Recency Bias – Warum wir konditioniert sind, an der Börse Geld zu verlieren – 28.11.12

Wieder konnten wir schön beobachten, wie wir Anleger durch unseren "Recency Bias" dazu neigen uns mit unserer Emotion prozyklisch ein Bein zu stellen. Sie erinnern sich sicher an meinen Artikel vom Freitag über -> den Tag der wenig zählt <-.

Nun habe ich ja mittlerweile Übung darin, anhand Ihrer Reaktionen in den Kommentaren und anhand dessen was geschrieben und eben gerade nicht geschrieben wird, abzuschätzen wie solche Analysen Pi-mal-Daumen ankommen. 😉 Am Freitag sprang mir das "wovon redet der denn" geradezu entgegen. Verbunden mit Unverständnis, warum ich am Freitag vor Handelschluss erst einmal auf die Seitenlinie getreten bin.

Es fühlte sich ja auch alles so toll an am Freitag, wir rannten bis 1409 im S&P 500 und die Jahresendrally war scheinbar Realität geworden. Oder etwa nicht ?

Nun sehen Sie ja, wo wir heute stehen. Und das auch meine Erwartung von gestern eingetreten ist, dass in Kürze eine Enttäuschung über die Langsamkeit der Fiscal-Cliff Verhandlungen eintritt, die dem "alles wird gut" Gefühl erst einmal einen Dämpfer verschafft.

Habe ich jetzt also ein Glaskugel und kann die Zukunft vorher sehen ? Definitiv nein ! Ich bin mir nur eines kleinen aber wichtigen psychologischen Sachverhaltes sehr bewusst, den ich Ihnen heute mit Haris nervigem "erhobenem Zeigefinger" wieder unter die Nägel reiben möchte. Nicht um Sie zu ärgern, sondern um Ihnen an diesem entscheidenden Punkt über eine Hürde zu helfen, mit der wir uns alle rumplagen: es geht um den "Recency Bias", den ich auch in meiner -> Anlagephilosophie <- thematisiere.

Dahinter verbirgt sich unsere evolutionäre Konditionierung, den Ereignissen der nahen Vergangenheit eine höhere Bedeutung für unser Handeln beizumessen, als den "abstrakten" Wahrheiten die länger zurück liegen. Wir sind also weit stärker durch kurzfristige Anreizsysteme getrieben, als wir selber wahrhaben wollen. Oder mit anderen Worten, die vermeintliche Rationalität die wir uns in unserem Selbstbild zusprechen, ist in weiten Teilen Illusion. Wir sind sozusagen Sklave unserer evolutionären Konditionierung. Wir haben die Chance uns durch die Kraft unserer Geistes und unseres Willens darüber zu erheben. Das kostet aber erhebliche Energie und vor allem ein hohes Mass an Intelligenz und Selbstreflektion.

Genau deswegen fühlt es sich so toll an, nach 4 Tagen starkem Anstieg dann auch noch dem Markt hinterher zu hechten. In diesem Moment fühlt sich einfach alles "richtig" an, man ist Teil der Herde und man will dann diesen Moment geniessen und auch gar nichts hören, was das in Frage stellen könnte. Noch schlimmer, man verspürt geradezu einen Drang den Kursen hinterher zu laufen, weil man Angst entwickelt etwas zu verpassen.

Umgedreht ist es nach 4 Tagen starken Verlusten. Da dreht sich einem der Magen um und die ganze Wahrnehmung ist nur noch auf den Schutz des Kapitals gerichtet. Nun zu kaufen fühlt sich einfach falsch an und die wenigsten schaffen es, genau dann massiv in den Markt zu steigen.

Dabei ist es objektiv tatsächlich so, dass im ersten Fall die Risiken eines Einstiegs überwiegen, während im zweiten Fall die Chancen überwiegen. Unsere evolutionäre Konditionierung sagt uns aber das genaue Gegenteil.

Der erste Schritt dieses Problem zu besiegen ist die Selbsterkenntnis. Man muss seine eigenen Gefühle als Kontraindikator begreifen, denn es ist doch kein Wunder, man ist doch selber Teil der Herde und schwingt durch mediale Untermalung mit in den Wellenbewegungen der öffentlichen Erregung.

