp = 37,2 % / 7,5 + 1,5 %+ 1,5 % - 0 % = 7,96 %

In so einem Fall wäre jemand nur dann zu einem Einstieg in den Aktienmarkt bereit, wenn das Risiko eines geringeren Ertrags durch bereits deutlich tiefere Kurse abgegolten würde.

Insgesamt haben wir also mit großer Wahrscheinlichkeit trotz bereits deutlich gestiegener Kurse immer noch keine Überbewertung. Sondern der Anstieg ist so zu erklären, dass in dieser Zeit ein gewisser Prozentsatz an Risikoprämie abgebaut wurde, was ganz wesentlich durch die Politik der EZB bewirkt wurde, aber auch durch ein stabileres Umfeld in der Weltwirtschaft erzielt werden konnte - dies kommt auch und gerade dem deutschen Export zugute, nicht zuletzt den vielzitierten „hidden champions“. Der stark gesunkene Ölpreis und der tiefe Eurokurs wirken zusätzlich wie ein Konjunkturprogramm. So gesehen ist es eher erstaunlich, dass deutsche Aktien nicht noch höher notieren.

Und nun der „erhobene Zeigefinger“: Auch wenn es schön ist, dass die Bewertungen noch nicht überzogen sind, so bedeutet das noch nicht automatisch, dass sie in der Zukunft steigen werden. Risikopotentiale wie Griechenland, Ukraine oder Naher Osten gibt es genügend, die den Investoren die Lust am Aktienkauf verleiden könnten. Sind die Perspektiven schlecht, dann bleiben auch die Bewertungen schlecht. Siehe Italien, siehe Österreich, siehe Russland – diese Märkte sind schon seit Jahren tief bewertet. Anders die USA – der amerikanische Markt ist schon seit Jahren hoch bewertet, aber er hat vorerst noch weiter gute Perspektiven.

Außerdem: Einige Größen sind Erwartungsgrößen und können sich ändern – sollte sich etwa in naher Zukunft das Elektroauto flächendeckend durchsetzen, dann dürfte der Ölpreis noch weiter in den Keller purzeln. Die Notenbanken wären dann in der angenehmen Lage, auch bei florierender Konjunktur weiter fleißig Geld drucken zu können und die Zinsen tief zu halten – so wie sie das jetzt bereits tun. Sollten sich allerdings etwa die Saudis eines schlechteren besinnen, dürfte das ganze leider in die Gegenrichtung funktionieren.

Tokay

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Warum billige Zykliker teuer sind – und umgekehrt: Reloaded

Man arbeitet und arbeitet und arbeitet. Und irgendwann wird man sich durch einen kleinen Anlass bewusst, wie viel Zeit vergangen ist und wie viel älter man geworden ist.

So einen Anlass hatte ich heute und habe mit Erstaunen festgestellt, dass dieser Blog nun schon seit über drei Jahren existiert und der wachsende Premium-Bereich nun schon seit fast 2 Jahren.

Seit über drei Jahren schreibe ich hier also täglich und im Premium-Bereich jeden Börsentag 5-15 verschiedene Artikel. Manche über Aktuelles, manche über Grundsätzliches und manche über Strategisches.

In so einer Zeit sammeln sich auch viele grundsätzliche Artikel an, die von neuen Mitgliedern nie gelesen werden, weil sie "vor ihrer Zeit" veröffentlicht wurden. Das ist schade, denn darin stecken oft wichtige Informationen.

Über so einen Artikel bin ich gerade wieder gestolpert, er wurde hier am 12. April 2012 veröffentlicht, also vor fast 3 Jahren. Und er ist immer noch aktuell und wert, wahrgenommen zu werden.

Gehen Sie mal durch die Kategorie "Wissenswertes" durch, die Sie in den Spalten rechts unter dem Spenden-Button finden können. Da finden sich allerlei grundsätzliche Artikel, von denen auch heute noch viele interessant sein dürften!

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Gerne wird ja das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Anlegern benutzt, um einzuschätzen, ob eine Aktie "billig" oder "teuer" ist. Wie sehr dieses Kriterium aber bei Zyklikern in die Irre führt, will ich mit Ihnen heute besprechen.

