Finanztransaktionssteuer nur auf Aktien ist grober Unfug !

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug in einem persönlichen Kommentar aussprechen.

Vor fast exakt einem Jahr, habe ich im Artikel -> Finanztransaktionssteuer - Von Ahnungslosigkeit und Lobbyismus <- eine Wutrede auf den damaligen Vorschlag der EU zur Finanztransaktionssteuer losgelassen, in dem Geschäfte auf den volkswirtschaftlich sinnvollen Aktienhandel 10x so stark besteuert werden sollten, wie Geschäfte auf Derivate. Es macht Sinn diesen Artikel noch einmal zu lesen, denn die Argumentation ist unverändert gültig und ich werde heute diese Argumentation nicht wiederholen.

Wer jetzt aber glaubte, es würde sich etwas zum Besseren ändern, wurde getäuscht. Vielleicht kennen Sie ja den Aphorismus:

Und aus dem Chaos sprach eine Stimme zu mir: "Lächle und sei froh, es könnte schlimmer kommen!"
Und ich lächelte und war froh, und es kam schlimmer!

Genau das passiert gerade, denn nun scheinen sich Frankreich und Deutschland in einem typischen, politischen Formelkompromiss darauf verständigen zu wollen, einen der Finanztransaktionssteuer vorzunehmen, bei dem zunächst nur Aktiengeschäfte besteuert werden sollen. Und das was wirklich entschleunigt werden müsste - der Wildwuchs der Derivate - kommt dann irgendwann .... uhmmm ..... ja vielleicht ...... ein bisschen ...... später ...... wenn überhaupt.

Das ist so klar und eindeutig grober Unfug, dass selbst die Mainstream-Presse bei dem Thema sofort richtig reagiert, die Welt hatte gestern den Artikel online und das Handelsblatt schreibt zu Recht vom .

Statt meine Position also erneut zu begründen und herzuleiten - das habe ich ausführlich vor einem Jahr getan - will ich hier nur in Stichpunkten mal ein paar Fakten zusammen fassen und Konsequenzen aufzeigen.

1. Ich bin persönlich für eine sinnvolle Finanztransaktionssteuer, deren Sinn die Entschleunigung der Finanzmärkte ist und die derivativen Wildwuchs zurück zu schneiden hilft. Bei dieser Steuer darf aber nicht die Einnahmenseite im Vordergrund stehen, sondern es geht darum, die volkswirtschaftlich schädlichen oder unsinnigen - weil Risiken produzierenden - Marktbereiche unwirtschaftlicher und damit unattraktiver zu machen. Nebenbei würde eine richtig gesetzte Finanztransaktionssteuer auch das HFT Unwesen eindämmen und uns allerlei regulatorische und tatsächliche Probleme und Risiken abnehmen.

2. Der Aktienhandel ist volkswirtschaftlich sinnvoll, er dient der Finanzierung der Unternehmen. Ohne Wagniskapital über die Börse, würde es eine Tesla Motors so nicht geben und viele andere erfolgreiche Unternehmen auch nicht. Der klassische Aktienhandel hat Null und Nichts mit den Ursachen der Finanzkrise zu tun. Im Gegenteil, der volkswirtschaftlich sinnvolle Aktienhandel steht unter Attacke. Unter Attacke durch Fehlentwicklungen wie das HFT. Unter Attacke durch die Zerfaserung des Handels auf diverse unregulierte Handelsplätze (Dark Pools). Unter Attacke durch diverse derivate Produkte, mit denen der echte Aktienhandel an echten Börsen umgangen werden kann.

3. Eine Börsenumsatzsteuer nur auf den Aktienhandel, ist ein Boom-Programm für Derivate und fördert die eigenen Transaktionen noch mehr in privaten Handelsplattformen (Dark Pools) zu verstecken. Dieser Formelkompromiss schädigt damit das volkswirtschaftlich Sinnvolle und fördert den Wildwuchs weiter. Das ist für mich grober Unfug ! Ein andere Formulierung fällt mir persönlich dazu einfach nicht ein.

4. Bezahlt wird diese Form von Finanztransaktionssteuer nicht von der Grossfinanz, die ausweichen kann und wird. Bezahlt wird sie vom normalen Bürger, dessen in Zeiten der finanziellen Repression sowieso schon schwieriger Versuch der Geldanlage, weiter verteuert wird. Aber selbst Verträge, bei denen man auf den ersten Blick gar nicht daran denken würde, wie Fondsparpläne bei Lebensversicherungen, werden negativ belastet werden.