Wenn Sie also Euphorie in sich spüren und Angst bekommen etwas zu verpassen, dann legen Sie lieber ihre Hände erst einmal unter den Hintern, machen einen Spaziergang und versuchen ruhig und rational nachzudenken. Und wenn sich Ihnen ob der Verluste der Magen umdreht und Sie überlegen jetzt ganz aus dem Markt zu gehen, dann gehören ihre Hände eher auf die Tastatur um an der richtigen Stelle einzusteigen.

Sicher kann man auch so falsch liegen und etwas was stark gefallen ist kann noch weiter fallen und umgekehrt. Die Regel des fallenden Messers kennen ja wohl alle und die ist auch richtig. Aber zumindest die Wahrscheinlichkeiten hat man so zu seinen Gunsten beeinflusst und für den Fall das es noch weiter runter geht, gibt es Stops.

Wichtig ist in diesem Zusammenhang zu verstehen, dass diese Regel auch nur für die breiten Indizes gilt, die ja eine ausgewogene Mischung verschiedenster Aktien und Branchen sind. Nach 4 Tagen gleichmässiger Bewegung in eine Richtung ist die Wahrscheinlichkeit einer Gegenbewegung in den breiten Indizes einfach objektiv sehr hoch. Punkt. Und das ist auch kein Widerspruch zur Trendfolge, sondern integraler Bestandteil der Trendfolge. Gegenbewegungen gehören einfach zu jedem Trend.

Diese Regel gilt aber nicht für einzelne Aktien. Bei denen sollte man in keinem Fall einfach in ein fallendes Messer greifen, denn die können durchaus an einem Stück durchfallen ! Indizes machen das aber nicht - ausser in sehr seltenen Crashsituationen wie 2008.

Und eine weitere Massnahme ist wichtig. Man braucht ein "System" nach dessen Regeln man agiert. Ein System das man sich rational ohne emotionalen Einfluss überlegt hat. Das kann dann in den schwierigen Phasen wie ein Korsettstange wirken, die einen auf Linie hält.

Eines kann ich Ihnen aber garantieren. Wenn Sie meine mahnenden Worte oben nun einfach wegwischen, werden Sie scheitern. Sie werden weiter zu den Marktteilnehmern gehören, die prozyklisch immer zu spät dran sind. Wie die Mehrzahl der privaten Anleger und das aus genau dem oben genannten Grund !

Nach dieser "Predigt", will ich Ihnen nun ganz rational und trocken sagen, wie ich den Markt Stand Heute 09.30 Uhr sehe:

(1)

Die wichtige Marke ist nach wie vor die 1390 im S&P500 bzw die 7200 im DAX. Siehe auch -> hier <- den Artikel von vor einer Woche.

(2)

Die Möglichkeit, dass wir gerade nur eine Schulter im Abwärtstrend sehen und danach die Schulter-Kopf-Schulter Formation im S&P500 Richtung 1300-1320 vollenden, ist nach wie vor vorhanden und real. Würde also ein temporärer Taucher unter 1390 nicht wieder gekauft, wäre das ein Signal für dieses Szenario.

(3)

Wahrscheinlicher ist nun aber nach meiner Analyse und in Würdigung aller mir sichtbaren Daten, dass die Jahresendrally schon begonnen hat. Und was wir hier erleben, ist ein notwendiger Rücksetzer. Ein Rücksetzer, der eben irgendwo bei 7200 im DAX und 1390 im S&P500 ein Ende finden sollte. Wobei man solche Marken bitte nicht exakt verstehen darf. Ein zeitweiliges Unterschreiten solcher Marken ist fast Standard. Entscheidend ist also nicht, ob wir exakt bei 7200 drehen, sondern ob man erkennt, dass unterhalb der Marke schon bald wieder Kaufinteresse in den Markt kommt. Oder eben nicht.

(4)

Insofern wird ein Erreichen dieser Marken für mich Signal für einen Long Einstieg sein, mit entsprechenden Stops für den Fall abgesichert, dass das Kaufinteresse eben doch nicht kommt.

(5)

Tritt der hier avisierte Rückgang in diese Regionen gar nicht ein, wäre spätestens das Übersteigen der Hochs von Freitag für mich ebenso Signal wieder einzusteigen. Wahrscheinlich bin ich schon früher wieder drin, dass ist aber eine zu komplexe Entscheidungsfindung - die auch viel mit Marktgefühl zu tun hat - um diese hier in einem Blogeintrag als simple wenn->dann Logik auseinander dividieren zu können.

Ich wünsche Ihnen gute Entscheidungen !

Ihr Hari

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