H.C. Grosskotz, IFRS und die Luftbuchungs Capital AG

Es gibt Dinge, die sollte man immer wieder erklären. Die in der Bilanzierung nach IFRS steckenden "Gestaltungsmöglichkeiten" gehören dazu. Denn ein Teil der Ertragssteigerungen von börsennotierten Unternehmen der letzten Jahre, beruhen auch auf (legalen) Gestaltungsmöglichkeiten, die IFRS bietet.

Im Artikel -> Vom Irrsinn des IFRS und einem zweifelhaften Buchwert < -, habe ich das schon vor 4 Jahren hier beschrieben und es ist immer noch aktuell.

Nun sind solche Themen aber "trocken" und gerade die, die es eigentlich lesen sollten, weil ihnen eben das Verständnis für die Hintergründe fehlt, lesen es dann nicht und jagen lieber dem nächsten "heissen Tip" nach. Die Erfolgschancen dieser Jagd kennen wir. 😉

Aus diesem Grund hatte ich vor 2 Jahren im Premium Bereich mal eine launíge Erklärung geschrieben, die plakativ deutlich macht, was möglich ist. Und diese will ich nun mit Ihnen auch im freien Bereich teilen.

Natürlich ist diese rein hypothetische Darstellung bewusst plakativ und zugespitzt, sie soll ja gelesen werden. Und ja, die Darstellung vereinfacht zu stark und das Thema muss viel, viel differenzierter betrachtet werden. Dann liest es aber keiner mehr. 😉

Und die Kernaussage ist eben doch zutreffend. Denn die lautet: verlassen Sie sich im Zeitalter des IFRS nicht mehr auf Buchwerte! Beziehungsweise verlassen Sie sich nur dann darauf, wenn Sie diese wirklich inhaltlich hinterfragen konnten. Und wer kann das als privater Anleger schon?

Nun aber zu H.C. Grosskotz und seiner "kreativen IFRS Buchführung". 😉

[Namensähnlichkeiten zu realen Personen oder Firmen sind natürlich unbeabsichtig und reiner Zufall]

Viel Spass und gute Erkenntnisse!

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Der psychologische Ankereffekt oder: Es ist eben nur eine Zahl!

Der folgende Artikel erschien schon Donnerstag 12.03.15 09:30 in Hari Live

Heute mal etwas Grundsätzliches zur Entwicklung im DAX.

Denn die Fixierung der Menschen auf diese Zahl - heute 11.800 - führt zu psychologischen Fehlbewertungen der Situation. Und die Folge davon sind dann Schlagzeilen wie "Wahnsinn" oder "Übertreibung" oder "DAX ohne Hemmungen".

Das liegt daran, dass wir im Sinne des psychologischen Ankereffektes, "Normalität" über die nahe Vergangenheit defínieren. Und wir uns aber auch an eine "neue Normalität" ganz schnell gewöhnen und unsere Einschätzung daran ausrichten.

Stellen wir uns mal vor, der DAX würde nun ganz schnell auf 15.000 hoch schiessen. Jedermann würde das als "übertrieben" werten. Würde dann aber ein Jahr folgen, in dem der DAX seitwärts läuft, wäre am Ende des Jahres 15.000 "ganz normal" und niemand würde sich wegen der vermeintlichen Höhe sorgen.

Es ist eben nur eine Zahl!

Dass das so ist, können wir validieren, wenn wir in die Vergangenheit schauen. Der DAX stand vor 20 Jahren bei ca. 2000. Und klar, man muss die Dividenden nun raus rechnen, wenn man die Unternehmen heute und damals vergleichen will, aber trotzdem: haben sich Unternehmen wie Siemens in den 20 Jahren wirklich so grundlegend verändert, dass Sie heute ein Vielfaches Wert sind? Einen DAX bei 4000, was vielleicht nach Abzug der Dividenden dem 2000er DAX von 1996 entspricht, würden wir heute aber als Ausdruck einer schweren Wirtschaftskrise betrachten. Passt das zusammen?

Es ist eben nur eine Zahl!

Es ist eben nur eine Zahl, die da rechnerisch nun steht. Und dass die Zahl so hoch steht, dafür gibt es viele gute Gründe.

Nominelle Gewinnsteigerungen durch Bilanzakrobatik ala IFRS sind einer davon. Echte Gewinnsteigerungen durch effizientere Operation sind ein anderer. Höhere Multiples durch Anlagedruck im Null-Zins-Umfeld sind ein weiter Grund. Und der brutal fallende Euro ist der letzte Sargnagel, der dem DAX letztlich Scheingewinne verschafft, die nämlich nur für Bürger in voller Höhe sichtbar sind, die im Euro rechnen und daher nicht sofort merken, wie ihre Währung und damit auch Ihr Wohlstand, im weltweiten Massstab abwertet.

Es ist eben nur eine Zahl!

Eben, so ist es! Und wer sich nun von der vermeintlichen Höhe der Zahl irritieren lässt, weil sie sozusagen "Gestern" noch bei 8500 war, macht einen schweren Fehler. Die Höhe alleine sagt gar nichts. Null und Nichts. Erst der Kontext sagt etwas aus.

Gewinne in unseren Depots entstehen auch nicht, weil die Zahl "hoch" oder "tief" ist, sie entstehen nur, wenn die Zahl morgen höher ist als heute. Und das wäre auch wahr, wenn der DAX heute bei 100.000 stehen würde.

Dass wir Menschen uns durch den Ankereffekt zu falschen Schlussfolgerungen verleiten lassen, können Sie auch an der Tatsache sehen, dass Aktiensplits so beliebt sind. Denn eigentlich ändert sich durch einen Split gar nichts, der Wert der Firma ist völlig identisch. Und trotzdem "fühlt" es sich für uns eine Zeit lang so an, als ob die Aktie "billiger" geworden sei. Und das führt zu statistisch beweisbarem Kaufdruck nach so Massnahmen. Was sind wir doch für Affen, oder? 😉

Insofern wäre das Beste, was die Macher des DAX für die Aktienkultur in Deutschland machen könnten, beim DAX nun einfach eine Null zu streichen. Dann notiert er aktuell bei 1.180 und das würde es vielen leichter machen, nun zuzugreifen. Absurd? Ja! Realität? Auch!

