Zur Marktkapitalisierung – warum ich Pennystocks nicht anfasse

Anmerkung: Dieser Artikel zu Pennystocks und Marktkapitalisierung erschien schon vor einem guten Jahr am 13.03.2012. Er ist aber sehr grundsätzlicher Natur und es dürften ihn viele nicht gesehen haben. Daher erlaube ich mir, ihn nach einem Jahr erneut hochzuschieben, in der Hoffnung er möge mehr Leser finden.

Mit diesem Artikel möchte ich Ihnen einen Einblick geben, wie und warum das Kriterium der Marktkapitalisierung in meine Entscheidungen einfliesst.

Zunächst einmal muss ich dabei auf ein Grundgesetz der Börsen-Anlage hinweisen. Im Lichte einer prinzipiell unbestimmten Zukunft, stehen wir mit unseren Entscheidungen immer im Wettbewerb mit anderen Marktteilnehmern um zukünftige Entwicklungen abzuschätzen.

Denn wenn alle anderen einen wichtigen Sachverhalt schon begriffen haben, wir aber als einzige noch nicht, dann sind die anderen alle schon positioniert und uns bleibt nichts übrig als hinterher zu rennen, was dann mit Verlusten endet.
Umgedreht, wenn wir wie ein Insider Zukunfts-Wissen haben, das die anderen noch nicht besitzen, haben wir einen entscheidenden Vorteil (Edge), den wir leicht zu hohen Gewinnen umformen können.

Bei jeder kurz- und mittelfristigen Anlage ist also die Frage wichtig, ob wir tatsächlich "mehr" wissen oder die Zukunft besser einschätzen können, als die anderen Marktteilnehmer. Wenn wir diese Frage nicht beantworten können, sollten wir uns keiner Illusion hingeben - wir können dann auch einmal Zufallstreffer landen, über die Zeit werden wir aber nicht in der Lage sein den Markt zu schlagen und wären dann mit einem Index-ETF wahrscheinlich besser beraten.

Und wenn sich ein derartiger Informationsvorsprung jetzt als fast unmöglich anhört, er ist es nicht. Er hat aber immer mit Fleiss und Informationsverarbeitung zu tun. Und es gibt unzählige Wege sich so einen Vorteil zu verschaffen. So schafft es der rein technische Trader zum Beispiel, in dem er sich auf wenige Titel beschränkt und bei diesen spezialisiert. Nach einiger Zeit kennt er die typischen Bewegungen und Muster des Titels so gut, dass alleine das einen Vorteil gegenüber den anderen Marktteilnehmern darstellt. Und ein Warren Buffet hat sich in seine Investitionen immer im Vorfeld so hinein gewühlt, dass er das Unternehmen manchmal besser als das Management selber verstand.

Ein ganz entscheidender Faktor in diesem Spiel ist dabei die Informationsversorgung. Wie kann ich denn zum Beispiel glauben, ich hätte bei einer chinesischen Aktie einen Vorteil gegenüber Millionen anderen Marktteilnehmern, wenn ich die Sprache nicht spreche und daher die Mehrzahl der Medienberichte gar nicht mitbekomme, von kulturellem Unverständnis ganz zu schweigen. Und dann erscheint einmal im Jahr in einer Anlegerpostille ein Jubelbericht zu der Aktie und nun bilde ich mir in meiner Selbstüberschätzung ein, ich hätte deswegen einen Vorteil ?

Nein, damit ist man eher die Sau die sich freiwillig zur Schlachtbank bewegt. Er vor kurzem berichtete die Wirtschaftswoche von aktuellen Ermittlungen (endlich!) der Münchener Staatsanwaltschaft gegen einen Ring von Aktien-Pushern, dabei wird laut Presse auch gegen einen ehemaligen Redakteur von Focus-Money ermittelt, der dort in der Vergangenheit viele "heisse" Aktientips zum besten gegeben hat.

Informationsversorgung ist also ein ganz entscheidendes Kriterium für Erfolg an den Märkten. Und das gilt sogar für den rein technisch agierenden Daytrader, denn auch der muss wissen um wieviel Uhr seine Aktie die Bilanzpressekonferenz macht und wie die Markterwartungen sind. Und wer über Wochen oder Monate Aktien halten will, kommt um ein grundlegendes Wissen um die "Mechanismen" des Geschäftes der Aktie nicht herum.

