Lehrer Bömmel und die Kreditkrise

In einer lockeren Reihe von Artikeln - nach "Lehrer Bömmel" aus der Feuerzangenbowle benannt - erkläre ich im Premium-Bereich immer wieder wichtige Zusammenhänge der Finanzmärkte.

Bei den Erklärungen geht es dabei nicht um "wissenschaftliche Exaktheit", sondern darum, Lesern die sich bisher nicht ausreichend mit den Themen befasst haben oder sie nie richtig verstanden haben, auf unterhaltsame Art und Weise ein Gefühl dafür zu vermitteln, worum es wirklich geht. Wer dann tiefer einsteigen will, kann das ja im Nachgang selber tun, Quellen gibt es genug.

Daher orientiere ich die Erklärungen auch immer wieder an konkreten, aktuellen Sachverhalten, so dass sich auch ein konkreter Erkenntnisgewinn damit verbinden kann, der zu besseren Anlageergebnissen führt.

Im freien Bereich hatte ich vor 1,5 Jahren schon beispielhaft einen Artikel aus dieser Reihe. Und zwar die Erklärung, wie "Shorten" eigentlich funktioniert und was eigentlich ein Leerverkauf ist. Lesen Sie hier, falls Sie den Artikel übersehen haben. Der Artikel war der Beginn einer Artikelreihe zum Thema "Shorten".

-> Grundlagen des Shortens - Wat is en Dampfmaschin? <-

Heute nun will ich Sie an einem weiteren Artikel teil haben lassen, der erst gestern im Premium-Bereich erschienen ist. Er adressiert die Frage, wie Aktien sich in einer Kreditkrise verhalten und warum das so riskant ist.

Ich wünsche gute Erkenntnisse!

Ihr Hari

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Lehrer Bömmel fragt: Was haben diese drei Unternehmen und Charts gemeinsam?

Peabody Energy (BTU) - Kohle - Kurs-Buchwert-Verhältnis: 0,06

BTU 13.01.16

Freeport McMoran (FCX) - Kupfer, Gold - Kurs-Buchwert-Verhältnis: 0,40

FCX 13.01.16

Linn Energy (LINN) - Öl, Gas - Kurs-Buchwert-Verhältnis: 0,17

LINN 13.01.16

Also, was haben die drei Unternehmen gemeinsam?

Das sind alles drei in der Vergangenheit respektable Unternehmen, die auch jetzt noch auf riesigen Assets sitzen. Hört sich gut an? 😉

Eher schlichten Anlegern, die meinen, aus einem Wert wie dem Kurs-Buchwert-Verhältnis (KBV) einfach so unreflektiert etwas Definitives ablesen zu wollen, müsste nun also das Wasser im Mund vor Vorfreude zusammen laufen.

Nehmen wir mal BTU, die haben riesige Ländereien, die ein Vielfaches des heutigen Marktwertes von nur noch 83 Millionen USD darstellen. Alleine die Cash-Bestände von BTU waren im letzten Quartal noch bei 18 USD pro Aktie und die Aktie notiert nur noch bei 4 USD.

Das ist doch ein Witz!? Sofort kaufen, tolles Schnäppchen?

Nein, eher das Gegenteil: Finger weg! Und warum erklärt nun Lehrer Bömmel.

Denn die wirkliche Gemeinsamkeit der drei Aktien sind nicht "phantastische Buchwerte", sondern ein Hauptprodukt (Öl, Gas, Kohle, Kupfer), das so schnell im Preis auf dem Weltmarkt fällt, dass die Kosten gar nicht mitkommen können. Die Unternehmen verbrennen also im rapiden Tempo Geld - jeden lieben Tag.

Und die weitere Gemeinsamkeit ist, dass die drei Aktien alle schon auf viel zu hohen Schulden sitzen, die auch in einem positiven Umfeld schwer zu bedienen sind. Wenn aber die Preise der Produkte wegbrechen, ist das völlig hoffnunglos.