Es ist eben nur eine Zahl!

Wir sollten uns diese Mechanismen unbedingt klar und uns davon so weit wie möglich frei machen. Hören wir also nicht auf den gedanklichen Reflex von "zu weit" und "Übertreibung", nur weil die Zahl nun so hoch ist - das ist alles irrelevant. Alles was für uns zählt ist, dass bei den Assets in unseren Depots die Zahl morgen höher ist als heute.

Und was heisst das nun konkret?

Eigentlich ist es recht einfach. Es gibt gute und fundamentale Gründe, warum der DAX so nach oben schiesst. Ich habe sie oben genannt, im Moment sind das vor allem der Anlagedruck und der Absturz des Euros, der "die Zahl" nach oben schiebt, ohne den Wohlstand wirklich im gleichen Masse zu heben.

Und solange diese Gründe so dominant sind, gibt es keinen Grund, warum der DAX nicht weiter steigen kann und sogar 15.000 im Verlauf der kommenden Jahres erreichen. Merken wir uns: es gibt keinen zwingenden Grund warum nicht!

Ist das nun "sicher" und darf man deswegen "sorglos" werden? Gott bewahre! Schwere Dummheit!

Was wir hier erleben, ist ein historisch einmaliges Experiment der Notenbanken. Jeder - absolut jeder, inklusive Draghi himself - der behaupten würde, er wüsste wie das ausgeht und welche Fallstricke auf dem Weg lauern, würde an massiver Selbstüberschätzung leiden und sollte von uns tunlichst ignoriert werden!

Schaut man in die Vergangenheit hinein, wodurch starke Bullenmärkte abgeschossen wurden, waren es nie die Dinge, um die sich der Markt sorgte. Worum sich der Markt sorgt, ist in den Kursen und stellt selten ein echtes Risiko dar. Wirklich riskant sind die Dinge, um die sich der Markt *nicht* sorgt, weil er sie nicht auf dem Radar hat. Und wie will man Dinge voraus sehen, die man nicht erkennt - das ist ein Widerspruch in sich.

Und hier - in der aktuellen Situation - ist dieser "blinde Fleck" in unserer Wahrnehmung noch viel grösser als sonst, weil wir uns in unerforschten Gewässern befinden. Wie kann man da seriös sorglos sein? Nein, so eine Haltung wäre völlig falsch.

Was man aber nicht machen darf, ist sich durch die berechtigte Vorsicht und Aufmerksamkeit lähmen lassen. Und das passiert leider gerade bei den meisten deutschen Anlegern, auch eben, weil "die Zahl" so ungewohnt hoch aussieht.

Es ist eben nur eine Zahl!

Vergessen wir also diese Zahl. Stellen wir Sie uns geistig mit einer Null weniger vor. Und denken wir wieder daran: es kommt nur darauf an, dass diese Zahl morgen höher ist.

Deshalb - genau deshalb - machen wir Trendfolge. Deshalb gehen wir solche Bewegungen mit, egal wie die Zahl ist. Und wir gehen solange mit, wie der Trend erhalten bleibt.

Und im Moment ist nichts am Horizont zu erkennen, was den Trend der durch die EZB in Gang gesetzt wurde, schnell beenden könnte. Aber was heisst das schon, dass im Moment nichts zu erkennen ist? Schon kommende Woche steht die FED an und theoretisch könnte die den Spieltisch durchrütteln und den Dollar wieder runter reden.

Und obwohl wir mitgehen, bleiben wir deshalb paranoid. Denn wir wissen, dass unter der stillen Wasseroberfläche der schönen neuen Nullzinswelt, Ungeheuer lauern. Es macht definitiv keinen Sinn, aus abstrakter Angst dem Trend nicht mehr zu folgen. Aber wir beobachten. Und wenn wir sehen, dass sich ein Ungeheuer zeigt - und der Markt wird uns das durch sein Verhalten signalisieren - dann sind wir draussen.

DAX 11.800 ist auf jeden Fall nur eine Zahl. Mit der Zahl ist kein bisschen gesagt, dass 10.800 in einem Monat wahrscheinlicher ist als 12.800. Kein bisschen!

Lassen wir uns also nicht von der Zahl verrückt machen und folgen dem Trend. Bis er endet. Gnadenloser Opportunismus im positiven Sinne, ist das, was man am Markt braucht um erfolgreich zu sein.

Ob diese Zahl nun "zu hoch" oder "zu weit" ist, überlassen wir der Diskussion anderer, die damit ihre Zeit verbrauchen wollen. Wir akzeptieren einfach: wir wissen es nicht. Und es ist auch egal.

Ihr Hari

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Vom Irrsinn des IFRS und einem zweifelhaften Buchwert – Reloaded

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug erklären. Und da ich diese Woche noch Urlaub mache, schiebe ich heute einen Artikel wieder in den Vordergrund, der hier schon am 24.10.2012 - also vor fast 2 Jahren - veröffentlicht wurde.

Diese Erklärung ist aber nach wie vor topaktuell und erst heute habe ich wieder einen interessanten Artikel gesehen, der die Problematik der Buchwerte nach "Fair Value" erneut in Erinnerung ruft, dieses mal für die grossen Energiekonzerne mit ihren Reserven und deren Bewertung in den Bilanzen:

Ein erneutes, schönes Beispiel, warum das Prinzip des "Fair Value" in der Praxis Augenwischerei ist und nur dazu führt, dass das Management zu grosse Gestaltungsfreiheiten hat und die Aussagekraft der Bilanzen verschmiert wird. Genau das, was der Artikel unten im Detail erklärt. Denn da es in der Gegenwart keine objektiven Fakten gibt, ob und wie die Reserven der oben im Artikel beschriebenen Energie-Konzerne in Zukunft überhaupt genutzt werden können, obliegen diese Bilanzposten mehr oder weniger der Gestaltung des Managements.