Und genau hier, bei der Informationsversorgung, kommt unter anderem die Marktkapitalisierung ins Spiel. Dabei gibt es mehrere Parameter die es zu beachten gilt:

Sprache: nur wenn man die Sprache spricht in der das Unternehmen die Informationen heraus gibt, hat man die Chance an ungefilterte Informationen zu gelangen. Bei mir sind das Deutsch und Englisch die ich fliessend spreche und verstehe. Das schränkt meine ideale Zone auf den deutsch und englischsprachigen Raum ein.

Kulturelle Nähe: um eine Nachricht einschätzen zu können, muss man auch den kulturellen Kontext verstehen, da wichtige Schlussfolgerungen oft zwischen den Zeilen gezogen werden. Hier ist mir die "westliche Welt" nahe, darüber hinaus fehlt es mir an ausreichender Kompetenz aus eigener Erfahrung.

Darüber hinaus kann auch räumliche Nähe zur Aktie von Vorteil sein. Wenn ich von grossen Investitionsplänen eines Konzerns in Brasilien lese, kann ich mangels kultureller Nähe dazu nur die Schultern zucken. Wird diese Investition aber hier in Bayern geplant, weiss ich genau wie stark mit Gegenwehr von Bürgerbewegungen etc. zu rechnen ist und wie die lokale Situation wirklich aussieht. Das verschafft mir einen Vorteil gegenüber anderen Anlegern in der Welt.

Grösse: Je grösser ein Unternehmen ist, desto mehr andere Marktteilnehmer beschäftigen sich damit. Und desto mehr Informationen gibt es auch. Gleichzeitig steigt der Druck und die Überwachung des Managements sich an die Regeln zu halten, während in kleinen, wenig beachteten Unternehmen viel mehr mit Informationen gespielt werden kann. Umgedreht wird es bei ganz grossen Unternehmen natürlich immer schwieriger sich einen Vorteil zu verschaffen, denn wenn 500 kluge Leute zum Beispiel die Commerzbank analysieren, was berechtigt mich dann zu der Annahme, dass ich da etwas neues erkennen kann ? Aber nur ein grösseres Unternehmen liefert so viele Informationen, dass ich damit als Aussenstehender "arbeiten" kann. Insofern macht eine Anlage nur Sinn, wenn genügend Informationen aus erster Hand verfügbar sind.

Insider: Jedes Unternehmen hat weit mehr "Insider", als der rechtliche Insiderbegriff fassen kann. Denn um die formalen "Insider", das Management herum, gibt es Rechtsanwälte, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer, Partnerunternehmen, Lieferanten, Mitbewerber etc. etc. die alle einen tieferen Einblick in die wirkliche wirtschaftliche Situation haben als ein Aussenstehender. Es reicht doch schon als regelmässiger Lieferant anhand der Bestellmengen einen Einblick in den Rohwarenverbrauch des Unternehmens zu haben, um die wirtschaftliche Situation einschätzen zu können. Bestimmte Hedgefonds die in konkreten Titeln aggressiv investiert sind, setzen daher auch alle denkbaren Mittel ein (die Mittel die man auch aus der Spionage kennt, inklusive der Honigfalle) um an verwertbare Informationen zu kommen. Wenn eine schöne Nacht mit einem gutaussehenden "Mächtigen" einem ein paar Einsichten verschafft, die man dann an den Märkten zu Millionen machen kann, dürfte die moralische Hürde halt recht niedrig werden.

Wir als Aussenstehende dürfen also nie vergessen, dass wir gegen diese Insider antreten und die gibt es bei grossen wie bei kleinen Unternehmen. Der Unterschied ist, bei einem Grosskonzern verdient dieser Hedgefond vielleicht gutes Geld, der Kurs des Grosskonzerns wird dadurch aber nicht wesentlich zu meinen Ungunsten beeinflusst. Denn wenn am Tag die Aktie einen Umschlag von einer Milliarde € hat, dann geht auch der Hedgefond mit seinen 20 Millionen Profit im Rauschen unter. Wenn aber bei einem Pennystock Insider am Werk sind, verlieren wir als redliche Anleger immer und massiv ! Und der Wissensvorsprung der Insider ist bei Pennystocks gewaltig. Dort werden sich die "Analysten-Kommentare" manchmal sogar "erkauft", denn wer verplempert schon freiwillig seine Zeit mit solchen Aktien ? Am Ende ist aber immer der Aussenstehende der Dumme, denn da wo Informationen von wenigen Personen kontrolliert und selektiv nach aussen gegeben werden, kann man nur verlieren.

