Frühlingsgedanken: DAX, Geldanlage, Schach, Gerhard Schröder und die Eurokrise

Frühlingsgedanken: Betrachtung zum aktuellen DAX, zu Geldanlage, Schach, Gerhard Schröder und der Eurokrise
Ein Gastkommentar von Tokay

Heute ein paar Gedanken, die mich diese Woche beschäftigt haben. Fangen wir an mit einer DAX-Betrachtung. Am Mittwoch ging es deutlich nach oben und es sieht ganz danach aus, als sei damit die seit Jahresbeginn laufende Seitwärtskonsolidierung beendet worden. Eine Reihe von DAX-Unternehmen brachten gute Ergebnismeldungen, die vom Markt honoriert wurden. Auch Draghi wusste am Donnerstag anlässlich der EZB-Sitzung die Märkte zu beruhigen.

Wie kann man zu diesen Schluss kommen? Schauen wir uns dazu die nachfolgende Grafik an. Wir hatten seit November 2012 die Aufwärtsbewegung ABC laufen. Diese Aufwärtsbewegung wurde im Januar bei Punkt C invalidiert und ging in die Seitwärtsbewegung DEF über.

DAX Entwicklung 12.10.12 bis 07.03.13

Um abzuschätzen, wie die langfristige Marktdynamik sich zuletzt verhalten hat, ermitteln wir den 200-Tage.Durchschnitt und verschieben diese Linie entlang der Obergrenze der Kursentwicklung der letzten Monate. Man erkennt, dass diese Aufwärtsverschiebung den Kursindex an zwei Punkten touchiert. Die Seitwärtskonsolidierung ist am Mittwoch an Punkt F durchbrochen worden. Dies ist ein erstes Signal. Sollte auch die Aufwärtsverschiebung des gleitenden 200-Tage-Durchschnitts durchbrochen werden, dann haben wir es mit großer Wahrscheinlichkeit mit einer Wiederaufnahme der Hausse bzw. der Fortsetzung von „The Great Rotation“ zu tun.

Es wird nun davon abhängen, ob die historischen Höchststände aus 2000 respektive aus 2007 nachhaltig werden durchbrochen werden können. Dieses Szenario würde aber seinerseits invalide werden, sollte die Marke von 7.550 Punkten nachhaltig unterschritten werden.

Anderes Thema: Geldanlage und Schach. Auf den ersten Blick sind dies zwei Gebiete, die nicht viel miteinander zu tun haben scheinen. Beim Schach sitzen zwei Spieler vor dem Brett und versuchen sich gegenseitig matt zu setzen. Bei der Geldanlage erwirbt man Wertpapiere in der Hoffnung oder Erwartung, dass ihr Wert steigen möge. Es muss zwangsläufig jemanden geben, der einem das Wertpapier in der gegenteiligen Erwartung verkauft. Insofern könnte man auch die Geldanlage als ein Spiel bezeichnen.

Wie versucht man beim Schach, den gegnerischen König matt zu setzen? In dem man versucht, seine Spielsteine so zu platzieren, dass diese eine maximale Wirkungskraft entfalten. Dies bewerkstelligt man etwa durch offene Linien, durch günstige Positionen für Springer und Läufer, durch günstige Bauernstrukturen und durch vieles andere. Man kann dies Strategie nennen. Häufig aber ist eine gute Strategie noch keine hinreichende Voraussetzung für den Erfolg.Es kommt noch etwas hinzu, nämlich die Taktik. Taktik beim Schach besteht aus konkret berechneten Zugabfolgen(Kombinationen), bei denen zumeist gewisse Schwächen in der gegnerischen Stellung zum eigenen Vorteil genutzt werden können. Sehr häufig ist dies mit der Hergabe von Material, also mit Opfern verbunden. Zahlreiche brillante Partien basieren auf solchen Kombinationen. Einige aufmerksame Leute haben ausgerechnet, dass heutzutage etwa achtzig Prozent aller Partien durch taktische Schläge entschieden werden.

Wie ist nun die Analogie zur Geldanlage? Die „Spielsteine“ bei der Geldanlage sind die Anlagetitel. Man sucht diese so aus, dass diese eine maximale Wirkung entfalten. Sie müssen auch gut zueinander passen. Zum Beispiel wäre es im Sinne der Risikostreuung nicht sinnvoll, Papiere aus nur einer Branche zu kaufen. Die Strategie sollte flexibel sein, um auf Änderungen reagieren zu können. Die Papiere müssen bestimmte Voraussetzungen mitbringen, z.B. dürfen die Gesellschaften nicht überschuldet sein, sie müssen gute Wachstumsperspektiven haben, sie sollte möglichst überproportional von einem Zuwachs des Gesamtmarktes profitieren. Es gibt ganz sicherlich noch viel mehr solcher Kriterien. Doch ganz gleich, welche Kriterien man verwendet, auch hier ist die Taktik das, was am Ende den Ausschlag gibt: Nämlich, wann man was kauft und verkauft und zu welchem Preis. Die beste Strategie hilft nichts, wenn die Anlagetaktik fehlerhaft ist.

