Laboratorium der Selbsterkenntnis

Der letzte Monat - mal wieder der sowieso gefürchtete Oktober - hat uns ja auch an den US Märkten endlich die seit Sommer überfällige Korrektur gebracht.

Für die nächsten Wochen sind die Chancen damit gar nicht so schlecht, dass mit der Korrektur eine Grundlage für ein starkes Jahresende gelegt wurde. Risiken nach unten bleiben, wie ich das letzte Woche hier im freien Bereich in -> Wir Hochseiltänzer < - beschrieben habe, aber die Chancen eines guten Jahresendes überwiegen.

Aber darüber hinaus? Was ist über das Jahresende hinaus in 2019?

Darüber hinaus kann sich dieser scharfe Einbruch von Oktober als gesunde Korrektur herausstellen, nach der der Markt weiter im langfristigen Trend hoch schiebt:

Der Einbruch kann sich aber auch als Beginn einer größeren Topbildung herausstellen, die im S&P500 dann ungefähr so aussehen würde und an der Unfähigkeit des Marktes zu erkennen ist, dieses Jahr noch ein neues Hoch zu generieren:

Die Medien - gerade auch die sozialen Medien - verdienen Ihre Klicks und damit Ihr Geld damit, uns zu diesen beiden Varianten immer alle möglichen Theorien zu bieten. Idealerweise mit einer reisserischen Überschrift versehen, wird irgend ein Indikator in den Vordergrund geschoben um Angst und Schrecken oder Gier zu erzeugen. Und Anleger lassen sich davon "inspirieren" und beginnen in die eine oder andere Richtung loszulaufen.

Es ist ja auch so schön, wenn einem jemand die Zukunft "weissagt", schon weiland im Jahrmarkt-Zelt, haben die Gekröse-Leser immer das beste Geschäft gemacht, die den Leuten geweissagt haben, was sie gerne hören wollten. 😉

Wem es aber wirklich um ein gut laufendes Depot geht, der sollte seine Energie nicht für derart sinnlose Ratespiele verbrauchen. Der sicherste Indikator ob der Markt nun eine Topbildung vollführt oder nicht, wird die Stärke des Marktes selber sein, also wie überzeugend der aktuelle Rebound abläuft.

Wenn der zum Jahresende neue Hochs generiert, kann man die Top-Szenarien getrost erst einmal beiseite legen. Wenn der aber schwächlich bleibt und sich jetzt in den kommenden Wochen ein Gewürge seitwärts anschließt, sollten wir das als Signal werten und für den Jahresanfang 2019 Vorsicht walten lassen.

Weit besser investiert ist Energie nun in Reflektion unseres eigenen Verhaltens in der Korrektur, denn diese stellt für uns ein Laboratorium der Selbsterkenntnis dar.

Wir können nicht beeinflussen und nicht vorhersehen, was der Markt in 2 Monaten macht, deshalb ist das Grübeln darüber vergeudete Zeit. Wir können aber beeinflussen, wie wir auf bestimmte Situationen reagieren, was wir also daraus machen, wenn der Markt dieses oder jenes zu machen beliebt.

Und da liegt der Gewinn der Zukunft, nicht in dem wir diese zu erraten versuchen, sondern in dem wir - was immer sie bietet - damit optimal umzugehen lernen.

Gerade so Phasen wie die letzten Wochen, zeigen uns dabei wer wir wirklich sind und wo wir zu ängstlich oder zu gierig agieren. Und das Fiese und gleichzeitig Schöne am Markt ist, dass er - wenn wir das hören wollen und es nicht verdrängen - uns aufzeigt, wie stark wir doch von Ängsten getrieben sind. Wir müssen uns dazu aber ehrlich im Spiegel anzuschauen und uns die Zeit nehmen, darüber zu reflektieren. Das tun die Wenigsten, die lesen lieber die nächste Weissagung. 😉

Schauen wir doch auf die letzten Wochen zurück und prüfen, was in uns los war. Viele unter Ihnen kennen das doch:

Wenn wir im Markt investiert sind, haben wir Angst es könnte eine Korrektur geben und wir Geld verlieren.

Wenn wir aus dem Markt ganz heraus sind, haben wir Angst er könnte uns nach oben weglaufen und wir den Einstieg verpassen.

Wenn wir gerade eingestiegen sind, mit der Absicht diese Position als Investment lange zu halten, macht uns das schnelle Minus wie auch das schnelle Plus an den folgenden Tagen doch nervös und wir fragen uns, ob wir nicht gleich wieder aussteigen sollten bzw wir die geringen Gewinne nicht lieber mitnehmen sollten.

