Die Logik der Markttechnik

Die folgenden Worte habe ich schon oft gesagt. Und es ist doch immer wieder nötig. Denn wenn etwas den "normalen" Anleger typischerweise auszeichnet, ist es der Glaube Markttechnik sei "Hokuspokus" und fundamentale Betrachtungen würden ihn zum Erfolg führen. Warum nur, schafft es kaum jemand dieser Anleger mit Aktien erfolgreich zu sein?

Denn die reale Welt ist genau anders herum, Markttechnik verschafft dem normalen Anleger überhaupt eine Chance - keine Sicherheit, eine Chance - während es ihm in der Regel an Zeit und Kompetenz fehlt, mit fundamentalen Argumenten einen Mehrwert zu dem zu schaffen, was der Markt sowieso schon in die Kurse gepackt hat.

Das liegt nicht daran, dass fundamentale Analysen nicht funktionieren würden, es liegt an den unterschätzten Anforderungen, die an diese zu stellen sind um einen Mehrwert zu schaffen. Im Artikel -> Gedanken zum langfristigen Vermögensaufbau und zum Zerrbild des Value-Investing <- habe ich das vor Jahren ausführlich dargestellt.

Das grosse Missverständnis aller, die Markttechnik für "Hokuspokus" halten ist, dass sie *Weisssagungen* mit *Wahrscheinlichkeiten* verwechseln und *Prognosen* mit *Szenarien*. Vor ein paar Wochen gab es dazu einen (für mich) eher peinlichen Artikel eines Professors , der so von den üblichen Missverständnissen strotzt, dass er mir nur zeigt, wo ich meinen Sohn besser nicht studieren lassen sollte. Ich will ich mich hier aber nicht an anderen abarbeiten, dafür ist mein Leben zu kurz, sondern das nur als prägnantes Beispiel für die typischen, zweidimensionalen Denkstrukturen verstanden wissen und ansonsten nicht weiter darauf eingehen.

Aber auf den Kern der Markttechnik will ich Sie hier aufmerksam machen. Einen Kern, den ich an dem Chart des SP500 festmachen will, das ich Ihnen letzte Woche in -> Mal Hinschauen! <- gezeigt habe. Dieses Chart sah so aus:

Und nun, nach der Wahl in Frankreich, spricht viel dafür, dass es eintreten könnte. Konnte man also das Ergebnis aus der Vergangenheit herleiten?

Quatsch, was ein Blödsinn. Aus der Vergangenheit lässt sich die Zukunft nicht sicher herleiten. Es hätte ebensogut auf Melenchon vs LePen heraus laufen können und dann wäre das Chart hier weggeknickt! Seriöse Markttechniker unterliegen nicht der -> Prognosiritis <-, das bleibt den medialen "Gurus" überlassen und all den Anlage-Schafen, die diesen "Gurus" hinterher rennen wollen.

Wenn es keine Prognose war, ist es denn dann Zufall, dass es hier nun nach oben geht? Nein, ist es auch nicht.

Denn Markttechnik ist eben nicht nur bunte Muster, sie ist richtig interpretiert ein Abbild der Kräfte im reflexiven Markt. Und Dinge wie Unterstützung und Widerstände haben ganz reale Grundlagen im Kampf zwischen Angebot und Nachfrage, die in der Psychologie der Marktteilnehmer begründet sind. Es ist eben mehr als ein Muster, es ist mehr mit einem komplexen Strömungsbild eines wilden Flusses an Stromschnellen vergleichbar. Dieses Strömungsbild ist auch nur eine Momentaufnahme, es lässt dem kundigen Auge aber wichtige Schlüsse auf die Strömungsstruktur des ganzen Flusses zu. Und damit kann man auch mit Wahrscheinlichkeiten Modelle entwickeln, wohin es ein Boot treiben würde.

Wir hatten im Markt sehr eindeutig seit Anfang März eine langwierige Konsolidierung, in der die bis dahin überkaufte Markttechnik abgebaut wurde. Während Anfang März die Chance auf weitere Anstiege also eher gering war und man mit einer Korrektur rechnen musste, ist nun das Korrekturrisiko gesunken und die Chance auf eine neue Anstiegsphase ist gestiegen. Gestiegen, das Wort ist wichtig, nicht sicher.

Dabei haben wir es also nur mit Wahrscheinlichkeiten und Szenarien zu tun. Das Chart oben, hat uns also ein realistisches Szenario gezeigt, das sich nun in den Wahrscheinlichkeiten nach vorne schob. Damit wusste immer noch niemand, wie die Wahl in Frankreich ausgehen würde. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese zu einer Auflösung nach oben führen würde, war aber gestiegen, weil einige negative Sorgen nun schon verarbeitet wurden und das war in der flaggenartigen Konsolidierung sichtbar.