Viele der neuen Leser, die in den letzten zwei Jahren zu surveybuilder.info dazu gestossen sind, werden den Artikel vom Herbst 2012 nicht kennen. Das sollten Sie aber, daher hier der "Irrsinn des IFRS" reloaded. Viel Spass, Ihr urlaubender Hari.

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Heute möchte ich mit Ihnen mal wieder ein grundsätzliches Thema besprechen. Und zwar in Form eines persönlichen und höchst subjektiven Kommentars zum Thema IFRS.

Ausgelöst durch einen der zahllosen Artikel, in denen dem privaten Anleger mal wieder das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) als einfaches Mittel angedient wurde um "Value-Aktien" nach Graham und Buffet zu finden, habe ich mich dazu despektierlich geäussert und den Versuch so ein Thema auf das KBV zu reduzieren als "Plattheit" gebranntmarkt.

In diesem Artikel möchte ich genauer erläutern was ich damit meine. Und warum Sie sich nach meiner Erfahrung keinen Gefallen damit tun, Ihre Anlageentscheidungen alleine nach solchen trivialen Kennziffern zu treffen. Wenn mir die Welt so stark vereinfacht dargeboten wird, ist für mich eher sofort die Frage, "warum" man mir das so darlegt und welche Interessen die Beteiligten haben könnten.

Noch vor 15 Jahren, war die Welt der Bilanzierung in Ordnung. In Deutschland galt das HGB, das die Tendenz hatte, in den Bilanzen stille Reserven - also eine Sicherheitsmarge - aufzubauen. Kaufte man damals ein anderes Unternehmen oder Rechte oder oder, wurde der Aufwand als "Kosten" verbucht oder aktiviert und das Wirtschaftsgut langsam abgeschrieben. Irgendwann war das Wirtschaftsgut in der Bilanz bei Null angekommen, hatte aber immer noch einen realen Gegenwert. Manchmal war dieser Gegenwert sogar gestiegen.

Diese stillen Reserven schlummerten unerkannt in den Bilanzen und wurden erst dann gehoben, wenn das Wirtschaftsgut zum Beispiel verkauft wurde, wenn es also durch einen Preis einen "Wert" bekam. Das war auch im Wesentlichen die Bilanz-Welt, in der Benjamin Graham (der diesem Blog seinen Namen gab und dessen Schüler Warren Buffet war) seine berühmte "Value-Strategie" entwickelte, wie in seinem Buch "The intelligent Investor" ausgeführt. Sicher waren die Bilanzierungsregeln auch damals in den USA anders als das HGB, aber auch in den US war die Bilanzierung damals viel mehr vom Sicherheitsgedanken geprägt als heute.

Dann begann aber der Siegeszug der IFRS (International Financial Reporting Standards). Eigentlich ein richtiger Gedanke, die Rechnungslegungsvorschriften weltweit zu vereinfachen und damit vergleichbar zu machen. Ich zitiere mal einen Satz aus dem WiWo Artikel zum "grossen Bilanz Bluff", den ich Ihnen unten verlinkt habe: "Die 15-köpfige Gruppe ist privat organisiert. Sponsoren der Gruppe sind nahezu alle wichtigen internationalen Konzerne, Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Europäische Union winkt deren Beschlüsse regelmäßig durch und gibt sie weiter in die Hauptstädte von Berlin bis Rom, wo sie in nationales Recht umgewandelt werden."

Meine Lebenserfahrung gebietet anzunehmen, dass es die Interessen der genannten Spieler sind, die indirekt Einfluss auf die Bilanzierungsregeln nehmen. Und das selbst, wenn man den 15 Personen individuelle Untadeligkeit und das Bemühen um Unabhängigkeit attestiert, was ich hiermit gerne annehme. Denn jeder Mensch ist durch sein Arbeitsumfeld geprägt, auch wenn er sich persönlich um Unabhängigkeit bemüht. Lässt man Bilanzstandards von den genannten Gruppen erarbeiten, wird man andere bekommen, als wenn das Standardisierungsgremium zum Beispiel aus den Finanzchefs von Mittelständlern besteht. Bezeichnend für die deutsche Politik ist übrigens, dass sie dieses so entscheidende Thema aus meiner Sicht mal wieder völlig verschlafen hat.

Und die Interessen der grossen Spieler sind für mich naheliegend. Indem man stille Reserven hebt, in dem man die Bilanzen aufbläht, erzeugt man höhere Kurse an Börsen (= mehr Boni) weil die Kennziffern wie zB KBV besser aussehen, erhöht man das Volumen der Mandate, erzeugt neue Beratungsfelder für Banken und Wirtschaftsprüfer und gibt dem Management Spielraum, sich die Bilanz nach Gusto zu bauen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung anzunehmen, dass diese Interessen auch in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

Das Schlüsselprinzip das seit IFRS dabei eingesetzt wird und das es vorher nicht gab, ist dabei das "Fair Value Measurement“. Theoretisch ein richtiger Gedanke, statt das stille Reserven wie oben in den Bilanzen schlummern und diese defensiv aufgebaut sind, sollen alle Bilanzpositionen mit ihrem aktuellen "fairen Wert" bewertet werden. Das Problem ist nur, wer legt denn fest wenn es keinen echten Marktwert gibt, was die Regel ist ? Wer hat die Kompetenz zu entscheiden, ob eine Investition zB in eine innovative Technologie diesen oder jenen "fairen" Wert hat ? Womit wir beim massiven Spielraum sind der nun entstanden ist und der die modernen Bilanzen eher zu einem Pudding macht, den man verzweifelt versucht an die Wand zu nageln.

