Schlafwandler und Kriegstreiber – mein Blick auf die Ukraine-Krise

Furcht ist der Pfad zur dunklen Seite. Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid. (Yoda)

Perfekter kann man es nicht sagen. Manchmal findet sich Weisheit eben auch in der Populär-Kultur. 😉

Sie werden sich nun fragen, warum ich in einem Börsenblog einen langen Artikel zur Weltlage schreibe.

Nun, seit dem Ende der Sowjetunion vor fast 25 Jahren hatte ich nie mehr ein Wochenende, an dem ich nur sorgenvoll über Weltpolitik gegrübelt habe. Das letzte war so Eines.

Und ich hatte überhaupt noch nie einen Wochenstart, an dem ich eigentlich keine Lust habe, mich mit dem Markt zu beschäftigen, weil es Wichtigeres gibt.

Ich denke es gibt Punkte in der Geschichte die so bedeutsam sind, dass man als Bürger nicht einfach schweigen kann. Punkte an denen es wichtig ist, dass Menschen ihre Stimme gegen Hass, Einseitigkeit und Propaganda erheben, Menschen die sich um Mitte und Mass bemühen und um einen differenzierten, unideologischen Umgang mit der Wirklichkeit.

Ich betone dabei ausdrücklich, dass ich nicht die Wahrheit gefressen habe, sondern wie wir alle mir nur ein Bild aus den diversen Quellen machen kann. Diese Erkenntnis meiner Begrenzung, unterscheidet mich dann aber von all den selbstgerechten Kriegstreibern, die auf beiden Seiten nun einer Eskalation das Wort reden und dabei so tun, als hätten sie Wahrheit und Weisheit gefressen. Ich habe das nicht.

Alles worum ich mich bemühen kann und es im Folgenden auch werde, ist mein Bild möglichst breit und unabhängig entstehen zu lassen und mich nicht nur von einer Quelle einer freiwilligen, medialen Gehirnwäsche zu unterziehen. In diesem Spiel kennt niemand die ganze Wahrheit, selbst nicht die Staatschefs, die sich da nun vielleicht in Minsk zu viert gegenüber sitzen. Und die Lage ist so verwoben und so voller vielfältiger Aspekte, dass die Frage berechtigt ist, ob es überhaupt eine klare "Wahrheit" gibt.

Hier ist also mein Versuch, eine Schneise der Rationalität in die Eskalation hinein zu schlagen. Höchst subjektiv und ohne Wahrheitsanspruch. Einfach nur, wie ich als Bürger Europas die Lage erlebe.

Wenn Sie nur an Börse interessiert sind, brauchen Sie nun nicht weiterlesen. Wenn Sie aber als Bürger Europas nun Sorgen haben, betrifft es Sie. Und auch die Märkte wird natürlich betreffen, wie sich die Lage weiter entwickelt. Und so schliesst sich der Kreis zum Börsenblog.

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Der überraschende Besuch von Merkel und Hollande in Moskau zeigt, dass es 5 vor 12 ist und die Lage rund um den Ukraine-Konflikt dramatisch und brandgefährlich wird. Denn zwei Staats- und Regierungsschefs, die zu den wichtigsten der Welt gehören, reisen in einer Krise nicht einfach ohne absehbaren und schon diplomatisch vorbereiteten Erfolg zu einer anderen Konfliktpartei. Das passiert ganz selten und nur in dramatischen Ausnahmesituationen, sozusagen um über "Krieg oder Frieden" zu entscheiden.

Eigentlich fällt mir unmittelbar nur Neville Chamberlain ein, der im September 1938 ohne vorbereitetes Ergebnis nach Deutschland kam, um den "Frieden in unserer Zeit" zu sichern. Er schloss dann das Münchner Abkommen und glaubte der Welt Frieden gebracht zu haben .... für ein paar Monate. Aber es gibt sicher andere ähnliche Fälle, die mir nur gerade nicht einfallen, wenige sind es aber auf jeden Fall.

Und natürlich wissen Merkel und Hollande, dass das böswillig als "Bittgang" ausgelegt werden kann und auch wird von denen, die kein Interesse an Frieden haben, sondern in ihren Schützengräben eingegraben sind.

Und während die meisten Bürger immer noch denken, dass das ein Geschehen „in der fernen Ukraine“ sei, besteht die reale Gefahr, dass sich 2015 in der Nachbetrachtung in die Jahre 1914 und 1938 einreiht.

Wobei ich eher Ähnlichkeiten mit 1914 sehe, denn auch da hat den grossen Krieg so richtig eigentlich keiner gewollt, aber Misstrauen, Hass und Kommunikationsunfähigkeit, führten die Welt dann doch auf die Rutschbahn zum grossen Konflikt.

Und genau das - Misstrauen, Hass und Kommunikationsunfähigkeit - habe ich am Wochenende auf der Münchner Sicherheitskonferenz gesehen, die ein erschreckendes Bild des Pessimismus und der Ratlosigkeit abgab. Und das in einer Zeit, wo auch die atomare Gefahr wieder ihr Haupt erhebt und Russlands Dmitrij Kiseljow im Staatssender "Rossija" sagte: .

Da bleibt einem nur der Mund offen stehen. Nun bin ich sicher, dass es in den US ebenso extreme Fanatiker gibt, die wieder über die Machbarkeit eines Atomkrieges fabulieren. Nein, aggressiv militärisches Dominanzdenken gibt es leider überall auf der Welt und die auf Kooperation und Verständnis orientierten Menschen geraten dann leicht in die Defensive. Aber dass solche Sätze wieder öffentlich gesagt werden, ohne dass es den Sprecher sofort den Kopf kostet, ist bezeichnend dafür, wie uns die Denkstrukturen des kalten Krieges wieder im Griff haben.

Bei mir steigt auf jeden Fall zunehmend die Wut auf Stümper und Kriegstreiber auf allen Seiten, die wie Schlafwandler – ja wie „Schlafwandler“ – einen Konflikt eskalieren, der nicht sein müsste. Wir haben in München amerikanische Senatoren und einen russischen Aussenminister gesehen, die alle wohl im kalten Krieg sozialisiert wurden und nur in diesen Denkstrukturen denken können. Misstrauen und Scheuklappendenken prägen das Bild und jeder ist in seinem fest gefügten Welterklärungsmodell gefangen, ohne es auch mal aus der anderen Brille betrachten zu können oder wollen.

Ich habe mich mit meiner Frau daher am Sonntag Abend mal bei einem Glas Wein hingesetzt, und wir haben in 2 Stunden den gesamten geschichtlichen Ablauf rekapituliert. Denn wenn man das Problem verstehen will, muss man die Geschichte verstehen.

Wir haben uns die alten Landkarten des Zarenreiches angeschaut und uns an den erinnert, in dem Millionen Ukrainer 1932/33 in den Hungertod getrieben wurden und den viele als Genozid Stalins interpretieren. Will man den Hass verstehen, den bestimmte Gruppierungen in der Ukraine gegen Russland haben, muss man bis dahin zurück gehen.

Wir haben über die willkürlichen Grenzziehungen des Ukrainers und „Schuhklopfers“ Chruschtschow gesprochen, durch die 1954 russische Teile wie die Krim, überhaupt in der Sowjetrepublik „Ukraine“ landeten. Eine Sowjetrepublik Ukraine, die innerhalb der UDSSR ausser als Verwaltungseinheit keine Bedeutung hatte und nach dem Zusammenbruch der UDSSR aber plötzlich als selbstständiger Staat da stand.

Wir haben uns angeschaut, wie oft in den letzten hundert Jahren das Gebiet im Westen um Lemberg den Staat wechseln musste. Da hatten wir seit dem 18. Jahrhundert Österreich-Ungarn, dann von 1918-1939 Polen, dann im Zuge des Hitler-Stalin Paktes von 1939-1941 die Sowjetunion. Von 1941-1944 als Teil des Generalgouvernements Deutschland, aber 1944 wieder Sowjetunion und ab 1991 Teil der unabhängigen Ukraine.

Wundert sich da noch jemand, wie sehr die Menschen um Lemberg nach Westen wollen ? Umgedreht wundert sich jemand, dass sprachliche und ethnische Russen im Donbass weiter primär Russen sein wollen?

Auch wenn es politisch unkorrekt ist, die Ukraine ist in diesen Grenzen ein Staat, den es für mich ebenso wenig geben dürfte, wie ehedem Jugoslawien. Was daraus wurde, wissen wir ja. Die Ukraine ist so wie sie ist in diesen Grenzen, für mich eine Laune des Zufalls, zerrüttet von 25 Jahren Oligarchen-Herrschaft, wo man wirklich nicht mehr weiss, ob nun die hasserfüllte Timoschenko oder der korrupte Janukowitsch der schlimmere Regierungschef war.

Dann haben meine Frau und ich den Ablauf der jüngeren Geschichte besprochen. Über die eine Hälfte der Ukraine, die nach Westen will und sich im Maidan gegen Korruption und Misswirtschaft auflehnte, als ihr mit der Ablehnung des EU Assoziierungsabkommens der Weg scheinbar abgeschnitten wurde.

Und nein lieber Kreml, nur weil Ihr als teilweise Ex-KGB Offiziere in so Kategorien denkt, wird es nicht wahrer: Der Maidan war nach meinem Eindruck im Wesentlichen eine Volksbewegung und kein orchestrierter Staatsstreich, obwohl es ohne Frage auch Zündler und Antreiber von Aussen und Innen gab, die ihre eigenen finsteren Interessen auf dem Rücken des Aufstands durchsetzen wollten. Die gibt es aber in so Umbrüchen immer, darin habt Ihr auch Übung liebe Russen, insbesondere der KGB. Bitte keine Doppelmoral lieber Kreml!

Und wir haben über die unrühmliche Rolle geredet, die die EU insbesondere in Person der stümperhaften Aussenbeauftragten Ashton gespielt hat. Eine Ashton, die nicht sehen konnte, dass es da auch eine andere Hälfte der Ukraine gab, die nicht mit dem Maidan war und deren gewählter Präsident – und das war Janukowitsch – einfach revolutionär verdrängt wurde. Und hinter einer unfähigen Ashton standen dann Scharfmacher wie Victoria „fuck the EU“ Nuland. Diese Frau ist übrigens immer noch bei Kerry. Und ein Scharfmacher wie McCain, der in der Ukraine den Aufstand aufgewiegelt und ihm unrealistische Hoffnungen gemacht hat.

Und nein lieber Westen, es ist kein legitimer Regierungswechsel gewesen, eine Wahl wäre Monate danach sowieso gekommen. Es war ein gewaltsamer Umbruch und das wie die Russen als Putsch zu empfinden, ist absolut nachvollziehbar. Wo war denn die Aufregung des Westens, die bei der Vertreibung eines demokratisch gewählten Staatschefs eigentlich nötig wäre? Bitte keine Doppelmoral lieber Westen!