Wenn wir dann aber ausgestiegen sind, haben wir wieder Angst, es könnte genau jetzt drehen und "unsere" Aktien uns weglaufen.

Ich könnte endlos weitermachen, ich denke wenn wir ehrlich sind, kennen wir das alle. Das genau ist unser "Affenhirn" und der Markt zeigt uns durch seine Rückkopplung via Kurse dessen Fratze im Spiegel. Und wir sollten nicht glauben, dass dieses unser Verhalten auf den Markt begrenzt sei, nein es ist Teil unseres normalen Verhaltens, nur zeigt es uns der Markt mit der Rückkopplung über die Kurse wie im Brennglas.

Weiterlesen ...Laboratorium der Selbsterkenntnis

Algo Trading – Es ist so verflucht artifiziell!


Ich stelle nun mal eine Behauptung auf, die ich nicht beweisen kann. Der Gegenbeweis kann aber auch nicht geführt werden.

Ich behaupte es trotzdem, im Premium-Bereich habe ich das schon direkt nach dem Brexit so argumentiert:

Wir sind in einem Markt angekommen, der fast nur noch aus (verfluchten) Algos besteht.

Und die Kursentwicklungen der letzten Monate beweisen es!

Denn die Bewegungen im S&P500, zum Beispiel um die Wende nach dem Brexit herum, sind nun so artifiziell, das wirkt wie aller menschlicher Emotion entkernt. Schon im Februar diesen Jahres aus dem Tief heraus, war das so.

Menschen werden aber durch den Brexit überrascht. Menschen schwitzen, sie ängstigen sich. Sie diskutieren, was nun passiert. Sie zögern und dann rennen sie alle rein.

All das sah man früher in den Kursen, nach so emotionalen Momenten, wie dem Brexit. Noch vor 5 Jahren, war das anders. Da gab es an so Wendepunkten einen emotionalen Ausverkauf.

Ich erinnere mich an den denkwürdigen 03./04. November 2011, dem Tiefpunkt der Eurokrise. Ich habe damals über diesen Moment geschrieben.

Die Finanzkrise lag keine 3 Jahre zurück und alle hatten noch den Schreck in den Gliedern. Der S&P500 kippte weg zu neuen Tiefs und allen Bären lief der Sabber aus den Lefzen, Tim Knight von Slope-of-Hope verteilte triumphierende Posts.

So sah das damals aus:

03.04.11.11

Weiterlesen ...Algo Trading – Es ist so verflucht artifiziell!

Der Weg des Traders – Vom Markt, dem Surfer und dem Meer

Vor Kurzem wurde unter dem Titel "Börsen Burn-Out" in der surveybuilder.info Community ein Thread eröffnet, der ein ganz wichtiges Thema anschneidet. Nämlich die Frage, wie wir unsere Energie und unser emotionales und psychisches Kapital im Kampf mit dem Markt bewahren können.

Anfänger haben typischerweise nur ihr monetäres Kapital und ihren Kontostand im Blick und unterschätzen völlig, dass ihr wichtigstes Arbeitsgerät - die Psyche - auch nur begrenzte Resourcen hat und unbedingt pfleglich behandelt werden muss. Denn am Ende entscheidet unsere Psyche weit mehr als vermeintlich objektive Marktfaktoren darüber, ob wir Erfolg haben oder nicht. Mit der richtigen Psyche kann man in fast jeder Marktphase Geld verdienen und mit der falschen in fast jeder Geld verlieren.

Um das psychische Kapital zu erhalten, wurde im Thread der Aspekt von Pausen angesprochen und der ist auch wichtig. Jeder Mensch braucht Auszeiten, um die Gedanken mal wieder schweifen zu lassen und nur so kann wirkliche Kreativität entstehen. Selbst das interessanteste Thema wird zu viel, wenn es jeden Tag zwanghaft genossen wird. Ganz wie eine Tafel Schokolade, die in zu großer Menge und jeden Tag genossen, irgendwann auch eher "zum Würgen“ schmeckt.

Und es ist auch kein Problem mal Pause zu machen, der Markt ist garantiert auch noch nach dem Urlaub da und verpasst hat man auch nichts, denn jeden Tag an dem man aufsteht, bietet der Markt wieder neue, frische Chancen, um diese zu ergreifen.

Trotzdem, weit wichtiger als Pausen, ist in meinen Augen ein anderer Aspekt.

