Die FAZ und die Frage, was genau “niederträchtig” ist

Ein gesellschaftspolitischer Kommentar in einem Börsenblog?

Normalerweise Nein, aber es gibt Ausnahmen, wenn mir persönlich "der Kragen platzt". Und genau genommen geht es hier auch nicht (nur) um die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), sondern eher um die gesamte Presselandschaft und den Charakter, den diese nach meinem Eindruck unter dem medialen Druck der verzweifelten Aufmerksamkeitssuche angenommen hat.

Nein, eine "Lügenpresse" ist das nicht, die wir in Deutschland haben, dieses Bild ist völlig falsch und verdreht und zeugt nur von mangelndem Differenzierungsvermögen derer, die es benutzen. Denn hier lügt (in der Regel) niemand aus politischen Vorgaben einer gelenkten Presse oder Demokratie, wie wir das aus der DDR und auch heute wieder aus manch anderen Ländern kennen.

Aber das, was mal journalistische Qualität war und - lange, lange ist es her - eine "FAZ" von einer "Bild" unterschied, wird in meinen Augen zunehmend auf dem Altar der Klickorgien und dem sensationslüsternen Gerangel um Aufmerksamkeit aufgegeben. Nicht propagandistische Lügen sind das Ziel, sondern viel profaner, Aufmerksamkeit um jeden Preis.

Und dafür gab es letztes Wochenende zwei Ereignisse, die für mich wie ein Fanal waren und das Problem wie im Brennglas deutlich gemacht haben. Und eines davon, hat primär mit der "FAZ" bzw "FAS" zu tun, weswegen diese nun im Titel "herhalten" muss. Sie können die "FAZ" aber gerne durch andere bekannte Medien ersetzen, es trifft (leider) vermutlich die Richtigen.

Fall 1 und Frau Wagenknecht

Nein, ich bin kein Freund der Linken und schon gar nicht von Sahra Wagenknecht und ihren Denkschablonen, aber deswegen kann ich immer noch Unrecht sehen, wenn es passiert.

Sahra Wagenknecht von der Linken, wird beim Parteitag in Magdeburg eine Torte ins Gesicht geworfen. Sensationsgeile Foto-Journalisten machen schnelle Klicks, bevor empörte Parteifreunde eine Jacke davor halten können.

Manchmal kommen auch in der Süddeutschen treffende Artikel. Lesen Sie bitte:

Völlig richtig, weist der Artikel darauf hin (Zitat):

"Der Wurf ist ein Akt der Entwürdigung. Das Ziel ist, die getroffene Person zu demütigen, sie nicht äußerlich, aber durchaus innerlich zu verletzen".

Und was macht die selbst ernannte "Qualitätspresse", Süddeutsche und FAZ eingeschlossen im Internet? Sie zeigen trotzdem überall und permanent das entwürdigende Foto von Wagenknecht im ersten Schock mit der Torte im Gesicht, obwohl sie erst damit dem Tortenwerfer zum Sieg verhelfen.

Gibt es in den Redaktionen eigentlich noch so etwas wie eine ethische Selbstkontrolle? Wie hart das Bild gerade für ihren Mann Oskar Lafontaine gewesen sein muss, der schon selber eine Messerattacke im öffentlichen Raum überstanden hat, thematisiert obiger Artikel dankenswerterweise.

Gibt es ein öffentliches Interesse, das das Zeigen des Fotos erzwingt? Blödsinn! Die Nachricht selber ist öffentliches Interesse, aber nicht dieses entwürdigende Foto, mit dem das Opfer erst richtig gedemütigt wird. Der einzige Grund, warum dieses Bild überall gezeigt wurde, ist in meinen Augen schlichte Klick- und Sensations-Geilheit!

Damit machen die Zeitungen genau das Geschäft der sich euphemistisch als "Aktivisten" beschönigenden Gewalttäter, die damit für mich den ersten Schritt in Richtung RAF getan haben. Denn der erste Schritt besteht immer darin, sich selber so stark im Besitz der "reinen Wahrheit" und "moralischen Überlegenheit" zu wähnen, dass man deswegen glaubt, in das Eigentum und die körperliche Unversehrtheit der Gegner eingreifen zu dürfen. Dieser erste Schritt, ist der erste über eine wichtige moralische Grenze hinaus, die die unrechten Mittel, mit dem vermeintlich ethischen Zweck rechtfertigt. Hinter dem Schritt über diese wichtige Grenze, liegen dann nur noch Eskalationsstufen im Operativen.

Wenn wir in Zukunft immer mehr davon sehen und dann auch der Schritt zur Säure-Attacke nicht mehr weit ist, dann darf sich die "Qualitätspresse" dafür beglückwünschen, die solche Attacken adelt, in dem sie ihnen Öffentlichkeit und Wirkung verschafft. Herr Prantl übernehmen Sie, Ihr laut vor sich her getragener Moralismus, wäre bei der Ethik der eigenen Redaktion mal sinnvoll eingesetzt!

Als ob das aber an diesem Wochenende nicht genügte, um den Charakter unserer "Qualitätspresse" auf den Punkt zu bringen, kam dann noch

Fall 2 und Herr Gauland

Nein, ich bin kein Freund dieser AfD und schon gar nicht von Alexander Gauland und seinen Denkschablonen, aber deswegen kann ich immer noch Unrecht sehen, wenn es passiert.