Wir haben über die unsäglichen, rechtsgerichteten Mitglieder der ersten neuen ukrainischen Regierung gesprochen, die sofort Russisch als zweite Amtssprache abschaffen wollten. Und damit latenten Ängsten im Osten und auf der Krim Berechtigung verschafften. Und wir haben über den Kreml gesprochen, der irgendwann in dieser Zeit nach der Flucht Janukowitsch wohl die Entscheidung getroffen haben muss nun einzugreifen und die eigenen Interessen zu sichern. Und da es wegen des Völkerrechtes formal offen nicht möglich war, eben verdeckt mit Russen in Uniformen ohne Hoheitsabzeichen und unter Ausnutzung lokaler Grössen mit separatistischem Gedankengut.

Denn von der westlichen Seite kam nichts, was diese zweifelhafte und illegitime neue Regierung mal in Frage stellen würde. Und im Westen war auch niemand, der die nicht völlig unberechtigten Sorgen und Ängste des Kremls um das Assoziierungsabkommen und eine folgende Nato-Mitgliedschaft mal ernst nehmen würde. Aus der westlichen, dumm-naiven Welt, war die ganze Ukraine in einem fahnenschwingenden Freiheitskampf, den man unterstützen muss. So sieht das halt aus, wenn das Geschichtsverständnis sich auf Fernsehbilder reduziert. Lesen sie mal die Artikel der Medien von damals und wie sehr ich mich vor einem Jahr hier im Forum darüber aufgeregt habe.

Tja und so haben wir ein Russland, das sich über das Völkerrecht hinweg setzt. Und damit auch einen Bürgerkrieg mit schweren Waffen angezettelt hat, den es so nicht hätte geben müssen. Aber so simpel, dass dahinter nur "böse russische Aggressionsgelüste" stehen, ist es halt leider nicht.

Dass die Separatisten massiv mit russischen Waffen hochgerüstet wurden, ist dabei für mich so offensichtlich, wie etwas nur offensichtlich sein kann. Noch im letzten Sommer standen die Separatisten nach den Worten der eigenen! panischen Hilferufe in Richtung Moskau kurz vor einer finalen Niederlage. Und natürlich waren da alle greifbaren Lager der ukrainischen Armee schon geplündert, was sonst. Wie man dann ganz alleine, aus einem kleinen Gebiet mit völlig zerstörter Infrastruktur heraus, ohne Maschinen und Fabriken, neue, moderne und bisher im Land nicht benutzte Waffen produziert, Munitionsnachschub produziert und dann plötzlich wie aus dem Nichts wieder Stärke generiert, kann für mich nur mit massiver Hilfe von aussen erklärt werden.

Klar, vielleicht waren es ja auch Nordkoreaner oder noch besser Marsianer, die die Separatisten mit Nachschub versorgt, neu ausgerüstet und aufgestellt haben, man weiss ja nie. 😉 Bei aller berechtigen Vorsicht und Skepsis hinsichtlich offizieller Verlautbarungen auf allen Seiten, sollten wir uns aber noch ein Stück gesunden Menschenverstand bewahren und nicht nur weil wir der einen Seite misstrauen, der anderen jede dreiste Lüge glauben.

Nein, die russische Propaganda hat nicht Recht. Die tausenden Tote gibt es ursächlich deshalb, weil Russland nun in den Konflikt involviert ist und die Separatisten gerüstet und unterstützt hat. Militäreinsätze und Übergriffe der ukrainischen Armee, die es auch gegeben hat, ebenso wie sinnlose Bombardierungen, waren eine Reaktion darauf und nicht der Auslöser. Das macht das Unrecht ukrainischer Kriegstreiber, die eigene Bürger bombardieren, nicht besser, aber Ursache und Wirkung sollten nicht verdreht werden.

Und einen breiten Volksaufstand im Donbass hat es nie gegeben, das ist propagandistische Legende, denn Janukowitsch war selbst im Osten schon unten durch. Und bei geschlossenen Grenzen hätten die Separatisten ein paar Panzer aus Depots geklaut, mit Gewehren geschossen und nach 1 oder 2 Monaten wäre ihnen Treibstoff und Munition ausgegangen und sie im Gefängnis gelandet. Und fertig. Dafür hätte man Polizei gebraucht, mehr nicht. Die jetzige Eskalation ist nur durch massive Aufrüstung der Separatisten durch "Marsianer" möglich, das ist offensichtlich.

Dann haben wir einen Westen, der sich wie ein Elefant im Porzellanladen verhalten hat und zu blöd und arrogant war zu sehen, dass aus russischer Sicht spätestens in dem Moment, wo ein gewählter Regierungschef vertrieben wird, die rote Linie überschritten wurde. Ein Regierungschef, der sich qua seines Amtes in einer für Russland sehr wichtigen Frage des Assoziierungsabkommens für die russischen Interessen entschieden hat. Das einen verfassungswidrigen Putsch zu nennen, ist durchaus zutreffend und ich kann die Wut Russlands da gut verstehen. Und auch der Vorwurf der Doppelmoral in Richtung Westen ist hier für mich zutreffend.

Am Ende hat sich dieser Konflikt also in Bewegung gesetzt, weil beide Seiten jede Menge Fehleinschätzungen hatten und sich Misstrauen ausgebreitet hat. Denn Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, Hass führt zu unsäglichem Leid. Und die Ukraine hat ja eine Vorgeschichte, in Georgien und darüber hinaus, die von Missverständnissen und enttäuschten Erwartungen geprägt ist - auch auf der sehr persönlichen Ebene zwischen den Spitzenpolitikern.

Es ist tatsächlich so, Russland hat friedlich und kooperativ immer wieder gegen eine Reihe von strategischen Entscheidungen protestiert, wie die Aufnahme des Baltikums in die Nato. Solange bis man im Kreml irgendwann zum Ergebnis gekommen ist, dass man wohl die Tonlage hoch drehen muss um gehört zu werden. Wenn der Westen jetzt erschreckt aufwacht - und die Medien mit ihren Schlagzeilen zeichnen dieses Bild - dann zeigt das nur, wie lange man selbstgefällig geschlafen hat. Die jahrelange mediale Verteufelung Putins als „Gottseibeiuns“ war dabei nicht hilfreich, eben so wenig wie Obamas kalte Arroganz, die bei mir den Eindruck erweckt, eher eine Unfähigkeit zu sein, persönliches Vertrauen um sich herum aufzubauen.

Umgedreht aber, gilt für die Haltung des Kremls das Sprichwort: "Was ich denk und tu, trau ich anderen zu". Es gab und gibt keine Verschwörung des Westens um Russland zu bedrohen. Man muss sich nur den jammervollen Zustand der Bundeswehr und der US Atomwaffen anschauen um das zu verstehen. Eine Verschwörung erfordert ja, dass man das Ziel wichtig findet. Auch wenn es Russland nicht gefallen wird, das Problem war eher, dass Russland für die US unwichtig geworden war, die Augen sich auf China richteten und niemand sich mehr ernsthaft mit russischen Befindlichkeiten befasst hat. Nein, es gab und gibt einfach nur das heterogene Geschnatter unzähliger Demokratien, in denen auch Spinner und Kriegstreiber existieren, die aber eben die Politik nicht dominieren. Auch nicht in den US.

In den Denkstrukturen von Verschwörungstheoretikern aber - nach denen es immer irgendwie den "finsteren Plan der XYZ gibt" (XYZ bitte gegen Freimaurer, CIA, KGB was auch immer ersetzen) - ist es unmöglich sich die Dynamik komplexer Gesellschaften vorzustellen und zu akzeptieren. Letztlich ist das nichts anderes, als der sehr menschliche Wunsch am Markt immer einen singulären "Grund" für eine Kursbewegung zu finden. So hierarchisch und kausal funktionieren aber komplexe Systeme nicht und der Westen als Ganzes schon gar nicht. So funktioniert der KGB und die CIA, aber keine offene Gesellschaft.

Es sind halt Denkwelten, die da aufeinander prallen. Für einen KGB Mann ist das also alles orchestriert, geplant und gegen ihn persönlich und sein Land gerichtet. Dabei ist es nur Gedankenlosigkeit, Desinteresse und typisch demokratisches Durcheinander. Und westliche Politiker, die es wie Merkel gewohnt sind selbst als "Hitler" dargestellt zu werden, sind dann taub für damit verbundene Verletzungen und Vertrauensverluste bei Menschen mit anderen Denkstrukturen.

Tja und da stehen wir und gucken doof aus der Wäsche und uns gefällt die Welt nicht, in der wir aufwachen. Wir stehen am Ende einer Kette unsäglicher Fehler und eingefahrenen Denkens aus dem kalten Krieg. Fehler die auf westlicher Seite schon direkt nach dem Zerfall der Sowjetunion begonnen haben und die nun von Russland gemacht werden, weil es schlicht an Einfühlungsvermögen und Kommunikationsfähigkeit fehlt.

Auf jeden Fall hat eine Person bei mir in den letzten Tagen an Achtung gewonnen. Es ist Angela Merkel mit ihrer Bereitschaft, wohl überlegt das aus ihrer Sicht Richtige zu tun, egal wie schwierig es ist. Sie hat Mut bewiesen mit dieser Aktion. In dem Moment wo es nötig war, war sie da. Selbst wenn die Initiative nun verläuft, hat sie dafür Achtung verdient.

Und sie hat dem Kreml nun ein unglaubliches Angebot auf einer strategischen Ebene gemacht, dass er nun unbedingt begreifen muss.

Denn wenn diese Initiative fehl schlägt, wird der Westen zusammen rücken und die militärische Karte wird kommen. Wenn der Kreml nun aber die Chance erkennen kann, dann stärkt er nun durch Generosität den beiden Europäern den Rücken. Stellen Sie sich nur vor, jetzt gäbe es einen echten, belastbaren Frieden. Ohne Waffenlieferung und ohne Beteiligung der US. Es wäre ein massiver Reputationsgewinn Europas. Und auch einer Putins. Und die US ständen dabei an der Seitenlinie. Wenn Putin in seinem sehr persönlichen Antiamerikanismus Europa von den US wegbewegen will und Obama dumm dastehen lassen, dann hat er hier einen Elfmeter.

Und am Ende wird auch die Krim russisch bleiben, es braucht nur eine weitere Volksabstimmung unter internationaler Aufsicht - deren Ausgang in Anbetracht der ethnischen Zusammensetzung klar ist - und schon wäre auch die Annektion der Krim so ausreichend legitimiert, dass niemand im Westen ernsthaft dagegen argumentieren kann.