5. Wer dagegen mobil ist oder der Grossfinanz angehört, wird je nach Ausgestaltung der Regeln einfach nicht mehr Aktien handeln und dafür Derivate nutzen. Oder auf Handelsplätze ausserhalb der EU ausweichen. Oder deutsche und französische Firmen am Aktienmarkt ganz meiden, die muss man auch nicht zwingend haben, es reicht sich in den USA und Asien zu tummeln. Geschädigt wird dadurch die Fähigkeit von deutschen oder französischen Unternehmen, an der Börse Kapital aufzunehmen.

Dieser aktuelle Vorschlag, mit einer reinen Finanztransaktionssteuer auf Aktien zu beginnen, ist auf jeden Fall ein Musterbeispiel, wie aus der prinzipiell guten Idee der "Tobin-Tax", durch politische Formelkompromisse ein Monster gemacht wird. Ein Monster, das vorhandene Fehlentwicklungen fördert und die verbleibenden Inseln der volkswirtschaftlichen Sinnhaftigkeit an den Finanzmärkten mutwillig schädigt.

Ist es wirklich möglich, dass so ein offensichtlicher Blödsinn Gesetz werden wird ? Noch hoffe ich auf die Intelligenz bei den Beteiligten. Hoffentlich nicht zu Unrecht.

Ihr Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Finanztransaktionssteuer – Von Ahnungslosigkeit und Lobbyismus – Eine Wutrede

Nachdem die EU-Kommission einen ersten Vorschlag zur Finanztransaktionssteuer vorgelegt hat, gehen die Berichte über erste Einzelheiten durch die Welt, nachzulesen unter anderem .

Wenn ich lese, was sich da wieder ausgedacht wurde, steigt mir die Zornesröte ins Gesicht und ich kann nicht anders, sondern muss zu einer sehr persönlichen Wutrede ansetzen. Wer klare Worte in einem persönlichen Kommentar nicht erträgt, möge nicht weiterlesen.

Zunächst ist es mir wichtig festzuhalten, dass ich durchaus ein Freund der Idee einer - richtig umgesetzten - Börsenumsatzsteuer (Tobin Tax) bin. Die Absichten die sich damit verbinden, sind nicht nur ehrenhaft, sondern sogar sehr sinnvoll.

An erster Stelle steht für mich die Entschleunigung der Märkte. Man sollte sich darauf zurück besinnen, was der volkswirtschaftliche Sinn eines Aktienmarktes ist. Er dient dazu den Wert von Firmen und Geschäftsmodellen festzulegen und die Unternehmen daher mit Kapital für ihre Aktivitäten zu versorgen.

Über die Pervertierung des Marktes als Spielplatz von wild gewordenen Algorithmen wurde völlig vergessen, dass die Erfindung eines Marktes zum Austausch von Waren und zur Festlegung von Preisen im freien Spiel von Angebot und Nachfrage, eine der ganz wesentlichen zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit ist. Ohne die Erfindung des Marktes wäre zum Beispiel Arbeitsteilung nicht möglich gewesen, denn der Bauer der im Herbst seine Ernte zu Geld machen will, hätte keine Chance gehabt auf genügend Käufer zu treffen. Ohne Markt keine Arbeitsteilung. Und ohne Arbeitsteilung keine Zivilisation. Dieser Zusammenhang ist ebenso wahr, wie von der breiten Masse unverstanden.

Dieser volkswirtschaftliche Sinn der Aktien-, Devisen- und Anleihenmärkte ist extrem hoch und kluge Politik würde alles unterlassen, was diese wichtige Funktion der Märkte behindert. Umgedreht würde kluge Politik alles unterbinden, was das Funktionieren des Marktes als Preisfindungsorgan in Frage stellt. Und multi-millionen Pseudotransaktionen im Millisekundenbereich im High Frequency Trading (HFT) haben schlicht null volkswirtschaftliche Bedeutung, im Gegenteil, sie stellen die Funktionsfähigkeit der Märkte in Frage. Und Millionen an Derivaten, in denen die vorhandenen echten Assets in Form von Aktien, Anleihen oder Devisen nur umverpackt und duchgequirrlt werden, um in der komplexen Konstruktion die Ertäge des Finanzsektors zu verstecken, haben auch keine volkswirtschaftliche Bedeutung. Zumal keiner dann mehr versteht, was hinter der vierten Umverpackung überhaupt noch enthalten ist, wie ja wunderbar 2008 zu beobachten. Die Welt wäre eine bessere, gäbe es diese Derivate nicht. Die Welt wäre aber nicht die gleiche, gäbe es keine freien Märkte für Aktien, Anleihen und Devisen.

