Der Zinswahn – eine Geschichte von Bienen, Selbstüberschätzung, Crowdfunding und Mittelstandsanleihen

Immer wieder begegnen mir Zinsvergleiche, in denen verzweifelte Anleger nach Wegen aus der EZB-Nullzinsfalle suchen. So ist mir auch wieder einer begegnet, in dem an der Spitze der Liste "Immobilien-Crowdinvesting" und "P2P-Kredite" mit einem "Zins" von über 7% genannt werden.

Heureka, wir werden reich! 😛

Nun ist das mit Worten aber so, dass sie gerne benutzt werden, um einen emotionalen Eindruck zu erwecken. So wäre das in Bayern kaum so erfolgreich, wenn es statt "Rettet die Bienen" alternativ "Rettet die Spinnen" heissen würde. 😛

Dabei geht es im Volksbegehren gar nicht, bzw. nur indirekt am Rande um Bienen, es geht um Maßnahmen in Sachen Artenvielfalt - insbesondere dessen was insektoid kreucht und fleucht (Spinnen eben). Die Maßnahmen sind komplex und diskussionswürdig, sie sind weder perse gut noch schlecht, man könnte da vieles diskutieren, das eine gutheissen und das andere ablehnen.

Mit der Überschrift "Rettet die Bienen" hat man aber eine an die Emotion appellierende, populistische Überschrift gefunden, die viele sofort unterschreiben lässt. Gehen Sie hier in eine Schule ihrer Wahl und sie werden diese Plakate mit netten, von den Kindern gezeichneten Bienen finden. Wer will schon gegen die Biene Maja sein, was sind das denn für miese Typen?. 😉

Ja ich weiss, das ist ein , aber es wirkt eben. Ich erlaube mir zu wetten, dass wenn man bei denen die unterzeichnet haben im Anschluß ein Quiz machen würde, in dem sie nur drei! konkrete Maßnahmen des Volksbegehrens benennen sollten, mindestens 50% - wahrscheinlich viel, viel mehr - scheitern würden. Mit Spinnen wäre das Ding krachend gescheitert, das steht außer Zweifel, was viel über die Qualität von so Entscheidungen sagt.

Damit will ich, wie oben schon gesagt, ausdrücklich den wirklichen Inhalt des Volksbegehrens nicht pauschal kritisieren, der wäre differenziert zu diskutieren. Aber ein einziges Wort hat zum Erfolg geführt, nicht der Inhalt. Und das Wort lautet Biene!

Und so wie die Biene bei Umweltbewegten, setzt der Zins bei Renditejägern eben die emotionalen Säfte in Bewegung.

Und deshalb wird gerne "Zins" genannt, was strukturell oft eher den Charakter einer riskanten Beteiligung hat. Und das was sich "Aktie" nennt, löst bei den gleichen Menschen Angstreflexe und Gedanken an Unsicherheit aus, obwohl wir dabei teilweise über die stabilsten und profitabelsten Konzerne der Welt reden, die es schon seit 100 Jahren und länger gibt.

Genau, dieses Spiel mit Worten und die dahinter stehende Realität, soll hier Thema sein. Ich bediene mich dabei teilweise bei Texten, die ich im Premium Bereich zum Thema schon 2015 geschrieben habe.

Denn ich will Ihnen erklären, warum ich mich an dem, was sich gerne „Crowdfunding“ wie auch "Mittelstandsanleihen" nennt und mit dem Wort "Zins" operiert um Sicherheit auszustrahlen, in der Regel nicht beteilige. Und warum man da genau hinzuschauen und beim kleinsten Zweifel eher die Finger davon lassen sollte.

Dabei gibt es unter den jungen Unternehmen, die via „Crowdfunding“ nach Kapital suchen, ja richtig attraktive Kandidaten, in die sich eine Investition durchaus lohne würde!

Wenn es tatsächlich eine *Investition* wäre, kann man auch wirklich mal etwas bei Unternehmen zu riskieren, zu denen man einen persönlichen Zugang hat oder bei denen man vielleicht sogar die Gründer persönlich kennt. Das kann Sinn machen!

*Investieren* bedeutet dabei aber das, was *investieren* bedeuten sollte. Man ist an der Gesellschaft *beteiligt* und gibt nicht nur ein Darlehen, wie eine Bank. Man ist also *Gesellschafter* mit allen Rechten und Pflichten und steigt typischerweise über eine Kapitalerhöhung ein.

Wenn man so wirklich *investiert*, kann man bei einer Pleite des Unternehmens natürlich seinen Einsatz verlieren. Wenn sich aus dem Startup aber ein Weltunternehmen entwickelt, kann man mit seinem Anteil auch reich werden. Wer mal 0,1% in Unternehmen wie Google oder Microsoft am Anfang investierte, hat nun ausgesorgt. 😉

Richtig *investieren*, kann also ein sehr attraktives Geschäft sein. Es kommt halt darauf an, das „richtige“ Unternehmen auszuwählen. Dummerweise hat das, was sich „Crowdfunding“ nennt, manchmal mit *Investieren* herzlich wenig zu tun.