Wenn Putin nun strategisch denkt und ernsthaft Frieden will, kann er nun nur gewinnen und hat eine Chance als Sieger und Friedensstifter aus diesem Konflikt hervor zu gehen. Er muss sich dafür aber jetzt an die Spitze des Kompromisses setzen und den Elfmeter verwandeln.

Wir werden viel über seine wahren Absichten erfahren, in dem wir nun beobachten, ob er diesen Elfmeter versenken kann und will und wir am Mittwoch einen Vertrag bekommen, der von Russland auch wirklich durchgesetzt wird. Die Anzeichen die ich sehe machen mich skeptisch. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

Europa ist an einer Wegscheide. Frieden und Zusammenarbeit oder kalter Konflikt mit heissem Atomrisiko? In ein paar Tagen werden wir es wissen.

Ich merke auf jeden Fall, wie in mir die Wut steigt. Die Wut auf Stiernacken, Sturköpfe und Kriegstreiber auf allen Seiten. Und dann muss ich wieder an Yoda denken und wie die Wut zu Hass führt und zu unsäglichem Leid und deshalb habe ich nun lieber so einen Artikel geschrieben, statt zu hassen.

Denn Hass ist nun unter uns. Auch und gerade in Foren. Ich habe am Wochenende mal ein bisschen gelesen - überall. Was einem da an vielen Stellen an Aggressivität, Hass auf "die anderen" und Menschenverachtung entgegen schlägt, ist einfach erschreckend.

Und Atomwaffen sind zunehmend überall. Die Welt ist in meinen Augen gefährlicher geworden, als sie je gewesen ist.

Was wir nun brauchen ist klaren Verstand und Differenzierung. Selbstgerechte gibt es schon genug. Es zeichnet gerade Dummheit aus, dass die Weltbilder immer einfach und fest gefügt sind. Denen dürfen wir nicht unser Schicksal überlassen!

Ihr Hari

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Pfingsten 2013 – Die Ruhe Europas vor dem heissen Herbst

Pfingsten steht vor der Tür und leitet an den Börsen langsam die ruhigere Sommerphase ein. Die Strassen sind heute hier schon halbleer, halb Bayern flieht in vorgezogene Sommerferien. Eine Gelegenheit die ich nutzen möchte, um mit Ihnen ein paar emotionale Gedanken meinerseits zur Lage in Europa zu teilen.

100 Jahre ist nun der Sommer 1913 her. Ein Sommer, den meine Grosseltern noch als Kinder erlebt haben. Ein Sommer der oberflächlichen Ruhe und Gelassenheit, die Welt schien damals an der Oberfläche noch in Ordnung und fest gefügt. Man hätte damals meinen können, Europa sei in Bernstein gegossen, alles war wie es sein sollte - so schien es zumindest. Dabei waren unter der Decke schon all die Spannungen spürbar, die sich ein Jahr später so furchtbar entladen würden.

Ein Jahr später zerplatzte Europas alte Welt wie ein Spiegel, in den man einen Backstein geworfen hatte. Was sich anschloss, waren zwei Weltkriege, unsägliches Leid und brutaler Umbruch, an dessen Ende im wahrsten Sinne des Wortes kein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Folgen dessen, was nach diesem letzten Sommer des alten Europas passierte, beschäftigen uns noch heute. Und niemand, absolut niemand, konnte sich 1913 vorstellen, wo die Welt schon Jahre später stehen würde.

Heute, 100 Jahre später, beschleicht mich ein ähnliches Gefühl einer unwirklichen Ruhe, so wie wenn sich der Himmel schon gelb in Erwartung des kommenden Gewitters färbt, während die Luft noch warm und ruhig wirkt.

Dieses Gefühl einer untergehenden Welt, wird auch schön von Tolkien im "Herrn der Ringe" durch die Worte "Galadriels" vermittelt. Was kein Wunder ist, denn Tolkien (1892 geboren) war ein Kind dieser Zeit, in der das alte Europa unterging : "
Die Welt ist im Wandel
Ich spüre es im Wasser.
Ich spüre es in der Erde
Ich rieche es in der Luft.
Vieles, was einst war, ist verloren, da niemand mehr lebt, der sich erinnert.

Jetzt werden Sie denken: ja spinnt denn der Hari ? Ist er jetzt zum neuen Nostradamus geworden ?

Definitiv nein. Erstens steht uns in Europa kein neuer Krieg bevor, zumindest kann ich mir das nicht vorstellen. Und zweitens bin ich sehr optimistisch, was die Entwicklung der Welt als Ganzes angeht. Die Welt ist auf einem guten Weg und es gibt keinen Grund für Weltuntergangsromantik. Machen wir doch die Menschen und ihr Wohlergehen - ihr Leben in Freiheit und Wohlstand - zum Massstab und vergleichen 1913 mit 2013. Dann sehen wir schnell, wie positiv sich diese Welt verändert hat. Und ich bin voller Optimismus, dass die Welt das weiter tun wird. Dafür sorgt schon der technologische und kulturelle Fortschritt, der gerade in Deutschland immer gerne mit Skepsis betrachtet wird, ohne den wir aber noch Leibeigene eines Landvogtes wären.

Dieses voraus geschickt, beschleicht mich beim Blick auf Europa und Deutschland aber doch das Gefühl einer untergehenden Welt, die noch an der Oberfläche verzweifelt an ihrer Normalität festhält. Man könnte dazu viel schreiben, woher dieses Gefühl kommt, ich will nur zwei aktuelle Ereignisse beispielhaft heraus greifen.

Da haben wir auf der einen Seite den französischen Staatspräsidenten, der sich - wenn man den Medien glauben darf - nicht zu schade ist zu behaupten: "Die Finanzkrise ist hinter uns, die Ursachen sind behoben." Wenn es nicht so traurig wäre, würde ich jetzt laut lachen.

Wir haben aber natürlich auch unsere Bundeskanzlerin, mit Ihrer ebenso verfehlten Logik der "Alternativlosigkeit". Und das bei einem Kernthema der Gestaltung unserer Zukunft, wirklich DER Frage unserer Generation. Und wir haben unzählige Parteisoldaten, die einfach nachplappern und damit gedankenlos das genaue Gegenteil von dem verkünden, was 50 Jahre lang seit Adenauer unter der Überschrift "eine starke Währung ist gut für Deutschland" das Mantra jeglicher bundesdeutscher Regierungspolitik war.

Wir haben also auf der einen Seite eine Politik, die sich den realen Problemen in eine Phantasiewelt entzieht und glaubt, wenn man nur immer wieder und ausreichend das eigene Mantra beschwört, würde ja alles gut. Gerade wir Deutschen haben ja eine traurige Tradition darin, über den rational vertretbaren Punkt hinaus an einer Überzeugung fest zu halten. Ich will dafür gar nicht die Reichskanzlei bemühen, sondern Honeckers "Vorwärts immer, Rückwärts nimmer" ist doch das viel schönere und passendere Zitat dieser Scheuklappenpolitik.

Und auf der andern Seite haben wir eine unglaubliche, unter der Decke brodelnde Wut im deutschen Bürgertum. Eine Wut, die medial nicht richtig an die Oberfläche tritt, weil ihr bisher das Vehikel fehlte, um sich zu artikulieren. Und weil die Presse in "diesem unserem Lande" eben doch eine teilweise Symbiose mit der Politik eingegangen ist - alleine der dominante öffentlich-rechtliche Rundfunk sorgt schon dafür. Das ist ja kein Wunder, wenn 65 Jahre lang letztlich die gleichen Parteien die Macht im Staate inne haben.

Diese Wut zeigte sich bisher eher in Resignation und in Form von immer weiter steigenden Nichtwählerzahlen. Mit der "Alternative für Deutschland" hat diese Wut nun aber einen Katalysator bekommen. Und einen treffenden Blick auf das Brodeln unter der scheinbar ruhigen Oberfläche erlaubt beispielsweise das, was aktuell im Handelsblatt passiert ist.

Da hat das Handelsblatt ein Interview mit Bernd Lucke, dem AfD-Chef gebracht und das unter eine - nunja, etwas populistisch überspitze - Überschrift gesetzt, die die AfD in Richtung NPD rückte. Nicht unüblich im "Kostenlos-Web", in dem man um Aufmerksamkeit ringen muss, aber deswegen keine hinreiche Entschuldigung. Insofern eigentlich geschenkt und nichts Überraschendes, der Artikel als solcher war aber überwiegend in Ordnung, da habe ich schon Schlechteres gelesen.

Darauf hin brach ein "Shitstorm" von Lesern des Handelsblatts los, den man teilweise hier nachlesen kann: . Und die Leser des Handelsblatts entstammen im Schnitt ja schon dem, was man gemeinhin "gebildetes Bürgertum" nennt.

Und es gab eine (für mich persönlich) kleinkarierte Reaktion des Handelsblatt Chefredakteurs, die man hier nachlesen kann:

Wäre ich der Verleger, würde ich den Mann sofort ablösen, denn auch wenn man inhaltlich schon seiner Meinung sein kann, ist es für eine Führungskraft ein absolutes "NoGo", den eigenen, nicht völlig grundlos empörten Kunden, mit einem beleidigten "you made my day" sozusagen den virtuellen Mittelfinger entgegen zu strecken.

Warum erzähle ich Ihnen diese Anekdote ? Weil sie bezeichnend für die wirkliche Stimmung in Deutschlands Bürgertum unter der Decke der "Alternativlosigkeit" ist. Und weil sie zeigt, wie offen die Nerven schon jetzt liegen. Schauen Sie einfach, was auch in anderen seriösen Publikationen wie der FAZ von gebildeten Bürgern geschrieben wird. Die unterdrückte Wut ist gewaltig. Und diese Wut sucht ein Ventil. Und nicht die Wut ist verwerflich, sondern die, die sie in einer für unser aller Zukunft entscheidenden Frage hervor rufen, weil sie sich einer ernsthaften Beschäftigung mit der Realität verweigern.

Zur Sache wissen Sie, dass ich kein Mitglied der AfD bin und auch keines werde. Wie ich auch kein Mitglied einer anderen Partei werde. Und das ich keineswegs alles gut und richtig finde, was die AfD vertritt. Das ich es aber massiv begrüsse, dass diese vermeintliche Alternativlosigkeit nun aufgebrochen wird und wir endlich über diese entscheidende Zukunftsfrage diskutieren. Dem Eindruck es mit "Blockparteien" zu tun zu haben, konnte man manchmal wirklich haben, wenn man von allen Parteien des Bundestages diese identischen Glaubenssätze zum Thema Euro hörte - einem Thema das hochkomplex und eben keineswegs "alternativlos" ist.