Es übersteigt den Umfang eines solchen Artikels, hier auf alle Aspekte einzugehen. Ich will Ihnen mit diesen Worten auch nur ein Problembewusstsein schaffen. Und dazu braucht es Beispiele.

Nehmen wir also mal beispielhaft Daimler und die Brennstoffzelle. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Daimler in das Thema schon mehr als 1 Milliarde Entwicklungskosten hinein gesteckt haben soll. Ich weiss nicht ob das stimmt und ich will vorausschicken, das ich keinerlei Ahnung habe wie Daimler das Thema bilanziert. Und ich will mit den folgenden Worten auch keine Behauptungen über die Bilanz bei Daimler aufstellen. Ich will Ihnen nur an einem Beispiel das jeder kennt ("Daimler" und "Brennstoffzelle") klar machen, was IFRS potentiell bedeutet.

Daimler hat also massive Investitionen in die Brennstoffzelle gesteckt, um in der Zukunft damit Geschäft zu machen. In der alten Welt des HGB wäre das ganz einfach gewesen. All die Investitionen in die Brennstoffzelle, all die Millionen an Entwicklerstunden, die gekauften Maschinen, Patente und Rechte, wären Kosten bzw aktivierbare Wirtschaftsgüter gewesen. Wirtschaftsgüter wie zb eine Testanlage wären bis auf Null abgeschrieben worden. Bilanziell wären also all diese Aktivitäten irgendwann nichts mehr "wert" gewesen, bis dann der Moment eintritt, an dem man mit der Brennstoffzelle Umsatz macht, Kunden gewinnt etc. So einfach, so defensiv, so konservativ.

Heute, im IFRS, darf man aber Entwicklungsaufwand aktivieren. Und muss den Wert dieser "virtuellen Wirtschaftsgüter" nicht zwingend auf Null abschreiben. Nein, man muss für die Bilanz bestimmen, was der "Fair Value" dieser Aktiva ist. Und bläht die Bilanz entsprechend auf, was bedeutet das KBV sieht optisch attraktiver aus. Nur wer entscheidet was die Investitionen in die Brennstoffzelle Wert sind ? Nach welchen Kriterien ?

Viel schlimmer, kann das überhaupt jemand kompetent entscheiden ? Ich behaupte ganz frech: NEIN ! Denn die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Brennstoffzelle am Markt gegen die alternativen Antriebsformen durchsetzen kann. Und das hängt von unzähligen, auch politischen, Parametern ab und kann niemand vorher sehen. Und deshalb kann auch niemand seriös den "Fair Value" bestimmen.

Im Endeffekt masst sich IFRS damit ganz arrogant an, via Bilanz die Zukunft vorher sehen zu können. Klar, theoretisch soll es der aktuelle "Fair Value" der Gegenwart sein, nur ist der nicht zu bestimmen ohne Annahmen zur Zukunft zu machen. Das ist in meinen Augen die traurige Realität. Und Realität ist für mich auch, dass sich damit das Management der Konzerne nach meiner Erfahrung mehr oder weniger selber in die Bilanzen schreiben kann, was es will. Oder glauben Sie ein durchschnittlicher Wirtschaftsprüfer kann eine ernsthafte Diskussion mit dem Entwicklungsvorstand bestehen, welchen aktuellen Wert frische Innovationen in einem innovativen Spezialthema haben ? Sicher haben die Wirtschaftsprüfer "Krücken" zur Bewertung in ihrer Methodik, es sind und bleiben aber Krücken und am Ende entscheidet das Management.

Das ist nur ein Beispiel. Und um es noch einmal zu erwähnen, ich weiss nicht wie Daimler das real bilanziert, das ist nur ein theoretisches Gedankenszenario um einen Punkt klar zu machen. Und es ist auch keine Problematik von Daimler, sondern vor diesen Fragen stehen mit IFRS alle Unternehmen mit signifikanten Entwicklungsaufwendungen, egal aus welcher Branche. Aber von dieser Art "Bewertungen" nach "Fair Value" werden die Bilanzen der Konzerne seit IFRS bestimmt. Und es ist beileibe nicht nur das Thema aktivierter Entwicklungsleistungen um das es hier geht, weitere Stichworte sind der Goodwill bei Firmenkäufen, die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen usw. usw..

Warum wohl weist Microsoft plötzlich, von einer Sekunde auf die andere einen Quartalsverlust aus und schreibt 6 Milliarden auf eine Akquisition ab ? Womit die Bilanz um diese 6 Milliarden verkürzt wird. Hat sich die Welt in dieser Sekunde so verändert ? War die Bilanz vor 3 Monaten also richtig ? Lesen Sie . Und warum wundern sich Redakteure, das der Markt dabei nicht mal zuckt ? Ganz einfach, weil die Redakteure den (Un)Sinn des IFRS nicht verstehen und noch denken, Bilanzen hätten Aussagekraft. Big Money weiss es aber und zuckt deshalb nicht einmal über die Abschreibung. Die Profis im Markt wissen : "sowieso Bullshit" und kümmern sich um die bedeutenden Dinge.

Am schlimmsten sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht die Bilanzen von IT Unternehmen, sondern die von Banken. Da hier fast keine "realen" Güter dahinter stehen, bestehen die Bilanzen aus Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen. Natürlich alles "Fair Value". 😉 Erfahrene Bilanzspezialisten, die bei einem Industrieunternehmen durchaus noch sinnvolle Schlüsse aus der Bilanz ziehen können, streichen bei Bankbilanzen die Segel. Denn die wissen, das sie *nicht* wissen, eben gerade weil sie kompetent sind. Um so absurder wird es dann, wenn man im Web von Laien "fundamentale Analysen" zu Banken anhand der klassischen Bilanzkennziffern liest. Da kann man in meinen Augen auch gleich wie im Mittelalter das Gekröse eines Frosches untersuchen, das läst ähnlich kompetente Rückschlüsse zu. 😉 Bank-Bilanzen sind einfach eine "Black-Box", die selbst für Insider extrem schwer zu durchdringen sind.

