Hari´s Märkte am Abend – 07.05.12 – Eurokrise, die unendliche Geschichte

22 Uhr - Handelsschluss

Während der Wahlausgang in Frankreich wohl in den Kursen verarbeitet war, dürfte das Ergebnis in Griechenland zur Schwäche im frühen Handel beigetragen haben. Denn das Ergebnis impliziert politisches Chaos und damit erneute Turbulenzen.

Zur Eröffnung schaute der DAX kurz unter 6400, bevor dann ganz ruhig gekauft wurde und der Markt schon am Nachmittag wieder bei 6550 oder Plus/Minus Null gegenüber Freitag stand. Von Panik war bei dieser Bewegung keine Spur, die Ruhe mit der der Markt hoch robbte war beeindruckend. Das ist ein positives Signal und zeigt die Stärke der Zone oberhalb DAX 6400, in der offensichtlich konsistentes Kaufinteresse in dem Markt kommt. Auch der S&P500 hat die 1370 zurück erobert und nahezu unverändert gegenüber Freitag geschlossen.

Damit etabliert sich genau das Setup, dass ich am Freitag beschrieben habe und wir haben gute Chancen, dass wir Morgen und auch den Rest der Woche eine weitere Stabilisierung bekommen. Abgesehen davon, kann ich mir nicht vorstellen, dass "Big Money" es zulässt, dass der Facebook Börsengang versaut wird, der Mitte Mai stattfinden soll. Insofern bin ich nun kurzfristig verhalten optimistisch.

Schaut man darüber hinaus, sehe ich zwei gegenläufige Faktoren. Für die Konjunktur in den USA und in China bin ich in den nächsten Wochen weiter eher positiv gestimmt. Ein extremer Absturz an den Börsen würde mich in diesem Zeitraum schon überraschen. In der Eurozone dürfte es aber nach meiner Erwartung nach einer kurzen Phase der Beruhigung weiter rumpeln. Nämlich genau dann, wenn sich die neuen politischen Mehrheiten zu konkreter Politik formieren müssen. Wenn also Hollande seine ersten Planungen und Aussagen als Staatschef konkretisiert und in Griechenland die chaotische Regierungsbildung im Gange ist. In beiden Fällen dürfte der Markt sehr kritisch auf die Aussagen schauen und mögliches Fehlverhalten mit sofortigen Verwerfungen an den Anleihemärkten strafen, denen sich dann wiederum der DAX kaum entziehen kann.

Die Börsenwetterlage in Europa dürfte also wechselhaft bleiben. Insofern werde ich eine mögliche Beruhigung und leichte Stärke weiter nutzen, um mich von der Eurozone im Depot weiter abzukapseln und in den kommenden Wochen eher auf die beiden grossen Volkswirtschaften USA und China (Plus Süd-Ost Asien) setzen. Das erlaubt durchaus auch europäische Aktien zu kaufen, aber nur solche, die ihr Geschäft zu einem hohen Prozentsatz ausserhalb der Eurozone machen.

Im Herbst, zur US Präsidentenwahl, dürfte dann ein grosses Problem auf den Radar des Marktes kommen. Das Budget der USA. Sie erinnern sich doch sicher an letzten August, oder ? Der gefundene Kompromiss sollte die Administration eigentlich bis 2013 durchfinanzieren. Nur könnte es nun sein, dass aufgrund stärkerer Ausgaben das Limit möglicherweise schon im Herbst, vor den Wahlen, erreicht wird. Was das mitten im Wahlkampf bedeuten würde, mag sich jeder selber ausmalen, zumal eine fehlende Einigung automatische Budget-Cuts im dreistelligen Milliardenvolumen in Gang setzen, die die noch schwächliche Konjunktur kaum verkraften dürfte. Aber bis dahin haben wir noch Zeit und sollten uns zunächst mit den naheliegenden Hürden in Europa beschäftigen. Ab August dürfte das Thema aber auf den Radar des Marktes kommen.

