Momentum Factor ETFs – Ausdruck einer Fehlentwicklung?

Der folgende, grundsätzliche Artikel erschien schon Freitag 17.07.15 15:20 in Hari Live. Er ist aber inhaltlich unverändert gültig und adressiert grundlegende Probleme, die zunehmend durch die Dominanz der ETFs an den Märkten aufkommen.

Der Erfolg von ETFs steigt und gleichzeitig steigt auch die Kritik an ihnen. Denn letztlich sind ETFs ja überspitzt gesagt nur "Schmarotzer", die von den echten Kursbewegungen der Einzelwerte profitieren und erlauben, viele Einzelwerte günstig im Korb zu kaufen.

Der grundsätzliche, passive Ansatz von ETFs ist auch erst einmal legitim und kein Problem, so lange ETFs eine Minderheit sind und Einzelwerte noch ein Eigenleben haben und daher auch "eigene" Kurse haben.

Genau das dreht sich aber langsam, denn die Dominanz der ETFs sorgt zunehmend dafür, dass das Verhalten der einzelnen Aktien immer uniformer wird. Schön ist zum Beispiel in den letzten Wochen zu sehen, wie US Solar Werte durch den China Crash nach unten gezogen werden, obwohl sie wirtschaftlich damit gar nichts zu tun haben.

Wenn aber grosse Solar ETFs wie der US ETF "TAN", wegen des Absturzes der enthaltenen chinesischen Solaraktien massiv von Investoren verkauft werden und Stops gerissen werden, dann werden eben auch die Werte wie eine First Solar mitverkauft, die mit dem Problem eigentlich gar nichts zu tun haben. Die Ebbe senkt halt alle Boote.

Zum Problem wird diese Dominanz der ETFs werden, wenn es mal schnell abwärts geht und auch Carl Icahn hat das in meinen Augen zuletzt , wobei es bei seiner Kritik primär um illiquide Bond-ETFs ging.

Ich sehe das Problem aber grösser, weil was passiert denn, wenn in einer kommenden Krise, ETFs in Massen aufgelöst werden? Wer kauft denn dann noch die Einzelaktien als Gegenpartei, wenn die ETFs alle gleichzeitig abladen wollen, weil die Anleger raus wollen? Da ist dann niemand mehr, was die Kurse ins Bodenlose fallen lässt. Und dann wird alles gleichzeitig fallen, egal ob von der Krise betroffen oder nicht, einfach weil die ETFs aufgelöst werden.

Vom Grundsatz her, begrüsse ich die Idee der ETFs und halte sie, wenn sie sich auf den Kern besinnen - also voll replizierend feste Aktienkörbe abbilden - für eine sinnvolle Idee.

Leider scheint auch hier der Erfolg zu Sumpfblüten zu führen, was wir unter anderem an der zunehmenden Zahl von Strategie-ETFs erkennen können, deren Konzept eigentlich ein Widerspruch in sich ist. Denn ein ETF sollte eigentlich keine Strategie haben, er soll nur einen Korb von Aktien zusammen fügen. Strategien sind die Sache von aktivem Fondmanagement.

Die neueste Gattung, die dabei von Blackrock erfolgreich in den Markt eingeführt wurde, sind sogenannte "Momentum Factor" ETFs, die Aktien beinhalten sollen, die besonderes Aufwärtsmomentum zeigen.

Merken Sie die gefährliche Selbstbezüglichkeit dabei? "Momentum" ist eigentlich eine aktive Trendfolgestrategie und das Fatale ist, die funktioniert ja zunächst durchaus und zwar ganz ausgezeichnet! Was mit so ETFs aber auch passiert ist, dass die Aufwärtsbewegung von etwas das funktioniert, reflexiv ins Extreme verstärkt wird. Fatal wird es dann aber, wenn es dann irgendwann mal in die Gegenrichtung geht.

Es ist in meinen Augen eine bedenkenswerte Kritik, dass der Erfolg von "Momentum Factor" ETFs bestehende Übertreibungen verstärken wird und die Anpassung dafür um so schmerzhafter macht, wenn alle gleichzeitig zum Exit rennen. Auch die Crash-Gefahr wird durch solche Konstrukte erhöht, denn Icahn hat in meinen Augen Recht, im Kern sind die, wenn es mal hart auf hart kommt, wohl eher nicht liquide.

Schauen wir mal als Beispiel auf den

MTUM 17.07.15

Sieht ja nicht so schlecht aus oder? Und hat in 2015 tatsächlich den S&P500 outperformed. Sehen Sie das neue Hoch, das der S&P500 noch nicht hat?