Es ist die eigene “Haltung”, also die Art und Weise, wie man an den Markt heran tritt.

Denn wer mit dem Markt kämpft und mit ihm hadert. Wer meint, der Markt “müsste” irgendetwas machen. Wer sich über exogene Faktoren ärgert, die den eigenen schönen Plan kaputt machen. Wer nur seinem eigenen Bias folgt und selektiv nur die Sachen liest, die dem eigenen Bild entsprechen. Wer all das macht, wird sein psychisches Kapital früher oder später verbrauchen und kann nicht auf Dauer erfolgreich sein. Urlaub hilft dann auch nicht mehr.

Denn all das sind Parameter, die völlig außerhalb unseres Einflusses stehen. Der Politiker der unsinnige Politik macht. Die FED Chefin, die sich verhaspelt. Der Staatschef, der Armeen in Bewegung setzt. All das sind Parameter außerhalb unseres Einflussbereiches, die wir nur ergeben wie Ebbe und Flut und das Wetter hinnehmen können. Unsere Aufgabe ist es nicht, uns über diese Parameter zu ärgern. Und wir tun uns auch keinen Gefallen, wenn wir solche exogenen Faktoren für einen Verlust verantwortlich machen. Denn den Verlust, haben ebenso wie den Gewinn, immer wir selber eingefahren und niemand sonst.

Nein, wir sollten den Markt mit den Augen eines Surfers sehen. Der muss auch auf die große Welle warten. Er kann sie nicht erzwingen. Und wenn Ebbe ist, dann ist halt Ebbe und der Surfer macht Pause und wartet. Aber selbst wenn die Flut kommt, es gibt nichts was der Surfer tun kann, um seine große Welle herbei zu beten. Er kann nur ergeben warten. Wie der Jäger im Unterholz, den ich in einer anderen Metapher zum Börsenhandel gerne bemühe.

Aber wenn die große Welle kommt, wenn man schon weit draußen auf dem Meer sieht, wie sich da etwas besonders aufbaut, dann muss der Surfer hellwach sein ! Denn diese Chance sollte er dann ergreifen. Ganz opportunistisch und ganz der Gegenwart, dem Moment zugewandt.
Dann zählt kein Wenn und Aber mehr und nicht gestern und nicht morgen. Dann zählt nur, auf diese Welle drauf zu kommen und auf ihr zu reiten, bis sie ausläuft.

So geht ein Surfer an die Wellen heran, er wird nicht lamentieren und auch nicht andere dafür verantwortlich machen, dass vielleicht heute die großen Wellen fehlen. Und er wird sich nur dann einen Vorwurf mache, wenn die große Welle da war, er sie aber verpasst hat. Aber selbst dann weiß er, die nächste Welle kommt bestimmt und vergangen ist vergangen.

Es ist diese Haltung, die man braucht, um als Trader dauerhaft am Markt bestehen zu können. Gelassen aber konzentriert. Ergeben und voller Demut die Dinge nehmend, wie sie sind. Und aus ihnen das Beste machend. Einfach die Wellen zu reiten, die da sind. Und während man die Welle reitet, konzentriert man sich darauf, dass Surfbrett perfekt im Griff zu haben, man lebt im Hier und Jetzt, das Ende der Welle im Auge.

Nur wer es schafft dem Markt so gelassen und chancenorientiert zu begegnen, wird psychisch nicht aufgefressen werden. Denn wenn dann etwas Unvorhergesehenes passiert und man blöd ausgestoppt wird, dann frisst man den Verlust, zuckt die Schultern, weil man weiß, dass es Teil des Spiels ist und wendet sich der nächsten Gelegenheit zu.

Wer aber lamentiert und nachtrauert, wer die Zukunft erzwingen will, will er meint sie “müsste” so oder so sein, der wird früher oder später vom wetterwendischen Mr. Market ausgebrannt – trotz Pausen.

Es nützt einfach nichts, emotionale Energie in Dinge zu stecken, die man nicht beeinflussen kann. Beeinflussen können wir nur unser Handeln, nicht die Bewegung des Marktes selber. Und auf unser Handeln, müssen wir uns daher konzentrieren. Wir müssen sozusagen bessere Surfer werden, aber keine Ozeanologen.

Mit dieser Haltung kann man Chancen ergreifen. Mit dieser Haltung bleibt die Psyche intakt. Und es ist gerade für Menschen, die im sonstigen Leben “erfolgreich” sind, darin Macht haben und sozusagen ihr Schicksal zu “erzwingen” gelernt haben, besonders schwer gegenüber Mr. Market zu bestehen. Denn hier gibt es nichts zu erzwingen. Hier wird hingenommen und das Beste daraus gemacht.