Jetzt will ich damit nicht alle Pennystocks perse unter Generalverdacht stellen, auch dort gibt es seriöse Unternehmen und seriöses Management. Die Risiken sind aber für uns Anleger so viel höher und die Möglichkeit das von aussen einzuschätzen so viel kleiner, dass man sich die Frage stellen sollte, warum man sich überhaupt in dieses Spiel begibt.

Dieses alles verstehend, habe ich mir daher ein paar Regeln zur Marktkapitalisierung und zum Aktienuniversum gegeben, in dem ich überhaupt aktiv bin. Ich habe dabei meine Aktienwelt in 4 Kategorien eingeteilt, wobei die unten genannten Grenzen nicht als harte Grenzen zu verstehen sind, sondern als Grössenordnungen, die ich bei meinen Entscheidungen mit pragmatischem Augenmass berücksichtige.

Kategorie A: Aktien aus dem deutschen Sprachraum (Deutschland, Österreich, Schweiz): Mindestens 100 Millionen MarketCap - ab 500 Millionen keine Bedenken mehr.

Kategorie B: Aktien aus dem angelsächsischen Sprachraum (USA, Grossbritannien, Kanada, Australien etc): Mindestens 500 Millionen MarketCap - ab 1 Milliarde keine Bedenken mehr.

Kategorie C: Europäisches Ausland (Frankreich, Spanien, Italien etc.): Nur die Aktien aus den Top-Indizes, also Frankreich zb CAC. Bei allen anderen ist mangels Übersetzung ins englische oder deutsche die Sprache eine so hohe Hürde, dass ich Hintergrundinformationen nicht richtig mitbekommen kann.

Kategorie D: Alle anderen Märkte (China, Indien, Brasilien etc.): Grundsätzlich keine Einzelaktien, mangels kultureller und sprachlicher Nähe. Nur ganze Märkte in Form von voll replizierenden ETFs.

Mit dieser Kategorisierung habe ich für meine Anlagestrategie guter Erfahrungen gemacht und sie bewahrt mich auch davor bestimmten vermeintlich "heissen" Aktien hinterher zu laufen, die gerade mal wieder gepusht werden.

Die für meine Anlagestrategie idealen Unternehmen sind dabei die mittelgrossen, mit einer Marktkapitalisierung im unteren einstelligen Milliardenbereich. Die sind gross genug um professionell zu agieren und von einigen anderen beobachtet zu werden. Und klein genug um noch einen Wissensvorsprung gegenüber dem breiten Markt haben zu können, inklusive der Chance von den Grosskonzernen aufgekauft zu werden.

Ich hoffe ich konnte Ihnen mit dieser Erklärung ein paar gute Hinweise gebe und wünsche Ihnen weiter viel Erfolg im harten Wettbewerb um Informationen an den Börsen.

Ihr Hari

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Hari´s Märkte am Abend – 02.05.12 – Achterbahnfahrt im DAX

22 Uhr - Handelsschluss

Wie gestern vorhergesagt, stieg der DAX im frühen Handel bis auf fast 6900 (6877), bevor dann Gewinnmitnahmen aus Vorsicht vor den 14.15 Uhr Arbeitsmarktdaten aus den USA einsetzten. Diese Vorsicht war auch gerechtfertig, denn ein überraschend schlechter Wert bei den "ADP non-farm Arbeitsplätzen" liess die Märkte in Folge abstürzen. Für den DAX war das eine Intraday-Bewegung von ca. 200 Punkten, eine echte Achterbahnfahrt also.

Positiv ist aber zu sehen, dass technische Marken im S&P500 knapp unter 1400 gehalten haben und der Markt sich im späteren Handel stabilisierte und mit nur wenig Minus zum Vortag bei 1402 schloss. Damit dürfte die Erwartung an den grossen Arbeitsmarktbericht am Freitag nun deutlich gedrückt sein, was Chancen für eine positive Überraschung bietet, denn der ADP ist sehr volatil und hat schon früher Fehlsignale gegeben, auch wenn er die letzten Monate recht zuverlässig war.