Faktum ist, dass man aufgrund dieser durch IFRS aufgeblähten Unternehmensbilanzen die Kennziffern wie KBV gar nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen kann. Wer Ihnen also erzählt, dass das KBV des DAX im historischen Massstab billig sei, ist nicht ernst zu nehmen. Die Bilanzen sind nicht vergleichbar und keiner kann Ihnen genau sagen, wie aufgebläht sie nun im Vergleich zu den 90er Jahren sind.

Und dann lächeln Sie Personen von Magazinen an und und implizieren, dass Sie ja nur das KBV und die Dividende anschauen müssen, um sich wie Graham und Buffet zu fühlen. Wenn Geldanlage so einfach wäre, wären wir alle Multimillionäre. Komisch nur, dass wir es nicht sind. 😉

Sage ich damit, dass eine Kennziffer wie das KBV gar keine Aussagekraft mehr hat ? Nein, wenn man das Geschäft des Unternehmens versteht, wenn man die Substanz der wesentlichen Bilanzpositionen einschätzen kann und wenn man weiss, wie "aggressiv" das Management bilanziert, dann hat eine Bilanzanalyse immer noch gute Aussagekraft. Das ist das was ein Buffet macht und mehr. Machen Sie das ? Können Sie das ? Wenn nein, lassen Sie sich nicht von den grossen Vereinfachungen blenden.

So weit meine hoffentlich deutliche und zugegeben spitzzüngige Rede zum Thema. Wie gesagt, ich wollte damit nicht in die Details der Bilanzierung einsteigen, sondern Ihnen nur eine sehr grundsätzliche Problematik klar machen.

Im Folgenden habe ich daher für Sie noch zwei Links um das Thema zu vertiefen. Gerade den ersten Link "Der grosse Bilanz Bluff" möchte ich Ihnen dringend zum intensiven Studium empfehlen. Danach sind Sie hoffentlich kuriert und können nur noch bitter lachen, wenn Ihnen einer mal wieder etwas vom KBV als entscheidendem Kriterium erzählt und dafür dann noch der arme Warren Buffet ungefragt als Testimonial benutzt wird.

Ich hoffe ich konnte Ihren Horizont ein wenig erweitern. Und ich bedauere, dass ich Ihnen keine "einfachen" Lösungen anbieten kann. Das muss ich anderen überlassen.

Ihr Hari

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Sind Industrieaktien – am Beispiel General Electric – nun billig oder teuer ?

Ich möchte heute mal ein Gedankenexperiment mit Ihnen machen und die plakative Frage stellen, ist General Electric (WKN 851144, GE) nun billig oder schon zu teuer ?

GE wähle ich aus zwei Gründen. Erstens weil es nur wenige Aktien gibt, bei denen man so schöne Vergleichsdaten in die Vergangenheit hinein bekommen kann. Und zweitens, weil GE immer noch, der Benchmark für die US, aber auch für die weltweite Industrie ist.

Und wenn die US Industrie nun auf die Beine kommen sollte - wonach es ja aussieht - wird die breit aufgestellte GE profitieren. Insofern ist die Frage doch spannend, ob GE heute schon überbewertet ist.

Jetzt könnte man diese Frage natürlich anhand der populären Parametern wie KGV und KBV beantworten wollen, aber das führt für langfristige Betrachtungen nicht wirklich weiter. Denn das KGV ist ein Wert, der sich an den Gewinnerwartungen orientiert, dummerweise ändern diese sich im Laufe der Zeit massiv.

Und das KGV ist entgegen der landläufigen Annahme auch ein ziemlich mieser Indikator, um Unter- oder Überbewertungen aufzuspüren, bei Zyklikern ist das KGV an den Wendepunkten sogar ein Kontraindikator. Ich habe diese Problematik ausführlich im Artikel -> Warum billige Zykliker teuer sind und umgekehrt <- ausgeführt und kann jedem, der diesen Zusammenhang nicht kennt, nur wärmstens empfehlen, den Artikel noch einmal zu lesen.

Aber auch das vermeintlich so objektive KBV ist in Zeiten des IFRS auch nicht mehr das , was es mal war, weil auch der Buchwert zyklischen Schwankungen unterliegt, von Verzerrungen durch Goodwill ganz zu schweigen. Denken Sie alleine mal an die Bewertung von Lagerstätten bei Rohstoffen, die natürlich auch vom langfristigen Rohstoffpreis abhängt. Auch diese Problematik habe ich in dem Artikel -> Vom Irrsinn des IFRS oder warum einfache Kennziffern wie das KBV kaum Aussagekraft haben <- ausgearbeitet.

Was uns also sinnvoll bleibt um das Bewertungspotential, der GE Aktie zu vergleichen, ist der Kursverlauf im sehr langfristigen Chart, den man - wenn man es ganz genau machen wollte - um die Inflation diskontieren müsste. Letzteres ist schwierig und habe ich hier nicht vollzogen, aber auch ohne die Anpassung bekommt man ein Gefühl dafür, welche Bewertungen bei einer Aktie wie GE im Maximum wie Minimum möglich sind, wenn die Gewinnsituation und Konjunktur die entsprechenden Voraussetzungen schaffen.

Schauen wir also auf das GE-Chart mit Wochenkerzen, das bis 1996 zurück reicht. Und was sehen wir ?

GE 09.01.14

Wir sehen eine phantastische Chance Ende 2008, diese Ikone zu Ausverkaufspreisen auf dem "Grabbeltisch" ins Depot zu legen und sich dann bis heute schlafen zu legen - genau da, wo auch Warren Buffet zugeschlagen hat.

Und wir sehen auch, dass sich für GE bald die Frage stellt, ob die Aktie aus der jahrzehntelangen Konsolidierung ausbrechen kann. Diese Konsolidierung ist gleichbedeutend mit dem säkularen Bärenmarkt an den Aktienmärkten, der 2000 begann.