Vor diesem Hintergrund könnte eine kompetent ausgeführte Finanztransaktionssteuer eine gute Sache sein. Sie könnte den Finanzsektor tatsächlich beteiligen, weil sie jede Transaktion einer kleinen Umsatzsteuer unterzieht. Und sie könnte die Finanzmärkte entschleunigen, weil nur noch echte Transaktionen mit echten Assets im Hintergrund wirtschaftlichen Sinn machen. Die Algorithmen des HFT wären auf jeden Fall sofort unwirtschaftlich. Und von den Börsenbetreibern abgesehen, die weniger Umsatz machen, würde niemand auf der Welt HFT vermissen.

So weit doch eigentlich eine schöne Ausgangslage und nun schauen wir mal, was unsere ach so kluge EU-Kommission daraus gemacht hat.

0,1% Transaktionssteuer pro Aktientransaktion und 0,01% pro Derivat. Hallo ? Warum wohl soll der volkswirtschaftlich sinnvolle Transfer von Unternehmensanteilen 10x so stark besteuert werden, wie so ein sinnloses Derivat ? Kann mir das einer von den EU-Bürokraten bitte erklären ? Und damit das híer kein EU Bashing wird, weite Teile der deutschen Politik, angeführt von SPD und Grünen begrüssen das ja scheinbar auch. Von dem Teil der Bevölkerung mal ganz abgesehen, der schon bei der Prozentrechnung in der Schule abwesend war.

Ich habe eine starke Vermutung woran das liegt. Und ja, es ist meine persönliche, gemeine, unfaire und höchst subjektive Meinung und reine Vermutung. Ich habe dafür keine Beweise, nur meinen in Jahrzehnten gestählten Riecher.

Aber ich vermute stark, dass die Finanzlobby bei der Definition des Vorschlages kräftig mitgemischt hat. So läuft es halt in Brüssel. Und das ist halt die Folge davon, wenn die Politik nicht wirklich etwas von Themen versteht, über die sie Gesetze verfassen will. Wenn Ahnungslosigkeit und Lobbyismus zusammen treffen, wird es für die Bürger und Firmen die nicht mit am Tisch sitzen und keine Lobby haben, halt oft sehr teuer.

Wobei, so sehr überrascht bin ich ja nicht. Denn aus der globalen Sicht eines ideologisch beseelten Politikers ist die Welt doch auch mal wieder ganz schlicht: Aktien und dieses ganze "Zockerzeug", das muss doch was mit der bösen Finanzindustrie zu tun haben. Und wenn man das irgendwie besteuert, trifft man schon den Richtigen. Jawoll !! Leider Nein, meine lieben gerechtigkeits-beseelten Politiker, leider Nein !

An einer realen Aktientransaktion, wenn also Bürger/Firma A über die Börse von Bürger/Firma B ein Aktienpaket kauft, verdient die Finanzindustrie so gut wie nichts. Alleine die Broker und die Börsen verdienen ein bisschen Transaktionsgebühr, das ist aber nicht das Geschäft der gelgehaarten Jünglinge des Herrn Jain in London. An solchen realen Aktiengeschäften, hat die Finanzindustrie kein besonderes Interesse, daran verdient sie nicht viel.

Ein Interesse hat die Finanzindustrie aber daran, ihre unzähligen Derivate als "Produkte" umzuverpacken und teuer in die Welt zu bringen. Ein Interesse hat die Finanzindustrie daran, wenn mit diesen "Produkten" fröhlich Handel betrieben wird, je mehr desto besser.

Und jetzt frage ich Sie vor diesem Hintergrund: warum sollen volkswirtschaftlich sinnvolle Aktiengeschäfte 10x so stark besteuert werden wie Derivate ? Wer hat da "beratend" mitgewirkt ? Fakt ist, Bürger und Firmen die mit realen Assets am Markt agieren wollen, haben keine Lobby.

Richtig wäre es genau umgedreht. Wenn überhaupt, dürften alle Geschäfte mit realen Assets wie Aktien, Anleihen und Devisen nur sehr minimal besteuert werden. Gerade so, dass das HFT unprofitabel wird. Alle Derivate aber sollten einen hohen Steuersatz haben. Genau dann würde der Finanzsektor beteiligt. Das würde 90% des derivativen Mülls im Markt einfach tot schlagen. Und übrig bleiben würden nur die wenigen derivativen Konstruktionen, die tatsächlich einen volkswirtschaftlichen Mehrwert schaffen, so zum Beispiel beim Währungshedging, das viele Firmen betreiben müssen. Denn nicht alle Derivate sind perse unsinnig, weite Teile des Wildwuchses aber schon. Die Finanztransaktionssteuer wäre so das Medium, das die Spreu vom Weizen trennen würde.

