Die Einordnung der aktuellen Rally anhand des S&P500

Wenn ein Markt so stark steigt, wie wir das nun seit Februar erleben, stellt sich ja immer die Frage der Einordnung.

Muss man nun permanent damit rechnen, dass der Markt doch wieder zusammen bricht?

Oder erleben wir hier gerade einen bedeutenden Ausbruch, der uns nach oben überraschen und noch viel, viel höher tragen wird?

Man kann sich dieser Frage auf vielfältige Art und Weise nähern, ich persönlich bevorzuge dabei das Prinzip des "Fliegens auf Sicht", das sich grossen Prognosen verweigert, sondern immer nur so weit schaut und das Handeln anpasst, wie man auch beim Wetterbericht schauen kann: nämlich ungefähr eine Woche in die Zukunft hinein. Denn über diesen Zeitraum hinaus, verschmiert das Bild der Zukunft zu stark, um daraus belastbare Tendenzen ableiten zu können.

Man kann aber auch ganz anders und sehr grundsätzlich heran gehen, in dem man sich einfach mal ganz ruhig vor Augen führt, was wir hier eigentlich vor uns haben.

Und das will ich heute im Überblick für Sie tun, wobei dafür wieder der Leitindex S&P500 der Massstab ist, der für mich in Marktbreite, Aussagekraft und Liquidität, den wichtigsten und belastbarsten Index der Welt darstellt.

Frage Nummer 1: Was erleben wir gerade im langfristigen Massstab?

Die objektive Antwort liefert das langfristige Chart mit Wochenkerzen seit 2012.

Wir erleben gerade den längsten, stärksten und konsistentesten Anstieg seit Anfang 2012!

Zumindest aber seit Anfang 2013, falls man die 2013er Bewegung als zusammenhängend wertet.

S&P500 20.04.16 W

Alle anderen Anstiegsbewegungen seit Mitte 2013 waren in Art und Umfang geringer oder weniger steil. Das gilt selbst für den Schub aus dem Oktober 2014 Einbruch, wie auch für den Schub aus dem August 2015 ETF Flash Crash.

Wow! Das ist ja mal eine Aussage und machen wir uns klar, dass diese tatsächlich zutreffend ist, ein Blick auf das Chart genügt als Beweis.

Frage Nummer 2: Was ist denn aus der grossen Topbildung im S&P500 geworden, die so lange als Risiko existierte?

Ich habe diese ja zum Beispiel am 10.03.16 im Artikel -> Wo wir im grossen Bild stehen <- thematisiert, schauen Sie da noch einmal rein.

Sie sehen aber schon da, dass ich schon damals mit Präferenz davon ausgegangen bin, dass wir durch die Notenbankpolitik im 2. Quartal marginal auf neue Allzeithochs getrieben werden.

Zitat:

Damit ist der sogenannte Bernanke/Yellen/Draghi Put weiter massiv im Markt und der verhindert eben durch immer neuen Stimulus, dass der Markt so natürlich und gesund korrigiert, wie er das eigentlich sollte.

Frage Nummer 3: Was war der Moment oder Katalysator, an dem man von einer bärischen Erwartung als Präferenz auf eine bullische Interpretation wechseln konnte, die statt dessen neue Hochs antizipiert.

Es war für mich und für uns ganz klar der 1. März diesen Jahres, an dem der S&P500 dort, wo er im Bärenmarktmodell nach unten wegbrechen sollte, mit Macht nach oben ins Rollen gekommen ist.

Das habe ich hier im Premium-Bereich direkt am gleichen Tag als "Charakteränderung" des Marktes qualifiziert und seit dem gilt die Präferenz mit zunehmender Überzeugung dem bullischen Szenario und nicht mehr der Topbildung.

S&P500 01. März

Warum das so wichtig war, wird im Bild mit Tageskerzen deutlicher. Denn der 01. März war der Tag, an dem der S&P500 mit Macht die massive "W"-Formation triggerte, die die Bodenbildung abschloss und deutlich nach oben zeigte:

S&P500 01. März 2

Merken Sie sich unbedingt: Wenn ein Markt nicht macht, was er im alten Modell "machen sollte", hat man oft einen bedeutenden Richtungswechsel vor sich und sollte das nicht bekämpfen, sondern ernst nehmen!

Frage Nummer 4: Ist damit die grosse Topbildung endgültig vom Tisch?

Noch nicht endgültig, aber wahrscheinlich ja. Sie sehen im obigen Chart, dass noch ein klein wenig fehlt, um das letzte Verlaufshoch zu übertreffen und dann liegt bei 2.135 noch das Allzeithoch vom 20.05.15 voraus.

Und auch der NASDAQ hängt noch nach und hat den Ausbruch noch nicht bestätigt.