Und es zeigt erneut, wie stabil der amerikanische Markt ist. Erinnern wir uns, der S&P500 bewegte sich heute von 1407 bis 1393, oder exakt 1 Prozent Intraday. Der DAX dagegen von 6870 bis 6660, oder über 3% Intraday ! Einem konservativen Anleger kann man den DAX also im Moment nicht empfehlen, das ist mehr etwas für Trader. Grund ist nach meiner Ansicht erneut, dass der DAX von amerikanischen institutionellen Anlegern dominiert wird. Und die kaufen bei "Risk ON" den DAX und verkaufen ihn sofort wieder bei "Risk OFF". Ihre eigenen Blue-Chips lassen sie aber stabil als Anker im Depot. Das ist halt der Preis, wenn man keine Aktienkultur hat, unsere "deutschen" Unternehmen gehören der halben Welt, aber fast keinen Deutschen.

Ein weiterer kurzfristig positiv zu wertender Faktor flatterte mir heute auf den Schreibtisch. Denn heute hat mein "Focus-Money-Indikator" angeschlagen ;-), auf dem Titelbild sehe ich eine Euro-Münze in Flammen mit der Headline: "Bricht nach dem 6. Mai der Euro zusammen ?"

Sie erinnern sich, dass ich gestern ankündigte, zum kommenden Wahlwochenende etwas Risiko heraus zu nehmen ? Das habe ich heute vormittag teilweise schon gemacht und werde ich auch weiter so machen, allerdings nach dem heutigen schwachen Tag nicht mehr so aggressiv wie noch gestern angedacht, denn nun sinkt für mich die Wahrscheinlichkeit eines Absturzes nach den Wahlen in Frankreich. Denn mit solchen Berichten ist die Wahl in Frankreich nun auch bei der breiten Anlegerschar angekommen und was alle schon erwarten, hat bekanntlich nicht mehr die Kraft, den Markt signifikant in Bewegung zu setzen. Ich denke ein Sieg Hollandes wird allgemein erwartet und sollte daher direkt nach der Wahl nicht mehr zu stark negativen Bewegungen führen.

Das wirkliche Marktrisiko liegt wohl dann in den Wochen danach. Denn der Konsens bei den Marktprofis scheint zu sein, dass Hollandes aggressive Äusserungen im Stil der 70/80er Jahre Politik nur Wahlkampf-Getöse ist und er nach der Wahl schnell zu einer sachlichen Politik findet. Sollte aber diese Erwartung enttäuscht werden, dürfte das zu erheblicher Unruhe am Markt führen. Und ich rechne nicht damit, dass Hollande so schnell einschwenkt, dafür hat er sich vor der Wahl zu sehr aus dem Fenster gelehnt.

Erst muss es also wieder schlechter werden und der Druck steigen, bevor es temporär besser werden kann. Auch der letzte sozialistische Präsident Mitterand hatte zunächst versucht seine Wahlversprechen und Blütenträume umzusetzen, bevor ihn dann eine massive Wirtschafts- und Währungskrise in eine solidere, bürgerliche Politik zwang. Insofern gehe ich weiter von unruhigem Fahrwasser für den Euro nach der Wahl in Frankreich aus, aber nicht mehr direkt nach der Wahl, sondern in den Wochen danach.

In besagtem Focus-Money ist übrigens auch ein Interview mit dem ebenso klugen, wie von mir geschätzten Bert Flossbach. Sein Tenor zum Euro ist: "Es bleiben nur 6 bis 7 Länder übrig". Das deckt sich mit meiner mittelfristigen Erwartung, die ich hier unter der Überschrift -> "Europa zerfällt" <- dargestellt hatte. Allerdings werden wir bis dahin wohl noch diverse "Rettungen" und "Wirrungen" erleben, unterbrochen von wiederholten Phasen der vermeintlichen Beruhigung. Ich würde mir für Europa so gerne eine andere Perspektive wünschen, ich sehe sie aber zu meinem grossen Bedauern nicht, zumindest nicht in einem überschaubaren Horizont und nicht mit den handelnden Politikern.

Mein sehr kurzfristiger Markt-Ausblick auf die kommenden Tage, ist mit der heutigen Schwäche also positiver geworden, der mittelfristige Ausblick bis Juni bleibt aber unverändert von "April-Kapriolen" beeinflusst. Die definierte volatile Range 6400-7100 ist also weiter im Spiel. Und weiter werde ich in dieser Range Stärke verkaufen und Schwäche kaufen.

