Jetzt oder Nie!

Eine Frage liegt natürlich an den Märkten in der Luft, die Frage nach der Jahresendrally bzw als Alternative der großen Topbildung.

Wer mir hier schon länger seit 2012 folgt weiss, dass ich vorschnellen Crash-Propheten immer eine klare Absage erteilt habe, selbst hier im freien Bereich war das überdeutlich. Als wir Anfang 2016 korrigierten, habe ich eine grössere Baisse nicht ernsthaft in Erwägung gezogen und das als kaufbare Korrektur betrachtet. Als Trump vor 2 Jahren gewählt wurde, habe ich schnell die Rallychance darin gesehen. Und als diesen Februar die Märkte einknickten, habe ich auch das als kaufbare Korrektur betrachtet und die Chance im Rebound gesucht.

Eigentlich habe ich diesem Markt und den dahinter stehenden Treibern seit 2011 getraut. 2011 im Zuge der Eurokrise war das letzte Jahr, in dem ich ernsthafte Sorgen um den Markt hatte und etwaige Schwäche nicht als normale Korrektur betrachtet habe. Danach begann ja auch die Geld-Expansion der Notenbanken, es war also gar nicht so schwer diese bullische Haltung einzunehmen. Dass unzählige Crash-Propheten in all den Jahren trotzdem die Depots ihrer Jünger zerstört haben, beweist ja nur wie sinnlos und nur auf Klicks ausgerichtet, diese permanente Angstmache ist.

Als der US-Markt Anfang Oktober diesen Jahres erste Risse in der ruhigen Oberfläche zeigte, habe ich auch das gesehen und wir haben uns in der Community darauf vorbereitet. Es war schon Anfang September völlig klar, dass -> entweder das Eine fallen oder das Andere steigen muss <-. Und da die anderen Märkte eben nicht stiegen, mussten die US Märkte auch früher oder später fallen.

Dass die Oktober-Korrektur kam, war also erwartbar, genau genommen seit dem Sommer überfällig und hat sich sogar konkret in den Tagen Ende September / Anfang Oktober angekündigt. Zu dem Zeitpunkt war aber auch mein Modell das einer weiter kaufbaren, gesunden Korrektur, die dann zum Jahresende von Stärke abgelöst wird.

So bliebt das auch lange und das Marktverhalten passte. Wir hatten am 29.10. ein schönes Tief auf den Niveaus des Frühjahres und haben unter Volumen gedreht. Am 07.11. haben wir im Zuge der US-Zwischenwahl die Zwischenhochs von Mitte Oktober wieder erreicht und haben begonnen eine schöne Wendeformation zu bilden, die ich in Lila skizziert habe.

Bis dahin war eigentlich noch alles in Butter und das Modell der kaufbaren Korrektur dominant. Wenn die Bullen jetzt in den Ring steigen und kaufen würden, hätte man zum Jahresende weiter optimistisch sein können.

Haben Sie aber nicht. Definitiv nicht! Stattdessen gab es diverse sehr negative Tage, die nun zu einem vollen Retest der Tiefs vom 29.10. geführt haben. Gerade die letzte Woche war bezeichnend, die Thanksgiving-Woche hat eigentlich historisch einen hervorragenden Trackrecord für Stärke, was wir bekamen, war aber ein jämmerliches Abwärtsgebrösel, wie ich es in dieser Woche schon lange nicht mehr erlebt habe,

Das Ganze ging einher mit einer dramatischen Verschlechterung der Marktmechanik, die letzten 2 Wochen zeigten mehrere Tage mit echtem Bärenmarktverhalten, in denen jedweder Rallyversuch gnadenlos abgeschnitten wurde.

Gleichzeitig verschlechterten sich auch andere Indikatoren und einige Warnzeichen traten an die Oberfläche, nicht irgendwelche dubiosen "Omens", sondern ernst zu nehmende Indikatoren wie beispielsweise ein merkbarer Anstieg der Yields bei wackeligen Hochzinsanleihen.

Das waren alles Dinge, die man auf der "rechten Schulter" einer Wendeformation nicht sehen wollte und schon gar nicht in einer traditionell starken Marktphase kurz vor Weihnachten. Und es waren alles Dinge, denen keine großen Neuigkeiten gegenüber standen, vielmehr war durch die US-Wahlen gerade ein Unsicherheitsfaktor abgeräumt worden und selbst die FED hat vor ca. 10 Tagen leicht zu blinzeln begonnen.