Ein erfolgreicher, rationaler, an (Natur-)Gesetze und klare Regeln gewohnter Mensch, hat es daher psychologisch besonders schwer, gegen Mr. Market zu bestehen. Er tendiert dazu, klüger als der Markt sein zu wollen und diesen zu bekämpfen. Und wird deswegen scheitern. Viele ansonsten intelligente, gebildete und erfolgreiche Menschen, scheitern deswegen am Markt.

Und es sind dann genau diese Menschen, die zur Rationalisierung ihres Scheiterns und zur Pflege ihre Egos um so lauter andere davon überzeugen wollen, dass der Markt zufällig sei und man da sowieso keine Chance hätte. Mit der Denkstruktur, die diese Menschen haben, hat man auch keine Chance - das stimmt und ist doch am Thema vorbei.

Die Surfer haben es da einfacher. Sie erkennen die Welle und schwingen sich in diese hinein. Und dann reiten sie die Welle zum Ende. So einfach und so intensiv im “Hier und Jetzt” lebend. So müssen wir denken, wenn unsere Psyche dauerhaft gelassen bleiben soll.

Und wer diese Denkstrukturen hat, der braucht zwar auch Pausen zur Regeneration, aber ansonsten laugt ihn der Markt nicht aus. Einem Menschen mit diesen Denkstrukturen, kann Mr. Market wenig anhaben – vorausgesetzt, ein brauchbares Risikomanagement ist vorhanden.

Am Ende gewinnen wir das Spiel gegen Mr. Market nämlich nicht mit dem einen Schwinger, mit dem wir ihn KO setzen. KO geht der nie. Wir gewinnen in einem Langstreckenlauf, weil wenn wir lange genug einen kleinen Edge generieren und uns vom Markt nicht aus der Ruhe bringen lassen, werden wir am Ende den Markt schlagen und insofern – um im Bilde des Sports zu bleiben – siegen !

Nehmen wir also demütig an, was uns der Markt an Gelegenheiten bietet. Und ergreifen wir zupackend das Schicksal, wenn es an uns vorüber kommt. Das ist der Weg des Traders.

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Gastkommentar: Wie mir mein Ego mal wieder im Weg stand

Ein Gastkommentar von "Ramsi"

Um nochmal auf die Sache mit dem Ego als größtem Feind des erfolgreichen Börsenhandels zurückzukommen:

Hari hatte mir gesagt, ich solle nochmal versuchen, mein Fehlverhalten, dass zur Teilabgabe der dicken Gewinne der letzten Monate geführt hatte, aufzubröseln. Natürlich ist das jetzt schon wieder etwas her, aber vielleicht gelingt es mir, das möglichst genau zu beschreiben.

Die Talfahrt hat in etwa an dem Punkt begonnen, als ich meine kurzfristige Strategie in der starken Aufwärtsbewegung des Dax als voll aufgegangen angesehen hatte. Der Index war bei 7.000 Punkten angekommen und es war mein persönlicher nächster Schritt auf kurze Sicht, erst einmal Risiko herauszunehmen und eventuell zu günstigeren Kursen wieder einzusteigen.

Genau das hatte ich zunächst auch gemacht. In der Folge blinzelte der Dax einmal kurz über die 7.000 (ich glaube ca. 7100), um dort den vorläufigen Höchststand zu markieren.

An besagtem Abend hatte Hari in etwa gesagt, dass die Möglichkeit eines weiteren erbarmungslosen Anstiegs ohne Rücksetzer eindeutig besteht, und man gegebenenfalls reagieren müsse (Weg des maximalen Schmerzes). Die Formulierung eines möglichen Szenarios seitens Hari (und er betonte noch, es sei lediglich „möglich“) hatte bei mir eine emotionale Reaktion ausgelöst, von der ich geglaubt hatte, mich ihrer durch Erfahrung und Lernfortschritt bereits entledigt zu haben. Ich fühlte eine Art Torschlusspanik – die Angst, weitere schnelle Kursgewinne zu verpassen. In der Folge bin ich natürlich wieder aufgesprungen und habe mich in eine Strömung geworfen, in der ich mich eigentlich nicht „wohl fühlte“. Warum fühlte ich mich nicht wohl?

1. Mir persönlich widerstrebt es, Papiere zu höheren Kursen als des letzten Verkaufskurses wieder zurückzukaufen. Das mag in vielen Situationen vielleicht durchaus rational und logisch sein, aber ist ein solcher Schritt gerechtfertigt, wenn ich mich persönlich nicht so recht damit anfreunden kann?