Aixtron (WKN A0WMPJ) hat heute in Folge der guten Zahlen von Veeco Instruments (WKN 896007) das erwartete Feuerwerk bis zu einem Kurs von 14,8€ abgebrannt, bevor dann die Marktschwäche in Folge der Arbeitsmarktdaten den Kurs wieder bis auf 13,4€ drückte. Das ist eine Intraday- Bewegung von mehr als 8% und wirklich nicht von schlechten Eltern ! Im Handelssystem habe ich nun einen kurzen Long-Trade bei 13,5€ (mit Stop 13,3) gewagt, der aber in keiner Beziehung zu meiner fundamentalen Sicht auf Aixtron steht, sondern nur der Markttechnik geschuldet ist und den ich schon Morgen (hoffentlich mit Gewinn) wieder auflösen werde.

Was derzeit rund um Chesapeake Energy (WKN 885725) und den CEO Aubrey McClendon passiert, kann man in meinen Augen nur noch kopfschüttelnd zur Kenntnis nehmen. Sie erinnern sich, gestern war Chesapeake 10% gestiegen, weil Reuters meldete, dass der CEO abgelöst wird. Heute wird dann Aubrey McClendon mit den Worten zitiert, dass viele Berichte der letzten Tage "Missinformationen" seinen. Lesen und staunen Sie im Wall Street Journal.

Sein Rücktritt scheint also mit diesem Satz nicht gemeint zu sein, bei dem bleibt es wohl. Aber derartige unpräzise Sätze sind in der aktuellen Lage schlimm genug. Mr. Market wendet sich in Abscheu ab und "schlachtet" Chesapeake heute mit einem Minus von 14%, was das ganze Segment mitzieht. Das erste Drittel des heutigen Absturzes ist sicher Folge der schlechten Zahlen, die Chesapeake gestern bekannt gab, das zweite Drittel weil Natural Gas heute im Preis wieder deutlich nachgab und das letzte Drittel darf man wohl diesem Kommunikations-Chaos zurechnen.

Chesapeake hat sich damit für mich erst einmal aus der Reihe der ernst zu nehmenden Aktien verabschiedet und ich werde bis auf weiteres an der Seitenlinie bleiben. Sollte wieder Klarheit herrschen, schliesse ich aber einen Wiedereinstieg nicht aus, denn Chesapeake ist für mich *der* Pureplay im Boom-Markt "Shale-Gas". Das Thema hat so grosse Bedeutung, weil es für die USA ein echter "Game-Changer" ist und wir im Ergebnis vielleicht in 10 Jahren eine nahezu "energie-autonome" USA erleben werden, die ihre Abhängigkeit vom Öl aus dem Nahen Osten damit drastisch verringert. Sollte das so kommen, dürfte das auch erhebliche Auswirkungen auf die Weltpolitik haben, ganz abgesehen davon, dass dauerhaft billige Energie für die Industrie in den USA ein erheblicher, positiver Treibsatz sein dürfte !

Devon Energy (WKN 925345) hat heute übrigens sehr durchwachsene Zahlen geliefert und bewegt sich mit gutem Umsatz, aber fallendem Gewinn (wegen des US Gas Preises) etwas unter den Erwartungen. Das deutliche Minus heute dürfte aber zum Teil auch auf die Kosten von Chesapeake gehen.

In diesem Zusammenhang auch ein Wort zu Arch Coal (WKN 908011), die gestern aus den bekannten Gründen (Preis US Kohle am Boden) sehr schlechte Zahlen und einen schlechten Ausblick lieferten. Arch hat nun eine Reihe von Aktivitäten still gelegt, laut CFO John Drexler weil "(we) don't plan to push tons into an already oversupplied market". Ich muss gestehen, dass Schlachtfest bei Arch Coal lässt selbst hartgesottene Marktteilnehmer wie mich staunend zurück. Bei Arch Coal bin ich ja noch mit einer kleinen Basisposition Long und verkaufe da nun auch nicht mehr. Hier heisst es nun geduldig abwarten, bis der Kurs wirklich gedreht hat. Verluste aussitzen ist wirklich nicht mein Stil und kann ich auch ausdrücklich niemandem dazu raten - hier habe ich aber bewusst eine Ausnahme gemacht, zumal mein Exposure nur gering ist. Im Nachhinein war aber auch diese eine Ausnahme eine zuviel.