Zyklische Aktien wie zum Beispiel Stahl, laufen ja in der Regel mit der Konjunktur in Wellen - auch Schweinezyklus genannt. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche. Eine anziehende Konjunktur sorgt für erhöhte Nachfrage. Das treibt bei bestehendem Angebot die Preise und die Gewinne der Unternehmen. Was wiederum zur Kapazitätsausweitung und Investitionen der Zykliker führt - siehe die neuen Stahlwerke von ThyssenKrupp. Diese Kapazitätsausweitungen werden solange vom Markt aufgesogen, solange die Nachfrage weiter steigt, was wiederum zu erneuten Kapazitätsausweitungen führt.

Irgendwann steigt die Nachfrage nicht mehr, die Kapazität steigt aber weiter, weil diese Investionen ja Jahre brauchen bis sie den Markt erreichen. So trifft dann am Höhepunkt der Konjunktur eine seitwärts laufende oder leicht fallende Nachfrage auf immer weiter steigende Kapazitäten, was zwangsläufig den Preis ins Bodenlose drückt. Der sinkende Preis sorgt für die Abschaltung oder Aufgabe von Kapazitäten, solange bis die Nachfrage nicht mehr fällt und eine wieder steigende Nachfrage auf immer noch fallende Kapazitäten trifft. Und so setzt sich eine neue Runde des Schweinezyklus in Bewegung.

Der Grund für diesen Effekt liegt also in der zeitlichen Disparität zwischen der Entwicklung der Nachfrage und der Entwicklung der kapitalintensiven Produktionskapazitäten.

Schauen wie uns nun einmal an, wie sich die Aktien der Zykliker und das KGV entwickeln. Und hier haben wir auch eine massive Disparität zwischen den Gewinnschätzungen und dem Kursverlauf, die von unerfahrenen Anlegern immer wieder falsch interpretiert wird. Denn die Gewinnschätzungen laufen der Wirklichkeit um Monate nach. Die Kursentwicklung läuft aber der Konjunkturentwicklung vor, weil der Aktienmarkt ein ausgezeichneter konjunktureller Frühindikator ist.

Am Höhepunkt des Booms werden die Gewinne der Zykliker in die Folgejahre fortgeschrieben, was auf dem Papier zu sehr geringen KGVs führt. Auf dem Höhepunkt sehen die Aktien also "billig" aus. Und wenn dann der Frühindikator "Mr. Market" schon zu fallen beginnt, werden die Kurse optisch nur noch billiger, was viele veranlasst, dann 20% unter dem Zyklushoch die Aktien für "sehr billig" zu halten. Sie sehen aber nur so aus, weil die Gewinne des Aufschwungs einfach fortgeschrieben wurden. In Wirklichkeit hat der Absturz gerade erst begonnen.

Umgedreht ist es am Tiefpunkt. Der Tiefpunkt ist typischerweise dadurch gekennzeichnet, dass die Firmen kein Geld mehr verdienen, weil der Marktpreis ins Bodenlose gefallen ist. Genau dann werden die Entscheidungen getroffen Kapazität abzubauen und aus dem Markt zu nehmen. Und genau dann sehen die KGVs extrem hoch aus, da sind 50 oder 60 durchaus möglich - was kein Wunder ist, wenn die Firmen kaum mehr Geld verdienen. Genau dann stabilisiert sich aber der Marktpreis und die Gewinne beginnen wieder zu fliessen, was die KGVs dann ganz schnell wieder in normale Regionen bringt.

Abweichend von dem was unerfahrene Anleger erwarten würden, gilt also vom Grundsatz her:

-> Der bessere Zeitpunkt einen Zykliker zu verkaufen ist dann, wenn die Aktie optisch billig aussieht und die Kurse aber schon fallen und sich gerade ein neuer Abwärtstrend etabliert.

Genau in diesem Moment kauft Otto Normalanleger aber, weil die vermeintlich billigen Kurse den "Buy-the-Dip" Reflex auslösen.