Nun gibt es da auch diverse Varianten und bei einigen gibt es auch Boni, die einen zwar nicht zu einem vollwertigen Gesellschafter machen, die Geldgeber aber doch wenigstens teilweise an zukünftigen Wertsteigerungen beteiligen.

Solche Varianten, die echtes „Crowdinvesting“ darstellen oder dem nahe kommen, sind dann auch mal einen Blick wert und in jedem Meer der Unattraktivität, gibt es ja auch immer mal eine Handvoll Ausnahmen, die sich trotzdem lohnen. Über die Ausnahmen, will ich hier aber nicht schreiben, denn die müsste man ja erst einmal erkennen.

Klarmachen will ich, was sich hinter dem Begriff „Crowdfunding“ - und "Mittelstandsanleihen" oft verbirgt. Nämlich keine *Investition*, sondern schlichte (hochriskante) *Darlehensgewährung* - mit ein paar Marketing-Girlanden. 😉

Sprich, Sie geben einem - manchmal sehr jungen und meistens kleinen - Unternehmen ein Darlehen um sein Geschäft zu entwickeln. Ein Darlehen, welches das Unternehmen offensichtlich zu diesen Konditionen auf anderem Weg nicht bekommen kann.

Und wie der Name *Darlehen* schon sagt, ist auch hier Ihr Geld weg, wenn das Unternehmen Pleite geht. Als Ausgleich bekommen Sie dafür einen "Zins", der das Pleiterisiko ausgleichen soll. Wenn aus dem Unternehmen aber eine neue Google wird, hat man nichts davon, nur den *Zins*.

Sie sehen schon daran, dass hier Chance und Risiko recht asymmetrisch zu Ihren Ungunsten verteilt sind. Crowdfunding-Plattformen streuen dann für Sie das Risiko, was die Pleiten statistisch berechenbarer macht und ja, das ist ein echter Vorteil. Wenn Sie das schon unbedingt machen wollen, dann gestreut über so eine Plattform. An der asymmetrischen Verteilung von Chance und Risiko, ändert das nach meiner Erfahrung in der Regel aber nichts.

Bei der Pleite sind sie also dabei, beim Google-Szenario aber nicht oder je nach Konstruktion nur mit einem kleinen „Nasenwasser“, einem Bonus, damit Sie sich wie ein Gesellschafter fühlen können, ohne wirklich einer zu sein.

Nun könnte das ja theoretisch auch attraktiv sein, wenn der Zins das Risiko ausreichend abdecken würde. So machen ja auch Banken Gewinn, in dem sie die Zinsen ihrer Darlehen so kalkulieren, dass das Ausfallrisiko des Kredits gedeckt ist und am Ende etwas übrig bleibt.

Typische Zinssätze von „Crowdfunding“ liegen dann bei 7-12%. Oben in dem Link tauchen diese 7% wieder auf.

Das hört sich im Zeitalter der finanziellen Repression ja erst einmal attraktiv an. Ist es aber in der Regel nicht!

Nehmen wir mal 7% an. Der Zinssatz bedeutet, dass von ca. 15 Unternehmen an denen Sie sich beteiligen, im ersten Jahr nur EINES Pleite gehen darf, damit Sie Ihr Kapital im ersten Jahr überhaupt wieder sehen. Oder nach zwei Jahren dürfen nur zwei Pleite sein. Von Gewinn reden wir da noch gar nicht.

Das ist nach meiner Erfahrung völlig unrealistisch. Realistisch ist, dass von so Startups vielleicht 30-50% in den ersten Jahren scheitern. Wenn nicht mehr, 30-50% ist noch optimistisch!

Was bedeutet, dass ein vernünftiger Zinssatz, der Ihnen das Ausfallrisiko wirklich bezahlt, bei 20, 30 oder sogar 40% liegen müsste! Diesen Zinssatz könnten sich die Gründer aber nicht leisten.

Nun verstehen Sie, warum niemand anders den Unternehmen ein *Darlehen* gegeben hat. Und warum es für die Gründer so attraktiv ist, sich Kapital via „Crowdfunding“ von sich selbst überschätzenden Anlegern zu holen, die bei Zinssätzen von 8 oder 9% einen ganz wässrigen Mund bekommen und bei denen das Gehirn aussetzt.

Bei den sogenannten „Mittelstandsanleihen“ ist es nach meiner Erfahrung nicht anders. Auch hier tummeln sich typischerweise Unternehmen, die eine Finanzierung zu diesen Konditionen in der Regel von den „Profis“ nicht bekommen können und sich daher lieber an Privatanleger wenden, die beim Wort Zins gierig werden und sich für klug halten. Natürlich gibt es auch in diesem Segment lobenswerte Ausnahmen, aber diese bestätigen nur die Regel.