Bei Peabody Energy (WKN 675266) bin ich ja, wie -> hier <- am 12.04. kommuniziert auch mit einer kleinen Startposition Long und fühle mich dabei nach wie vor wohl, die Position ist auch seitdem ca. 10% im Plus. Meine Meinung, dass der Kohlesektor dabei ist seinen Charakter zu ändern und die Zeit des ungebremst Absturzes scheinbar ausläuft, ist unverändert - auch wenn das nach einem Tag wie heute und einer Arch Coal mit 8% Minus wirklich nicht so aussieht.

Übrigens, falls Sie sich fragen warum Repsol (WKN 876845) heute weiter abstürzt, obwohl das Thema YPF nun wohl voll im Kurs verarbeitet ist und die Annahme im Parlament nun wirklich keinen mehr überraschen sollte - der Grund dürfte nach meiner Vermutung sein, dass der Verstaatlichungswahn in Südamerika weitere Kreise zieht. Lesen Sie über eine neue Verstaatlichung in Bolivien.

Das hat zwar mit Repsol nichts zu tun, betrifft aber erneut einen spanischen Konzern, die in Folge nun alle - durchaus zu Recht - in Sippenhaft genommen werden. Schauen Sie sich im Chart zum Beispiel mal das Desaster bei der Telefonica (WKN 850775) an. Telefonica ist durch Probleme im eigenen Geschäft belastet, dann fordert die Spanien-Krise ihren Tribut und nun sorgt die Angst vor weiteren Verstaatlichungen in Südamerika erneut für fallenden Kurse. So wird aktuell aus etwas Positivem - starken Geschäften in Südamerika weitab von Spanien - ein Risikofaktor für alle spanischen Konzerne die dort aktiv sind. Spanische Aktien sind in einem perfekten Sturm gefangen. Wenn er vorbei ist, bieten sich da sicher grosse Chancen. Aber bis dahin kann es durchaus noch dauern, denken Sie an das fallende Messer !

Man lernt aus dem Thema Telefonica zwei wichtige Regeln:
1) Wenn es schon schlecht kommt, dann aber richtig und alles auf einmal !
2) Die vermeintlich "sicheren" Witwen- und Waisenaktien ala Telefonica sind gar nicht so sicher wie immer behauptet wird. Und Dividende und Buchwert alleine sagen gar nichts ! Ich möchte nicht wissen, wieviele deutsche Anleger Telefonica in den Depots haben und nun kräftig bluten.

Ich bin heute früh durch einen engen Stop bei 14,2€ Plus/Minus Null wieder aus meinem Repsol-Trade raus, den ich vor einer Woche am 24.04.12 wie hier kommuniziert eingegangen bin. War einen Versuch wert und werde ich wohl bald erneut versuchen, sobald sich mir wieder ein lohnendes Setup offenbart. Jetzt muss ich aber erst einmal abwarten, wohin uns diese erneute Schwäche führen wird.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend !

Ihr Hari

Hari´s Märkte am Abend – 22.03.12 – Im Niemandsland

21 Uhr - Handelsschluss

Ein extrem spannender Tag geht zu Ende.

Und da war er, der gestern antizipierte Test der 7000er Marke im DAX. Und es wurde dann doch mehr als ein Test, es wurde eine Hängepartie, die leider auch heute Abend kein klares Ende gefunden hat.

Im frühen Handel hat um 9.30Uhr ein überraschend schwacher und nur bei 48,1 liegender Einkaufsmanager-Index (PMI) den DAX auf die Reise nach unten geschickt, weil dadurch Konjunktur-Fragezeichen aufkamen. Schwache Daten aus China kamen hinzu. Bis DAX 6960 ging es herunter, bevor die erste Gegenbewegung einsetze. Bis dahin war alles perfekt, so wie gestern antizipiert und wären zu dem Zeitpunkt Käufer aufgetreten, die den Index wieder über 7000 geschoben hätten, wäre das eine klare Bestätigung der Aufwärtsbewegung gewesen.

Nur so leicht wollte es uns Mr. Market heute mal nicht machen, und so eierten wir den ganzen Tag im DAX zwischen ca. 6940 und 6980 hin und her. Ein Versuch kurz vor Handelschluss den Index noch über 7000 zu schieben scheiterte und wir schlossen im Niemandsland bei ca. 6980. Ganz ähnlich im S&P500, der die 1400 auch nicht zurück erobern konnte und ebenso im Niemandsland bei ca. 1393 schloss.