Und hier, bei den Krediten, liegt das Kernproblem. Denn wenn ein Unternehmen mal für ein oder zwei Jahre deutliche Verluste produziert, ist das ja nicht tragisch, wenn es Geldgeber gibt, die das finanzieren. Geldgeber können Aktionäre sein über eine -> Kapitalerhöhung <-. Es können aber auch Kreditgeber sein, die zum Beispiel Anleihen des Unternehmens kaufen.

Wenn aber die Unternehmen schon riesige Kredite haben und die nicht zurück zahlen können, wer wird dann weitere Kredite geben?

Eben .... Niemand! Und dann droht die Pleite.

Und wenn das vielen Unternehmen droht - und das passiert gerade, weil grosse Teile der Rohstoff-Industrie solche Probleme haben - dann nennt man das Kreditkrise. Und das hasst der Markt wie die Pest, denn wenn Unternehmen Pleite gehen, zieht das einen Rattenschwanz an Folgen nach sich. Geldgeber kippen selber, deren Kredite notleidend werden, Arbeitnehmer verlieren ihre Jobs und die Kaufkraft entfällt usw.

Wenn Sie also verstehen wollen, warum der Markt aktuell so sorgenvoll ist, dann ist das nicht direkt wegen der Entwicklung in China oder dem Konflikt zwischen Saudi-Arabien und Iran selber. Nein, es ist - neben anderen Gründen - indirekt wegen der Folgen eines Abrutschens der Konjunktur in China, oder der Ölpreise, die zu weiteren Pleiten wie oben führen und so die westlichen Märkte anstecken. Kreditkrise ist das Stichwort und auch ein starker Dollar befeuert die, weil viele Kredite in Währungen der Emerging Markets so noch schwerwiegender werden.

Jetzt gehen zum Thema "Pleite" unter normalen Bürgern aber unglaubliche viele Halbwahrheiten und Missverständnisse um. Typischerweise stellt man sich unter "Pleite" etwas vor, was alle Werte verloren hat. Also kann eine BTU doch gar nicht "Pleite" gehen, wenn die noch so viel Cash haben und die Ländereien für sich schon ein Vielfaches des Börsenwertes an Wert haben?

Doch, das kann und wird das Unternehmen sehr wohl. Denn "Pleite" heisst auch einfach "Insolvenz", also "Zahlungsunfähigkeit". Und das ist ein Unternehmen, das seine Verpflichtungen schlicht nicht mehr bedienen kann, unter anderem eben die Kredite.

Es ist also ganz wichtig zu verstehen:

Egal wie viel ein Unternehmen real "besitzt" und wie wertvoll seine Assets sind - wenn es diese Assets nicht zu Geld machen kann und wenn es keine Geldgeber findet und seine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann, ist es Pleite!

Peabody Energy und Linn Energy stehen vielleicht kurz davor, zumindest sieht das der Markt so. Freeport McMoran ist scheinbar noch etwas weiter davon entfernt, aber vielleicht auf dem Weg. Freeport braucht nun auch ganz schnell steigende Kupferpreise oder lukrative Verkäufe von Assets.

Und was passiert dann - insbesondere mit Aktionären - wenn ein Unternehmen "Pleite" ist?

Dafür gibt es ein landestypisches Insolvenzrecht, insofern machen Details hier keinen Sinn. Aber es gibt ein grobes Muster und das lautet:

(1) Die (alten) Aktionäre verlieren alles zu 100%. Ihre Aktien werden wertlos ausgebucht und noch schlimmer, nach Ansicht der deutschen Finanzverwaltung, kann man die Verluste noch nicht einmal steuerlich realisieren, weil ja technisch gesehen nichts "verkauft" wurde, sondern bis zum bitteren Ende gehalten wurde.