Das es sich nur um eine Konsolidierung handelt wird klarer, wenn wir das Bild bis 1984 expandieren:

GE 09.01.14 842

Ich betrachte GE als das Musterbeispiel für die übergeordnete Lage der weltweiten Industrie-Märkte. Wir sehen anhand GE, dass die Industriesektoren immer noch in einem säkularen Bärenmarkt gefangen sind, der 2000 begann.

Aber wir sehen auch, dass GE im langfristigen Massstab aktuell zwar nicht mehr billig, aber auch keineswegs zwingend zu teuer ist. Wenn die US Industrie wirklich anziehen sollte, gibt es keinen Grund, warum GE nicht auch doppelt so hoch notieren könnte wie heute. Und damit würde das Ende dieses säkularen Bärenmarktes eingeleitet.

Das sagt jetzt nichts darüber aus, ob wir in 2014 eine 20% Korrektur erleben oder nicht. Das ist sehr gut möglich. Es eröffnet aber den Blick für die sehr langfristige Perspektive. Denn irgendwann wird dieser Bärenmarkt enden und eigentlich ist die Zeit bald reif dafür. Und dann beginnt der Spass an den Aktienmärkten erst so richtig.

Lassen wir uns also von den Zahlen der hohen Indexstände nicht blenden. Es gibt noch Bluechips mit Potential. Und diese dürften unter anderem im Industriebereich zu finden sein.

Ziehen Sie aus diesen Aussagen aber keine Schlussfolgerungen für die Kursentwicklung morgen oder nächste Woche. Das sind zwei verschiedene paar Schuhe. Ich will mit dem Beispiel GE eigentlich nur erneut klarmachen, dass die hohen Zahlen der Indizes genau nichts bedeuten. Die langfristige Frage ist eher, ob die Weltwirtschaft wieder Katalysatoren oder innovative, technologische Durchbrüche erlebt, die den nächsten grossen Bullenmarkt einleiten. Denn bei aller Begeisterung über die aktuelle Kursentwicklung, im ganz grossen Bild befinden wir uns immer noch in einem säkularen Bärenmarkt. Vielleicht am Ende desselben, aber immer noch nicht endgültig raus.

In diesem Zusammenhang möchte ich auch noch einmal an den Artikel
-> Aktienmärkte von 1896 bis heute – Steht ein neuer, säkularer Bullenmarkt bevor ? <- erinnern.
Ein Artikel, der aus einer anderen Warte, zu einer sehr ähnlichen Schlussfolgerung kommt.

Bleiben wir also offen für die Möglichkeiten. Alle hacken auf den Notenbanken herum und ich gehöre da ja auch dazu, weil ich weiss auf welcher Rasierklinge wir da gerade balancieren. Und die Vernunft gebietet, nun von einer baldigen, scharfen Korrektur an den Märkten auszugehen.

Aber kurzfristige Korrektur hin oder her, stellen wir uns nur mal theoretisch vor, es gelänge den Notenbanken doch das Kamel durchs Nadelöhr zu bugsieren und einen selbst tragenden, weltweiten Aufschwung zu initiieren, der dann durch neue Technologien wie 3D Druck oder Biotech massiv befeuert wird.

Wo stehen wir denn 2020 dann an den Aktienmärkten ? Hat sich 1981, bei einem Stand des Dow Jones Index von 1000, als der letzte grosse säkulare Bärenmarkt zu Ende ging, jemand ernsthaft vorstellen oder glauben können, dass der gleiche Index 1999 bei rund 11.000 notieren würde ?

Lassen Sie uns einfach offen für die Möglichkeiten bleiben. Die Zukunft ist und bleibt unbestimmt und hat jede Menge Überraschungen für uns parat. Und lassen Sie uns auf den menschlichen Erfindergeist setzen. Auch wenn in Deutschland gerade "bewahren" und das Festhalten am Status Quo en vogue ist, Deutschland ist nicht die Welt ! Und der Wandel ist gut, unsere ganze menschliche Existenz beruht auf dem evolutionären Erfolgsmodell Wandel. Früher nannte man das auch hier im positiven Sinne "Fortschritt" !

Ihr Hari

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Vom Irrsinn des IFRS – oder warum der Buchwert alleine kaum Aussagekraft mehr hat.

Heute möchte ich mit Ihnen mal wieder ein grundsätzliches Thema besprechen. Und zwar in Form eines persönlichen und höchst subjektiven Kommentars zum Thema IFRS.

Ausgelöst durch einen der zahllosen Artikel, in denen dem privaten Anleger mal wieder das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) als einfaches Mittel angedient wurde um "Value-Aktien" nach Graham und Buffet zu finden, habe ich mich dazu despektierlich geäussert und den Versuch so ein Thema auf das KBV zu reduzieren als "Plattheit" gebranntmarkt.

In diesem Artikel möchte ich genauer erläutern was ich damit meine. Und warum Sie sich nach meiner Erfahrung keinen Gefallen damit tun, Ihre Anlageentscheidungen alleine nach solchen trivialen Kennziffern zu treffen. Wenn mir die Welt so stark vereinfacht dargeboten wird, ist für mich eher sofort die Frage, "warum" man mir das so darlegt und welche Interessen die Beteiligten haben könnten.

Noch vor 15 Jahren, war die Welt der Bilanzierung in Ordnung. In Deutschland galt das HGB, das die Tendenz hatte, in den Bilanzen stille Reserven - also eine Sicherheitsmarge - aufzubauen. Kaufte man damals ein anderes Unternehmen oder Rechte oder oder, wurde der Aufwand als "Kosten" verbucht oder aktiviert und das Wirtschaftsgut langsam abgeschrieben. Irgendwann war das Wirtschaftsgut in der Bilanz bei Null angekommen, hatte aber immer noch einen realen Gegenwert. Manchmal war dieser Gegenwert sogar gestiegen.