Und Sie wissen, dass es für mich persönlich offensichtlich ist, dass dieser Euro - so wie er ist - eine völlige Fehlkonstruktion ist und uns ökonomisch zwangsläufig um die Ohren fliegt. Die einzige Frage ist, wann das passiert und ob wir damit geordnet umgehen, oder ob die Realität eine ungeordnete, chaotische Auflösung erzwingt. Und mit jedem Monat der "Alternativlosigkeit", wird das Risiko der ungeordneten Krise erhöht. Insofern ja, dieser Euro ist für mich der Spaltpilz an Europa. Und insofern liege ich in dieser Frage nahe an dem, was die namhaften Ökonomen, die die AfD mitgegründet haben, auch vertreten.

Möchte ich deshalb die D-Mark zurück. Nein, nicht notwendigerweise. Und Deutschtümelei und einen Rückfall in rein nationalstaatliches Denken möchte ich schon gar nicht. Gerade auch deshalb muss dieser Euro weg, weil er nationalstaatliche Egoismen und die alten Schubladen des alten Europas der Weltkriege befördert. Nein, ich möchte gerne eine starke, stabile Währung - egal wie sie heisst - und würde es sehr begrüssen, wenn es ein "Taler" eines Kern- oder Nord-Europas wäre, das kulturell besser zueinander passt und sich wirklich als echter integrierter Wirtschaftsraum vereint. Was dann zwangsläufig auch die Aufgabe nationaler Souveränität bedeutet.

Wenn ich diesen "Taler" aber nicht bekommen kann - und es spricht viel dafür, dass im aktuellen Europa so eine Entwicklung ohne einen Bruch unmöglich ist (was wieder an Frankreich liegt) - dann leben wir in Deutschland nach meiner Überzeugung mit einer neuen D-Mark weit besser. Die Schweiz macht es uns doch als Antithese vor unseren Toren vor, was von der Rhetorik des "Untergangs der deutschen Wirtschaft" in diesem Fall zu halten ist. Der Schweizer Franken ist völlig überbewertet und lastet schwer auf der schweizer Wirtschaft. Und die vergleichsweise kleine Schweiz hat viel geringere Möglichkeiten als ein Deutschland, das durch Binnenkonjunktur zu kompensieren. Und trotzdem, vergleichen Sie mal Arbeitslosenraten oder eben den Wohlstand und die Vermögen der Bevölkerung. Haben Sie das Gefühl, man lebt schlecht in der Schweiz ? Muss man noch mehr dazu sagen ?

Womit wir wieder zu diesem Gefühl kommen, das ich aktuell in mir drin habe. Dem Gefühl eine Welt zu beobachten, die sich in einer trügerischen Ruhe sonnt, bevor sich die Zukunft wild und dynamisch Bahn bricht. Das Gefühl nun ein paar Wochen des Sommers vor mir zu haben, bevor uns Krise und Chaos wieder einholen.

Denken Sie an diese Wut, die da latent im Bürgertum brodelt. Die manchmal noch als Resignation daher kommt, eine Resignation die sich aber schnell in Aggressivität wandelt, wenn sich dafür ein Katalysator bietet.

Denken Sie an die kommende Bundestagswahl. Denken Sie daran, wie die Börsen der Welt auf die Umfragen starren werden. Denn in Deutschland entscheidet sich die Zukunft des Euros. Denken Sie daran, was die Handelsprogramme der Grossfinanz machen werden, wenn die AfD in den Umfragen steigt und steigt. Denken Sie daran, wie sich dadurch das Haupt der Eurokrise wieder erhebt und wie es ausgeschlachtet werden wird, um Sündenböcke zu suchen. Denken Sie daran, wie hier im Lande die Stimmung giftig werden wird, wenn die Pfründe der vorhandenen Parteien in Gefahr geraten.

Vor uns liegt ein heisser Herbst. So viel ist sicher. Und wenn in diesem Prozess etwas schief geht, dann kann es auch einen Knacks geben, der weit über Deutschland hinaus geht. Und die weltweiten Börsen werden darauf in einer Art und Weise reagieren, gegen die die Sorgen um Griechenland ein laues Lüftchen waren. Und die Notenbanken werden versuchen, die Dosis der Medizin zu erhöhen und noch aggressiver Geld aus dem Helikopter werfen.

Der Einsatz steigt auf jeden Fall. Für uns in Europa geht es in den kommenden Monaten und Jahren ums Ganze. Und wenn überhaupt etwas alternativlos ist, dann die Zwangsläufigkeit, mit der uns die ökonomische Realität in Europa in diese Entscheidung hinein treibt. Denn die Realität lässt sich eine Zeit lang mit Plakaten nach dem Motto "Vorwärts zum x-ten Parteitag" überkleistern, irgendwann bricht sie sich aber Bahn.

Womit ich mit dem absurdesten Satz enden möchte, den ich seit langem gelesen habe:

Die Finanzkrise ist hinter uns, die Ursachen sind behoben.

Amen !

Geniessen wir deshalb diesen Sommer 2013. Wir werden die Ruhe brauchen. Der Herbst kommt mit Stürmen. Denn die Welt ist im Wandel ...

Ihr Hari

PS: Und ich beginne mit dem "Geniessen" am Pfingstmontag. Das ist ein normaler Handelstag, aber ich werde ihn überwiegend als Feiertag geniessen. Rechnen Sie also mit einer Meldung in "Hari Live", aber nicht mit einem Artikel. Am Dienstag bin ich wieder voll da. Wir sprechen uns auf jeden Fall vorher am Sonntag im Premium Bereich bei den "Sonntag Links".

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Die absurde Diskussion um Austerität versus Wachstum in der Eurozone

Schaut man in die Presse und sieht, was selbst höchste Politiker bis hin zu Staatspräsidenten so von sich geben, könnte man ja meinen, als gäbe es eine wichtige ökonomische Diskussion, die man als "Austerität versus Wachstum" umschreiben könnte.

Ich kann mit dieser Diskussion wirklich nichts anfangen. Sie ist für mich persönlich einfach lächerlich und absurd und wer sich nicht entblödet, dabei nur auf einer Seite der Medaille zu argumentieren, der ist für mich sowieso nicht ernst zu nehmen. Und um das zu erkennen, muss man nicht einmal Ökonom sein. Dafür reicht einfach ein durchschnittlicher IQ und eine Prise Realismus.

Denn an dieser Stelle ist die Wirklichkeit ganz einfach: Wir brauchen Beides ! Austerität und Wachstum ! Und das Eine kann ohne das Andere gar nicht funktionieren. Der vermeintliche Gegensatz ist konstruiert, um medial damit das eigene politische Süppchen zu kochen. Mit der Realität hat der vermeintliche Gegensatz aber nichts zu tun.

Nehmen wir doch mal den menschlichen Körper. Nehmen wir einen Menschen der jeden lieben Tag verfettet und vollgefressen in seinem Sessel hängt, drei leere Chips-Tüten daneben und die Fernbedienung in der Hand, unfähig sich selber aufzuraffen und mit seinem Leben etwas Sinnvolles anzustellen. Und nun soll dieser Mensch wieder fit und gesund werden.

Glauben Sie, es würde reichen, ihm nur die Chipstüten wegzunehmen und ihn ansonsten weiter im Sessel vegetieren zu lassen ? Nur mit dem Unterschied, dass er nun auch noch hungert ? Wird das den Menschen glücklicher, erfolgreich und gesünder machen ? Wohl kaum, nur mit dem Einsparen von Nahrung wird man gar nichts bewirken. Man wird den Menschen nur noch mehr frustrieren und unglücklich machen. Und sobald er dann irgendwo eine versteckte Chipstüte in die Hand bekommt, wird er sie gierig hinein stopfen. Und der Körper wird im Jojo-Prinzip noch fetter werden.

Faktum ist also, Einsparung und Reduktion alleine machen nicht gesund. Im Gegenteil, man kann sich auch tot hungern ! Und in der Wirtschaft ist es nicht anders. Gerade auch weil Wirtschaft auf Psychologie beruht und die Menschen brauchen einfach etwas Positives, wonach sie streben können. Hoffnung ist eine weit unterschätze Währung !

Bevor jetzt hier aber Vertreter der französischen Regierung jubilieren einen Deutschen zu finden, der reine Sparsamkeit schwachsinnig findet, muss ich klar stellen, dass das Gegenteil ebenso absurd ist.

Denn glauben Sie ernsthaft, dieser verfettete Mensch würde gesund werden, wenn man nichts an seiner Nahrungsaufnahme und seinem Lebensstil ändert und dem Menschen dafür nur teure Fitnessprogramme anbietet, ihn also massiv fördert ? Das Geld dafür könnte man auch gleich das Klo runter spülen oder zu einer Zigarre rollen und rauchen. Es ist völlig verschwendet. Denn ein derartiger Körper kann gar keine Freude bei Bewegung erleben. Und wird deshalb die teuren Programme bestenfalls halbherzig annehmen und nach drei Versuchen wieder fallen lassen. Und wieder Chips vor dem Fernseher mampfen, um im Bild zu bleiben.

Faktum ist also, wenn die Grundlage nicht da ist, bringen Wachstumsanreize gar nichts. Auch das ist so in der Wirtschaft. Wenn die Wirtschaft durch Bürokratie und Steuer- bzw. Regulierungs-Lasten erdrückt wird, ist es sinnlos, weisse Salbe zu verschmieren und irgendwelche Wachstumsprogramme aufzulegen. Die "süssen" Teile dieser Programme werden mit genommen, in den Mund gestopft und dann macht man weiter wie bisher.

Und deshalb braucht Europa beides. Die "Verfettung" des obigen Bildes ist dabei in vielen Ländern des "Club Med" ein übergrosser, ineffektiver und teilweise korrupter Staatsapparat, der wie Mehltau auf der Wirtschaftskraft des Landes liegt und letztlich die Menschen aussaugt. Darüber hinaus oft geschlossene Arbeitsmärkte und Branchen die von Bünden und illegalen Absprachen dominiert werden und sich gegen Wettbewerb und Wandel wehren. Und ebenso eine Kultur des gesellschaftlichen Egoismus, in der das Gemeinwohl im Wortschatz nicht vorkommt und jedes Individuum bereit ist, das Gemeinwesen - und damit letztlich den Nachbarn - gnadenlos zu "bescheissen", um einen eigenen Vorteil daraus zu ziehen.