Warum also 0,1% auf Aktiengeschäfte und 0,01% auf Derivate ? Kann mir das einer mal erklären und meinen Verdacht ausräumen, dass hier Ahnungslosigkeit auf Lobbyismus getroffen ist ? Ich wäre wirklich dankbar, wenn mir jemand meinen Glauben an die Kompetenz der Politik wieder geben könnte. Also her mit den Argumenten, BITTE !

Aber als ob das nicht reichen würde, um mir die Frustration ins Gesicht zu malen, tut dann "Volkes Stimme" in Form der Meinungen der durchschnittlichen Foristen zum Thema ihr Übriges, wie oben im Artikel im Forum nachzulesen.

Ich will deshalb mal in Erinnerung rufen, was diese 0,1% pro Transaktion wirklich sind und was sie für uns Bürger, für die Volkswirtschaft und für die Aktienmärkte bedeuten werden:

1. Erstens ist es eine Steuer die auf den Umsatz und nicht auf den Gewinn anfällt. Die beste Entsprechung dazu wäre die Grunderwerbsteuer, auch eine Steuer die auf die gesamte Transaktion gewinnunabhängig anfällt. Jetzt beträgt diese aktuell ca. 3-5%. Nur kauft ein normaler Bürger ohne wirtschaftliches Interesse am Immobilienmarkt im Leben vielleicht 1-3 Objekte. Selbst ein konservativer Aktien-Anleger hat aber im Jahr eine kleine zweistellige Zahl von Transaktionen.

2. Addieren sich so pro Kauf Verkauf 0,2%. Multipliziert mit der Umschlaghäufigkeit, die bei Lesern dieses Blogs sicher im Bereich 2-10x pro Jahr liegen dürfte, kommen so schnell 2% zusätzliche jährliche Kosten zusammen. Das ist eine gewaltige Hürde um am Aktienmarkt überhaupt Geld verdienen zu können.

3. Werden diese neu anfallenden Kosten von der vermeintlich "beteiligten" Finanzindustrie einfach umgelegt und den Bürgern in Rechnung gestellt. Am Ende verteuern sich damit nicht nur Aktientransaktionen der "bösen" Zocker, sondern Fondsparpläne werfen niedrigere Renditen ab und die Lebensversicherungen sind noch weniger in der Lage, für ihre Versicherten eine auskömmliche Rendite zu erwirtschaften, denn mit Anleihen alleine geht das nicht mehr. Am Ende zahlen alle Bürger in Deutschland gleichermassen, die Geld anzulegen haben oder für ihren Ruhestand vorsorgen wollen.

4. Wird die Steuer damit zum Konjunkturprogramm für Derivate, denn plötzlich wird es Sinn machen, statt die Aktie direkt zu kaufen, ein "umverpacktes" Derivat zu kaufen. Die eine Hälfte dieses Vorteils steckt sich der Finanzsektor in die Tasche und freut sich über die tolle Finanztransaktionsteuer, die seine Taschen füllt, statt ihn zu "beteiligen". Über die andere Hälfte "freut" sich der normale Anleger und vergisst, dass er nicht 50% gespart hat, sondern ohne Grund nun eine Schuldverschreibung einer Bank (ein Derivat) im Depot liegen hat, wo er vorher zu geringeren Kosten wirklich Anteile an einem echten Unternehmen hielt.

5. Und zu guter Letzt wird der ganze deutsche Aktienmarkt leiden. Denn nach den Prinzipien der Kommission die in dem Artikel oben erklärt werden, müsste es auch der US Anleger mit US Broker zahlen, wenn er eine deutsche Aktie kaufen will. Was wird dieser institutionelle Anleger also wohl machen ? Genau: einen Bogen um den deutschen Aktienmarkt !

Short DAX und Long S&P500 dürfte dann eine sinnvolle Strategie werden. Aber bitte mit Derivat ! 😉 Ach schöne neue Finanztransaktionssteuer !

Jetzt höre ich schon die Stimmen, die mir erklären, so weit sei es ja noch nicht und es sei ja noch so vieles unklar. Das stimmt auch. Nur hat sich die Politik zu sehr auf die Einführung einer solchen Steuer festgelegt und sie hat die öffentliche Meinung hinter sich. Und es kommt die Wahl, die ein weites Feld für Populismus darstellt, zumal wenn Wähler keine Prozentrechnung beherrschen. Also wird eine solche Steuer kommen. Und wenn nicht so, dann noch schlimmer, Hauptsache man kann behaupten, man hätte "den Finanzsektor beteiligt".