Diese stillen Reserven schlummerten unerkannt in den Bilanzen und wurden erst dann gehoben, wenn das Wirtschaftsgut zum Beispiel verkauft wurde, wenn es also durch einen Preis einen "Wert" bekam. Das war auch im Wesentlichen die Bilanz-Welt, in der Benjamin Graham (der diesem Blog seinen Namen gab und dessen Schüler Warren Buffet war) seine berühmte "Value-Strategie" entwickelte, wie in seinem Buch "The intelligent Investor" ausgeführt. Sicher waren die Bilanzierungsregeln auch damals in den USA anders als das HGB, aber auch in den US war die Bilanzierung damals viel mehr vom Sicherheitsgedanken geprägt als heute.

Dann begann aber der Siegeszug der IFRS (International Financial Reporting Standards). Eigentlich ein richtiger Gedanke, die Rechnungslegungsvorschriften weltweit zu vereinfachen und damit vergleichbar zu machen. Ich zitiere mal einen Satz aus dem WiWo Artikel zum "grossen Bilanz Bluff", den ich Ihnen unten verlinkt habe: "Die 15-köpfige Gruppe ist privat organisiert. Sponsoren der Gruppe sind nahezu alle wichtigen internationalen Konzerne, Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Europäische Union winkt deren Beschlüsse regelmäßig durch und gibt sie weiter in die Hauptstädte von Berlin bis Rom, wo sie in nationales Recht umgewandelt werden."

Meine Lebenserfahrung gebietet anzunehmen, dass es die Interessen der genannten Spieler sind, die indirekt Einfluss auf die Bilanzierungsregeln nehmen. Und das selbst, wenn man den 15 Personen individuelle Untadeligkeit und das Bemühen um Unabhängigkeit attestiert, was ich hiermit gerne annehme. Denn jeder Mensch ist durch sein Arbeitsumfeld geprägt, auch wenn er sich persönlich um Unabhängigkeit bemüht. Lässt man Bilanzstandards von den genannten Gruppen erarbeiten, wird man andere bekommen, als wenn das Standardisierungsgremium zum Beispiel aus den Finanzchefs von Mittelständlern besteht. Bezeichnend für die deutsche Politik ist übrigens, dass sie dieses so entscheidende Thema aus meiner Sicht mal wieder völlig verschlafen hat.

Und die Interessen der grossen Spieler sind für mich naheliegend. Indem man stille Reserven hebt, in dem man die Bilanzen aufbläht, erzeugt man höhere Kurse an Börsen (= mehr Boni) weil die Kennziffern wie zB KBV besser aussehen, erhöht man das Volumen der Mandate, erzeugt neue Beratungsfelder für Banken und Wirtschaftsprüfer und gibt dem Management Spielraum, sich die Bilanz nach Gusto zu bauen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung anzunehmen, dass diese Interessen auch in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

Das Schlüsselprinzip das seit IFRS dabei eingesetzt wird und das es vorher nicht gab, ist dabei das "Fair Value Measurement“. Theoretisch ein richtiger Gedanke, statt das stille Reserven wie oben in den Bilanzen schlummern und diese defensiv aufgebaut sind, sollen alle Bilanzpositionen mit ihrem aktuellen "fairen Wert" bewertet werden. Das Problem ist nur, wer legt denn fest wenn es keinen echten Marktwert gibt, was die Regel ist ? Wer hat die Kompetenz zu entscheiden, ob eine Investition zB in eine innovative Technologie diesen oder jenen "fairen" Wert hat ? Womit wir beim massiven Spielraum sind der nun entstanden ist und der die modernen Bilanzen eher zu einem Pudding macht, den man verzweifelt versucht an die Wand zu nageln.

Es übersteigt den Umfang eines solchen Artikels, hier auf alle Aspekte einzugehen. Ich will Ihnen mit diesen Worten auch nur ein Problembewusstsein schaffen. Und dazu braucht es Beispiele.

Nehmen wir also mal beispielhaft Daimler und die Brennstoffzelle. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Daimler in das Thema schon mehr als 1 Milliarde Entwicklungskosten hinein gesteckt haben soll. Ich weiss nicht ob das stimmt und ich will vorausschicken, das ich keinerlei Ahnung habe wie Daimler das Thema bilanziert. Und ich will mit den folgenden Worten auch keine Behauptungen über die Bilanz bei Daimler aufstellen. Ich will Ihnen nur an einem Beispiel das jeder kennt ("Daimler" und "Brennstoffzelle") klar machen, was IFRS potentiell bedeutet.

Daimler hat also massive Investitionen in die Brennstoffzelle gesteckt, um in der Zukunft damit Geschäft zu machen. In der alten Welt des HGB wäre das ganz einfach gewesen. All die Investitionen in die Brennstoffzelle, all die Millionen an Entwicklerstunden, die gekauften Maschinen, Patente und Rechte, wären Kosten bzw aktivierbare Wirtschaftsgüter gewesen. Wirtschaftsgüter wie zb eine Testanlage wären bis auf Null abgeschrieben worden. Bilanziell wären also all diese Aktivitäten irgendwann nichts mehr "wert" gewesen, bis dann der Moment eintritt, an dem man mit der Brennstoffzelle Umsatz macht, Kunden gewinnt etc. So einfach, so defensiv, so konservativ.

Heute, im IFRS, darf man aber Entwicklungsaufwand aktivieren. Und muss den Wert dieser "virtuellen Wirtschaftsgüter" nicht zwingend auf Null abschreiben. Nein, man muss für die Bilanz bestimmen, was der "Fair Value" dieser Aktiva ist. Und bläht die Bilanz entsprechend auf, was bedeutet das KBV sieht optisch attraktiver aus. Nur wer entscheidet was die Investitionen in die Brennstoffzelle Wert sind ? Nach welchen Kriterien ?

Viel schlimmer, kann das überhaupt jemand kompetent entscheiden ? Ich behaupte ganz frech: NEIN ! Denn die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Brennstoffzelle am Markt gegen die alternativen Antriebsformen durchsetzen kann. Und das hängt von unzähligen, auch politischen, Parametern ab und kann niemand vorher sehen. Und deshalb kann auch niemand seriös den "Fair Value" bestimmen.