Trotzdem konnte der Markt keine Stärke entwickeln. Das war bemerkenswert und völlig anders als in allen Korrekturen der letzten Jahre zuvor. Egal ob Flash Crash am 24.08.15, die Korrektur zum 2016er Jahresanfang oder der Brexit; Schwäche wurde gekauft, wenn der Markt irgendwann technisch überverkauft war. Die bullischen Kräfte waren immer dominant, in diesem November 2018 sind sie es nicht mehr und das darf man nicht übersehen!

Und wenn ein Markt nach langer Korrektur keinen Rebound zusammen bekommen kann - auch nicht an den Stellen, wo der Rebound normalerweise zuverlässig kommen würde - dann ist das ein sehr gefährlicher Markt geworden!

Das alles und viele Details, die ich in meinen vielen täglichen Artikeln bespreche, haben meine Sicht in den letzten 2 Wochen erheblich verdüstert. Auch das Sentiment ist immer noch viel zu gelassen, so richtig rechnet weiter niemand mit fortgesetzten Schmerzen.

Und so stehen wir nun am Anfang dieser Woche vor einem "Jetzt oder Nie" Moment. Entweder die Bullen steigen jetzt hier in den Ring und erzwingen den Doppelboden, oder weit grösseres Ungemach liegt vor uns!

Der Unterschied zwischen einer normalen 10% "Feld-Wald-und-Wiesen-Korrektur" und einem echten, mittelfristigen Bärenmarkt, dürfte sich in den kommenden Tagen entscheiden, optisch sichtbar gemacht, an der Frage eines Doppelbodens im S&P500 oder nicht.

Spätestens das nervös erwartete Treffen Trump-Xi beim G20 Gipfel am nächsten Wochenende, dürfte hier die Entscheidung herbeiführen. Wenn das ohne Konsens und im Streit zu Ende geht, werden die Ängste um den Handelskrieg und eine weltweite Rezession noch einmal erheblich nach oben schnellen und den S&P500 wohl von hier einbrechen lassen. Über das Risiko Italiens müssen wir dabei dann gar nicht reden.

Zum ersten Mal seit 2011 - nicht 2016 und nicht dieses Frühjahr, aber diesen Spätherbst 2018 - halte ich das Risiko, dass der Markt über eine normale Korrektur hinaus ernsthaft einbricht und wir auch aus langfristiger Investmentsicht in einen Bärenmarkt eintreten, für so signifikant, dass wir uns damit auseinandersetzen und davor schützen müssen. Es ist Zeit für die Bullen, jetzt oder nie!

Aber noch schlimmer als nur weitere Abgaben, der Markt wirkt so angeschlagen, dass wenn er markant durch die Tiefs von Oktober durchfallen würde, sogar eine abstrakte Crash-Gefahr existieren würde. Denn Crashs kommen nicht aus dem Nichts, wenn ein Markt gerade neue Hochs erklimmt, ist das Risiko praktisch Null. Crashs treten dann auf, wenn ein schwacher Markt schon fällt und in den freien Fall übergeht, weil unten die Sicherungen heraus fallen.

Also, wir haben ein relevantes Risiko eines Bärenmarktes vor uns, ein relevantes Risiko einer Topbildung in den US Indizes und ein kleines, aber nicht zu ignorierendes Risiko eines Crash im Sinne eines freien Fall.

Übrigens, falls Sie sich jetzt wundern, warum andere schon von einem Bärenmarkt reden und ich erst von dem Risiko, dass er beginnt - der Unterschied liegt im Zeithorizont. Aus Sicht eines Traders mit Fokus auf die nächsten Tage und maximal Wochen, sind wir definitiv schon in einem Bärenmarkt, der Abwärtsdruck dominiert seit Wochen klar. Aus Sicht eines Investors mit Zeithorizont Monate und Jahre eindeutig noch nicht, noch kann es eine ganz stinknormale 10% Korrektur sein, die bald dreht. Noch, aber die Uhr tickt.

Womit wir bei den Wahrscheinlichkeiten sind. Denn neben diesem bärischen Szenario mit ernst zu nehmenden Wahrscheinlichkeiten - sagen wir mal 30-40% um eine Größenordnung zu nennen - gibt es auch diverse andere Szenarien mit Relevanz.

So ist objektiv völlig klar, dass wenn sich Trump und Xi jetzt doch auf einen Frieden bei der Handelsthematik einigen würden, die den Markt nun stark belastet, wir eine schnelle und harte Rally von schnellen 10% nach oben sehen würden, in den Emerging Markets mehr. Die Frage ist nur, wie wahrscheinlich ist das?