Den Glauben, dass hier von alleine eine volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung gefunden wird, habe ich nicht. Nennen Sie mich ruhig einen Defätisten. Ich nenne mich einen Realisten.

Ihr (frustrierter) Hari

Diskutiere diesen Beitrag im Forum

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Hochfrequenzhandel (HFT) – Deutsche Börse – Die Co-Location muss weg !

Heute möchte ich die Regulierung des Hochfrequenzhandels (High Frequency Trading HFT) noch einmal zum Thema eines persönlichen Kommentars machen.

Regelmässige Leser von surveybuilder.info.de wissen, dass ich schon mehrfach gegen HFT gewettert habe, weil in meinen Augen durch die Börsen das faire Spielfeld (level playing field) kaputt gemacht wird, auf dem jeder freie Markt zwingend basiert.

Damit es keine Missverständnisse gibt, muss ich auch noch einmal darauf hinweisen, dass HFT und Algos zwei völlig verschiedene Dinge sind. Ein Algorithmus (Algo) ist nichts weiter als eine programmierte Logik, mit der Computer kaufen und verkaufen, letztlich nicht anders als es auch Menschen könnten, wenn diese dafür genügend Disziplin hätten und so schnell rechnen könnten.

Solange Algos genau den gleichen Marktzugang haben wie Menschen, ist dagegen absolut nichts einzuwenden. Wenn jemand so smart ist, besonders kluge Algorithmen zu schreiben, soll er auch den Vorteil daraus einstreichen. Niemand hindert mich ja daran, selber einen Algorithmus zu schreiben, der für mich tradet. Würde man das anders sehen, könnte man auch gleich Intelligenztests für Menschen per Regulierung befehlen und den Intelligentesten unter uns den Marktzugang verbieten, weil diese ja auch einen Wettbewerbsvorteil haben.

HFT dagegen ist von ganz anderem Kaliber. HFT lebt von der Schnelligkeit und die ist wiederum nur durch die Co-Location möglich. Und HFT handelt gar nicht fair, sondern stellt millionenfache "Fake-Orders" in den Markt, die dazu dienen den Markt zu sondieren und aufgrund des Geschwindigkeitsvorteils wieder aus dem Markt genommen werden können, wenn ein Dritter ernsthaft darauf agieren will. HFT aber könnte ohne Co-Location gar nicht existieren. Und damit kommen wir zum wahren Übeltäter.

Denn Co-Location bedeutet, dass die Börsen wie zum Beispiel auch die Deutsche Börse, gegen (teures) Entgeld Server-Plätze direkt neben ihren Zentralrechnern vermieten. Damit gewähren sie bestimmten Marktteilnehmern einen Geschwindigkeitsvorteil, gegen den alle anderen keine Chance haben. Denn auch bei Ausbreitung der Signale mit Lichtgeschwindigkeit haben Kabellängen eine Bedeutung. Wer es nicht glaubt, kann sich eine der Pressemitteilungen der Deutschen Börse zur Co-Location anschauen. "Latenzsensitiv" heissen diese Kunden da, ein schöner Name für etwas, was für mich persönlich einfach zweifelhaftes Geschäftsgebahren ist. Denn ein Co-Location Kunde kennt eine Order schon, bevor sie jemand anders überhaupt sehen kann. Und ja, das Angebot der Deutschen Börse ist im juristischen Sinne bestimmt legal. Ob derartige Bevorzugung zum volkswirtschaftlichen Auftrag der Börsen als Handelsplatz passt, steht aber auf einem anderen Blatt !

Für mich persönlich - und wie ich weiss für viele andere professionelle Marktteilnehmer auch - steht das Prinzip der Co-Location in krassem Gegensatz zum Prinzip des "level playing fields". Letztlich ist das in meinen Augen moralisch auch nicht viel anders, als wenn DAX Unternehmen bei Bekanntgabe der Geschäftszahlen per Adhoc diese Daten zahlungskräftigen Kunden eine Minute vorher übersenden würden, womit diese dann an der Börse fast sicheren Reibach machen könnten. Bei Unternehmen wäre das Frontrunning und zu Recht strafbar ! Warum Börsen - deren volkswirtschaftliche Aufgabe es sein sollte einen fairen Marktplatz für Unternehmensbewertungen zur Verfügung zu stellen - etwas ähnliches in Form der Co-Location legal machen dürfen und das nicht strafbar ist, übersteigt meine Phantasie. Wenn irgendwo die Regulierung und Politik versagt, dann hier !

