Brexit für Dummies

Ach ne, nun auch hier noch ein Artikel zum "Brexit", muss das denn wirklich sein?

Sie haben recht, man kann es kaum mehr sehen. Wir werden überschüttet von Artikeln, die zwischen "Armageddon" und "Kindergeburtstag", so ziemlich jede mögliche Interpretation zehnfach dreidimensional beleuchten. Wirtschaftsmagazine schicken "Korresponten" nach UK, um die berühmt "menschlichen", inhaltlich aber irrelevanten Vor-Ort-Stories zu erzählen und und und und.

Der Grund dafür ist klar. Unsere Presse, auch unsere Wirtschaftspresse, lebt nicht mehr primär von einer festen Leserschaft, für die sie zuverlässig mit qualifizierten Redakteuren jede Woche inhaltsreichen Hintergrund produziert, sondern lebt "von der Hand in den Mund" von der Anzahl der Klicks im Internet. Und um Klicks zu produzieren, muss man Aufreger organisieren und emotionalisieren. Und dann kommt ein Thema wie der mögliche "Brexit" doch gerade recht, um es in jeder erdenkbaren Form zur Klickgenerierung zu nutzen.

Die "Schuld" an dieser fatalen Entwicklung, die wie wir zuletzt gesehen haben, auch -> an einer FAZ nicht halt macht <-, ist dabei schwer zuzuordnen und hat das berühmte Henne und Ei Problem.

Sicher, Leser kündigen Abos, weil sie mit der Qualität der Medien nicht mehr einverstanden sind. Das stimmt und ist zunehmend berechtigt. Aber warum wurden denn überhaupt Redaktionsstuben ausgedünnt und warum ist die Qualität auf Kosten eines eher peinlichen Aufregungs-Journalismus gesunken?

Eben weil viele Leser schon früh die verlockend "kostenlosen" Internetschlagzeilen einer seriösen Presse vorgezogen haben. Und sich nie die Frage gestellt haben, ob die "kostenlosen" Angebote denn wirklich kostenlos sind und woher bei denen denn die Finanzierung kommt.

Auch wir hier bei surveybuilder.info merken das doch. Wie viele beklagen sich darüber, dass es so wenig seriöse, fundierte Börsenberichterstattung gibt? Nun glauben wir hier bei surveybuilder.info genau das zu liefern, es kostet aber vergleichsweise geringe 240 bzw 290€ im Jahr. Und schon ist das denen zu viel, die gerade geklagt haben und die bei einem einzigen Verlust-Trade, schnell mal die 10-fache Summe "das Klo herunter" spülen.

Es gibt ja auch vermeintlich so viele "kostenlose" Blogs und Seiten. Das vielleicht genau der "kostenlose" Artikel, gerade ein -> Advertorial <- und damit faktisch Schleichwerbung ist, der Gedanke wird gar nicht erst gedacht. Manche agieren im Internet wie Kinder im Glauben an den Weihnachtsmann so, als ob das "kostenlose" Internet durchweg aus menschenfreundlichen Altruisten bestehen würde, die ohne eigene Agenda sogar noch Kosten auf sich nehmen, damit andere kein Geld für Fundiertes ausgeben müssen. Da kann man wahlweise nur schmunzeln, oder den Kopf schütteln, über so viel Naivität.

Am Ende müssen wir, die Leser, uns also auch selber an die Nase fassen, dass die Presse so "klickgeil" geworden ist, wie sie geworden ist. Und deshalb brauchen wir uns auch nicht über das "Rauschen im Klickwald" zum möglichen Brexit wundern, so als ob es nun für die Märkte keine anderen Nachricht mehr gäbe, die wichtig wäre.

Ich will daher hier mal versuchen, eine Schneise der klaren Gedanken in den potentiellen Brexit zu schneiden. Sozusagen der "Brexit für Dummies" in wenigen, klaren Sätzen aus Sicht der Märkte, so dass man die ganze "Klickeritis" darum herum, zwar als Unterhaltung geniessen, aber nicht wirklich unbedingt wissen muss.

Erstens, das Ergebnis des Referendums ist jetzt schon klar: Grossbritannien wird gespalten sein. Und da selbst nach einer Entscheidung für den Brexit, real erst mal gar nichts passiert und sich Verhandlungen über Monate und Jahre anschliessen werden, wird in Grossbritannien ab dem 24.06. nur Eines klar sein: Zwei Fraktionen, werden sich relativ unversöhnlich gegenüber stehen.

Für das Land ist das nicht unbedingt eine gute Nachricht. "Befreiend", wird das Referendum eher nicht wirken.

Zweitens, haben wir ein digitales Ereignis vor uns, das entweder so oder so ausgehen wird. Da die Börse Unsicherheit hasst, zeigt sie im Vorfeld Schwäche und hohe Volatilität, um sich auf die Unsicherheit vorzubereiten. Und das wird in der aktuellen Woche bis zum Termin, eher noch schlimmer werden, ausser die Umfragen entwickeln sich von einer 50/50 Situation auf ein eindeutiges "Remain"-Ergebnis hin.