2. Ich hatte mir eindeutig auf kurze Sicht das Ziel gesetzt, bei der runden Marke von 7.000 auszusteigen und auf Gewinnmitnahmen zu spekulieren. Dadurch, dass ich keinen eindeutigen Schub über 7.000 abgewartet hatte, der ein solches Szenario negiert hätte, habe ich bewusst (mal wieder) meinen eigenen „Masterplan“ verraten (der im Übrigen sogar aufgegangen wäre).

3. Es hatte sich eine Gier in mir breit gemacht. Ich wollte hohe Gewinne und zwar sofort. Die schöne Zeit des schnellen Anstiegs hatte mich ungeduldig und hungrig nach höherem Depotwert gemacht. Natürlich ist Gier ein ganz mieser Begleiter an der Börse und obwohl mir vermutlich zumindest im Unterbewusstsein klar war, dass ich gerade eine Raffzahn-Reaktion an der Börse umsetze, war es natürlich bequemer, dieses Warnsignal einfach zu ignorieren.

Es kam also, was kommen musste. Ich feuerte meine komplette Liquidität in prozyklische Werte, mit denen ich mich bereits in der Vergangenheit etwas auseinandergesetzt hatte, und hatte die Möglichkeit eines Rücksetzers und der daraus resultierenden Chancen und Gefahren gar nicht mehr auf meinem geistigen Monitor. Außerdem befand ich mich in der Klausurphase für mein Studium, also in einer Zeit, die vernünftigen Wertpapierhandel in einem derart kurzen Zeitfenster per sé schon einmal nicht zulässt.

Haris Empfehlung, bei vollem Terminkalender den Handel liegen zu lassen, musste ich für die Vervollständigung meiner Idiotie natürlich auch abstempeln. Der Glaube, aufgrund eines einzelnen großen Erfolgserlebnisses hätte ich die Börsenweisheit jetzt mit großen Schöpfkellen gefressen, ist typisch für mein Ego. Meine Arroganz habe ich mit mehr als 18% Depotperformance bezahlt.

Ich bin jetzt immerhin 4 Jahre dabei. Das ist im Vergleich zu Anderen nur ein Moment, man könnte aber glauben eine gewisse analytische Herangehensweise müsse nun erkennbar sein. Wenn ich aber konkret darüber nachdenke, mit welcher Geschwindigkeit und ohne Vorwarnung sich eine Zockermentalität in mir breit machte, dann frage ich mich, ob es für mich überhaupt jemals möglich ist, die nötige Abgeklärtheit zu entwickeln, um in diesem Geschäft konstant erfolgreich zu sein.

Was habe ich für mich aus dieser kostspieligen Erfahrung jetzt mitgenommen?

1. „If you developed a plan, stick to it until you are proven wrong“. Ich glaube, der Satz stand mal im Kirk Report. Wenn man seinen Plan plötzlich aufgrund von Kursbewegungen abändert (gerade als Anfänger), ist das vermutlich nicht selten eine ganz miese und nicht auf analytischem Kalkül beruhende Entscheidung.

2. Ich lasse vorzugsweise eine gute Chance liegen, als kurze Zeit später die Scherben aufzusammeln. Die Börse spuckt ständig Chancen aus und wenn meine innere oder äußere Situation die Aktivität nicht erlaubt, konserviere ich lieber mein Kapital. Von dem Gedanken, dass diese Chance vor mir die letzte für eine lange Zeit sein wird, muss ich mich endlich lösen.

3. Emotionen sind mein ständiger Begleiter an der Börse und wenn ich es nicht schaffe, mich von ihnen zu trennen, sodass sie mir nicht mehr gefährlich werden können, muss ich Wege finden, ihr Risikopotential für mein Depot zu minimieren.

4. Ich darf mich nicht der Versuchung hingeben, nur Signale zu verarbeiten, die meine bereits ausgeführte Handlung rechtfertigen und alle Argumente, die gegen ein weiteres Engagement sprechen, auszublenden.

5. Ich muss lernen, dass der Markt mir sagt, was Sache ist aber nicht umgekehrt. WENN meine Strategie vom Markt widerlegt wird, DANN muss ich mich auch von ihr trennen und mich mit den roten Zahlen auseinandersetzen, anstatt mich selbst mit Hoffnungen aufzublähen.