(2) Die Kreditgeber (Anleihengläubiger) bekommen je nach ihrem Status und ihren Vertragsbedingungen Teile zurück, sie werden also aus der "Insolvenzmasse" bedient.

So kurz und einfach ist die Realität.

Nun dürfte hoffentlich klar sein, warum den Markt ein "sensationeller" KBV von 0,06 bei Peabody Energy nicht mehr interessiert. Es ist eine wertlose Information, die Aktionäre werden trotzdem alles verlieren.

Deswegen fallen Aktien dann so gnadenlos, wenn die Sorge vor einer Insolvenz mal auf die Agenda kommt. Auch bei SunEdison (SUNE) konnnte wir das übrigens beobachten. Fundamentale Argumente zu den Assets und "Aussichten", sind dann schlicht dummes Gerede von Ahnungslosen. Pleite ist Pleite und die Aktie wertlos. Punkt.

Nun kommt es aber noch schlimmer. Denn diese Unternehmen wie Peabody Energy, haben ihre wertvollen Assets ja tatsächlich, die sind ja nicht gelogen, sie können halt dadurch nur die Insolvenz nicht verhindern.

Und das Insolvenzrecht der meisten Staaten hat wegen der Arbeitsplätze in der Regel eine "Fortführungspräferenz". Sprich, das Recht tut viel dafür, dass die Unternehmen unter neuem Mantel weitergeführt werden, damit die Arbeitsplätze und manchmal auch aus staatlicher Sicht strategischen Technologien nicht unter gehen. Das nennt man dann in Deutschland eine .

Und das funktioniert im Prinzip so, wie damals bei General Motors (GM), in dem eine Peabody II, eine Linn II und eine Freeport II gegründet werden, die aus der Insolvenzmasse Assets des alten Unternehmens übetragen bekommen oder zum Insolvenzpreis kaufen. Oft ist dabei auch ein Deal mit den alten Kreditgebern beteiligt, nach dem Motto: "Wollt Ihr Anteile an einem neuen Anlauf, oder wollte Ihr lieber alles zu Schrott gehen lassen". Meistens nimmt man dann lieber die Anteile.

Diese Freeport II ist rechtlich völlig von der alten Freeport getrennt. Aber viele der Grossaktionäre wie ein Carl Icahn, haben durchaus Chancen - je nachdem wie Ihre Verträge aussahen und wie sie sich abseits der reinen Aktien abgesichert haben - sich unter Verlusten in die neue Gesellschaft zu retten. So ist für diese Spieler zwar viel verloren, aber nicht alles und die Chance zur Wiedergutmachung ist da.

Nach einer Schamfrist geht die Freeport II dann auch wieder an die Börse (auch wie GM) und ein Aussenstehender, der nicht aufgepasst hat fragt sich: Waren die jemals weg, die machen doch immer noch das Gleiche? Selbst die Namensrechte der Produkte wurden doch übernommen!

Nur eine Gruppe steht mit Null da. Die alten Gesellschafter (Aktionäre) ohne besondere Absicherung und ohne Chance, an der neuen - typischerweise erst einmal nicht börsennotierten - Auffanggesellschaft mitzuwirken.

So ....

Jetzt hat Ihnen Lehrer Bömmel hoffentlich klar gemacht:
(1) Warum Aktien ins Bodenlose fallen, wenn die Insolvenz auch nur gedanklich ins Spiel kommt.
(2) Warum fundamentale Argumente wie Buchwert dann keinen Wert mehr haben.
(3) Warum man also - egal wie "solide" ein Unternehmen aussieht - immer raus muss, wenn sich so etwas in Bewegung setzt.
(4) Warum der Markt aktuell so nervös ist und warum immer weiter fallende Öl- und Rohstoff-Preise, zu einem ernsthaften Problem für die Märkte werden.

Ich hoffe es war ein wenig lehrreich für alle, denen diese Sachverhalte bisher nicht so klar waren.

Ihr Lehrer Bömmel (Hari)

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