-> Der bessere Zeitpunkt einen Zykliker zu kaufen ist dann, wenn die Aktie optisch teuer aussieht und die Kurse aber wieder steigen und sich gerade ein neuer Aufwärtstrend etabliert.

Genau in diesem Moment traut sich Otto Normalanleger aber nicht zu kaufen. Vielmehr ist der Kursanstieg bei so "hoher" Bewertung für ihn das Signal, nun endlich seine Verluste zu realisieren und endgültig auszusteigen, nachdem er den gesamten Absturz bis dahin brav ausgesessen hatte.

Nun ist dieser Mechanismus nicht der einzige Faktor der wirkt und kann von anderen Faktoren überlagert. Insbesondere wenn, wie in den letzten Jahren, die Notenbanken massiv in die natürlichen Zyklen eingreifen, werden diese gedehnt und verzerrt und laufen nicht mehr nach Lehrbuch ab. Trotzdem ist es wichtig, diesen grundsätzlichen Ablauf zu verstehen, um nicht die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen.

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Sandisk und der Zyklus der Chipindustrie

Der folgende Beitrag erschien schon Dienstag 25.11.14 17:30 in Hari Live

Zunächst einmal zur Klarstellung, ich spreche hier nicht über die kurz- oder mittelfristige Sicht auf die Sandisk-Aktie. Auf dieser Zeitebene könnte Sandisk sogar erneut nach oben ausbrechen.

Ich spreche hier über das ganz grosse Bild, das bis in die 90er Jahre zurück geht. Denn am Beispiel der Chipindustrie, deren Marktführer im Bereich Speicherchips Sandisk ist, kann man gut darstellen, wie weit dieser Markt schon gelaufen ist und wie gedehnt er ist. Und warum auf der langfristigen Ebene eine gewisse Vorsicht hier nicht schaden kann.

Denn die Speicherchip-Industrie ist extrem zyklisch. Wirklich *extrem* zyklisch. Wir können das schön am langfristigen Monatschart sehen:

SD 25.11.14

Wir notieren Tiefststände von Sandisk bei 4 oder 5 USD und nun Höchststände über 100 USD. Und dazwischen (blauer Kasten) eine grosse Konsolidierung, die typischerweise die Mitte einer Bewegung ausmacht und daher eher darauf hinweist, dass die aktuelle Bewegung ihr Potential langsam ausreizt.

Nun könnte man ja meinen, dass hier sensationelle Innovationen stattgefunden haben, die einen Anstieg der Sandisk Aktie von rund 2000% seit Ende 2008 rechtfertigen.

Dem ist aber nicht so. Sandisk war auch vor 10 Jahren der Marktführer bei Speicherchips und Storage Lösungen und letztlich basieren die heutigen Produkte auf den gleichen Basis-Innovationen wie vor 10 Jahren. Sicher, jedes Jahr werden Chips im Sinne des "Mooreschen Laws" leistungsfähiger. Und der Trend zu "Big Data" hilft einer Sandisk natürlich immens.

Aber trotzdem reden wir hier über eine evolutionäre Entwicklung, die alleine 2000% Kursanstieg nicht erklären kann. Um das mal in die richtige Perspektive zu bringen, der Jahresumsatz von Sandisk hat sich seit 2009 grob verdoppelt. Die Bewertung grob verzwanzigfacht!

Den Unterschied macht dabei der extreme Gewinnhebel, den so zyklische Unternehmen haben. Und deshalb sind nun auch Parameter wie KGV oder selbst KBV mit äusserster Vorsicht zu geniessen und geben eher falsche Signale.

Im Gegenteil, Zykliker sehen am Hochpunkt immer "sehr günstig" aus. Diesen wichtigen Sachverhalt, habe ich in einem älteren Artikel erklärt, den ich Ihrer Aufmerksamkeit auch heute empfehle: -> Warum billige Zykliker teuer sind und umgekehrt <-

Fazit: Bei aller Begeisterung für ein gut laufendes Geschäft, die Chipindustrie und insbesondere Sandisk befindet sich im langfristigen Bild eher am oberen Ende einer zyklischen Margen-Expansion, als am unteren Ende. Die Luft wird dünn.