Ein freier Markt beruht darauf, dass alle Marktteilnehmer einen diskriminierungsfreien, gleichen Marktzugang haben. Nur dann kann ein Markt seine Funktion ausführen und dem besten, klügsten, wertigsten Angebot zum Erfolg verhelfen. Dieses Prinzip wird nach meiner Ansicht von Börsen mit der Co-Location aus Profitstreben ausgehebelt. Was legal ist, ist deswegen noch lange nicht legitim.

Jetzt hat unsere liebe Politik, egal ob Regierung oder Steinbrück, ja damit begonnen das Thema HFT in den Fokus zu nehmen. Und das ist überfällig, denn nach meiner Ansicht hat HFT keinerlei volkswirtschaftliche Bedeutung, ausser, dass es die Kassen und Kurse der Börsenanbieter füttert. Für die Volkswirtschaft gibt es dagegen nur ein gewaltiges Schadenspotential, siehe Flash-Crash. Nur wird von der Politik das Problem mal wieder nicht verstanden, sondern nach meiner Ansicht statt dessen sozusagen von hinten durchs Auge wieder eine unsinnige Überregulierung forciert. Dabei hat uns all die tolle Regulierung ja so wunderbar vor den Verwerfungen der letzten Jahre geschützt. Wer hier Sarkasmus findet, kann ihn behalten.

Wenn ich zum Beispiel davon lese, dass in einer zukünftigen Regulierung Algorithmen offen gelegt und "geprüft" werden sollen, kann ich darüber nur herzlich lachen. Wer soll das bitte schön tun ? Und welchen Sinn hat das ? Wenn ich persönlich an meinem PC also einen einfachen Algorithmus erstelle, der für mich mein Handelssystem bedient - ja das geht ! - soll das "geprüft" werden ? Etwa von einer Bafin Abteilung mit 5 Mitarbeitern ? Nach welchen Kriterien ? Wer sich so etwas ausdenkt, zeigt mir damit nur, dass er überhaupt nicht versteht womit er sich befasst.

Über solche Ideen kann ich nur sehr traurig lachen und die sind auch völlig am Thema vorbei. Selbst eine prinzipiell sinnvolle Mindesthaltedauer von zb einer Zehntelsekunde, die HFT Orders der Gefahr aussetzt auch wirklich ausgeführt zu werden, hätte ihre negativen Seiteneffekte. Dabei ist die perfekte Lösung doch so einfach:

Den Börsen muss Co-Location und ähnliche Angebote für gut zahlende Kunden verboten werden ! Alle Handlungen, die bestimmten Marktteilnehmern einen unfairen Vorteil verschaffen, müssen strafrechtlich belangt werden, ebenso wie heute schon Insider-Frontrunning bei Unternehmensveröffentlichungen !

In dem Moment, wo ein gleicher Marktzugang für alle wieder hergestellt ist, wird HFT wie vom Erdboben verschwunden sein. Denn ohne den durch die räumliche Nähe entstehenden Geschwindigkeitsvorteil, macht das Prinzip schlicht keinen Sinn mehr ! Ja, so einfach ist es !

Aber ich befürchte, diese Lösung - vielleicht noch verbunden mit einer kurzen Mindesthaltedauer der Order im System - ist viel zu einfach und kostet nichts. Deshalb wird sie nicht kommen. Statt dessen werden wir neue Behörden haben, die zu prüfen haben, was man gar nicht prüfen kann und das Kernproblem wird weiter im System schwären.

Frei nach dem Motto: "warum denn einfach, wenn es auch schwierig geht !"

O tempora o mores !

* Bitte beachten Sie bei der Wertung der Inhalte dieses Beitrages den -> Haftungsausschluss <- und unsere Gedanken zur -> Fairness <- ! *

Hari´s Märkte am Abend – 02.04.12 – Von Algos und Mustern

22 Uhr - Handelsschluss

Da war er, der am Freitag antizipierte "Jumper" am ersten Tag des Monats bzw Quartals.

Sehr merkwürdig war aber, was heute Vormittag passiert ist. Nachdem der DAX sich bis 7020 hoch gerobbt hatte und der "First of Month Jumper" voll im Gange war, wurde der Index urplötzlich und ohne Nachricht um 100 Punkte nach unten gedrückt. Hinterher gab es dann allerlei hilflose Erklärungsversuche, von Spanien war zum Beispiel die Rede. Mich überzeugt das aber alles nicht, denn während des Absturzes waren Euro und Gold stabil und bei neuen Nachrichten rund um die Euro-Zone hätte man dort einen Ausschlag gesehen. Ich halte also nicht viel von der Spanien Theorie.