Auch das Opfer findet hier seine Analogie. Für das Opfer kommt besonders eine Figur in Betracht, die andere Kräfte bindet. Das ist für den Anleger oftmals ein Papier, das stetig fällt und nicht auf die Beine kommen will. Wer den Mut findet, seine Verluste abzukürzen, der wird feststellen, dass auf diese Weise Kräfte frei werden und seine Position bzw. sein Portfolio langfristig an Stärke zu gewinnen in der Lage ist, auch wenn erst einmal ein Verlust eingetreten sein mag.Und wie beim Schach gibt es bei der Geldanlage die erfahrenen „Meister“ die im Kursverlauf Muster sehen, die die Masse der Anleger nicht sieht, und aus diesem Erfahrungsvorsprung einen Vorteil erzielen können. Ein Schach-„Meister“ sieht Stellungsmuster und vermag diese korrekt zu bewerten. Mit dieser Erfahrung kommt man nicht auf die Welt; aber man kann sie sich beim Schach durch das Spielen von Partien bzw. bei der Geldanlage durch Anlagepraxis aneignen.

Wieder anderes Thema: Die Agenda 2010 hat demnächst Geburtstag. Altbundeskanzler Gerhard Schröder hat aus diesem Anlass in der vergangenen Woche in der Alten Oper in Frankfurt eine Rede gehalten. Dabei ging es zwangsläufig auch um das Thema Eurokrise. Ich finde, er hat dabei einige sehr wesentliche und grundlegend richtigen Dinge herausgestellt:

  • Die Agenda 2010 war richtig. Sie trug maßgeblich dazu bei, die in Deutschland nach der Wiedervereinigung sehr hohe Sockelarbeitslosigkeit zu reduzieren. In ähnlicher Weise müssten die Peripherieländer ran an ihre Arbeitsmärkte. Die sind ziemlich abgeschottet. Es ist schwer, jemanden loszuwerden. So erfreulich das für diejenigen ist, die eine Stelle haben, so unerfreulich ist es für diejenigen, die keine haben. Das sind unter den jungen Leuten erschreckend viele. Da tickt eine Zeitbombe – wenn sich da nichts tut, kann das noch sehr schwerwiegende Folgen haben.
  • Die Erfolge der Agendapolitik kamen nicht sofort. Das dauerte ein paar Jahre. Reformen sind gut und richtig – solange die anderen davon betroffen sind. Ist man selber betroffen, versucht man natürlich, die Reformen zu verhindern. Auch das ist in den südeuropäischen Ländern zu beobachten.
  • Das Konjunkturprogramm 2008/2009 war richtig. In ähnlicher Weise bräuchten die Peripherieländer Wachstumsprogramme. Mit der Austeritätspolitik wird alles kaputt gespart. Deswegen hat Monti die Wahl verloren. Deswegen hat Grillo sie gewonnen. Die Ausfälle aus der privaten Nachfrage müssten durch staatliche Nachfrage kompensiert werden, Tun sie aber nicht. Man bräuchte also Strukturreformen und fiskalische Expansion. Praktiziert wird das genaue Gegenteil.
  • Zu beobachten ist, dass die Austeritätspolitik zu hart ist. Es wird in zu kurzer Zeit zu viel gespart. Das werden die Italiener, Spanier, Griechen und Portugiesen auf die Dauer nicht durchhalten.Und weil die Erfolge nicht sofort kommen, wird der innere Frieden in diesen Ländern aufs äußerste belastet werden. Man sollte diesen Ländern mehr Zeit geben, sonst wird dort die Demokratie vor die Hunde gehen. Und dies wird großes Leid verursachen.

Die kommenden Jahre werden daher entscheidende Jahre werden. Man wird sich an die Rede von Gerhard Schröder erinnern. Es liegt vieles darin. Möglicherweise die bittere Wahrheit, die Realität werden wird. Wir wissen es nicht, wir wollen es nicht hoffen.

Tokay

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

5 Gedanken zu “Frühlingsgedanken: DAX, Geldanlage, Schach, Gerhard Schröder und die Eurokrise

  1. @Tokay: Hast Du eine Meinung zur Immobilienblase in China? Ich habe die Befürchtung, dass ein Platzen ähnlich katastrophal enden wird wie damals in den USA. Von einigen Stellen wird aber argumentiert, dass es nicht zum Platzen kommt, da die chinesische Regierung interveniert.
    Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die Immobilienblase in Vietnam geplatzt ist. Praktisch alle Personen in meinem vietnamesischen Bekanntenkreis haben Grundstücke vor Jahren gekauft und sitzen jetzt auf Riesenverluste. Es wird erwartet, dass die Preise weiter fallen werden, weshalb sich keiner traut neue Grundstücke zu wesentlich günstiegeren Preisen zu erwerben.
    Ein interessanter Bericht über die Lage in Vietnam, könnte sich auch in China so abspielen?