Genau das ist, was gute Markttechnik leisten kann. Sie arbeitet die Pfade der Wahrscheinlichkeiten und Strömungen des Marktes etwas heraus und verbessert damit das Chance/Risiko Verhältnis der Entscheidungen. Um es etwas simplizistisch darzustellen, erhöht sie die Chance die "richtige" Entscheidung zu treffen von 50% (Zufall) auf 55-60%. Aber 40-45% treten im Einzelfall eben auch fast jedes zweite Mal ein, trotzdem generiert die Statistik einen Vorteil, wenn man markttechnische Erwägungen berücksichtigt.

Nicht mehr, aber auch nicht weniger liefert die Markttechnik. Wer solche Charts für Prognosen hält, argumentiert mit Verlaub am Thema vorbei. Und wer die Märkte nicht als soziale, selbstreferentielle Systeme begreifen kann - das was man die -> Reflexivität <- nennt - redet als Blinder über Farben.

Selbstreferentielle, soziale, chaotische Systeme - und der Aktienmarkt gehört dazu - haben sehr wohl dynamische, wiederkehrende Muster. Nur lassen sich diese nicht mit zweidimensionaler Logik fassen. Es gibt mit der Systemtheorie einen eigenen Wissenszweig, der sich genau damit befasst. Leider ist die sehr mechanistisch denkende VWL davon noch nicht ausreichend befruchtet, der "Prognosekraft" der "Wirtschaftsweisen" würde es wohl gut tun. 😉

Wer sich für diese spannenden und wichtigen Themen der Systemtheorie interessiert, die viel mit dem Aktienmarkt und der Markttechnik zu tun haben, findet hier in der Wikipedia zu ein paar Begriffe, um bei der Recherche weiter zu verzweigen.

Wir haben also die Wahl. Wir können auf diesen kleinen Edge, den uns die Markttechnik gewähren kann verzichten, oder wir können diesen zu unserem Wohl nutzen, wohl wissend, dass damit nie Sicherheiten verbunden sind.

Welche Entscheidung wir hier bei surveybuilder.info treffen, dürfte klar sein. Es ist der pragmatische Weg, nach dem alles gut ist was hilft und funktioniert. 😉

Um den Punkt wieder mit einer Metapher zu machen, ein guter, erfahrener Markttechniker ist wie ein alter Bauer, der morgens aus seiner Kate heraus tritt, schnuppert, das Gras anfasst, um sich schaut und dann ein erstaunlich gutes Szenario für den weiteren Wetterverlauf des Tages hat.

Nur eine in ein paar Stunden eintreffende Gewitterfront, die noch hinter den Bergen verborgen nicht sichtbar ist, kann auch der Bauer nicht antizipieren. Wie denn auch, darum geht es doch auch gar nicht. Trotzdem verschafft dieser von Mustern geprägte Wetter-Instinkt dem Bauern einen Vorteil, den er zum Wohl seiner Familie und seiner Arbeit nutzen gelernt hat.

Ihr Hari

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2 Gedanken zu “Die Logik der Markttechnik

  1. Hari sagt:
    „Denn Markttechnik ist eben nicht nur bunte Muster, sie ist richtig interpretiert ein Abbild der Kräfte im reflexiven Markt. Und Dinge wie Unterstützung und Widerstände haben ganz reale Grundlagen im Kampf zwischen Angebot und Nachfrage, die in der Psychologie der Marktteilnehmer begründet sind“

    Diese Grundlagen werden aber nirgendwo verdeutlicht. Wie ein Kurs berechnet wird und real zu Stande kommt, bleibt komplett außen vor. Man liest etwas von „Angebot und Nachfrage“, „Wert eines Unternehmens“ und natürlich die gängigen Buffet und Kostolany Zitate, aber das für diverse Chart-Muster auch realexistierende Interessenten verantwortlich sind, die so groß sind, um den Kurs entsprechend beeinflussen zu können, bleibt verborgen und im Grunde jenseits der Vorstellungskraft eines kleinen Depot-Anlegers. Also stürzt er sich auf irgendwelche Unternehmensdaten, Aktienempfehlungen oder sonstige Anhaltspunkte, um eine „buy and hold“ Strategie zu fahren, die bei stärkeren Kursausschlägen noch oben oder unten direkt wieder über den Haufen geworfen wird.

  2. Selbst Akademiker mit zwei Buchstaben vornweg sagt mir der FAZ-Artikel vor allem eines:

    Hier wird ein Thema zerpflückt und zerredet, weil es wohl zerpflückt werden sollte. Zeitungsseiten müssen ja auch gefüllt werden. Am Ende des Artikels “weiß” man nur, was nicht geht und man lieber lassen sollte. Salopp gesagt, das Thema wurde destruktiv “zernölt” – und vor allem keine Alternative erwähnt.

    Nur gibt es dessen ungeachtet immer noch mehr und weniger erfolgreiche Akteure an den Märkten. Konstruktiv kann also nur sein, wie man dran arbeitet und mit welchen Mitteln und Methoden man sich strebend bemühen und anstrengen kann, die eigene Erfolgsquote zu verbessern. Willkommen bei Mr Market.

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