Noch ein paar Zeilen zu Griechenland - ich habe es hier schon vor Monaten geschrieben, Griechenland ist für mich persönlich ein "Failed State", der eigentlich unter Kuratel gehört, weil er nicht mehr für sich selber sorgen kann. Nur unter externer Kuratel hätte man auch die Chance, den gigantischen Verwaltungsfilz zu bereinigen und einen Neuanfang zu wagen. Denn Griechenlands Kernproblem ist nach allem was man liest und hört das Fehlen funktionierender staatlicher Strukturen, eine "Filzokratie", für die die beiden grossen Regierungsparteien der letzten Jahrzehnte wohl einige Verantwortung tragen.

Mit derart nicht vorhandener Verwaltung, kann man dann beschliessen oder wählen was man will, es wird sowieso nicht umgesetzt und fröhlich weiter unter dem Tisch herum gereicht.

Nur ist es leider völlig unrealistisch Griechenland unter Kuratel zu stellen, da würden dann gleich "Besatzungsreflexe" geweckt, in Griechenland sowieso, das da besonders empfindlich ist. Dabei ist das richtige Bild nicht das von "Besatzern", sondern eher das von wohlmeinenden aber strengen Eltern, die für ihr unmündiges Kind auch manchmal harte Entscheidungen treffen müssen, wenn sich das Kind selber nicht mehr helfen kann. Aber das wird sowieso nicht passieren, schon alleine weil nach meiner Einschätzung die bisher profitierende "Nomenklatura" Griechenlands auf der Klaviatur der "Besatzungsreflexe" spielen und so jede echte Hilfe von aussen mit Leichtigkeit sabotieren wird. Und deshalb dürfte das Chaos in Griechenland traurigerweise seinen Lauf nehmen.

So verrückt und unschön sich das anhört, aber für Europa wäre es in meinen Augen wohl am besten, wenn sich nun schnell radikale Europa-kritische Parteien durchsetzen würden. Denn ein Griechenland im Euro und in der EU macht viel mehr Ärger als eines draussen. Das Chaos im Land dürfte nach meiner traurigen Erwartung so oder so nicht mehr aufzuhalten sein, die Frage ist nur wie stark der Rest Europas in Mitleidenschaft gezogen wird.

Was auch immer passiert, die Eurokrise wird noch viele Aufwallungen und temporäre Beruhigungen erfahren, bis dann entweder das Wunder passiert und sich die Lage nachhaltig beruhigt, oder - das für mich wahrscheinlichere Szenario - die Euro-Zone in der jetzigen Form auseinander fliegt.

Die Euro-Krise bleibt also traurigerweise eine "Unendliche Geschichte". Dauerhaft ruhiges Fahrwasser ist in Europa bis auf weiteres nicht in Sicht, da sollte man sich wohl keinen Illusionen hingeben.

Positiv war heute erneut die relative Stärke des europäischen Bankensektors zu werten. Der Bereich, von dem man eigentlich annehmen sollte, dass er am stärksten unter der Sorge um den Euro leidet, zeigte sich heute wie schon letzten Freitag von seiner positiven Seite. Auslöser waren wohl Meldungen, nach denen Ministerpräsident Rajoy einzelne spanische Banken notfalls mit Steuergeldern retten will.

Eigentlich wieder ein abstruses Szenario, der eine Pleitier zieht den anderen an Haaren aus dem Sumpf - mit welchem Geld fragt man sich da doch ? Aber seit Geld noch nicht einmal mehr gedruckt werden muss, sondern im Multi-Milliarden-Volumen in den Computern der Zentralbanken per Knopfdruck aus dem Nichts erzeugt und an die Banken verteilt werden kann, ist diese naive Frage eigentlich auch obsolet. Die Alchemisten des Mittelalters würden auf jeden Fall staunen, was in den Giftküchen der Neuzeit so alles möglich ist. Blei in Gold verwandeln ist total out, wir können auch Luft in Geld verwandeln 😉

Aber egal, in Anbetracht der völlig überverkauften Lage stiegen Titel wie Unicredit (WKN A1JRZM) oder Banco Santander (WKN 858872) um 5% ins Plus ! In diesem Zusammenhang macht ein erneuter Blick auf den voll replizierenden ETF iShares Euro Stoxx Banks (WKN 628930) Sinn, in dem viele dieser Aktien enthalten sind. Es ist noch deutlich zu früh hier die Wende auszurufen, aber wir notieren oberhalb der mehrfachen Tiefs von September und November 2011 und diese scheinen wieder zu halten.