Mit einer riesigen medialen Bugwelle, verschafft sich die FAZ (FAS) am Wochenende mit der Schlagzeile Aufmerksamkeit und Klickzahlen, dass Gauland den Fussballspieler Boateng beleidigt hätte. Die Reaktionen der Öffentlichkeit sind absehbar, denn Boateng ist ohne jeden Zweifel ein Aushängeschild für kulturelle Diversität im positiven Sinne und ist Sinnbild des Aufstiegs- und Bildungswillens aus eigener Kraft, den wir uns von manchen Migranten gerne wünschen würden.

Nur leider ist die Schlagzeile eine Interpretation eines Hintergrund-Gesprächs, die mit dem Zungenschlag der persönlichen Beleidigung, wohl so nie gefallen ist. Denn erst gestern, einen Tag später, veröffentlichen die beiden FAZ Redakteure, die mit Gauland das lange Gespräch geführt hatten, ihren eigenen, differenzierten Artikel dazu.

Bitte lesen Sie unbedingt:

Und dann beantworten Sie sich bitte selber die Frage, ob der Kontext dieses Gesprächs, die Schlagzeile der persönlichen Beleidigung hergab, die dann daraus gemacht wurde. Nur, die Schlagzeile haben alle gesehen. Diesen Artikel hat nur ein Bruchteil gesehen. So macht man "Stimmung".

Aber es wird noch besser. Heute dann rechtfertigt sich Gauland und auch die FAZ Redakteure äussern sich dazu. Ich benutze bewusst wieder die FAZ mit Faz.Net als Quelle, die sich bei mir fröhlich ihr eigenes Grab als ernst zu nehmendes Medium schaufelt. Lesen Sie bitte genau:

Und achten Sie genau darauf, wie der Redakteur darin zitiert wird (Zitat):

"Beim Thema Fremdsein sei Gauland gefragt worden, „wie es denn mit Herrn Boateng zum Beispiel sei.“

Aha! Wir halten also fest. Erstens ging es nie um Boateng als Person, sondern ganz grundsätzlich um das Gefühl der Menschen von Überfremdung. Zweitens wurde der Name Boateng als Beispiel von den Redakteuren selber eingeführt.

Ich betone, das ist nicht nur meine Interpretation, sondern ich stelle nur in den Kontext, was die Beteiligten selber sagen. Und nun, nachdem Sie das alles wissen, ziehen Sie bitte Ihren eigenen rationalen Schluss, was hier passiert ist.

Wir sehen also, Gauland hat in keinster Weise Boateng persönlich beleidigt. Für die Schlagzeile der FAZ gibt es keine objektive Grundlage und das ist nach meinem Eindruck eher ein Fall für den Presserat. Wenn man mit mir über die Haltung der Bevölkerung zu fremden Kulturen sprechen würde, hätte es auch mir passieren können, dass ich gerade ein besonders positives Beispiel nehme und daran festmache, dass selbst in diesem Fall, Ressentiments erhalten bleiben.

Jetzt muss man den Kontext von Gaulands Logik nicht mögen und darf ihr auch wiedersprechen. Vielleicht ist die deutsche Bevölkerung in Mehrheit tatsächlich weiter, als Gauland glaubt und macht an der Hautfarbe nichts mehr fest. Ich glaube und hoffe es. Und die Sorgen vor dem Islam, haben sowieso viel grundlegendere und berechtigtere Wurzeln, als reine Ressentiments, denn hier geht es um mehr, als um eine Religion.

Aber klar ist für mich persönlich nach Lesen all dieser authentischen Quellen, dass die FAZ (FAS) um der Auflage und Aufmerksamkeit willen, einen Satz von Gauland aus dem Kontext gerissen und über das Wochenende so medial ausgeschlachtet hat, dass daraus ein absehbarer Shitstorm entstehen musste. Und klar ist, weil nun durch die Redakteure zwischen den Zeilen selber bestätigt, dass Gaulands Darstellung des Kontext des Gesprächs zutreffend ist.

Und natürlich kommt es trotzdem, wie es kommen musste, die höchste moralische Autorität unsere Landes, die uns ja auch bei Sarazin und Böhmermann schon hat an ihrem Ratschluss teilhaben lassen, fällt (mal wieder) ein finales Urteil mit der sprachlichen Guillotine: .

Danke FAZ (FAS) für diesen erneuten "Aufstand der (Selbst)-Gerechten"! Das ist natürlich alles ungemein hilfreich, um bei diesem schwierigen und wichtigen Thema, mal zu einer differenzierten Diskussion zu finden!

Und dabei auch noch Auflage machen und Klickzahlen produzieren, das ist doch "cool" und war früher nur der "Bild" würdig. Professionell kann man da nur den Hut ziehen! Was das mit "Qualitätsjournalismus" zu tun hat, muss man mir aber bitte erst mal erklären.

Ich persönlich wende mich da mit Grausen und sehne mich danach, dass es in Deutschland wenigstens noch eine Publikation mit Breitenwirkung gäbe, die Qualität, Ethik und Seriosität in den Vordergrund stellt.

Stellt sich zum Abschluss nur die Frage, was genau eigentlich "niederträchtig" ist. Für mich persönlich: so ein Spektakel zu inszenieren.

Mit der Frage, was ich persönlich über die Inhalte denke, die Gauland und Wagenknecht vertreten, hat das alles gar nichts zu tun. Aber jede Menge mit der Ethik der "Qualitätspresse".

Oder in anderen Worten erneut:

Nein, ich bin kein Freund von Wagenknecht oder Gauland, aber deswegen kann ich immer noch Unrecht sehen, wenn es passiert.

Ihr Hari

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