6. „Risiko entsteht dann, wenn Anleger nicht wissen, was sie tun.“ – Warren Buffett

Ramsi

Hari´s Märkte am Abend – 20.03.12 – Bemühte Bären – Deutsche Börse, Metro

21 Uhr - Handelsschluss

Da war Sie also, die gestern antizipierte Schwäche und die Bären haben es heute tatsächlich doch mal geschafft, mehr als 50 Punkte nach unten zu kommen. Applaus ! 😉 Aber im Bereich um DAX 7050 war dann schnell wieder Schluss und auch der S&P500 wollte nicht so richtig unter 1400.

Für mich entwickelt sich der Markt daher im Moment wie erwartet: etwas Schwäche in dieser Woche und daraus resultierend eine Chance für die kommende Woche, die dann den Quartalsabschluss bringt.

Heute im späten Handel hat die Wallstreet schon wieder in Richtung der Nulllinie nach oben geschoben, insofern ist es möglich, dass es das heute schon wieder mit der Schwäche war und wir Morgen schon wieder über DAX 7100 stehen. Ich persönlich rechne aber diese Woche eher noch mit weiterem Hin und Her und wäre auch nicht so überrascht, wenn wir die 7000er Marke im DAX noch einmal von oben testen. Ich denke aber auch, dass wir die endgültigen Hochs dieses Frühjahr noch nicht gesehen haben und wir noch die Chance auf einen weiteren dynamischen Schub Richtung DAX 7500 haben - vielleicht mit etwas Glück schon nächste Woche. Erst danach habe ich vor in die Defensive wechseln und auf eine grössere Korrektur zu warten.

Ob es dann wirklich so kommt, wird sich zeigen. Die Erfahrung sagt, dass diese idealtypischen Abläufe wie oben fast nie eintreffen, das wäre ja auch zu einfach. 😉 Trotzdem ist es für meinen Stil wichtig, immer einen "Gameplan" im Kopf zu haben - ich bin aber auch in der Lage diesen "Gameplan" innerhalb eines Tages komplett zu verändern, wenn mir Mr. Market das durch seine Signale nahe legt.

Kommen wir also zu den einzelnen Aktien.

Geschlachtet wurde heute der ganze Autosektor mit Minus von 4-6% querbeet durch alle Titel. Die in der Presse kolportierten "Gründe" sind in meinen Augen keine, hier war wohl primär Markttechnik am Werke, auch wenn sicher mal wieder die Angst um China etwas zum Absturz beigetragen hat. Denn nachdem der Sektor schon die Tage vorher langsam bröselte, war das die typische Trendbeschleunigung, die aber auch oft das Ende der Bewegung ankündigt. Für mich war das heute das Signal, wieder in den Sektor einzusteigen. Ich habe heute am frühen Mittag wieder neue Positionen in Daimler (WKN 710000), Continental (WKN 543900) und den Volkswagen Vorzügen (WKN 766403) eröffnet.

Zunehmend ärgerlich reagiere ich dagegen auf Reto Francioni, den schweizer Chef der Deutschen Börse (WKN 581005). Eigentlich hatte ich ja erwartet, dass wir vom CEO nun fast 2 Monate nach der gescheiterten Fusion mit der NYSE endlich mal etwas Grundlegendes oder Neues zur zukünftigen Strategie hören. Denn nachdem sich das Management nun endlich wieder intensiv um das operative Geschäft kümmern kann und sich nicht mehr in Fusions-Phantasien erschöpfen muss, sollte die Zeit dafür wohl da sein.

Aber nein, was wir heute statt dessen hören, ist ein Beschluss des Aufsichtsrates, dass nun in Sachen gescheiterter Fusion Klage gegen die EU-Komission eingereicht werden soll. Damit werden aber in meinen Augen völlig sinnlose Schlachten der Vergangenheit erneut geschlagen und nur wieder Kapazitäten gebunden und weitere Kosten verursacht. Die Anwaltskanzleien in Frankfurt wird es wieder freuen. Selbst wenn man in 2 Jahren eine solche Klage gewinnen würde, was wohl höchst unwahrscheinlich ist, wäre über die Fusion doch schon die Zeit hinweg gegangen.

Und auch der Streit um die Sicht der Kommission auf ein mögliches Monopol im heutigen Derivatemarkt, überzeugt mich als Argument für diese Klage nicht. Denn wenn dann ein Urteil ergeht, ist es inhaltlich sowieso Makulatur, weil sich der Markt in zwei Jahren doch schon längst weiter entwickelt hat. Immerhin soll es laut Presseberichten im Aufsichtsrat keine Einstimmigkeit bei der Entscheidung für die Klage gegeben haben, sollte das stimmen, bin ich scheinbar nicht allein in meiner Ablehnung.