Das heisst nicht, dass da bei Sandisk nicht noch 10 oder 20% auf der mittelfristigen Zeitebene drin sind. Erfahrene Anleger behalten hier aber die langfristigen Charts genau im Auge. Denn diese - und *nicht* die fundamentalen Parameter - werden uns zeigen, wann bei Sandisk "Ende Gelände" ist und der unvermeidliche Schweinezyklus solche Aktien wieder in Tiefen zerrt, die wir uns heute kaum vorstellen können.

Das nur zur Warnung und Einordnung. Für die Kurse zum Jahresende, sind solche Überlegungen eher ohne Belang. Darüber hinaus in 2015 und 2016 hinein dann aber doch.

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Vom Irrsinn des IFRS und einem zweifelhaften Buchwert – Reloaded

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug erklären. Und da ich diese Woche noch Urlaub mache, schiebe ich heute einen Artikel wieder in den Vordergrund, der hier schon am 24.10.2012 - also vor fast 2 Jahren - veröffentlicht wurde.

Diese Erklärung ist aber nach wie vor topaktuell und erst heute habe ich wieder einen interessanten Artikel gesehen, der die Problematik der Buchwerte nach "Fair Value" erneut in Erinnerung ruft, dieses mal für die grossen Energiekonzerne mit ihren Reserven und deren Bewertung in den Bilanzen:

Ein erneutes, schönes Beispiel, warum das Prinzip des "Fair Value" in der Praxis Augenwischerei ist und nur dazu führt, dass das Management zu grosse Gestaltungsfreiheiten hat und die Aussagekraft der Bilanzen verschmiert wird. Genau das, was der Artikel unten im Detail erklärt. Denn da es in der Gegenwart keine objektiven Fakten gibt, ob und wie die Reserven der oben im Artikel beschriebenen Energie-Konzerne in Zukunft überhaupt genutzt werden können, obliegen diese Bilanzposten mehr oder weniger der Gestaltung des Managements.

Viele der neuen Leser, die in den letzten zwei Jahren zu surveybuilder.info dazu gestossen sind, werden den Artikel vom Herbst 2012 nicht kennen. Das sollten Sie aber, daher hier der "Irrsinn des IFRS" reloaded. Viel Spass, Ihr urlaubender Hari.

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Heute möchte ich mit Ihnen mal wieder ein grundsätzliches Thema besprechen. Und zwar in Form eines persönlichen und höchst subjektiven Kommentars zum Thema IFRS.

Ausgelöst durch einen der zahllosen Artikel, in denen dem privaten Anleger mal wieder das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) als einfaches Mittel angedient wurde um "Value-Aktien" nach Graham und Buffet zu finden, habe ich mich dazu despektierlich geäussert und den Versuch so ein Thema auf das KBV zu reduzieren als "Plattheit" gebranntmarkt.

In diesem Artikel möchte ich genauer erläutern was ich damit meine. Und warum Sie sich nach meiner Erfahrung keinen Gefallen damit tun, Ihre Anlageentscheidungen alleine nach solchen trivialen Kennziffern zu treffen. Wenn mir die Welt so stark vereinfacht dargeboten wird, ist für mich eher sofort die Frage, "warum" man mir das so darlegt und welche Interessen die Beteiligten haben könnten.

Noch vor 15 Jahren, war die Welt der Bilanzierung in Ordnung. In Deutschland galt das HGB, das die Tendenz hatte, in den Bilanzen stille Reserven - also eine Sicherheitsmarge - aufzubauen. Kaufte man damals ein anderes Unternehmen oder Rechte oder oder, wurde der Aufwand als "Kosten" verbucht oder aktiviert und das Wirtschaftsgut langsam abgeschrieben. Irgendwann war das Wirtschaftsgut in der Bilanz bei Null angekommen, hatte aber immer noch einen realen Gegenwert. Manchmal war dieser Gegenwert sogar gestiegen.