  2. @crunchyroll: Das ist absolut ein Problem, denn es gibt ja nicht nur die expansive Geldpolitik auch in China, sondern auch das Phänomen der zunehmenden Verstädterung: Immer mehr Chinesen ziehen in die Städte. Dort passiert etwas sehr ähnliches wie bei uns Ende des 19. Jahrhunderts. Regierung und Notenbank müssten hier eigentlich bremsen, können es aber nicht, da in diesem Fall die Gefahr einer scharfen Rezession bestünde – übrigens mit gravierenden Auswirkungen auch auf die Weltwirtschaft. Hier dürfte größte Wachsamkeit angeraten sein.

  3. Eine Immobilienkrise in China hätte in der Tat weltweite Auswirkungen, jedoch noch groessere im eigenen Land und dessen Regierung. Somit versucht man die Preise auf einem hohen Niveau einzufrieren, bei dem die Familie, nicht nur der einzelne, Normalbürger heute schon heute für eine ganze Generation verschulden. Da es aber zumeist nur einen Sohn gibt, und Wohneigentum immer noch als Voraussetzung einer Ehe gilt, ist die Familie dazu bereit. Als Konsequenz ist in den Megastaedten wie Shanghai, wo ich seit 8 Jahren lebe, nun oft nicht mehr ein Junge, sondern ein Mädchen das Wunschkind.
    Die chinesische Regierung hat immer noch viele Stellschrauben und die Kraft sie zu drehen. Hier wirken nicht nur Gesetze und Zinspolitik, sondern auch direkte Einflussnahme auf die grossen Player am Markt, die oft halb-staatlich sind. Anderen wird sogar stark empfohlen von Preissenkungen abzusehen, was meist nicht notwendig ist, da die Kaufverträge oft eine Kaufpreisgarantie enthalten. Dies heißt dass die Entwicklungsgesellschaft garantiert, innerhalb der Wohnanlage keine folgende Wohnung zu einem geringeren Kaufpreis als der bezahlte abzugeben.
    Doch auch in meiner Nachbarschaft befindet sich ein neu gebauter Luxus-Compound seit gut einem Jahr in einem fast-fertiggestelltem Zustand und nur einzelne Wohnblöcke sind am Markt und scheinen fast unverkäuflich. Ich sehe derzeit, das der soziale Wohnungsbau weiter gestärkt werden wird und man versucht das hohe Preisniveau der Wohnungen für Normalbürger zu stabilisieren. Es kann aber durchaus sein und ich regional schon der Fall, dass der hochpreisige Markt in Preisturbulenzen gerät. Die neue kommunistische Regierung kann durchaus dann zu dem Gedanken kommen, dass der Markt der Luxuswohnungen nur zu einem gewissen Grad schützenswert ist, nämlich nur insoweit als wie die Existenz der systemrelevanten Entwickler sichergestellt ist. Aber auch bei großen Wohnungsbaugesellschaften haben wir in diesem ineffizienten Markt schon Pleiten gesehen und werden welche sehen. Leider gibt es keinen Insiderindex für Wohnungskäufe von chinesischen Regierungsangehörigen.
    Ich liege schon seit Jahren mit meinem erwarteten Crash falsch. Mittlerweile denke ich, dass vielleicht der galoppierende Markt in China einen so großen Airbag hat, dass am Ende nur Kratzer und kleine Beulen zu finden sind. Vielleicht müssen erst Turbulenzen in anderen Regionen der Welt den Airbag wegblasen, bevor der Markt gegen die Wand fährt. Keiner sollte China und seine effektive Zentral-Regierung unterschätzen; hier sind Profis am Werk, die Entscheidungen durchsetzen können. Doch wenn dies alles nicht wirkt – und dann auf irgendeinen Sack Reis geschoben wird – dann wird es weltweit spürbar sein.

  4. mandeqian, ni hao!

    Einen Crash am Immobilienmarkt, bei dem es mal so richtig scheppert, hatte ich urspruenglich genauso erwartet. Und richtig, dieser Crash kam nie, sondern es gab nur eine relativ weiche Delle, die aber lokal wohl auch mal ein bischen staerker ausfiel. Eine gute Informationsquelle dazu ist der Blog von Patrick Chovanec, auf den ich ja schon oefter hingewiesen habe. Ich denke, die Regierung wollte diesen ganz grossen Crash dann doch nicht, so sehr sich viele (mich eingeschlossen!) das sicher gewuenscht hatten. Die Regierung hat sehr rechtzeitig wieder die Zuegel gelockert. Denn wenn es am Immobilienmarkt richtig gescheppert haette, dann haette in China weit mehr auf dem Spiel gestanden. Gesamtwirtschaft, politische Stabilitaet, Frieden. Es haengt einfach unglaublich viel am Immobilienmarkt in China, auch aus den Grueden die du schon angefuehrt hast.

    Ich denke, dass der Crash solange nicht kommt, wie sich die Regierung leisten kann, dem Markt immer wieder mit billigem Geld unter die Arme zu greifen. Diese Faehigkeit wuerde meiner Meinung nur dann wirklich gefaehrdet sein, wenn die (Schatten-)Banken des Landes unter ihrer gewaltigen Kreditlast zusammenbrechen. Muesste schon ein groesseres Ereignis sein, denn kleinere Kreditereignisse mit Kettenreaktion hat es die letzten Jahre wohl schon gegeben.

Schreibe einen Kommentar