In Ländern wie Griechenland kann man da nur sagen, der Fisch stinkt vom Kopf und "die da oben" machen "denen da unten" vor, wie man den eigenen Vorteil um jeden Preis maximiert. Nur ist das keine Entschuldigung für "die da unten", sich ebenso moralisch windschief zu verhalten. Genauso wenig wie ein Hoeness die ebenso verwerfliche Schwarzarbeit des kleinen Mannes legitimiert. Und es ist schon gar keine Rechtfertigung dafür, in Deutschland den Sündenbock zu suchen, nur um das eigene gesellschaftliche Versagen zu kaschieren.

Und dieses Fett zu reduzieren geht eben nicht ohne Schmerzen wie Entlassung und nicht ohne (Gehalts-) und (Bürokratie-) Verzicht. Wer den Menschen etwas anderes erzählen will lügt in meinen Augen !

Leider gibt es in Demokratien eine Besonderheit, die erzwingt, dass Austerität am Anfang des Prozesses stehen muss. Denn in Demokratien gewinnen immer die, die den Menschen schöne Versprechungen machen. Mit der Ansage von Mäßigung, Verzicht und Training ist noch niemand gewählt worden, auch nicht in Deutschland. Deshalb können Demokratien diese schmerzhaften Schritte nur dann angehen, wenn die Lage für jeden spürbar kritisch und dramatisch ist. Erst die Krise in der Realität gibt in einer Demokratie denen die Oberhand, die für einen schmerzhaften Wandel eintreten.

Deswegen gibt es auch keine andere Wahl, als in Europa erst die strukturellen und schmerzhaften Massnahmen anzugehen, bevor man dann auch fördern kann und den Blick auf Wachstum richten kann und muss. Bevor man den Menschen Hoffnung gibt. Zu frühe Hoffnung raubt die Kraft endlich mal hart in das eigene Fett zu schneiden. Erst Austerität und danach Wachstumsanreize ist in Demokratien leider eine zwingende Reihenfolge. Versucht man es anders herum, wird Austerität ausfallen und nichts wird sich an den Grundlagen ändern, die die Krise hervor gerufen haben.

Schaue ich persönlich auf die südlichen Länder der Eurozone, sehe ich da mit Spanien und Portugal zwei Nationen, die schon harte und strukturelle Änderungen auf den Weg gebracht haben. Diese Länder waren und sind bereit, ihre Chipstüten wegzuwerfen, zu trainieren und sich selber aus dem Loch zu befreien. Beide Länder brauchen jetzt Wachstumsanreize und die Bevölkerung braucht eine Perspektive. Das haben sich diese Gesellschaften verdient und dort einfach mit reinem Sparen weiter zu machen, führt in die Katastrophe und hat keinen Sinn.

Dann haben wir mit Italien und Griechenland zwei Länder, in denen das Thema Korruption besonders schwerwiegend ist. Diese Länder haben mit ersten Änderungen angefangen, sind aber bisher nicht sehr weit gekommen. Und natürlich wird von den lokalen Politikern etwas anderes erzählt, aber die Kernprobleme im Bereich Arbeitsmarkt und öffentliche Verwaltung sind in meinen Augen bestenfalls angekratzt. Und der viel gelobte Monti hat leider mehr mediale Bugwelle, als echte harte Änderungen bewirkt. Die Ursachen der Misere sind dort aber nicht ausreichend aufgearbeitet und hier schon wieder das Ende von Anpassungsbestrebungen auszurufen, wäre deutlich verfrüht. Jeder Euro der Förderung, würde im derzeitigen Zustand nur erneut wieder versickern.

Und dann haben wir mit Frankreich den schlimmsten Fall von allen, denn dort wird sich noch in Verweigerung geübt, der Verweigerung die harte Realität anzuerkennen, dass man die Wettbewerbsfähigkeit weitgehend verloren hat und in einer grossen Illusion lebt, die das Vermögen der jungen Generation verfrühstückt. Frankreich will bildlich gesprochen seine Chipstüten noch nicht loslassen und es gibt auch noch keine Akzeptanz für die Notwendigkeit harter Massnahmen. Aussagen aus diesen Reihen, dass mit Austerität nun Schluss sein müsste, sind für mich einfach lächerlich. Man hat noch nicht einmal angefangen, sich aus dem weichen Sessel aufzuraffen ! Man stellt ja sogar die Existenz eines weichen Sessels in Frage !

Und damit niemand denkt, hier urteile ein typisch arroganter Deutscher nur über andere, es gibt dann noch ein Land, Deutschland. Das glaubt alles richtig gemacht zu haben und anderen Lehren erteilen zu können. Und übersieht dabei, dass es gerade dabei ist alles zu verspielen. Denn dieses Land kann trotz rekordhoher Steuereinnahmen und niedriger Arbeitslosenzahlen immer noch nicht mit den Einnahmen haushalten und will wieder den einfachen Weg wählen, in dem sich der Staatssektor noch mehr Steuer-Chips-Tüten in den Rachen schiebt, statt endlich mal anzufangen für eigene Fitness zu sorgen und das Geld der Bürger sinnvoll und sparsam auszugeben. Und diese Gier und Masslosigkeit bei der Staatsquote, für die das Programm der Grünen nur das offensichtliche Fanal ist, legt jetzt schon den Samen für den kommenden Niedergang, wenn die Welt aus konjunkturellen Gründen mal nicht so nach deutschen Exportgütern schreit. Denn dieser Niedergang trifft dann auf noch mehr unbezahlbare Versprechungen und noch mehr unbezahlbare Pensionslasten als heute schon.

In Summe ist die Ökonomie eines Turnarounds aber ganz einfach und immer gleich, in einem einzelnen Unternehmen wie in einem ganzen Land. Es braucht immer beides: Erstens Sparsamkeit und Reform in Form einer Fitnesskur für die Gesellschaft und zweitens Hoffnung und Wachstum, die Motivation damit Menschen mit Optimismus aufstehen und positiv den Tag angehen.

Wenn jemand Ländern wie Spanien und Portugal, die schon so harte Schnitte hinter sich haben, nun Hoffnung auf Wachstum verweigern will, wäre das fahrlässig und dumm. Das wäre dann tatsächlich "Brüning Reloaded" und eine Sünde an Europa.

Und wenn jemand in Ländern wie Italien, Griechenland und erst recht Frankreich nun davon faselt, dass schon genug der Anstrengungen erfolgt wären, ist das für mich einfach nur dummes Geschwätz, das von eigenem Versagen ablenken soll. Dort ist man bestenfalls auf dem Weg der notwendigen Anpassung, aber keinesfalls am Ende.

Und wenn jemand in Deutschland glaubt, wir seien so toll und bei uns sei alles anders, dem sei gesagt: es gibt einen Grund, warum bei uns die Dinge besser sind. Weil wir eine erfolgreiche, international wettbewerbsfähige Wirtschaft mit motivierten, loyalen und kreativen Mitarbeitern haben. Und wer an dieser Grundlage aus ideologischen Gründen zündelt, ist nicht ganz klar im Kopf !

Und wenn jemand die ganze Eurozone in einen Topf wirft und nicht in der Lage ist die Situation der Länder einzeln zu betrachten, verabschiedet er sich als ernst zu nehmender Gesprächspartner.

So weit meine Meinung zum Thema.

Und finden Sie nun, dass dieser Artikel nur Offensichtliches wiederholt hat ? Dann sind Sie nicht alleine, ich finde das auch !

Umso erstaunlicher ist dann doch wohl diese für mich lächerliche Kontroverse in Europa, in der zwei Dinge in Gegensatz gesetzt werden, die immer, egal ob im Körper oder in der Wirtschaft, gleichberechtigt angegangen werden müssen:

Fordern und Fördern,
Zuckerbrot und Peitsche,
Schlankheit und Training,
Abwerfen von Ballast und das Setzen der Segel,
Austerität und Wachstum !

Über die Details, das Ausmass und den Zeitpunkt, kann man sich füglich streiten. Aber doch nicht über das Prinzip !

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Ein historischer Tag – Das Ende Deutschlands, wie wir es kennen.

Vorsicht, hier kommen sehr subjektive, persönliche und harte Worte.

Markieren Sie sich den heutigen 29.06.12 im Kalender, es bestehen gute Chancen, dass das ein historischer Tag ist. Denn heute in den frühen Morgenstunden wurde nach meiner Ansicht das Ende des Deutschlands eingeleitet, wie wir es kennen.

Sie finden das übertrieben ? Ich nicht, denn die entscheidenden Wendepunkte der Geschichte sind nicht die Tage, an denen etwas mit Pomp offiziell verkündet wird, was sich schon lange vorher entwickelte. Nein, es sind die Tage, an denen die Parteien unter Aufbietung aller Kräfte miteinander ringen und sich endgültig zeigt, wer die grösseren Kräfte, den grösseren Mut besitzt und wer zurück zieht.

Im amerikanischen nennt man solche Tage einen "Inflection Point", einen Begriff aus der Mathematik, der mit dem deutschen "Wendepunkt" zwar eine Näherung, aber keine perfekte Entsprechung hat.

Der zweite Weltkrieg wurde militärisch auch nicht im Mai 1945 entschieden, als die Kapitulation bekannt gegeben wurde. Nein, nicht einmal Anfang 1943 in Stalingrad. Der zweite Weltkrieg wurde im Oktober 1941 vor Moskau entschieden, das war der "Inflection Point". Was danach kam, waren nur noch qualvolle Jahre bis zum unvermeidlichen Ende.

Aber zurück zur Gegenwart. Erinnern wir uns, mit welcher Bugwelle die Parteien in den EU-Gipfel gegangen sind ? Monti redete vom "Euro der zum Teufel geht" und warf damit alles an Erpressungspotential in die Waagschale, was er zu bieten hatte. Und Merkel machte den "nicht in meinem Leben" Satz zur gemeinsamen Haftung. Dieser Gipfel, das war der Höhepunkt des Ringens der beiden Positionen. Noch nie war die Spannung so gross und das Klima in der EU so giftig. Das war der Tag, an dem sich eine Seite durchsetzen würde, der Inflection Point.

Und zurückgezogen, verloren, das hat unsere Regierung und damit wir als Deutsche. Dinge, die man vorher kategorisch ausgeschlossen hatte - wie eine direkte Kapitalisierung spanischer Banken durch EFSF und ESM - wurden durchgewunken. Damit finanzieren deutsche Arbeitsnehmer mit ihren Steuergeldern nun direkt spanische Zombi-Sparkassen ohne einen Hauch von Einfluss zu haben. Und damit hat die spanische Regierung weder Not noch Interesse daran, sich dort weiter hart zu engagieren. Und Italien darf nun Gelder aus dem ESM entnehmen, ohne das die "bösen" schwarzen Herren aus der Troika kommen.