Diese stillen Reserven schlummerten unerkannt in den Bilanzen und wurden erst dann gehoben, wenn das Wirtschaftsgut zum Beispiel verkauft wurde, wenn es also durch einen Preis einen "Wert" bekam. Das war auch im Wesentlichen die Bilanz-Welt, in der Benjamin Graham (der diesem Blog seinen Namen gab und dessen Schüler Warren Buffet war) seine berühmte "Value-Strategie" entwickelte, wie in seinem Buch "The intelligent Investor" ausgeführt. Sicher waren die Bilanzierungsregeln auch damals in den USA anders als das HGB, aber auch in den US war die Bilanzierung damals viel mehr vom Sicherheitsgedanken geprägt als heute.

Dann begann aber der Siegeszug der IFRS (International Financial Reporting Standards). Eigentlich ein richtiger Gedanke, die Rechnungslegungsvorschriften weltweit zu vereinfachen und damit vergleichbar zu machen. Ich zitiere mal einen Satz aus dem WiWo Artikel zum "grossen Bilanz Bluff", den ich Ihnen unten verlinkt habe: "Die 15-köpfige Gruppe ist privat organisiert. Sponsoren der Gruppe sind nahezu alle wichtigen internationalen Konzerne, Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Europäische Union winkt deren Beschlüsse regelmäßig durch und gibt sie weiter in die Hauptstädte von Berlin bis Rom, wo sie in nationales Recht umgewandelt werden."

Meine Lebenserfahrung gebietet anzunehmen, dass es die Interessen der genannten Spieler sind, die indirekt Einfluss auf die Bilanzierungsregeln nehmen. Und das selbst, wenn man den 15 Personen individuelle Untadeligkeit und das Bemühen um Unabhängigkeit attestiert, was ich hiermit gerne annehme. Denn jeder Mensch ist durch sein Arbeitsumfeld geprägt, auch wenn er sich persönlich um Unabhängigkeit bemüht. Lässt man Bilanzstandards von den genannten Gruppen erarbeiten, wird man andere bekommen, als wenn das Standardisierungsgremium zum Beispiel aus den Finanzchefs von Mittelständlern besteht. Bezeichnend für die deutsche Politik ist übrigens, dass sie dieses so entscheidende Thema aus meiner Sicht mal wieder völlig verschlafen hat.

Und die Interessen der grossen Spieler sind für mich naheliegend. Indem man stille Reserven hebt, in dem man die Bilanzen aufbläht, erzeugt man höhere Kurse an Börsen (= mehr Boni) weil die Kennziffern wie zB KBV besser aussehen, erhöht man das Volumen der Mandate, erzeugt neue Beratungsfelder für Banken und Wirtschaftsprüfer und gibt dem Management Spielraum, sich die Bilanz nach Gusto zu bauen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung anzunehmen, dass diese Interessen auch in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

Das Schlüsselprinzip das seit IFRS dabei eingesetzt wird und das es vorher nicht gab, ist dabei das "Fair Value Measurement“. Theoretisch ein richtiger Gedanke, statt das stille Reserven wie oben in den Bilanzen schlummern und diese defensiv aufgebaut sind, sollen alle Bilanzpositionen mit ihrem aktuellen "fairen Wert" bewertet werden. Das Problem ist nur, wer legt denn fest wenn es keinen echten Marktwert gibt, was die Regel ist ? Wer hat die Kompetenz zu entscheiden, ob eine Investition zB in eine innovative Technologie diesen oder jenen "fairen" Wert hat ? Womit wir beim massiven Spielraum sind der nun entstanden ist und der die modernen Bilanzen eher zu einem Pudding macht, den man verzweifelt versucht an die Wand zu nageln.

Es übersteigt den Umfang eines solchen Artikels, hier auf alle Aspekte einzugehen. Ich will Ihnen mit diesen Worten auch nur ein Problembewusstsein schaffen. Und dazu braucht es Beispiele.