Ich bin eher überzeugt, dass hier grosse Adressen auf den Verkaufsknopf gedrückt haben und die Kurse über 7000 genutzt haben, um Positionen abzubauen, was dann zu sofortigen Anschlussverkäufen führte. Alles in allem ist das aber kein gutes Zeichen für den DAX, derartiges Marktverhalten mit so merkwürdigen Einschlägen hatten wir mehrfach letzten Herbst, in 2012 aber bisher noch nicht.

Was dann am Nachmittag an der Wallstreet begann, dürfte aber denen nicht gefallen haben, die am Vormittag abgegeben haben. Mir aber um so mehr. Ich möchte Ihnen daher im folgenden den aktuellen Kursverlauf des S&P500 aus 3 Perspektiven zeigen und hoffe Ihnen damit ein klareres Gefühl für die Lage zu verschaffen und nebenbei auch noch hilfreiches Wissen zum Thema Chartmuster weiter zu geben.

Der US Markt schob also hoch und zwar ganz präzise bis zum Ziel bei 1420 einer Cup&Handle Formation. Wirklich faszinierend, wie im S&P500 die Algos immer exakt auf die technischen Zielmarken laufen. Deshalb habe ich das Muster für Sie auch mal in einem Chart eingezeichnet.

Bei Cup&Handle wie bei Head&Shoulder Formationen, liegt die technische Zielmarke immer beim Doppelten der Entfernung des Hoch/Tiefs von der Nackenlinie. Das der Markt genau diese Marken abarbeitet und dann in eine Seitwärtsbewegung (Stand 21 Uhr) übergeht, liegt nicht daran, dass die Kurse geheimnisvollen Kräften unterworfen sind, sondern ist schlicht selbsterfüllende Prophezeihung. Die von Menschen auf diese Muster programmierten Algos erkennen das Muster, berechnen das Ziel und traden bis dahin. Sehen Sie selbst im 10 Minuten Chart:

Faszinierend oder ? Und das passiert im S&P500 öfter genau so berechenbar. Eigentlich ist das ein Treppenwitz der Geschichte. Diese Chartmuster wie Cup&Handle sind aus typischen, wiederholbaren, massenpsychologischen Mustern des Verhaltens von Menschen hervorgegangen. Und nun sorgen gerade die eigentlich völlig unemotionalen und rationalen Maschinen in Form der Algos dafür, dass diese Muster umso stärker und zuverlässiger werden - eben weil die Algorithmen von Menschen programmiert wurden.

Übrigens möchte ich die Gelegenheit nutzen, um an dieser Stelle mit einem Missverständnis aufräumen. Algos und HFT (High Frequency Trading) sind zwei verschiedene Dinge. Es gibt Schnittmengen und natürlich geht HFT ohne Algorithmen gar nicht, aber wir reden da von unterschiedlichen Schwerpunkten. Als Algos bezeichne ich algorithmische Programme, die letztlich auch nichts anderes machen, als ein menschlicher Trader vor dem Schirm. Sie kaufen und verkaufen nach programmierten Mustern, nur halt ohne Menschen. HFT dagegen bezeichnet automatisierte Transaktionen, bei denen in Sekunden Millionen Trades über die Leitung geschickt werden, eben nicht um gezielt etwas zu kaufen und vielleicht in 2 Stunden wieder mit Gewinn zu verkaufen, sondern weil sozusagen die Frequenz selber ihren Wert hat, zum Beispiel um millionenfach winzigste Spreads zu schliessen.

Ich weiss, dass ist eine sehr oberflächliche Charakterisierung und in Wirklichkeit gibt es noch nicht einmal zwei Kategorien, sondern es ist ein fliessender Übergang vom einen ins andere mit diversen Zwischenstufen. Ich will jetzt aber hier keinen theoretischen Exkurs in HFT machen, zumal ich da auch vieles nicht weiss und auch für mich vieles noch eine "BlackBox" ist. Ich will Ihnen nur klar machen, wenn hier von Algos die Rede ist, dann sind damit automatisierte Handels-Programme gemeint, die letztlich nichts anderes machen, was ein menschlicher Trader theoretisch auch machen könnte. HFT ist dagegen für einen Menschen unmöglich und eine ganz andere Geschichte, darüber rede ich hier nicht. HFT ist für mich eher ein Grundrauschen im Markt, dessen Effekte ich als Mensch nur dann bemerken kann, wenn der Markt mal wieder in Crash-Modus geht.