Erinnern wir uns, dass der europäische Bankensektor noch vor den breiten Märkten schon Mitte März abgetaucht war. Möglicherweise könnte eine Wende erneut ein frühzeitiges Signal sein, dass der Eurokrise kurzfristig eher wieder eine temporäre Entspannung bevor steht. Auf jeden Fall werden ich diesen Kursverlauf sehr intensiv beobachten, denn er sagt viel über den Stress im europäischen Bankensystem aus !

Sehr stark war heute Jungheinrich (WKN 621993) mit 4% Plus. Und das nicht nur heute, sondern schon in den ganzen April zeigte die Aktie relative Stärke und scheint nun aus einer seit Februar andauernden Seitwärtsbewegung nach oben zu wollen. Am 10.05.12 sollen die Quartalszahlen kommen und schenkt man dem Markt Glauben, "riecht" der scheinbar schon gute Zahlen. Auch fundamental ist Jungheinrich für mich ein attraktiv bewerteter, finanziell solider Maschinenbauer. Wenn es für mich einen Minuspunkt gibt, dann den, dass ein hoher Umsatzanteil in die europäische Union geht, was bei einer Verschärfung der Euro-Krise den Auftragseingang sicher treffen würde.

Der folgende Chart bildet den Kursverlauf von Jungheinrich in den letzten 12 Monate ab und sendet Signale, dass ein Ausbruch aus der Range durchaus denkbar ist, der sich bei einem Kurs von ca. 27€ vollenden würde. Ich denke es macht trotzdem Sinn, erst die Zahlen am 10.05.12 abzuwarten.

Achja und Rheinmetall (WKN 703000). Warum der Titel trotz der sich konkretisierenden Pläne des Börsengangs von Kolbenschmidt-Pierburg heute über Tag zu den schwächsten Aktien gehörte und am Anfang und zum offiziellen Handelsschluss um 17.30 Uhr sogar unter 38€ schaute, war auch mir ein Rätsel. Besonders witzig, nachdem um 18 Uhr dann die Meldung kam, dass nun auch Vorstand und Aufsichtsrat dem Börsengang zugestimmt haben, ist die Aktie aktuell nachbörslich wieder bei fast 40€ und hat gegenüber den Kursen von 17.30 Uhr damit 5% in 2 Stunden gut gemacht ! Von Schwäche kann also keine Rede mehr sein.

Es ist fast nicht zu glauben, aber es scheint fast so, als ob der Markt in Anbetracht der Nachrichtenlage rund um Frankreich und Griechenland diesen Börsengang einfach übersehen hat und erst heute Abend aufgewacht ist. So ein Szenario ist extrem selten, aber nicht unmöglich, wenn grosse Makro-Risiken über dem Markt schweben, die zum Tunnelblick führen. Denn um Rheinmetall richtig zu bewegen braucht es "Big Money" und zwar amerikanisches Big-Money wie wir erst Freitag wieder gelernt haben, die paar Privatanleger reichen dafür nicht aus. Trotzdem kann ich das Szenario des "Übersehens" immer noch nicht so recht glauben, denn es ist schon sehr unwahrscheinlich, Mr. Market übersieht höchst selten.

Die alternative Erklärung, das der Markt einfach die Bestätigung abwarten wollte, obwohl er das Thema schon wahrgenommen hat, halte ich dagegen für noch unwahrscheinlicher. Es wäre das erste Mal in meiner Karriere, dass Mr. Market eine Bestätigung abwartet um los zu laufen. Er läuft 100% zuverlässig immer schon beim Gerücht los - falls er das Gerücht wahrnimmt. Logisch wäre für mich eher, wenn sich hier grosses Geld den Kurs zurecht gelegt hat, um noch günstig einzusteigen. Letzeres Szenario würde sich eher mit meinen Erfahrungen der Vergangenheit decken.

Aber wie auch immer, unabhängig von dieser verrückten Bewegung am heutigen Tag ist Rheinmetall für mich sowieso nie eine Trading-Position gewesen und meine Sicht ist unverändert. Ich finde die Aktie mittel- und langfristig attraktiv und krisenfest und die aktuelle Bewertung voller Chancen. Wahrscheinlich um den 15.05. kommt dann auch die Dividende zur Auszahlung, die vorraussichtlich um 5% Rendite bringen wird. Angenommen die Aktie bliebe bis dahin unverändert, würde Rheinmetall dann erneut unter 40€ notieren, ein Kurs der nach meiner Überzeugung weit mehr Chancen als Risiken bietet.