Weiterhin ist das in der Presse vermutete Argument, man müsste aus haftungsrechtlichen Gründen klagen, für mich ebenso wenig überzeugend. Denn bei geschätzten 80 Millionen € internen Kosten haben wir kein Volumen, bei dem sich bei einem Konzern mit Milliarden-Umsatz nun zwingend Vorstand und Aufsichtsrat persönlich engagieren müssen. Das ist ein Volumen für die zweite Reihe. Und wenn man nun im Management so viel Angst vor persönlicher Haftung haben sollte, weil man 80 Millionen ohne Ergebnis ausgegeben hat, dann weiss ich nicht so recht was ein Gerichtsentscheid daran verbessern sollte. Denn dieser könnte die Situation sogar verschlimmern, wie wir alle wissen, sind wir vor Gericht auf hoher See.

Sollte an den in der Presse vermuteten Haftungsüberlegungen etwas dran sein, hätten wir mit dieser Denke aber für mich einen Grad der Perversion des Haftungsprinzips erreicht, der laut nach dem Gesetzgeber schreien würde ! Der Vorstand und der Aufsichtsrat haben schlicht eine unternehmerische Entscheidung getroffen, eine Fusion mit der NYSE zu verfolgen. Das diese scheitert, ist das unternehmerische Risiko. Wenn das ein Haftungsfall wäre, könnten wir unsere Firmen zusperren, weil niemand mehr eine grundlegende Entscheidung im Risiko trifft. So weit sind wir aber noch nicht - allerdings auf dem Weg dahin und das ist schlimm genug ! Daher habe ich ja auch meine Kritik an einer mittlerweile überzogenen und innovationsfeindlichen Organhaftung -> hier <- schon sehr deutlich geäussert.

Viel wichtiger wäre es aber für mich, dass Herrn Francioni endlich mal etwas zur operativen Strategie der Deutschen Börse einfällt, nachdem er schon in den Jahren zuvor für meinen Geschmack viel zu passiv war. Und sollte das nicht bald passieren, hoffe ich, dass sich der Aufsichtsrat mal bald nach einem engagierteren und kreativeren CEO umsieht. Denn die Position der Deutschen Börse in Europa ist in meinen Augen voller Potentiale, statt der "grossen Würfe" muss man aber halt auch mal Kärnerarbeit leisten.

An dem Fall sieht man aber erneut, welches Riesenproblem wir in Deutschland mit unserer mangelnden Aktienkultur haben. Denn diese Entscheidung über Herrn Francioni treffen letztlich die Aktionäre die den Aufsichtsrat bestellen und das ist ja auch richtig so. Nur sind das halt primär angelsächsische Investoren. Da muss man sich über manche Entscheidung nicht mehr wundern, die keineswegs im Interesse des deutschen Finanzplatzes lag. Dabei ist die Börse eigentlich eine für die Volkswirtschaft höchst wichtige, hoheitliche Infrastruktur, vergleichbar mit Telefon- oder Strassennetz. Deutschland kann es sich nicht leisten, das Thema weiter treiben zu lassen und selbst ich alter Marktwirtschaftler bin keineswegs überzeugt, dass eine Börse unbedingt in privater Hand sein sollte. Die Funktion der Börse in einer Marktwirtschaft ist eine regulierende und steuernde und derartige Funktionen sind eigentlich hoheitliche Aufgaben !

Auswüchse wie das High Frequenzy Trading, in dem gut zahlenden Marktteilnehmern ein für mich unfairer Vorteil durch schnelleren Zugang gewährt wird, sind doch nur vor dem Licht der privatwirtschaftlichen Gewinnmaximierung zu erklären und aus dieser Sicht auch logisch und nachvollziehbar. Nur dem eigentlichen volkswirtschaftlichen Sinn einer Börse - für alle einen gleichen Marktzugang zu ermöglichen und so erst einen freien Markt der Unternehmensfinanzierung und Bewertung zu schaffen - laufen diese Aktivitäten doch diametral entgegen. Die Frage welchen Vorteil die deutsche Volkswirtschaft davon hat, dass die Deutsche Börse überhaupt selber an der Börse notiert ist, hat mir noch niemand überzeugend erklären können.