Aber Art und Umfang, Marktbreite und Momentum der aktuellen Bewegung, sprechen doch mit Präferenz eher dafür, dass wir auch neue Allzeithochs noch bald sehen werden.

Frage Nummer 5: Ist diese massive Stärke, diese stärkste Aufwärtsbewegung seit mindestens 2013, Indiz dafür, dass es dann ebenso brutal herunter geht?

Theoretisch ist am Markt immer alles möglich, auch das Unerwartete. Praktisch und auch historisch aber eher Nein!

Stärke führt zu Stärke und Schwäche zu Schwäche. Ein Markt ist entgegen des instinktiven Glaubens nicht dann am Riskantesten, wenn er gerade zu neuen Hochs aufbricht, sondern wenn er sich schon langsam bröselnd abwärts in Bewegung gesetzt hat.

Und typisch an Topbildungen ist auch fast immer, dass diesen ein "Schaukeln" der Kurse voraus geht. Sprich es gibt einen ersten "warnenden" Einbruch, dem noch ein Gegenanstieg folgt, der nicht mehr ganz die Hochs erreichen kann. Das ist dann das Warnsignal, das man ernst nehmen muss. Auch im Herbst 2015 war das so, wie Sie leicht obigem Chart entnehmen können.

Dieser erste Einbruch fehlt der aktuellen Bewegung aber noch, wir sind noch mitten in der bullischen Kraftentfaltung.

Frage Nummer 6: Folgen nun massive Gewinne im S&P500 und muss man nun noch herein springen, wenn man die Bewegung verpasst hat?

Auch hier gilt wie oben: Unmöglich ist am Markt nichts. Aber auch hier eher Nein!

Was realistisch zu erwarten ist, ist für mich eher das Szenario (3) des Artikels -> Was nun nach oben drin ist <- von vorgestern.

Ein derartiger Kraftausbruch und Schub mit Trendbeschleunigung, wie wir ihn gerade erleben, markiert gerne das Ende einer langen Bewegung. Im bullischen Fall folgt dann eine längere Seitwärtsphase über den Sommer, bevor der Markt im Herbst durchaus weiter steigen kann.

Das gilt für den S&P500, der DAX hat mehr Potential, weil er weit mehr nachzuholen hat und unter der Last von Banken, Autowerten, Versorgern und Co, massive Unterperformance aufgebaut hat.

Frage Nummer 7: Ist diese Bewegung ohne Pause aus dem Doppelboden des Februars, in der Länge ohne echte Korrektur, nicht ungewöhnlich und unerwartet?

Für alte "Hasen", die noch den Markt vor der Dominanz der Algos kennen, würde ich sagen Ja!

Was zu erwarten war, als am 01. März der Doppelboden triggerte, war das Erreichen des Measured Moves bei 2.080+. Dass der S&P500 nun aber ohne echte Pause einfach weiter läuft, scheint wieder das typische Verhalten von Algos getriebener Bewegungen zu sein, die eine einmal begonnene Richtung einfach stur und ohne Emotionen bis zum Exzess weiter treiben.

Ich würde also sagen ja, durch die Dominanz der trendfolgenden Algos, sind Marktbewegungen im S&P500 länger, aber auch stabiler geworden. Und das in beide Richtungen, was für Trader keine schlechte Nachricht ist, die ja auch vom Jahresanfang bis in den Februar nach unten, schöne Gewinne machen konnten und nun seit Wochen eben nach oben. "The trend is your friend". 😉

Frage Nummer 8: Was machen Sie jetzt in dieser Marktlage?

Ich gehe noch fröhlich mit und erfreue mich an einem schön ergrünten Depot, baue nun aber im Sinne von Frage 6 in die Stärke hinein langsam ab und nehme Gewinne mit, so dass ich am Ende dieser Bewegung recht entspannt den weiteren Verlauf betrachten kann.

Das tue ich im Sinne der Frage 6 nicht, weil ich von einem grossen Einbruch nun zwingend überzeugt bin, sondern weil nach Auslaufen dieses bullischen Kraftausbruchs ab Mai, erst einmal für einige Monate die Luft raus sein könnte. Und ein "Brexit" steht dann ja auch noch an. 😉

Ob dann doch ein markanter Einbruch kommt oder nur eine Seitwärtsbewegung, kann mir dann egal sein. In diesem Sinne schreibe ich auch im Detail im Premium-Bereich. Das natürlich weit differenzierter als hier in so einem allgemeinen Überblicksartikel. Und natürlich auch unter Betrachtung einzelner Chancen und Opportunitäten. Denn selbst wenn der breite Markt über den Sommer nur seitwärts läuft, irgendwo ist immer ein Bullenmarkt und sei es bei den Gold- und Silberminen. 😉

Ich hoffe, das hat Ihnen bei der groben Orientierung geholfen.

Ihr Hari

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