Ich wünsche Ihnen einen schöne Abend !

Ihr Hari

7 Gedanken zu “Hari´s Märkte am Abend – 07.05.12 – Eurokrise, die unendliche Geschichte

  1. Ja, die Griechen dürften wohl in Kürze noch mal wählen. Denn so wird das nix. Man ist jetzt, bildlich gesprochen, im Jahr 1930 angekommen…Der Vergleich ist durchaus nicht abwegig. Immer dann, wenn dem Wahlvolk zuviel in zu kurzer Zeit abverlangt wird, kommt es zu “verrückten” Reaktionen. Neben ND und Pasok gibt es jetzt im Parlament Linkspopulisten, Rechtspopulisten, Kommunisten, Neonazis und demokratische Linke. So ähnlich war die Situation auch in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg, da sollten die Deutschen den Siegern Wiedergutmachungen zahlen, nur leider hatten sie das Geld nicht. Und nun sollen die Griechen in kurzer Zeit für Jahrzehnte der Mißwirtschaft bezahlen. Too little, too late…..Also politischer “Reset” mit erneuter Neuwahl im Juni. Man darf sich’s noch mal überlegen. Die Wut kann man ja menschlich irgendwo verstehen. Nur wenn die “neue” Neuwahl dann auch danebengeht, dann rückt der Abschied aus dem Euro allmählich näher….

    Bei Rheinmetall bin ich auch gespannt, ich hab sie, und werde sie so schnell nicht raushauen.

    Gute Nacht

    Tokay

  2. Noch ein Nachsatz zur Zukunft des Euro, ganz so skeptisch sehe ich das nicht. Denn bis zur Finanzkrise 2008 war die Welt in Euroland ja noch halbwegs in Ordnung….So ganz in Ordnung war sie auch damals nicht, aber so, daß man damit leben konnte. Damals ist doch deutsches Kapital nach Spanien geflossen. Die Spanier hatten ihre Staatsschulden im Griff, die Italiener und Portugiesen leidlich. Es wird wohl so kommen wie auch anderswo schon, der Bankensektor muß saniert werden, und dann wird die übrige Wirtschaft in den Südländern auch wieder irgendwann in Ordnung kommen. Es wird eben noch etwas Zeit brauchen. Ich darf auch daran erinnern, daß die deutschen Unternehmen zu Zeiten der New Economy ebenfalls hochverschuldet waren. Sie haben dieses Problem dann aber in der Folgezeit gelöst. Auch deswegen steht die deutsche Wirtschaft wieder so gut da.

  3. Unglaublich, dass der Handel für mehr als 1 Stunde ausgesetzt wird, aufgrund “technischer Pannen”. Darf so etwas auf diesem Niveau überhaupt passieren? Natürlich alles menschlich, aber wenn es um die Gewährleistung der Funktionsfähigkeit des Kapitalmarktes geht, sollte eine 0-Fehler-Toleranz doch vertretbar sein, oder gehe ich da zu hart ins Gericht?

  4. Hari, um nochmal auf die Sache mit dem Ego als größtem Feind des erfolgreichen Börsenhandels zurückzukommen:
    Du hattest mir gesagt, ich solle nochmal versuchen, mein Fehlverhalten, dass zur Teilabgabe der dicken Gewinne der letzten Monate geführt hatte, aufzubröseln.
    Natürlich ist das jetzt schon wieder etwas her, aber vielleicht gelingt es mir, das möglichst genau zu beschreiben.

    Die Talfahrt hat in etwa an dem Punkt begonnen, als ich meine kurzfristige Strategie in der starken Aufwärtsbewegung des Dax als voll aufgegangen angesehen hatte.
    Der Index war bei 7.000 Punkten angekommen und es war mein persönlicher nächster Schritt auf kurze Sicht, erst einmal Risiko herauszunehmen und eventuell zu günstigeren Kursen wieder einzusteigen.