Nehmen wir also mal beispielhaft Daimler und die Brennstoffzelle. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Daimler in das Thema schon mehr als 1 Milliarde Entwicklungskosten hinein gesteckt haben soll. Ich weiss nicht ob das stimmt und ich will vorausschicken, das ich keinerlei Ahnung habe wie Daimler das Thema bilanziert. Und ich will mit den folgenden Worten auch keine Behauptungen über die Bilanz bei Daimler aufstellen. Ich will Ihnen nur an einem Beispiel das jeder kennt ("Daimler" und "Brennstoffzelle") klar machen, was IFRS potentiell bedeutet.

Daimler hat also massive Investitionen in die Brennstoffzelle gesteckt, um in der Zukunft damit Geschäft zu machen. In der alten Welt des HGB wäre das ganz einfach gewesen. All die Investitionen in die Brennstoffzelle, all die Millionen an Entwicklerstunden, die gekauften Maschinen, Patente und Rechte, wären Kosten bzw aktivierbare Wirtschaftsgüter gewesen. Wirtschaftsgüter wie zb eine Testanlage wären bis auf Null abgeschrieben worden. Bilanziell wären also all diese Aktivitäten irgendwann nichts mehr "wert" gewesen, bis dann der Moment eintritt, an dem man mit der Brennstoffzelle Umsatz macht, Kunden gewinnt etc. So einfach, so defensiv, so konservativ.

Heute, im IFRS, darf man aber Entwicklungsaufwand aktivieren. Und muss den Wert dieser "virtuellen Wirtschaftsgüter" nicht zwingend auf Null abschreiben. Nein, man muss für die Bilanz bestimmen, was der "Fair Value" dieser Aktiva ist. Und bläht die Bilanz entsprechend auf, was bedeutet das KBV sieht optisch attraktiver aus. Nur wer entscheidet was die Investitionen in die Brennstoffzelle Wert sind ? Nach welchen Kriterien ?

Viel schlimmer, kann das überhaupt jemand kompetent entscheiden ? Ich behaupte ganz frech: NEIN ! Denn die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Brennstoffzelle am Markt gegen die alternativen Antriebsformen durchsetzen kann. Und das hängt von unzähligen, auch politischen, Parametern ab und kann niemand vorher sehen. Und deshalb kann auch niemand seriös den "Fair Value" bestimmen.

Im Endeffekt masst sich IFRS damit ganz arrogant an, via Bilanz die Zukunft vorher sehen zu können. Klar, theoretisch soll es der aktuelle "Fair Value" der Gegenwart sein, nur ist der nicht zu bestimmen ohne Annahmen zur Zukunft zu machen. Das ist in meinen Augen die traurige Realität. Und Realität ist für mich auch, dass sich damit das Management der Konzerne nach meiner Erfahrung mehr oder weniger selber in die Bilanzen schreiben kann, was es will. Oder glauben Sie ein durchschnittlicher Wirtschaftsprüfer kann eine ernsthafte Diskussion mit dem Entwicklungsvorstand bestehen, welchen aktuellen Wert frische Innovationen in einem innovativen Spezialthema haben ? Sicher haben die Wirtschaftsprüfer "Krücken" zur Bewertung in ihrer Methodik, es sind und bleiben aber Krücken und am Ende entscheidet das Management.

Das ist nur ein Beispiel. Und um es noch einmal zu erwähnen, ich weiss nicht wie Daimler das real bilanziert, das ist nur ein theoretisches Gedankenszenario um einen Punkt klar zu machen. Und es ist auch keine Problematik von Daimler, sondern vor diesen Fragen stehen mit IFRS alle Unternehmen mit signifikanten Entwicklungsaufwendungen, egal aus welcher Branche. Aber von dieser Art "Bewertungen" nach "Fair Value" werden die Bilanzen der Konzerne seit IFRS bestimmt. Und es ist beileibe nicht nur das Thema aktivierter Entwicklungsleistungen um das es hier geht, weitere Stichworte sind der Goodwill bei Firmenkäufen, die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen usw. usw..