Zurück zum S&P500. Das Schöne am heutigen Geschehen und an dieser abgearbeiteten Cup&Handle Formation ist, dass damit die potentielle bärische Schulter-Kopf-Schulter Formation völlig negiert wurde und nicht mehr relevant ist. Ich habe Ihnen hier im 30 Minuten-Chart des S&P500 mitgebracht, was hätte passieren können, wenn sich heute die rechte Schulter geformt hätte.

Aber hätte, würde, könnte, das ist Schnee von gestern, oder genauer gesagt von vor ein paar Stunden 😉

Bleibt die Frage, was dieser Tag heute für den weiteren Kursverlauf im Monat April bedeutet. Für den amerikanischen Markt bedeutet das, dass der bullishe Trend (der letzten November begann) ganz eindeutig völlig intakt ist. Das folgende 8 Stunden Chart des S&P500 zeigt den Trend eindrucksvoll ! Und dieser Trend ist weiter unser "Friend".

Wie immer ist die Bestätigung der heutigen Bewegung wichtig, um zu beweisen, dass wir uns wirklich von den alten Hochs weg bewegen. Die kleine Schwäche zum Handelsschluss wirft da ja für Morgen ein kleines Fragezeichen in den Ring. Aber wenn wir Morgen weiter hochschieben, kann man im S&P wohl schon über Kursziele im Bereich 1440-1450 nachdenken. Im DAX sollte das dann auch zu Höchstständen für 2012 - oberhalb 7200 - führen. Allerdings irritieren mich solche Bewegungen wie heute Morgen im DAX schon. In Europa ist möglicherweise wieder irgend etwas Unerfreuliches im Gange und ich fühle mich im Moment mal wieder in den US Indizes wohler - zumindest agieren diese berechenbarer als aktuell der DAX.

Mein 30% Szenario letzter Woche - die Annahme, dass wir in der ersten April-Hälfte bis zur Quartalssaison in einem letzten Schub noch einmal richtig hochlaufen - hat mit dem heutigen Tag eine leicht höhere Wahrscheinlichkeit bekommen. Schön wärs, wenn es so käme, dann könnte ich mal endlich guten Gewissens und mit schönen Gewinnen weitgehend aus dem Markt gehen.

Aufällig war heute auch, dass die Rohstoffaktien endlich mal anzogen. Nicht nur Gold erreichte wieder 1680 USD, sondern auch alles von Barrick Gold (WKN 870450), über Freeport McMoran (WKN 896476), bis Rio Tinto (WKN 852147), war deutlich im Plus. Hier wirkten sich sicher die brauchbaren Daten aus China aus. Und auch für Gold gab es aus Indien gute Nachrichten, wo ja eine Steuererhöhung zuletzt für Verunsicherung bei einem der grössten Absatzmärkte sorgte. Darüber hinaus könnte es sein, dass im Bereich Rohstoffe auch eine Neupositionierung zum neuen Quartal eine Rolle spielte. Sollte sich diese Stärke in den kommenden Tagen bestätigen, könnten hier also etwas deutlich in Bewegung geraten, nachzuholen hat der Sektor ja jede Menge gegenüber den Industrieaktien.

Noch ein wichtiger Hinweis für die nächsten Tage: Diese Ostern bekommen wir ein besonders spannendes Setup, das für grosse Volatilität am Mittwoch, Donnerstag und Ostermontag gut ist. Denn gerade am Karfreitag, am dem alle wichtigen Börsen geschlossen haben, erscheint mit den US Arbeitsmarktdaten der wichtigste Indikator des Monats.

Da am Mittwoch um 14.15 Uhr mit den "ADP Non-Farm Arbeitsplätzen" und am Donnerstag um 14.30 Uhr mit den "Anträgen auf Arbeitslosenhilfe" jeweils US Daten erscheinen, die einen Rückschluss auf die Arbeitsmarktdaten von Freitag erlauben, werden diese Daten sicher von Big Money zur Positionierung über das lange Oster-Wochenende genutzt - heftige Swings sind da an beiden Tagen fast garantiert !

Bitte vergessen Sie auch nicht, das am Ostermontag zwar die meisten europäischen Börsen geschlossen sind, nicht aber die asiatischen und auch nicht die Wallstreet ! Wer also keinen direkten Zugang zur Wallstreet hat, könnte bei überraschenden Arbeitsmarktdaten am Freitag dann eine grosse Bewegung Ostermontag verpassen und müsste sich dann am Dienstag Morgen - wenn hier die Börsen wieder aufmachen - mit den vollendeten Tatsachen abfinden.

Es ist also sicher eine gute Idee, sein Depot mit obigem Wissen im Hinterkopf für Ostern vorzubereiten.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend !

Ihr Hari