    Genau das hatte ich zunächst auch gemacht. In der Folge blinzelte der Dax einmal kurz über die 7.000 (ich glaube ca. 7100), um dort den vorläufigen Höchststand zu markieren.
    An besagtem Abend hattest du in etwa gesagt, dass die Möglichkeit eines weiteren erbarmungslosen Anstiegs ohne Rücksetzer eindeutig besteht, und man gegebenenfalls reagieren müsse (Weg des maximalen Schmerzes). Die Formulierung eines möglichen Szenarios deinerseits (und du betontest noch, es sei lediglich „möglich“) hatte bei mir eine emotionale Reaktion ausgelöst, von der ich geglaubt hatte, mich ihrer durch Erfahrung und Lernfortschritt bereits entledigt zu haben. Ich fühlte eine Art Torschlusspanik – die Angst, weitere schnelle Kursgewinne zu verpassen. In der Folge bin ich natürlich wieder aufgesprungen und habe mich in eine Strömung geworfen, in der ich mich eigentlich nicht „wohl fühlte“. Warum fühlte ich mich nicht wohl?

    1. Mir persönlich widerstrebt es, Papiere zu höheren Kursen als des letzten Verkaufskurses wieder zurückzukaufen. Das mag in vielen Situationen vielleicht durchaus rational und logisch sein, aber ist ein solcher Schritt gerechtfertigt, wenn ich mich persönlich nicht so recht damit anfreunden kann?
    2. Ich hatte mir eindeutig auf kurze Sicht das Ziel gesetzt, bei der runden Marke von 7.000 auszusteigen und auf Gewinnmitnahmen zu spekulieren. Dadurch, dass ich keinen eindeutigen Schub über 7.000 abgewartet hatte, der ein solches Szenario negiert hätte, habe ich bewusst (mal wieder) meinen eigenen „Masterplan“ verraten (der im Übrigen sogar aufgegangen wäre).
    3. Es hatte sich eine Gier in mir breit gemacht. Ich wollte hohe Gewinne und zwar sofort. Die schöne Zeit des schnellen Anstiegs hatte mich ungeduldig und hungrig nach höherem Depotwert gemacht. Natürlich ist Gier ein ganz mieser Begleiter an der Börse und obwohl mir vermutlich zumindest im Unterbewusstsein klar war, dass ich gerade eine Raffzahn-Reaktion an der Börse umsetze, war es natürlich bequemer, dieses Warnsignal einfach zu ignorieren.
    Es kam also, was kommen musste. Ich feuerte meine komplette Liquidität in prozyklische Werte, mit denen ich mich bereits in der Vergangenheit etwas auseinandergesetzt hatte, und hatte die Möglichkeit eines Rücksetzers und der daraus resultierenden Chancen und Gefahren gar nicht mehr auf meinem geistigen Monitor. Außerdem befand ich mich in der Klausurphase für mein Studium, also in einer Zeit, die vernünftigen Wertpapierhandel in einem derart kurzen Zeitfenster per sé schon einmal nicht zulässt. Haris Empfehlung, bei vollem Terminkalender den Handel liegen zu lassen, musste ich für die Vervollständigung meiner Idiotie natürlich auch abstempeln. Der Glaube, aufgrund eines einzelnen großen Erfolgserlebnisses hätte ich die Börsenweisheit jetzt mit großen Schöpfkellen gefressen, ist typisch für mein Ego. Meine Arroganz habe ich mit mehr als 18% Depotperformance bezahlt.
    Ich bin jetzt immerhin 4 Jahre dabei. Das ist im Vergleich zu Anderen nur ein Moment, man könnte aber glauben eine gewisse analytische Herangehensweise müsse nun erkennbar sein. Wenn ich aber konkret darüber nachdenke, mit welcher Geschwindigkeit und ohne Vorwarnung sich eine Zockermentalität in mir breit machte, dann frage ich mich, ob es für mich überhaupt jemals möglich ist, die nötige Abgeklärtheit zu entwickeln, um in diesem Geschäft konstant erfolgreich zu sein.
    Was habe ich für mich aus dieser kostspieligen Erfahrung jetzt mitgenommen?
    1. „If you developed a plan, stick to it until you are proven wrong“. Ich glaube, der Satz stand mal im Kirk Report. Wenn man seinen Plan plötzlich aufgrund von Kursbewegungen abändert (gerade als Anfänger), ist das vermutlich nicht selten eine ganz miese und nicht auf analytischem Kalkül beruhende Entscheidung.
    2. Ich lasse vorzugsweise eine gute Chance liegen, als kurze Zeit später die Scherben aufzusammeln. Die Börse spuckt ständig Chancen aus und wenn meine innere oder äußere Situation die Aktivität nicht erlaubt, konserviere ich lieber mein Kapital. Von dem Gedanken, dass diese Chance vor mir die letzte für eine lange Zeit sein wird, muss ich mich endlich lösen.
    3. Emotionen sind mein ständiger Begleiter an der Börse und wenn ich es nicht schaffe, mich von ihnen zu trennen, sodass sie mir nicht mehr gefährlich werden können, muss ich Wege finden, ihr Risikopotential für mein Depot zu minimieren.
    4. Ich darf mich nicht der Versuchung hingeben, nur Signale zu verarbeiten, die meine bereits ausgeführte Handlung rechtfertigen und alle Argumente, die gegen ein weiteres Engagement sprechen, auszublenden.
    5. Ich muss lernen, dass der Markt mir sagt, was Sache ist aber nicht umgekehrt. WENN meine Strategie vom Markt widerlegt wird, DANN muss ich mich auch von ihr trennen und mich mit den roten Zahlen auseinandersetzen, anstatt mich selbst mit Hoffnungen aufzublähen.
    6. „Risiko entsteht dann, wenn Anleger nicht wissen, was sie tun.“ – Warren Buffett