Klar ist auch, dass wir im S&P500 vielleicht erst einmal alleine aus der überverkauften Marktmechanik heraus auf dem Niveau vom 29.10. drehen, einen Doppelboden generieren und dann doch noch ein leidlich starkes Jahresende folgt und erst in 2019 dann die Kombination von Handelskrieg, steigenden Zinsen und Unwuchten in der Eurozone, den Markt so richtig in die Knie zwingt. Das ist ein Szenario, das ich mir gut vorstellen kann, doch noch Stärke zum Jahresende, diese aber zu schwach und der Abschluß des Jahres mit einem niedrigeren Hoch. Und 2019 würde dann ala 2016 eher unangenehm beginnen.

All das wissen wir aber nicht und es sind einfach nur Szenarien mit sich beständig wandelnden Eintrittswahrscheinlichkeiten. Trotzdem ist die Feststellung wichtig, dass wir nun relevante und ernst zu nehmende Risiken im Markt haben. Risiken, die wir in dieser Ballung und Vehemenz seit 2011 nicht hatten.

Und dass der DAX oder die Emerging Markets schon ein gutes Stück gefallen sind, hilft dabei wenig. Denn sollten die US Märkte nun endgültig wegkippen, werden diese "Sekundär-Märkte" noch viel tiefer herunter gezogen.

Wie geht man als Anleger damit um?

Es ist recht einfach. Man kann immer noch auf ein starkes Jahresende hoffen, man kann immer noch den Bullen eine Chance geben und man kann immer noch mit Optimismus in die Zukunft schauen.

Klar sein muss dann aber auch, dass man ganz konsequent und hart die Risiken begrenzt, falls der Markt hier die Reise nach unten antritt. Wir müssen das Beste hoffen und uns auf das Schlimmste vorbereiten.

Sehen Sie es mal so. Wir haben "Dank" der Notenbanken als Anleger lange in einem "Goldilock-Szenario" ohne große Risiken gelebt und kluge Anleger haben sich von den Jüngern des Nostradamus nicht verunsichern lassen und daraus das Beste herausgeholt.

Jetzt sind wir in eine neue Phase mit deutlich höheren Risiken und mehr Volatilität eingetreten. Wir tun gut daran, uns damit zu arrangieren und nicht nur zu hoffen, dass sich das bald wieder ändert.

Und wir tun gut daran, uns mit der dominanten Marktrichtung zu arrangieren und die Gegenrichtung nur dann zu verfolgen, wenn uns der Markt etwas anderes beweist. Über Jahre war das die Aufwärtsrichtung, denn wer glaubte klüger als der Markt zu sein und sich dagegen stellen zu müssen, wurde schlicht "plattgewalzt".

Wenn wir von hier aber nun durchfallen, ist die dominante mittelfristige Marktrichtung eindeutig abwärts und auch damit sollten wir uns dann arrangieren und auch dort nicht dagegen stellen. Denn Bären walzen zwar nicht platt, sie zerfetzen mit ihren Krallen aber diejenigen, die sich gegen den Markt stellen wollen.

Und wer nun glaubt, dass dieser Markt ja schon "weit genug" gefallen sei und nun steigen "muss", für den habe ich ein ganz anderes langfristiges Chart des S&P500, denn der Markt "muss" gar nichts.

Das Chart hilft uns nicht dabei, wie es in den kommenden Monaten weitergeht, es zeigt aber drei wesentliche Dinge:

Erstens, wie attraktiv das Investment im Aktienmarkt ist, in dem jeden Tag die Zukunft verhandelt wird. Und wer darauf verzichtet, schädigt sich nur selber.

Zweitens aber, dass nichts eine noch tiefere Korrektur verhindert - genau genommen, wäre sie sogar mal wieder fällig.

Und drittens, dass wir in langfristiger Sicht noch in keinem Bärenmarkt sind, aber das kann noch werden.

Das ist die Lage. Den Kopf als Anleger in den Sand zu stecken, ist aber auch keine Lösung, schon gar nicht an so einer "Jetzt oder Nie" Wegscheide, wie wir sie nun haben. Auch diese Phase bietet Chancen und irgendwo ist immer ein Bullenmarkt. Aber die Zeit des "Buy The F***ing Dip" (BTFD), die Zeit des einfachen Zugreifens, ist wohl vorbei.

Und übrigens, wenn Sie mal wissen wollen, wie so eine richtig große Baisse abläuft und wie sich das dann für Anleger emotional anfühlt, dann lesen Sie das mal von vor einem Jahr:

Die Bären sind zurück und nach Jahren wieder ernst zu nehmen. Und wenn die Bullen grösseres Ungemach abwenden wollen, müssen sie *jetzt* in den Ring steigen. Wie sagte der Terminator noch einmal? Es war: I´ll be back! 😉

Ihr Michael Schulte (Hari)

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