Es ist wie im orientalischen Basar, wenn der Basarhändler spürt, dass der Kunde nicht wirklich bereit ist ohne Ware aus dem Laden zu gehen und die Tür zu schliessen, hat man ganz schlechte Karten was den Preis angeht. Und so ist es auch hier, mit Deutschlands Staatsräson, die Eurozone um jeden Preis zu "retten", haben wir uns erpressbar gemacht und sind nun erpresst worden.

Ich schreibe lieber nicht, was ich über die sich im Wind drehende Merkel & Co., und noch schlimmer über die Hollande die Füsse leckende SPD-Troika denke, die Deutschlands Position mutwillig geschwächt hat. Man muss sich das mal vorstellen, Monti konnte Deutschland mit Verweigerung der Zustimmung zu Wachstumspakt und Transaktionssteuer erpressen, obwohl beide Punkte gar nicht im originären Interesse unserer Regierung gelegen haben. Das ist ein echter Witz ! Diese beiden Punkte wurden aber seitens unserer Opposition zur Bedingung der Zustimmung zum ESM gemacht. So spielt man perfekt mit Italien und Frankreich über Bande - Pfui Spinne !

Aber wie auch immer, meine Wut und Abscheu ist mein persönliches Problem. Was in den nächsten Jahren hier passiert, betrifft uns aber alle. Wenn die deutschen Bürger diesen Weg nicht wollen, haben sie nun nur noch eine kleine Chance, sie müssten bei der nächsten Bundestagswahl anderen Parteien als den vorhandenen zu einer Mehrheit verhelfen, was unrealistisch ist. Auf das von Ex-Politikern durchsetzte BVG würde ich nicht setzen.

Da ich daran nicht glaube, kann ich dem hart arbeitenden deutschen Arbeitnehmer nur raten: Lasst es sein, geniesst das Leben, es lohnt sich nicht, sich abzurackern ! Denn es reicht ja nicht, dass ein durchschnittlicher Facharbeiter beim "Daimler" schon heute im Grenzsteuersatz ankommt und von seiner Lohnerhöhung gleich die Hälfte einkassiert wird. Es reicht auch nicht, dass dieser Facharbeiter ein geringeres Durchschnittsvermögen als zum Beispiel Belgier und Italiener besitzt und im letzten Jahrzehnt reale Wohlstandsverluste hingenommen hat, nur um noch härter zu rackern. Nein, nun finanziert er damit auch noch die Fehlspekulationen spanischer Banken.

Ich bin heute übrigens aus Kroatien zurück gekommen. Ich habe in Kroatien nagelneue Infrastruktur vorgefunden, alles perfekt. Dann bin ich in Slowenien auf perfekten, nagelneuen Autobahnen gefahren. Dann habe ich in Österreich die hervorragend gewarteten Autobahnen und Tunnel genossen. Und dann kam ich nach Deutschland auf die A8 München-Salzburg und holperte im dichten Verkehr über alte Betonplatten aus "Adolfs Zeiten", ohne Seitenstreifen, mit verrosteten und verbogenen Leitplanken. Mehr muss man dazu wohl nicht sagen.

Die südlichen Länder der Euro-Zone haben gewonnen, das ist nun klar. Der 29.06.12 ist ein historische Tag. Die Schuldner zwingen den Gläubigern ihren Willen auf. Man kann jedem Deutschen nun nur noch mit Sarkasmus raten, sich diesen Lebensstil selber anzueignen, selber Schulden aufzunehmen und das Leben im Hier und Jetzt in vollen Zügen zu geniessen. Wenn wir dann Morgen unsere Schulden nicht mehr bedienen können, werden wir schon einen Dummen finden, bei dem wir sie abladen können.

Das Europa mit so einer Haltung im Wettbewerb mit aufstrebenden Volkswirtschaften wie China nicht mithalten kann, sollte offensichtlich sein. Aber darüber macht man sich keine Gedanken, wenn man das Leben im Hier und Jetzt geniesst. Nach uns die Sintflut !

Ihr Hari

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Marktupdate – 27.06.12 – Marktsentiment vor dem EU Gipfel

21.00 Uhr

Eine wichtige Frage für kurzfristige Anleger vor dem EU Gipfel dürfte sein, was der Markt erwartet bzw welche Szenarien eingepreist sind und welche nicht.

Das ist besonders interessant, weil wir dieses Mal eine ungewöhnliche Situation haben. Zuletzt war es immer so, dass der Markt vor solchen Terminen im Sinne "buy the rumor" mit Hoffnung anzog, während er nach den eher durchwachsenen Ergebnissen dann gerne im Sinne "sell the news" wieder abgab.

Dieses Mal ist aber alles anders, denn Angela Merkel hat mit für mich im Stil überraschenden und aussergewöhnlich harten und deutlichen Worten jegliche Hoffnung auf eine einfache Lösung im Sinne "Deutschland kippt um" aus dem Markt genommen. Ich halte das für sehr bemerkenswert, da es so ganz untypisch für die ansonsten vorsichtige und sich alle Szenarien offen haltende Merkel ist.

Ich betrachte das als Indikator, das wir möglicherweise auf einen entscheidenden Wendepunkt in der endlosen Geschichte der Euro-Krise zulaufen. Bis gestern habe ich auch an einen Gipfel zum "Gähnen" geglaubt, nun bin ich nicht mehr sicher.

Jetzt kann man natürlich nicht ausschliessen, dass es in Amerika Marktteilnehmer gibt, die immer noch Illusionen über Deutschlands offene Brieftasche nachhängen. Den Profis im "Big Money" muss man aber genügend Intelligenz und Verständnis zubilligen, dass sie nun keine Erwartungen an einen "Quick Fix" beim EU-Gipfel mehr haben. Dieses zumal die Phrase "not in my lifetime" ja gestern via Zero Hedge quer durch die Wallstreet lief.

Das wir heute einen starken Tag erleben, hat deswegen auch nichts mit Europa zu tun. Aus Sicht der Nachrichtenlage spielt hier China eine Rolle, wo man nun weitere fiskalische Stimulierungsmassnahmen erwartet. Und auch die Markttechnik hat die Stärke schon signalisiert - wer jetzt hier Koch und Kellner ist, überlasse ich denen die es interessiert, mich interessiert aber nur das Ergebnis. Das China und nicht Europa eine Rolle spielt, kann man auch gut an den heute stärksten Sektoren beobachten - wenn Rohstoffe gut laufen, ist eigentlich immer China irgendwie im Spiel.

Was Europa und den Gipfel angeht, kann man die Stimmung des Marktes aber eher als lethargisch und von Europa genervt bezeichnen. Die aktuelle Cognitrend Analyse passt da gut ins Bild. Aber auch Artikel wie beim "Reformed Broker" bringen es auf den Punkt.

Wenn diese Analyse von Lethargie richtig ist, muss man das aus Sicht des Sentiments als eine eher positive Entwicklung werten. Denn dann könnte der Gipfel nur noch dann nachhaltig enttäuschen, wenn er im Streit auseinander geht - was ich aber für sehr unwahrscheinlich halte, zumal nun auch aus Frankreich deutlich konsensorientiertere Signale kommen, nachdem endlich die Wahlen hinter uns liegen.

Umgedreht könnte aber jede überraschende, positive Wendung nun ein Feuerwerk am Markt zünden. Sollte es Hollande und Merkel also gelingen da ein "Überraschungsei" zu finden, dürften die Shorts am Montag - oder je nach Zeitablauf des Gipfels vielleicht schon am Freitag - ein böses Erwachen haben. Und zwar dann nicht nur wegen des "Ei" an sich, sondern auch wegen des Signals einer neu gefundenen deutsch-französischen Eintracht. Diese Eintracht für sich, könnte der Markt nach Merkels medialer Vorbereitung, wohl schon als positive Wendung werten.

Wir haben also die ungewöhnliche Situation, dass Lethargie im Markt auf eine Frau Merkel trifft, die scheinbar nach eigener Einschätzung in eine Entscheidungsschlacht geht. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit grosser Bewegungen danach, denn bisher war es eher anders herum - vor dem Termin hyperventilierte der Markt schon, nur um sich danach zu fragen warum eigentlich.

Aus reiner Sentimentsicht, kann man den EU-Gipfel also durchaus mit der "Chancen-Brille" betrachten. Bitte bedenken Sie aber, dass Sentiment nur ein Baustein einer Analyse ist und auch nur einen gewissen statistischen Vorteil verschafft, der leicht durch reale Entwicklungen überlagert werden kann. Aber jeder statistische Vorteil hat seinen Wert und vielleicht liegt er dieses Mal auf der Seite der Bullen.

Ihr Hari

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Hari´s Märkte am Abend – 07.05.12 – Eurokrise, die unendliche Geschichte

22 Uhr - Handelsschluss

Während der Wahlausgang in Frankreich wohl in den Kursen verarbeitet war, dürfte das Ergebnis in Griechenland zur Schwäche im frühen Handel beigetragen haben. Denn das Ergebnis impliziert politisches Chaos und damit erneute Turbulenzen.

Zur Eröffnung schaute der DAX kurz unter 6400, bevor dann ganz ruhig gekauft wurde und der Markt schon am Nachmittag wieder bei 6550 oder Plus/Minus Null gegenüber Freitag stand. Von Panik war bei dieser Bewegung keine Spur, die Ruhe mit der der Markt hoch robbte war beeindruckend. Das ist ein positives Signal und zeigt die Stärke der Zone oberhalb DAX 6400, in der offensichtlich konsistentes Kaufinteresse in dem Markt kommt. Auch der S&P500 hat die 1370 zurück erobert und nahezu unverändert gegenüber Freitag geschlossen.

Damit etabliert sich genau das Setup, dass ich am Freitag beschrieben habe und wir haben gute Chancen, dass wir Morgen und auch den Rest der Woche eine weitere Stabilisierung bekommen. Abgesehen davon, kann ich mir nicht vorstellen, dass "Big Money" es zulässt, dass der Facebook Börsengang versaut wird, der Mitte Mai stattfinden soll. Insofern bin ich nun kurzfristig verhalten optimistisch.

Schaut man darüber hinaus, sehe ich zwei gegenläufige Faktoren. Für die Konjunktur in den USA und in China bin ich in den nächsten Wochen weiter eher positiv gestimmt. Ein extremer Absturz an den Börsen würde mich in diesem Zeitraum schon überraschen. In der Eurozone dürfte es aber nach meiner Erwartung nach einer kurzen Phase der Beruhigung weiter rumpeln. Nämlich genau dann, wenn sich die neuen politischen Mehrheiten zu konkreter Politik formieren müssen. Wenn also Hollande seine ersten Planungen und Aussagen als Staatschef konkretisiert und in Griechenland die chaotische Regierungsbildung im Gange ist. In beiden Fällen dürfte der Markt sehr kritisch auf die Aussagen schauen und mögliches Fehlverhalten mit sofortigen Verwerfungen an den Anleihemärkten strafen, denen sich dann wiederum der DAX kaum entziehen kann.