Auch in Europa hat iShares nun so ETFs. Hier ist zum Beispiel der .

Das Verrückte ist, das ist von der Titelauswahl und der Strategie her, ein in meinen Augen ausgezeichneter ETF. Denn die Momentum Strategie ist ja schlicht das, was ich hier im Premium Bereich immer "Stärke kaufen" nenne. Bedeutet, dass wir statt unten bei "Gurken" in tiefen Pfuhlen zu gründeln, wir schlicht darauf setzen, dass wir eine Top Aktie, die wir zu einem hohen Preis gekauft haben, später noch zu einem höheren Preis verkaufen können! Genau das predige ich doch immer und ist sehr erfolgreich als Strategie.

Dieser Fokus auf Wachstums-Qualität funktioniert also und letztlich haben wir so etwas Ähnliches ja auch mit unserem aktuellen Teamprojekt adressiert, mit dem wir ja 70 attraktive Aktien mit Momentum identifiziert haben, wenn auch für etwas geringere Marktkapitalisierung, als wir sie in obigen ETFs finden.

Und nun können wir so eine Strategie ganz einfach mit einem ETF kaufen. Kurzfristig: Toll! Auf jeden Fall 10x besser, als bei Gurken-Aktien sinnlos auf die Wende zu warten. Ich verweise zum Beispiel auf den Artikel -> Kohle, Aixtron und Goldminen - tiefer geht immer! <-

Langfristig entsteht aber Gefahr, wenn diese Strategie zu erfolgreich und beliebt wird und alle darauf einsteigen.

Fazit:

Die Momentum-Strategie ist richtig. Und sie funktioniert. Und wenn Sie im Moment darüber nachdenken, sinnvoll europäische Aktien zu kaufen, weil sie auf einen Rebound setzen, halte ich die Auswahl die dieser ETF oben bietet, für attraktiv und erwägenswert!

Das Dumme ist hier aber wieder die Reflexivität. Wenn diese ETFs zu populär werden - und danach sieht es im Moment aus - erzeugen sie selber prozyklisch Verzerrungen und verstärken diese. Und graben damit dem Erfolg der Strategie selber das Wasser ab und sorgen vor allem für ein böses Ende, wenn dann mal alle gleichzeitig zum Ausgang wollen.

Machen Sie sich also diese beiden Aspekte klar. Solange wir in diesem Bullenmarkt sind, sind solche ETFs hoch attraktiv. Aber wir hantieren da zunehmend mit Gefahrengütern.

Wenn der Handel mit Einzelaktien stark und liquide ist, dann sind passiv abbildende ETFs auch keinerlei Problem und eine superbe Innovation. Was aber, wenn kaum mehr jemand die Einzelaktien kauft, weil alle nur noch über ETFs handeln? Wer bestimmt dann überhaupt noch die Kurse, aus denen die ETFs berechnet werden? Merken Sie die gefährliche Selbstbezüglichkeit?

Allerdings ist es aber auch keine Alternative, einfach ganz auf ETFs zu verzichten und sich dann sicher zu wähnen. Wenn dieses Finanz-System, in dem wir da im Moment leben ins Wanken gerät, geht alles in die Knie, egal ob ETF oder Fond oder Einzelaktie. Und die Banken gehen mit in die Knie. Das ist dann der grosse *CRASH*, der grosse *RESET*.

Insofern nützt es alles nicht, wir müssen in diesem Spiel mittanzen, solange die Musik spielt. Weil wir eben keine Wahl haben und auch keinen Ort, an dem wir uns zuverlässig im Falle des Falles mit unserem Kapital verstecken können. Selbst Gold ist dieser Ort nicht.

Und jetzt treffen Sie eine Entscheidung, ob Sie aktuell Momentum-ETFs mögen. Ich mag sie im Moment und ich tanze. Widerwillig zwar, aber ich tanze.

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1 Gedanke zu “Momentum Factor ETFs – Ausdruck einer Fehlentwicklung?

  1. Bei der Momentum-Strategie gibt es einen Haken, die sognenannten “Momentum Crashs”. Zuletzt in den Jahren 2003 und 2009. Dann verliert diese Strategie massiv. Dafür gibt es den Rest der Zeit normalerweise eine gute Outperformance. Auf jeden Fall hast du recht, dass ETFs insgesamt zu ineffizienteren Märkten führen, da die Korrelation unter Einzelaktien erhöht wird. Das schafft andererseits aber auch wieder antizyklische Chancen.

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