Lassen Sie sich also nicht vom "Zins" blenden. Entscheidend ist die Ausfallwahrscheinlichkeit.

Und was denken Sie wohl, was am Ende objektiv sicherer ist? Die 7% Zins von irgend einem kleinen Unternehmen das Sie nicht kennen und über dessen Zukunft Sie nichts wissen, oder die 5-7% Dividende eines riesigen Telekom-Konzerns? Muss ich die Frage überhaupt beantworten?

Ich will damit nicht den grundsätzlichen Gedanken von echtem „Crowdinvesting“ kaputt machen. Denn eine echte Beteiligung, ein echtes *Investment* mit Eintragung im Handelsregister oder bei einer Aktiengesellschaft, macht ja bei Kleinbeträgen von ein paar hundert Euro keinen Sinn. Und man bekommt sie auch gar nicht, wenn das Unternehmen nicht börsennotiert ist.

Und insofern ist der Grundgedanke, die Gelder von Kleinanlegern zu bündeln und ihnen damit einen Zugang zu Risikoinvestitionen zu ermöglichen, erst einmal ein guter, positiver Gedanke. Und wenn es dann noch dazu führt, dass Startups Risiko-Kapital bekommen können, um ihre Ideen zu verwirklichen, dann ist der Ansatz von "Crowdinvesting" ja erst recht zu begrüssen!

Entscheidend ist aber – und darauf sollte man achten, wenn man so etwas machen will – dass man auch wirklich die Gewinnchancen eines Gesellschafters hat. Dass man also wirklich *Investor* ist und nicht nur *Darlehensgeber* !

Wenn das so ist, wenn ich also mit meinem Einsatz nicht nur für die Pleite gerade stehe, sondern auch anteilig (und nicht nur via Abspeise-Bonus) an einem „Google-Szenario“ monetär teilhaben würde, *dann* ist Crowdinvesting attraktiv und ist es mir wert, mich mit 7% Verzinsung auf das eingesetzte Kapital zufrieden zu geben. Aber eben nur dann und nicht, wenn es letztlich nur ein Darlehen ist.

Was ich dann aber nicht verstehen kann ist, dass Menschen die sich für solche riskanten Anlageformen interessieren, oft gleichzeitig Aktien von Weltkonzernen wie Johnson&Johnson oder Nestle "riskant" finden, weil es Aktien sind. Sitzen Sie da vielleicht einer Biene auf? Hmmm?

Schauen Sie also genau hin, wenn Sie so etwas machen wollen. Und halten Sie sich nicht für klüger als die, die Ihnen so ein Angebot machen. Die haben nämlich in der Regel mehr und bessere Informationen als Sie, weswegen deren Angebote erst einmal zum Vorteil der Initiatoren sind.

Starren Sie also nicht nur auf die Bienen, achten Sie auch auf die Spinnen im Angebot. 😉

Und lesen Sie vielleicht den folgenden Artikel noch einmal, um sich klar zu machen, was wirklich riskant und was wirklich attraktiv als Geldanlage ist:

-> Aktien sind unsicher und die Welt ist eine Scheibe <-

Ihr Hari

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

2 Gedanken zu “Der Zinswahn – eine Geschichte von Bienen, Selbstüberschätzung, Crowdfunding und Mittelstandsanleihen”

  1. Auch wenn ich zu denen gehöre die die angesprochen P2P Kredite als Spielwiese neben meiner ansonsten langweiligen Basisanlage in ETFs schätze ( so wie andere Poker spielen) und darüber auch schreiben glaube ich das ich mit meinem Artikel zur Diversifikation und Risikobetrachtung ein bisschen was zur Diskussion beitragen kann.
    Ich vermisse auch bei vielen Plattformen im P2P Bereich und nahezu bei allen aus dem Crowdinvesting die Angabe zu den Ausfallwahrscheinlichkeiten. Erst damit kann ich mir die Diversifikation und die Renditechancen auch tatsächlich errechnen.
    Ein paar allerdings gibt es und ich habe sie auch in meinem Artikel zum Thema veröffentlicht in dem ich auch eine Methode (Binomialverteilung) beschreibe :

    Es gibt sie also wirklich die klassischen P2P Plattformen mit Transparenten Ausfallraten (die natürlich nichts über die Zukunft aussagen) 😉
    Aber ja ich kenne auch keine einzige Crowdinvesting Plattform mit Ausfallzahlen – vielleicht ja jemand anderes?

  2. Hari! Was hast du denn gegen Spinnen? Ich mag meine Küchenspinne – dir fängt mir immer die Obstmuckerl weg 😉 (=Fruchtfliegen)

    Aber ernsthaft, sehr schöner Artikel – kommt zu meinen Favoriten!

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