Die Börsenwetterlage in Europa dürfte also wechselhaft bleiben. Insofern werde ich eine mögliche Beruhigung und leichte Stärke weiter nutzen, um mich von der Eurozone im Depot weiter abzukapseln und in den kommenden Wochen eher auf die beiden grossen Volkswirtschaften USA und China (Plus Süd-Ost Asien) setzen. Das erlaubt durchaus auch europäische Aktien zu kaufen, aber nur solche, die ihr Geschäft zu einem hohen Prozentsatz ausserhalb der Eurozone machen.

Im Herbst, zur US Präsidentenwahl, dürfte dann ein grosses Problem auf den Radar des Marktes kommen. Das Budget der USA. Sie erinnern sich doch sicher an letzten August, oder ? Der gefundene Kompromiss sollte die Administration eigentlich bis 2013 durchfinanzieren. Nur könnte es nun sein, dass aufgrund stärkerer Ausgaben das Limit möglicherweise schon im Herbst, vor den Wahlen, erreicht wird. Was das mitten im Wahlkampf bedeuten würde, mag sich jeder selber ausmalen, zumal eine fehlende Einigung automatische Budget-Cuts im dreistelligen Milliardenvolumen in Gang setzen, die die noch schwächliche Konjunktur kaum verkraften dürfte. Aber bis dahin haben wir noch Zeit und sollten uns zunächst mit den naheliegenden Hürden in Europa beschäftigen. Ab August dürfte das Thema aber auf den Radar des Marktes kommen.

Noch ein paar Zeilen zu Griechenland - ich habe es hier schon vor Monaten geschrieben, Griechenland ist für mich persönlich ein "Failed State", der eigentlich unter Kuratel gehört, weil er nicht mehr für sich selber sorgen kann. Nur unter externer Kuratel hätte man auch die Chance, den gigantischen Verwaltungsfilz zu bereinigen und einen Neuanfang zu wagen. Denn Griechenlands Kernproblem ist nach allem was man liest und hört das Fehlen funktionierender staatlicher Strukturen, eine "Filzokratie", für die die beiden grossen Regierungsparteien der letzten Jahrzehnte wohl einige Verantwortung tragen.

Mit derart nicht vorhandener Verwaltung, kann man dann beschliessen oder wählen was man will, es wird sowieso nicht umgesetzt und fröhlich weiter unter dem Tisch herum gereicht.

Nur ist es leider völlig unrealistisch Griechenland unter Kuratel zu stellen, da würden dann gleich "Besatzungsreflexe" geweckt, in Griechenland sowieso, das da besonders empfindlich ist. Dabei ist das richtige Bild nicht das von "Besatzern", sondern eher das von wohlmeinenden aber strengen Eltern, die für ihr unmündiges Kind auch manchmal harte Entscheidungen treffen müssen, wenn sich das Kind selber nicht mehr helfen kann. Aber das wird sowieso nicht passieren, schon alleine weil nach meiner Einschätzung die bisher profitierende "Nomenklatura" Griechenlands auf der Klaviatur der "Besatzungsreflexe" spielen und so jede echte Hilfe von aussen mit Leichtigkeit sabotieren wird. Und deshalb dürfte das Chaos in Griechenland traurigerweise seinen Lauf nehmen.

So verrückt und unschön sich das anhört, aber für Europa wäre es in meinen Augen wohl am besten, wenn sich nun schnell radikale Europa-kritische Parteien durchsetzen würden. Denn ein Griechenland im Euro und in der EU macht viel mehr Ärger als eines draussen. Das Chaos im Land dürfte nach meiner traurigen Erwartung so oder so nicht mehr aufzuhalten sein, die Frage ist nur wie stark der Rest Europas in Mitleidenschaft gezogen wird.

Was auch immer passiert, die Eurokrise wird noch viele Aufwallungen und temporäre Beruhigungen erfahren, bis dann entweder das Wunder passiert und sich die Lage nachhaltig beruhigt, oder - das für mich wahrscheinlichere Szenario - die Euro-Zone in der jetzigen Form auseinander fliegt.

Die Euro-Krise bleibt also traurigerweise eine "Unendliche Geschichte". Dauerhaft ruhiges Fahrwasser ist in Europa bis auf weiteres nicht in Sicht, da sollte man sich wohl keinen Illusionen hingeben.

Positiv war heute erneut die relative Stärke des europäischen Bankensektors zu werten. Der Bereich, von dem man eigentlich annehmen sollte, dass er am stärksten unter der Sorge um den Euro leidet, zeigte sich heute wie schon letzten Freitag von seiner positiven Seite. Auslöser waren wohl Meldungen, nach denen Ministerpräsident Rajoy einzelne spanische Banken notfalls mit Steuergeldern retten will.

Eigentlich wieder ein abstruses Szenario, der eine Pleitier zieht den anderen an Haaren aus dem Sumpf - mit welchem Geld fragt man sich da doch ? Aber seit Geld noch nicht einmal mehr gedruckt werden muss, sondern im Multi-Milliarden-Volumen in den Computern der Zentralbanken per Knopfdruck aus dem Nichts erzeugt und an die Banken verteilt werden kann, ist diese naive Frage eigentlich auch obsolet. Die Alchemisten des Mittelalters würden auf jeden Fall staunen, was in den Giftküchen der Neuzeit so alles möglich ist. Blei in Gold verwandeln ist total out, wir können auch Luft in Geld verwandeln 😉

Aber egal, in Anbetracht der völlig überverkauften Lage stiegen Titel wie Unicredit (WKN A1JRZM) oder Banco Santander (WKN 858872) um 5% ins Plus ! In diesem Zusammenhang macht ein erneuter Blick auf den voll replizierenden ETF iShares Euro Stoxx Banks (WKN 628930) Sinn, in dem viele dieser Aktien enthalten sind. Es ist noch deutlich zu früh hier die Wende auszurufen, aber wir notieren oberhalb der mehrfachen Tiefs von September und November 2011 und diese scheinen wieder zu halten.

Erinnern wir uns, dass der europäische Bankensektor noch vor den breiten Märkten schon Mitte März abgetaucht war. Möglicherweise könnte eine Wende erneut ein frühzeitiges Signal sein, dass der Eurokrise kurzfristig eher wieder eine temporäre Entspannung bevor steht. Auf jeden Fall werden ich diesen Kursverlauf sehr intensiv beobachten, denn er sagt viel über den Stress im europäischen Bankensystem aus !

Sehr stark war heute Jungheinrich (WKN 621993) mit 4% Plus. Und das nicht nur heute, sondern schon in den ganzen April zeigte die Aktie relative Stärke und scheint nun aus einer seit Februar andauernden Seitwärtsbewegung nach oben zu wollen. Am 10.05.12 sollen die Quartalszahlen kommen und schenkt man dem Markt Glauben, "riecht" der scheinbar schon gute Zahlen. Auch fundamental ist Jungheinrich für mich ein attraktiv bewerteter, finanziell solider Maschinenbauer. Wenn es für mich einen Minuspunkt gibt, dann den, dass ein hoher Umsatzanteil in die europäische Union geht, was bei einer Verschärfung der Euro-Krise den Auftragseingang sicher treffen würde.

Der folgende Chart bildet den Kursverlauf von Jungheinrich in den letzten 12 Monate ab und sendet Signale, dass ein Ausbruch aus der Range durchaus denkbar ist, der sich bei einem Kurs von ca. 27€ vollenden würde. Ich denke es macht trotzdem Sinn, erst die Zahlen am 10.05.12 abzuwarten.

Achja und Rheinmetall (WKN 703000). Warum der Titel trotz der sich konkretisierenden Pläne des Börsengangs von Kolbenschmidt-Pierburg heute über Tag zu den schwächsten Aktien gehörte und am Anfang und zum offiziellen Handelsschluss um 17.30 Uhr sogar unter 38€ schaute, war auch mir ein Rätsel. Besonders witzig, nachdem um 18 Uhr dann die Meldung kam, dass nun auch Vorstand und Aufsichtsrat dem Börsengang zugestimmt haben, ist die Aktie aktuell nachbörslich wieder bei fast 40€ und hat gegenüber den Kursen von 17.30 Uhr damit 5% in 2 Stunden gut gemacht ! Von Schwäche kann also keine Rede mehr sein.

Es ist fast nicht zu glauben, aber es scheint fast so, als ob der Markt in Anbetracht der Nachrichtenlage rund um Frankreich und Griechenland diesen Börsengang einfach übersehen hat und erst heute Abend aufgewacht ist. So ein Szenario ist extrem selten, aber nicht unmöglich, wenn grosse Makro-Risiken über dem Markt schweben, die zum Tunnelblick führen. Denn um Rheinmetall richtig zu bewegen braucht es "Big Money" und zwar amerikanisches Big-Money wie wir erst Freitag wieder gelernt haben, die paar Privatanleger reichen dafür nicht aus. Trotzdem kann ich das Szenario des "Übersehens" immer noch nicht so recht glauben, denn es ist schon sehr unwahrscheinlich, Mr. Market übersieht höchst selten.

Die alternative Erklärung, das der Markt einfach die Bestätigung abwarten wollte, obwohl er das Thema schon wahrgenommen hat, halte ich dagegen für noch unwahrscheinlicher. Es wäre das erste Mal in meiner Karriere, dass Mr. Market eine Bestätigung abwartet um los zu laufen. Er läuft 100% zuverlässig immer schon beim Gerücht los - falls er das Gerücht wahrnimmt. Logisch wäre für mich eher, wenn sich hier grosses Geld den Kurs zurecht gelegt hat, um noch günstig einzusteigen. Letzeres Szenario würde sich eher mit meinen Erfahrungen der Vergangenheit decken.

Aber wie auch immer, unabhängig von dieser verrückten Bewegung am heutigen Tag ist Rheinmetall für mich sowieso nie eine Trading-Position gewesen und meine Sicht ist unverändert. Ich finde die Aktie mittel- und langfristig attraktiv und krisenfest und die aktuelle Bewertung voller Chancen. Wahrscheinlich um den 15.05. kommt dann auch die Dividende zur Auszahlung, die vorraussichtlich um 5% Rendite bringen wird. Angenommen die Aktie bliebe bis dahin unverändert, würde Rheinmetall dann erneut unter 40€ notieren, ein Kurs der nach meiner Überzeugung weit mehr Chancen als Risiken bietet.

Ich wünsche Ihnen einen schöne Abend !