  5. Ramsi, ich finde die Punkte so gut und so treffend, dass ich gerne daraus einen Gastkommentar (Artikel) machen würde. Titel wäre “Wie mir mein Ego mal wieder im Weg stand”.

    Einverstanden ?

    Zur Sache kann ich nur sagen: Du triffst mit Deinen 6 Punkten den Nagel auf den Kopf und bist damit in Deiner Erkenntnis viel weiter, als die grosse Mehrheit der privaten Anleger. Die Mehrheit weiss gar nicht wo ihr Problem liegt, Du weisst es !

    Und Du erkennst, dass es viel leichter ist, solche Erkenntnisse zu haben, als sich auch konsequent danach zu richten. Genau da liegt der Hund begraben, wenn es um Börsenerfolg geht.

    Eine Patentlösung dafür gibt es nicht, die kannst nur Du selber finden, denn jeder funktioniert anders. Du selber musst herausfinden, mit welchen Regeln, Tricks, Knoten im Taschentuch etc Du Deine Emotionen in geordnete Bahnen lenken kannst.

    Und denke daran, was ich schon mehrfach schrieb. Versuch nicht Deine Emotionen zu unterdrücken – das geht nicht und macht auch keinen Sinn. Sei Dir Deiner Emotionen bewusst, denn sie sagen Dir eine Menge über den Markt, aber handele nicht danach – das ist der entscheidende Punkt !

  6. Hallo Hari,

    das scheint ein guter Weg zu sein. Langfristig diszipliniert und kalkuliert handeln, ohne Emotionen freien Lauf zu lassen, ist viel anstrengender und zehrender, als es für einen Außenstehenden klingen mag. Dass dir der Kommentar gut gefällt, freut mich sehr und noch mehr, dass es für einen Artikel reicht. Schön, dass ich auch mal was zum Blog beitragen konnte.

  7. Es geht auch gar nicht Ramsi. Wir sind alle Menschen und die Emotionen sind nichts Schlechtes sondern sind Teil von uns. Ohne sie wären wir keine Menschen und hätten keine Empathie.

    “Emotionslos handeln” ist Unfug, das gibt es nicht, ausser bei Robotern. Man kann Emotionen unterdrücken – ja – aber dann kommen sie an anderer, ungewollter Stelle mit Macht wieder oder noch schlimmer, sie beeinflussen unterschwellig das Handeln. Unterdrücken ist keine Lösung, das macht nur Zombies aus uns. Bewusst damit umgehen und sich nicht zum Sklaven derselben machen, das ist die schwierige, aber lösbare Aufgabe !

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