Egal wie das Ergebnis dann ausgeht, nach ein paar Tagen des "Schrecks", wird die unmittelbare Unsicherheit aber eher weichen und sich die Börse anderen Aufregern zuwenden. Und dieses Nachlassen der Unsicherheit, wird latent kutabilisierend sein.

Drittens, da die Umfragen bisher nahezu eine 50/50 Situation zeigen, hat sich die Börse auch "mittendrin" im Vorfeld positioniert. Sollte sich an den Umfragen nichts Grundlegendes ändern heisst das, dass egal wie das Ergebnis ausfällt, es kurzfristig Anpassungsbedarf und Hektik bei den Kursen geben wird.

Und der Anpassungsbedarf lautet beim "Brexit" tendentiell europäische Aktien runter und Gold hoch und beim "Remain" europäische Aktien hoch und Gold runter. Nach wenigen Tagen, sollte dieser Anpassungsbedarf aber vollzogen sein, womit dann der Punkt "Zweitens" zum Tragen kommt.

Im Moment zum Anfang der Woche, sieht es ja aber so aus, als ob die "Remain"-Fraktion wieder Oberwasser hat. Wenn sich das verstetigt, wird die Kursanpassung schon vor dem Referendum vollzogen und das Referendum selber zum Non-Event.

Viertens, sind es an der Börse nicht die Themen, vor denen wir uns intensiv sorgen, die für einen "Crash" gut sind. Das liegt daran, dass wenn man sich ausgiebig sorgt und vorbereitet, das Ereignis selber keine grossen Überraschungen mehr bietet. Und da die Börse von Erwartungen - und nur von Erwartungen - getrieben wird, sind es die unerwarteten Überraschungen, die zu harten Bewegungen und einem potentiellen Crash führen, nicht die "Risiken mit Ansage".

100% sicher ist zwar nichts und auch im "Brexit" kann eine Überraschung liegen, an die keiner bisher gedacht hat. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür ist eher gering, die weit grösseren Risiken drohen dem Markt von da, wo gerade keiner so genau hinschaut. So einen Fall gibt es übrigens diese Woche, an Dienstag entscheidet das Bundesverfassungsgericht zur EZB Politik. Niemand erwartet davon noch Bemerkenswertes, wenn es doch passiert, wäre das eine Überraschung, die der Markt durch den Brexit aktuell eher übersieht.

Fünftens, ob der "Brexit" oder das "Remain", dann Europa schwächen oder stärken wird, ob es Grossbritannien zu einem abgehängten, irrelevanten Wurmfortsatz Europas, oder gerade erst zu einem höchst erfolgreichen Wirtschaftsstandort macht, diese Zukunft ist noch nicht geschrieben und hängt weniger von der Entscheidung selber, als davon ab, wie die Details danach gestaltet und verhandelt werden.

Fazit:

Würfeln wir doch einfach, wie das Ergebnis Donnerstag auf Freitag Nacht dann lautet. Abhängig vom Ergebnis, ist die initiale Reaktion des Marktes recht klar. Sobald man aber ein paar Tage über das Referendum hinaus geht, wird klar, dass sich die Auswirkungen auf die Märkte bald verlaufen sollten. Und sollten die Umfragen das Ergebnis schon vorweg nehmen, kommt die Anpassung des Marktes sogar schon vor dem Freitag im Laufe dieser Woche.

Und erinnern Sie sich noch, wie "aufgeregt" die Börsenwelt vor einem Jahr in Sachen "Grexit" war? Und welche Relevanz hat das Thema heute? Eben.

Viel wichtiger für die weitere Entwicklung der Börsen ist, ob die Technokraten in den Notenbanken endlich ihren -> Irrweg <- erkennen, oder einfach so weiter machen und die vorhandenen Ungleichgewichte weiter verstärken.

Viel wichtiger für die weitere Entwicklung der Börsen in Europa ist auch, ob Europas Staaten endlich aufhören, sich in der Hängematte der Niedrigzinsen auszuruhen und dafür sorgen, dass wir eine leistungsfähige, innovative, staatsferne und korruptionsfreie Wirtschaft haben.

Aber das Brexit-Referendum? Aus Sicht der Märkte über den unmittelbaren Aufreger hinaus, langfristig wahrscheinlich eher zweitrangig.

Wo der "Brexit" als Signal wirklich massive Bedeutung hat, ist bei der Frage der Identität Europas - auch der Frage ob es so etwas überhaupt gibt - und damit natürlich auch der Zukunft der EU. Aber das sind langfristige, geopolitische Entwicklungsstränge um die es dabei geht, die für den Markt erst dann Relevanz haben, wenn sie sich in Wirtschaftsdaten oder echten Risiken manifestieren.

Das anstehende Referendum in Grossbritannien, ist also wegen seiner absehbaren Volatilität ein Fest für Trader. Aus der Sicht eines langfristigen Investors, hat es nach meiner Erwartung wohl bestenfalls beiläufiges Interesse verdient.

Ihr Hari

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