Ihr Hari

Hari´s Märkte am Abend – 04.05.12 – Wochenabschluss

22 Uhr - Handelsschluss

Die Arbeitsmarktdaten waren heute schwach, aber eigentlich nur so schwach wie erwartet. Trotzdem war der Markt nicht in der Lage, daraus einen Bounce zu generieren, was nicht unbedingt ein gutes Zeichen ist. Denn damit hat sich der Charakter des Marktes geändert, in den Wochen davor hätte das Setup immer für einen Bounce gereicht und das war auch eigentlich das wahrscheinlichere Szenario. Nicht aber heute. Der darauf folgende Abgabedruck arbeitete - wieder einmal - genau die gestern gezeigte Schulter-Kopf-Schulter Formation bis zum Ziel bei S&P500 1372 ab, schloss noch ein Gap knapp darunter, dann lief der Abgabedruck aus. Negativ ist aber auch zu sehen, dass der US Markt im späten Handel nicht zur einer kleinen Gegenbewegung in der Lage war, dass lässt Raum für weitere Schwäche am Montag.

Im DAX war das heute zwangsläufig mal wieder ein Schlachtfest und die klassischen deutschen Aktien aus Automobilsektor oder Industrie wurden hart getroffen. Volkswagen, BMW, Daimer alles ca. 4% im Minus. Rheinmetall sogar 6%. Und das alles ohne Nachricht. Denn das sind einfach genau die Aktien, die von institutionellem Geld an der Wallstreet gehalten werden. Und diese werden als Erstes verkauft, wenn der "Heimatindex" fällt. Man kennt das langsam schon, der DAX ist ein Hebelpapier für ausländische Anleger und kein konservativer Index. Und ein Index deutscher Anleger schon gar nicht. Nur weil man das weiss, fühlt es sich nicht besser an, trotzdem sollte man den Zusammenhang begreifen. Wer konservativ anlegen will, darf nicht nur im DAX sein !

In diesem Zusammenhang empfehle ich Ihnen nachdrücklich, aktuellen Artikel zu lesen, der auf einer Studie von Ernst & Young beruht. Er bestätigt genau das mit aktuellen Zahlen, was ich Ihnen hier ja immer wieder wie oben predige. Dabei muss man noch berücksichtigen, dass die in der Studie genannten 54% ausländischer Aktionäre das reale Bild noch schönen. Denn in den 42% deutscher Aktionäre sind ja die ganzen Grosspakete wie der Quandts bei BMW enthalten. Im Sinne der Aktionätruktur ist das ja auch richtig so. Nur stehen diese Pakete im Handel doch gar nicht zur Verfügung, die sind quasi "aus dem Markt" genommen. Würde man das Handelsvolumen im Xetra betrachten und die Frage beantworten, wieviel des täglichen Handelsvolumen von ausländischen Aktionären stammt, schätze ich den Wert eher auf 60-70% !

Wenn man das verstanden hat, kann man sich im DAX viele Überlegungen "warum" sich ein Aktie aus Sicht der Unternehmensnachrichten bewegt einfach sparen. Denn die Gründe für Bewegungen sind oft auch einfach in der Situation der institutionellen, ausländischen Aktionäre begründet. Und wenn die mal wieder ihre Margin-Calls haben, wird halt alles rausgehauen, Unternehmensnachrichten in einem "fernen Land" interessieren da keinen. Es ist schlicht immer wieder das gleiche Spiel und ich finde es erstaunlich, dass dann in der Presse trotzdem nach lokalen "Gründen" geforscht wird, die in der Realität gar nicht marktbewegend sein können.

Wie geht es nun nächste Woche weiter ?

Nun, da ich nach wie vor für das 2. Quartal an die volatile Range 6400-7100 im DAX glaube, sind Kurse unter 6600 für mich prinzipiell eher wieder Kaufkurse. Aber vielleicht nicht gleich Montag, denn die Schwäche heute im späten Handel lässt Böses ahnen.

Hoffnungsvoll über den sehr kurzfristigen Blick hinaus, stimmt mich in dem Zusammenhang, dass heute die europäischen Banken zu den stärksten Titeln gehörten, die auch ab Mitte Februar als erste fielen und mit ihrer Schwäche eine Signal für die Einschläge waren, die in den Indizes dann erst Wochen später kamen.

Was ist denn seit Mitte Februar alles passiert ? Listen wir doch mal auf:

1) Wir haben die Euro-Krise rund um Spanien in den Kursen der Banken verarbeitet. Ob vollständig weiss niemand, aber zumindest teilweise.

2) Wir haben die Sorge um eine abstürzende Konjunktur in China in den Kursen der Rohstofftitel verarbeitet. Alle aktuellen Daten aus China stützen nun die These der weichen Landung.

3) Wir haben die Sorge um die Wahlen in Frankreich und Griechenland in den Kursen verarbeitet. Ab Dienstag kommender Woche dürfte der Markt da nach vorne schauen.

4) Wir haben die Verweigerung der FED für unmittelbare weitere Stimuli verarbeitet.

5) Und zuletzt, jetzt, verarbeiten wir durchwachsene Wirtschaftsdaten aus den USA, in Form einer schon lange fälligen Korrektur in den US Indizes.

Aus dieser Liste kann man sehr wohl schliessen, dass wir ab kommender Woche durchaus Chancen auf wieder besseres Börsenwetter haben. Das ist natürlich keine Sicherheit, auch ein Zusammenbruch der Märkte ist bei der aktuellen Schwäche nicht ausgeschlossen. Aber ich rede hier ja über Wahrscheinlichkeiten. Und wenn alle euphorisch sind und nur noch über DAX 8000 reden, ist das Risiko eines Absturzes wesentlich höher, als wenn sich alles so mies anfühlt wie derzeit, und all die Sorgen und Ängste die ich oben aufgelistet habe, zumindest teilweise schon eingepreist sind.

Ich würde diesen Gedankengang bei meinen Überlegungen berücksichtigen. Das ist ausdrücklich keine Aufforderung auf reinen Verdacht nun Risiken nach oben einzugehen. Aber das ist der Hinweis, sich den klaren Blick nicht durch die gerade allgemein schlechte Stimmung verstellen zu lassen. Denn wenn man sich mit der Emotion der Massen mittreiben lässt, wird man die Chancen nicht sehen können, die bestimmt früher oder später kommen. Ich habe sehr selektiv bei ein paar wenigen Titeln heute Abend wieder zugegriffen.

Zu einzelnen Aktien will ich heute nicht viel sagen, macht ja auch keinen Sinn, wenn einfach nur alles im Gleichschritt abstürzt.

Wacker Chemie (WKN WCH888) lieferte Zahlen und Ausblick im Rahmen der Erwartungen. Nach einem kurzen positiven Hüpfer bis 65€ setzen dann aber massive Verkäufe ein, die den Kurs wieder bis 60€ drückten. Meine Erklärung dafür ist, dass das heisse Geld, das sich in Erwartung eines riesigen Sprungs vor den Zahlen positioniert hatte, danach schnell wieder enttäuscht abgesprungen ist, weil sich keine sofortige Rally anschloss. Für die Kursentwicklung der nächsten Wochen muss das aber nicht negativ sein. Ich habe meine bei 60,8€ eingegangene Long-Position heute nicht verkauft und warte erst einmal ab, welche Richtung der Kurs einschlägt, wenn sich die Volatilität nach den heutigen Zahlen verzogen hat. Mein Stop liegt bei 56€, etwas unter dem Tief vom 24.04.12.

Dramatisch weiter abgestürzt ist heute Nokia (WKN 870737) mit einem Minus von fast 10%. Ich weiss nicht so recht was der Auslöser war, möglicherweise die unbestimmten Meldungen zur Tablet-Strategie, die bei mir gleich den Gedanken ausgelöst haben: "die sollen erst einmal ihre Hausaufgaben im Brot und Butter Geschäft auf die Reihe bekommen und das finanzielle Ausbluten stoppen, bevor sie eine weitere Baustelle aufmachen". Wie auch immer, wie hier schon mehrfach und deutlich kommuniziert, gilt für mich bei Nokia weiterhin "Finger weg !".

Ein Lichtblick war dagegen Veolia (WKN 501451), die ganz brauchbare Zahlen lieferten, die vom Markt zunächst mit einem Plus von 4% honoriert wurden, bevor die allgemeine Marktschwäche die Gewinne wieder wegnahm. Veolia könnte - wie französische Aktien überhaupt - nächste Woche durchaus gut laufen, denn wenn die Wahl in Frankreich vorbei ist, führt das dazu, dass der Markt nach vorne schaut, statt auf die Wahl zu starren. Nur für den theoretischen Fall, dass der mutmassliche neue Präsident Hollande bei der Wasserversorgung sozialistisch/dirigistische Anwandlungen haben sollte, müsste man sich bei Veolia wohl auf schwere Einschläge einstellen. Aber derartige Gesetzesvorhaben werden wohl eher nicht in der Woche direkt nach der Wahl in Gang gesetzt.

Bei Gold (XAUUSD) wurde meine gestrige Aussage bestätigt, dass man das noch nicht überbewerten sollte, weil die Entscheidung schlicht noch nicht gefallen ist. Gold und die Minen stabilisierten sich heute etwas und hier gilt es für mich einfach abzuwarten.

Zum Abschluss habe ich für Sie etwas zum Lesen. Es ist ein langer Artikel des bekannten und sehr erfolgreichen Hedge-Fund Managers David Eichhorn von Greenlight Capital. Ich empfehle das in Ruhe einmal komplett zu lesen, es beschreibt die Makro-Sicht aus seiner Warte, in meinen Augen sehr vernünftige und richtige Ansichten. Er benutzt dazu das Bild der "Simpsons" um die durchschnittliche amerikanische Familie zu beschreiben. Wenn Sie die Simpsons nicht kennen, werden Sie ein paar Namen mal "googeln" müssen um alles zu verstehen.

Manchmal würde man sich wünschen, unsere Wirtschafts- und Finanz-Ministerien auf beiden Seiten des Atlantiks würden von solchen intelligenten Leute geführt. Aber das kann ja gar nicht sein, das sind ja alles nur "böse Zocker", die an allem Schuld sind und vor denen uns Notenbanken und Politik schützen müssen. 😉

Lesen Sie . Zwei Zitate als "Appetizer":

(1) "For the super wealthy, zero rates supported by a Bernanke put on the bond market encourage outsized income through leveraged speculation. For everyone else, zero rates reduce the standard of living because greater food and energy costs soak up income"

(2) "But, the Fed is filled with academics who thoughtlessly rely on econometric models that reflexively indicate that repeated Jelly Donut orgies are the best way to get a sugar rush into the economy." 😉

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende !

Ihr Hari