Warum wohl weist Microsoft plötzlich, von einer Sekunde auf die andere einen Quartalsverlust aus und schreibt 6 Milliarden auf eine Akquisition ab ? Womit die Bilanz um diese 6 Milliarden verkürzt wird. Hat sich die Welt in dieser Sekunde so verändert ? War die Bilanz vor 3 Monaten also richtig ? Lesen Sie . Und warum wundern sich Redakteure, das der Markt dabei nicht mal zuckt ? Ganz einfach, weil die Redakteure den (Un)Sinn des IFRS nicht verstehen und noch denken, Bilanzen hätten Aussagekraft. Big Money weiss es aber und zuckt deshalb nicht einmal über die Abschreibung. Die Profis im Markt wissen : "sowieso Bullshit" und kümmern sich um die bedeutenden Dinge.

Am schlimmsten sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht die Bilanzen von IT Unternehmen, sondern die von Banken. Da hier fast keine "realen" Güter dahinter stehen, bestehen die Bilanzen aus Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen. Natürlich alles "Fair Value". 😉 Erfahrene Bilanzspezialisten, die bei einem Industrieunternehmen durchaus noch sinnvolle Schlüsse aus der Bilanz ziehen können, streichen bei Bankbilanzen die Segel. Denn die wissen, das sie *nicht* wissen, eben gerade weil sie kompetent sind. Um so absurder wird es dann, wenn man im Web von Laien "fundamentale Analysen" zu Banken anhand der klassischen Bilanzkennziffern liest. Da kann man in meinen Augen auch gleich wie im Mittelalter das Gekröse eines Frosches untersuchen, das läst ähnlich kompetente Rückschlüsse zu. 😉 Bank-Bilanzen sind einfach eine "Black-Box", die selbst für Insider extrem schwer zu durchdringen sind.

Faktum ist, dass man aufgrund dieser durch IFRS aufgeblähten Unternehmensbilanzen die Kennziffern wie KBV gar nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen kann. Wer Ihnen also erzählt, dass das KBV des DAX im historischen Massstab billig sei, ist nicht ernst zu nehmen. Die Bilanzen sind nicht vergleichbar und keiner kann Ihnen genau sagen, wie aufgebläht sie nun im Vergleich zu den 90er Jahren sind.

Und dann lächeln Sie Personen von Magazinen an und und implizieren, dass Sie ja nur das KBV und die Dividende anschauen müssen, um sich wie Graham und Buffet zu fühlen. Wenn Geldanlage so einfach wäre, wären wir alle Multimillionäre. Komisch nur, dass wir es nicht sind. 😉

Sage ich damit, dass eine Kennziffer wie das KBV gar keine Aussagekraft mehr hat ? Nein, wenn man das Geschäft des Unternehmens versteht, wenn man die Substanz der wesentlichen Bilanzpositionen einschätzen kann und wenn man weiss, wie "aggressiv" das Management bilanziert, dann hat eine Bilanzanalyse immer noch gute Aussagekraft. Das ist das was ein Buffet macht und mehr. Machen Sie das ? Können Sie das ? Wenn nein, lassen Sie sich nicht von den grossen Vereinfachungen blenden.

So weit meine hoffentlich deutliche und zugegeben spitzzüngige Rede zum Thema. Wie gesagt, ich wollte damit nicht in die Details der Bilanzierung einsteigen, sondern Ihnen nur eine sehr grundsätzliche Problematik klar machen.

Im Folgenden habe ich daher für Sie noch zwei Links um das Thema zu vertiefen. Gerade den ersten Link "Der grosse Bilanz Bluff" möchte ich Ihnen dringend zum intensiven Studium empfehlen. Danach sind Sie hoffentlich kuriert und können nur noch bitter lachen, wenn Ihnen einer mal wieder etwas vom KBV als entscheidendem Kriterium erzählt und dafür dann noch der arme Warren Buffet ungefragt als Testimonial benutzt wird.

Ich hoffe ich konnte Ihren Horizont ein wenig erweitern. Und ich bedauere, dass ich Ihnen keine "einfachen" Lösungen anbieten kann. Das muss ich anderen überlassen.

Ihr Hari

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