Zurück zur Aktie der Deutschen Börse selber. Diese ist für mich derzeit eigentlich interessant bewertet und wenn das Management nun eine überzeugende Wachstumstrategie einschlagen würde, wäre die Deutsche Börse auf diesem Niveau für mich auch ein Kauf. Nachdem ich das zum Thema "Klage" aber heute wieder gehört habe, habe ich genervt vom Management bei über 50€ Gewinne mitgenommen, zumal das Risiko eines Doppel-Tops nicht völlig von der Hand zu weisen ist.

Wie richtig es ist, sich nicht nach den Nachrichten, sondern nach den Erwartungen der Marktteilnehmer zu richten, konnte man heute wieder wunderbar bei der Metro (WKN 725750) beobachten. Las man am Morgen die Artikel in der Fachpresse, hätte man einen Absturz um 10% antizipieren müssen. Schlechte Zahlen, riesige Baustellen, noch keine Antworten. Kein Silberstreif am Horizont. Den Kurs kostete das aber nur noch ein müdes Zucken, weil das war alles schon enthalten. Dann kam das neue Management mit Aussagen und jedes Wort wurde positiv aufgesogen und der Kurs stieg zeitweise um 3%, bevor die allgemeine Marktschwäche ihn wieder etwas herab zog.

Ich habe bei Metro heute aber erst einmal Gewinne mitgenommen und bin ausgestiegen und habe das Kapital lieber in den verprügelten Autosektor geschoben. Denn mich haben die Aussagen des neuen Managements nicht ausreichend überzeugt, ich hätte mir mehr strategische Gedanken gewünscht und nicht nur Aussagen, dass man aggressiv im Preiskampf mitspielen will. Denn das ist wohl selbstverständlich in diesem Markt. Metro bleibt aber auf meinem Radar, denn die schlechten Nachrichten sind eindeutig verarbeitet und sobald ein Katalysator auftaucht, kann es auch deutlich nach oben gehen.

Der Fall Metro zeigt uns exemplarisch, wodurch die Börse primär bewegt wird, nicht durch Fakten, sondern durch Erwartungen ! Erwartungen werden zwar auch von Fakten beeinflusst, sind aber nie völlig rational, sondern immer mit Emotionen wie Hoffnung oder Angst vermischt. Wer freiwillig darauf verzichtet diese Emotionen zu messen und zu betrachten - wie zum Beispiel grosse Teile der klassichen Markttheorie in der Wirtschaftswissenschaft - wird nie in der Lage sein den Markt auch nur ansatzweise zu verstehen. Aber auch für uns, die normalen Anleger, sollte das eine erneute Lehre sein. Für eine kurz- oder mittelfristige Anlage sollten man nach meiner Überzeugung weniger Zeit darauf verwenden vergangene Finanzzahlen zu studieren, als vielmehr zu verstehen, welche Erwartungen der Markt in die Anlage schon eingepreist hat und welche nicht ! Denn genau das beeinflusst den Kurs in der nahen Zukunft.

Übrigens, Apple (WKN 865985) notierte heute über 600 USD ! Erinnern Sie sich noch daran, wie ich bei 500 USD -> hier <- davor gewarnt hatte, so einen Runaway-Move zu shorten, egal wie einladend das aussieht ? Ich hoffe Sie haben es nicht versucht 😉

Achja, die Kohlewerte rund um Peabody Energy (WKN 675266) setzen heute ihre Reise nach unten fort. Das es heute Peabody mit Minus 5% weit stärker als andere Kohletitel traf, lag daran, dass der Rückgang durch Ängste um Chinas Bedarf ausgelöst wurde. Und Peabody ist geographisch recht diversifiziert, was heute gegenüber den reinen US Kohle Werten zum Nachteil wurde. Relative Vorsicht ist also im Sektor weiterhin angesagt, der Anstieg der letzten Tage war wohl noch nicht nachhaltig. Auf dem Radar sollte man den Sektor aber trotzdem behalten, denn das nun heisses Geld in den Sektor geflossen ist, sind für mich erste Anzeichen eines erwachenden Interesses an den Kohleaktien.

Und das der Rohstoffsektor heute durch die Bank schwach war, lag auch nur mal wieder an der alle paar Wochen aufflackernden Angst um Chinas Rohstoffbedarf. BHP Billiton (WKN 908101) hatte sich dahingehend zurückhaltend geäussert, ohne mit wirklichen Überraschungen aufzuwarten. Für die Märkte war das aber wieder einmal willkommener Anlass, die China-Angst zu spielen. Börse, wie Geschichte, wiederholt sich nicht, sie reimt sich aber und zwar ganz gewaltig 😉

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend !