Marktupdate – 21.06.12 – Konsolidierung der Indizes, alarmistischer Unfug um Spanien

17:45 Uhr

Heute zum Markt nur ein kurzes Update.

Was wir bisher sehen, ist in meinen Augen gesunde Konsolidierung. In Anbetracht des um 16 Uhr veröffentlichten sehr schlechten Philly Fed Index kann man den Markt sogar als gelassen bezeichnen.

Auch der DAX macht heute einen starken Eindruck, er will sich so recht gar nicht von der 6400er Marke lösen, echter Abgabedruck ist nicht zu sehen. Viel spricht also dafür, dass der DAX in den nächsten Tagen einen ernsthaften Anlauf macht, die Wiederstandszone bis 6450 zu überwinden und einen Sprung Richtung 6600 in Angriff zu nehmen.

Vor wenigen Minuten hatten wir einen Test der Nackenlinie des bullischen Cup&Handle bei 1338 im S&P500. Wenn diese hält, ist das ein gutes Zeichen. Das POMO Kaufprogramm war wohl heute auch noch nicht aktiv.

Statt langen Worten zum Markt, heute ein paar ökonomisch-politische Gedanken meinerseits zu Spanien.

Als ich die Ergebnisse der heutigen spanischen Anleihenauktion sah - Spanien konnte sich bei der 5-Jahres-Auktion mit 6% neu refinanzieren und diese Auktion war dreifach überzeichnet - sprang mir auch wieder der Gedanke durch den Kopf, wie verzerrt die aktuelle Wahrnehmung in Medien und Öffentlichkeit ist. Denn 6% sind nur im Vergleich zu den glücklichen ersten Euro-Jahren viel. Langfristig sind das ganz normale Zinsen für das Land und vor dem Euro hat Spanien auch schon einmal 10% und mehr bezahlt und ist auch nicht Pleite gegangen.

Natürlich, da hatte Spanien auch eine eigene Währung und konnte die Anleihen mit frisch geschöpftem Notenbankgeld zurück zahlen, mir sind die Unterschiede wohlbewusst und mir ist auch klar, dass das Thema nicht ganz so simpel ist. Trotzdem ist der Vergleich geeignet die Perspektiven gerade zu rücken und zu zeigen, dass wir eigentlich nur eine Normalisierung der Bondrenditen für die südlichen Euro-Länder erleben. Hoch sehen sie nur im Vergleich zu wenigen Jahren im Euro aus, historisch sind sie nicht hoch, sondern ganz normal. Und genau diese ersten Jahre im Euro haben den PIGS einen geschenkten Wohlstand verschafft, dem keine wirklich Wertschöpfung gegenüber stand. Letztlich erzwingen die Anleihenmärkte nun nur eine Normalisierung.

Vor diesem Hintergrund sind Sätze wie im Handelsblatt nach dem Motto "Spanien und Italien können sich kaum noch am Markt refinanzieren" für mich alarmistischer Unfug, mit dem letztlich nur politische Umverteilungsinteressen der PIGS untermalt werden. Warum deutsche Redakteure das einfach nachplappern, erschliesst sich mir nicht. Denn bei einer dreifach überzeichneten Auktion ist Gerede von "nicht mehr refinanzieren können" wohl deutlich übertrieben, um es mal wohlwollend zu bezeichnen.

Letztlich bricht sich die ökonomische Realität halt Bahn und Mathematik lässt sich nicht bestechen. So war der kreditfinanzierten Boom der Binnenkonjunktur Spaniens in den ersten Euro-Jahren halt ein Luftschloss, er hat sich zwar gut angefühlt, war aber nicht angemessen. Dieser gefühlte Wohlstand war nie real erwirtschaftet.

Indirekt bezahlt wurde er im übrigen von deutschen Arbeitnehmern, die in dieser Zeit reale Einkommensverluste erlitten und zwar nicht wegen der "bösen" Politik eines Gerhard Schröder, sondern wegen der fiskalischen Effekte der Währungsunion, die Deutschlands Investitionsklima massiv schadeten. Nur deshalb wurde Deutschland, das schon vorher Exportmacht war, plötzlich zum "kranken Mann Europas", obwohl sich in Deutschland eigentlich gar nichts geändert hatte. Auch diese negative Wirkung des Euros auf Deutschland wird heute gerne unterschlagen, wenn das irreale Loblied auf die Bedeutung des Euros für Deutschland gesungen wird.

Und auch die deutsche Infrastruktur hat unter der Fehlallokation von Investitionen in südländischem Beton massiv gelitten, was wir am aktuellen Zustand der Strassen und anderer Bauten leicht nachvollziehen können, da Investitionsgelder eher in die Boomblasen flossen. Auch deutsche Anleger steckten ihr Geld via geschlossener Fonds dann in Investitionen in diese Länder und eben nicht in Deutschlands Infrastruktur. Erst jetzt, wo die Bürger in Deutschland versuchen jeden freien Euro in Beton umzuwandeln um einer Inflation oder Währungsreform zuvor zu kommen, wandelt sich das Bild, die Handwerker haben volle Auftragsbücher und die Investitionen boomen wieder. Denn auch für Investitionseuros gilt: sie können nur einmal ausgegeben werden.

Das der indirekte Wohlstandstransfer der deutschen Bevölkerung Richtung PIGS in den ersten Eurojahren keine Legende ist, kann man sehr leicht daran nachvollziehen, wie sich das durchschnittliche Vermögen der Deutschen und der Italiener oder Spanier in den ersten Eurojahren entwickelt hat. Da sieht man schnell, wer die Verlierer und wer die Gewinner waren. Auch heute liegt das durchschnittliche Geldvermögen (ohne Immobilien) der Italiener immer noch leicht höher, als das der Deutschen. Sehen Sie und staunen Sie, wer alles vor uns liegt. Wer sich vor diesen Realitäten nicht verschliesst, kann doch nicht mehr ernsthaft fordern, dass die einen die anderen retten sollen. Was ist das eigentlich für ein Verständnis von Solidarität ?

Insofern steckt für mich bei aller Kenntnis der schweren, strukturellen Probelem des Euros hinter dem aufgeregten Geschnatter um "untragbare Bondrenditen" auch eine Menge populistisches Kalkül der PIGS, mit dem die fiskalisch starken Länder weichgeklopft werden sollen. Denn auch wenn es wahrscheinlich einige Spanier und Italiener nicht hören wollen, ist die Realität ganz klar: das wirkliche Problem sind nicht die Kredite und die Verschuldung, sondern die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder. Und um diese am Weltmarkt wieder herzustellen, muss Spanien um 10-20% billiger werden, es gibt keinen anderen ökonomischen Weg, das Perpetuum Mobile wurde noch nicht erfunden.

Das aber geht nur auf zwei Arten: entweder, wenn man im Euro bleiben will, müssen die Arbeitskosten sinken und gleichzeitig die Produktivität steigen. Oder man steigt aus dem Euro aus und wertet die eigene Währung ab. Man hat die Wahl, es gibt keine anderen ökonomischen Alternativen. In beiden Fällen aber, verschwindet der Pseudowohlstand aus den ersten Eurojahren wieder, dass das in Spanien nicht beliebt ist, kann ich gut nachvollziehen. Warum andere das finanzieren sollen, aber auch nicht.

Insofern wird Spanien so oder so auf das Wohlstandsniveau der 90er Jahre zurück fallen. Alles andere sind Illusionen und so schlecht hat es sich in Spanien in den 90ern ja nun auch nicht gelebt. Und letztlich bestätigt das auch nur wieder eine sehr alte Weisheit:

"There is no free lunch !"

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1 Gedanke zu “Marktupdate – 21.06.12 – Konsolidierung der Indizes, alarmistischer Unfug um Spanien

  1. In der Tat recht schwach heute.Auf der anderen Seite sind zumindest die Amis in den letzten Wochen auch gut gelaufen. Ein Rücksetzer im Dow auf 12400 Punkte würde mich ehrlich gesagt nicht wundern.

    Öl schmiert seit einiger Zeit ja auch ordentlich ab. Ich frage mich,wer verkauft denn da und warum?
    Tradest Du das manchmal Hari ?
    Ich erinner mich an einige Postings hier bezüglich Öl wegen drohendem Iran Konflikt usw,daher denke Ich dass diese Niveaus jetzt durchaus reinzvoll sein könnten.
    Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung wo das halten kann. Aber als Verbraucher von Heizöl und Benzin könnte man seine Kosten auf diesem Level mit einer LongPosition etwas “hedgen” 🙂

    Achja und dann wollte Ich mich noch bedanken bzw ein kleines Lob aussprechen. Die kurzen Marktupdates gefallen mir wesentlich besser als ein ellenlanges Posting nach Handelsschluss wenn schon alles gelaufen ist.

    Viele Grüße
    Lb.

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