Was sagt uns das nun für die nächsten Tage ? Leider keine eindeutigen Nachrichten. Wir sind noch nicht nach unten durchgefallen und es ist absolut möglich, dass wir schon Morgen wieder nach oben drehen. Umgedreht war die Unfähigkeit der Bullen zu einer Gegenbewegung heute schon sehr auffällig und erzeugte bei mir das erste ernsthafte Kopfkratzen seit der Eintages-Korrektur vom 06.03.12.

Ich habe daher heute angefangen ein paar Positionen abzubauen, die ich eigentlich erst nach dem nächsten Schub abräumen wollte. Ich bin aber mit meinem Abbau noch sehr verhalten und habe auch ein paar Käufe getätigt, denn nach wie vor rechne ich eher damit, dass die Indizes zum Quartalsende verteidigt werden und uns ein echter Absturz bis Ende März nicht bevor steht. Insofern spiegelt meine bisher verhaltene Risikoreduktion auch die gespaltene, unklare Marktlage wieder.

In diesem Zusammenhang erinnere ich mich gut an das Ende des 2. Quartals im letzten Jahr. Ich war damals dem Markt gegenüber skeptisch und roch schon die Dinge die da kommen, setzte aber auf die Quartalsendrally, bevor ich dann abbauen wollte. Nur die Quartalsendrally kam und kam nicht. Erst am 28.06.11 - also knapp 3 Tage vor dem Quartalsende - drehte der Markt von DAX 7080 ausgehend mit Macht nach oben und legte dann bis zum 30.06. eine Rally von über 300 Punkten in 2,5 Tagen hin - die sich dann sogar bis in den Anfang Juli ausdehnte und bei DAX 7500 auslief. Was danach kam, wissen wir alle.

Ein ähnliches Setup habe ich auch für dieses Quartal im Auge. Geschichte widerholt sich zwar nicht, sie reimt sich aber gerne. Ich rechne also immer noch mit dem Window Dressing und einem starken Quartalsende, das die Stärke vielleicht bis in den April hinein konserviert. Und dann sollte man aber auch mal etwas defensiver agieren, denn die schnellen Gewinne sollten dann erst einmal gemacht sein, auch wenn ich danach nicht mit einem Absturz wie 2011 ab August rechne.

Übertrage ich dieses Bild auf die derzeitige Situation, will ich im Moment also noch nicht zu pessimistisch werden, solange der Markt nicht wirklich nach unten wegbricht und mich dazu veranlasst meine obige Erwartung zu ändern. So weit sind wir aktuell aber noch nicht. Denn 200 Punkte sind ganz schnell aufgeholt, wenn es dann nächste Woche drehen sollte. Trotzdem muss man nun jeden Tag sehr aufpassen und wenn uns am morgigen Freitag die Bullen erneut so eine ärmliche Performance abliefern wie heute, dürfte meine Skepsis weiter steigen und ich meine Defensive weiter verstärken bzw. schon Morgen weiter Risiko abbauen. Ansonsten bleibt uns wieder nur abzuwarten und den Markt zu beobachten.

Um das aktuelle Geschehen mal in eine grössere Perspektive zu bringen, habe ich Ihnen heute den Chart des immer noch wichtigsten Index, des S&P 500 mitgebracht und darin einen Trendkanal eingezeichnet. Der Chart bildet die gesamte Aufwärtsbewegung seit Ende Dezember ab. Auffällig ist wohl die geradezu rhythmische Schönheit, mit der die Korrekturen auftreten und das aktuelle Geschehen passt auch perfekt in dieses Zeitfenster. Ziehen Sie Ihre eigenen Schlüssel aus diesem Chart !