Im Endeffekt masst sich IFRS damit ganz arrogant an, via Bilanz die Zukunft vorher sehen zu können. Klar, theoretisch soll es der aktuelle "Fair Value" der Gegenwart sein, nur ist der nicht zu bestimmen ohne Annahmen zur Zukunft zu machen. Das ist in meinen Augen die traurige Realität. Und Realität ist für mich auch, dass sich damit das Management der Konzerne nach meiner Erfahrung mehr oder weniger selber in die Bilanzen schreiben kann, was es will. Oder glauben Sie ein durchschnittlicher Wirtschaftsprüfer kann eine ernsthafte Diskussion mit dem Entwicklungsvorstand bestehen, welchen aktuellen Wert frische Innovationen in einem innovativen Spezialthema haben ? Sicher haben die Wirtschaftsprüfer "Krücken" zur Bewertung in ihrer Methodik, es sind und bleiben aber Krücken und am Ende entscheidet das Management.

Das ist nur ein Beispiel. Und um es noch einmal zu erwähnen, ich weiss nicht wie Daimler das real bilanziert, das ist nur ein theoretisches Gedankenszenario um einen Punkt klar zu machen. Und es ist auch keine Problematik von Daimler, sondern vor diesen Fragen stehen mit IFRS alle Unternehmen mit signifikanten Entwicklungsaufwendungen, egal aus welcher Branche. Aber von dieser Art "Bewertungen" nach "Fair Value" werden die Bilanzen der Konzerne seit IFRS bestimmt. Und es ist beileibe nicht nur das Thema aktivierter Entwicklungsleistungen um das es hier geht, weitere Stichworte sind der Goodwill bei Firmenkäufen, die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen usw. usw..

Warum wohl weist Microsoft plötzlich, von einer Sekunde auf die andere einen Quartalsverlust aus und schreibt 6 Milliarden auf eine Akquisition ab ? Womit die Bilanz um diese 6 Milliarden verkürzt wird. Hat sich die Welt in dieser Sekunde so verändert ? War die Bilanz vor 3 Monaten also richtig ? Lesen Sie . Und warum wundern sich Redakteure, das der Markt dabei nicht mal zuckt ? Ganz einfach, weil die Redakteure den (Un)Sinn des IFRS nicht verstehen und noch denken, Bilanzen hätten Aussagekraft. Big Money weiss es aber und zuckt deshalb nicht einmal über die Abschreibung. Die Profis im Markt wissen : "sowieso Bullshit" und kümmern sich um die bedeutenden Dinge.

Am schlimmsten sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht die Bilanzen von IT Unternehmen, sondern die von Banken. Da hier fast keine "realen" Güter dahinter stehen, bestehen die Bilanzen aus Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen. Natürlich alles "Fair Value". 😉 Erfahrene Bilanzspezialisten, die bei einem Industrieunternehmen durchaus noch sinnvolle Schlüsse aus der Bilanz ziehen können, streichen bei Bankbilanzen die Segel. Denn die wissen, das sie *nicht* wissen, eben gerade weil sie kompetent sind. Um so absurder wird es dann, wenn man im Web von Laien "fundamentale Analysen" zu Banken anhand der klassischen Bilanzkennziffern liest. Da kann man in meinen Augen auch gleich wie im Mittelalter das Gekröse eines Frosches untersuchen, das läst ähnlich kompetente Rückschlüsse zu. 😉 Bank-Bilanzen sind einfach eine "Black-Box", die selbst für Insider extrem schwer zu durchdringen sind.

Faktum ist, dass man aufgrund dieser durch IFRS aufgeblähten Unternehmensbilanzen die Kennziffern wie KBV gar nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen kann. Wer Ihnen also erzählt, dass das KBV des DAX im historischen Massstab billig sei, ist nicht ernst zu nehmen. Die Bilanzen sind nicht vergleichbar und keiner kann Ihnen genau sagen, wie aufgebläht sie nun im Vergleich zu den 90er Jahren sind.

Und dann lächeln Sie Personen von Magazinen an und und implizieren, dass Sie ja nur das KBV und die Dividende anschauen müssen, um sich wie Graham und Buffet zu fühlen. Wenn Geldanlage so einfach wäre, wären wir alle Multimillionäre. Komisch nur, dass wir es nicht sind. 😉

Sage ich damit, dass eine Kennziffer wie das KBV gar keine Aussagekraft mehr hat ? Nein, wenn man das Geschäft des Unternehmens versteht, wenn man die Substanz der wesentlichen Bilanzpositionen einschätzen kann und wenn man weiss, wie "aggressiv" das Management bilanziert, dann hat eine Bilanzanalyse immer noch gute Aussagekraft. Das ist das was ein Buffet macht und mehr. Machen Sie das ? Können Sie das ? Wenn nein, lassen Sie sich nicht von den grossen Vereinfachungen blenden.

So weit meine hoffentlich deutliche und zugegeben spitzzüngige Rede zum Thema. Wie gesagt, ich wollte damit nicht in die Details der Bilanzierung einsteigen, sondern Ihnen nur eine sehr grundsätzliche Problematik klar machen.

Im Folgenden habe ich daher für Sie noch zwei Links um das Thema zu vertiefen. Gerade den ersten Link "Der grosse Bilanz Bluff" möchte ich Ihnen dringend zum intensiven Studium empfehlen. Danach sind Sie hoffentlich kuriert und können nur noch bitter lachen, wenn Ihnen einer mal wieder etwas vom KBV als entscheidendem Kriterium erzählt und dafür dann noch der arme Warren Buffet ungefragt als Testimonial benutzt wird.

Ich hoffe ich konnte Ihren Horizont ein wenig erweitern. Und ich bedauere, dass ich Ihnen keine "einfachen" Lösungen anbieten kann. Das muss ich anderen überlassen.

Ihr Hari

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