Passend zum heutigen Tag fiel mir heute die neue Ausgabe der Anleger-Postille "Focus-Money" in die Hände. Auf dem Titelbild starrte mich mal wieder Experten-Darsteller Dirk Müller an und motivierte mich mit fordernden Fingerspitzen im Sinne "komm zu mir" nun in den Markt einzusteigen. Denn der Titel lautete unter anderem: "DAX 8000! Was kaufen ? PLUS: Warum er (Müller) so optimistisch ist !" Aber sehen wir es positiv, immerhin ist nicht schon wieder Max Otte auf dem Titelbild ! 😉

Übrigens, das letzte Mal als Dirk Müller ganz alleine mit dem Schlagwort DAX 8000 auf dem Titelbild war, schrieben wir den 03.11.2010. Danach ging es noch ein paar Monate gut weiter, bevor uns dann Fukujima und danach die Euro-Krise nicht auf DAX 8000, sondern auf DAX 5000 brachte. Ob sich das wiederholt ? Wir werden sehen. Ich halte ja sogar 8500 zum Jahresende für möglich und bin also ganz bestimmt optimistisch, bezweifele aber ganz massiv, dass das im zweiten Quartal eine ruhige Bewegung nach oben wird. Und für einen Einstieg in den Aktienmarkt gab es auch schon bessere Zeitpunkte als Ende März 2012 - da muss man nur ein paar Wochen zurück schauen.

Damit es keine Missverständnisse gibt, ich habe gar nichts gegen Dirk Müller und ich denke, dass er mit seinen überwiegend vernünftigen Ansichten durchaus mithilft, Anfänger und Unerfahrene vor den Fängen der ganz schlimmen Einflüsterer und Aktienpusher zu schützen. Er stellt mit seiner Fähigkeit Dinge auf ein paar einfache Sätze zu reduzieren für mich so etwas wie die Brücke vom Bild-Konsumenten zum Aktien-Interessierten dar und das ist ohne jede versteckte Ironie wirklich ein wichtiger Dienst an unserer Aktienkultur. Insofern sehe ich lieber 10x Dirk Müller auf einem Titelbild, als die üblichen Heilsversprechen der "garantierten 100% Gewinner", "Kursexplosionen" und "Geheimtips", mit denen gerne auf Bauernfang gegangen wird.

Mein obiger Sarkasmus ist mehr an die Presse gerichtet, die es wirklich immer wieder schafft prozyklisch dann auf die Tube zu drücken, wenn der grösste Teil des Anstiegs vom "Smart-Money" schon konsumiert wurde. Und ich frage mich, ob es wirklich der einzige Weg zum Erfolg am Kiosk ist, die immer gleichen Personen reihum aufs Titelbild zu rücken. Ist der am Aktienmarkt interessierte deutsche Durchschnitts-Leser wirklich so einfach gestrickt, dass er nur durch Müller, Otte, Erhardt und Co. zum Kauf einer Fachzeitschrift bewegt werden kann ? Oder unterschätzen hier die Verlage ihre eigene Kundschaft ? Was denken Sie ?

Lichtblicke bei Einzelaktien gabe es heute abseits der klassischen defensiven Titel nur wenige, ansonsten badeten wir in einem unübersehbaren Meer aus Rot. Continental (WKN 543900) schloss wie Heidelberg Cement (WKN 604700) im Plus, obwohl die Aktien schon sehr gut gelaufen sind. Das ist ein ganz klares Indiz, dass bei diesen Aktien das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist und die Bewegung nach oben sich fortsetzen könnte. Gleiches gilt für ST Microelectronics (WKN 893438), die heute auch im Plus blieben.

Achja, und noch ein Aktie war selbst heute lange im Plus und am Ende nur mit 0,5% im Minus, raten Sie mal ....... es war ....... *Überraschung!*: Apple (WKN 865985) ! Noch Fragen ? 😉

Ansonsten wurde unterlegt vom Kampfschrei "China, China, China" alles verprügelt, was mit Rohstoffen und Industrie in Verbindung steht. Irgendwie kommt es mir langsam so vor, als ob die Platte da einen Sprung hat. Ich weiss, wie unwirklich sich die folgenden Sätze an so Tagen wie heute anhören, aber nehmen wir wieder mal die Rio Tinto (WKN 852147) als Beispiel. Die notiert heute mit unter 40€ wieder auf einem Niveau, das wir schon letzten November oder Dezember hatten. So, als ob der ganze Anstieg der letzten Monate nicht stattgefunden hätte und wir im DAX noch bei 5700 stehen würden. Kann Rio Tinto noch weiter fallen ? Na klar - erst bei Null ist ganz sicher Schluss 😉 Aber sind das Kurse bei denen man als Nachzügler jetzt auch noch in den "China, China, China" Kampfschrei einstimmen muss ? Ich glaube nein, ich zumindest werde es nicht tun !

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen Abend !

Ihr Hari