Investieren ist so einfach, aber ….

Der folgende Grundlagenartikel ist leicht abgwandelt im Januar diesen Jahres im Premium-Bereich erschienen. Er richtet sich an alle, die erst damit beginnen, ihren Weg am Markt zu suchen oder die bisher nie so richtig auf einen grünen Zweig gekommen sind. Denn er adressiert ein Grundproblem vieler Anleger.

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"Investieren" ist die Tätigkeit, mit der fast jeder anzufangen versucht, der mit dem Markt zum ersten Mal in Kontakt kommt.

Man könnte etwas spitz fragen: Woran erkennt man den totalen Anfänger, der noch viele, viele Fehler vor sich hat?

Die Antwort ist: "Er kann das Wort Buffett schon buchstabieren, ist von Value-Investing fasziniert und fängt an Buchwerte zu vergleichen, um selber "Perlen" zu entdecken. Und wenn er ein KBV von 0,5 findet, dann wird er ganz nervös." 😉

Ja, ich weiss, das ist ein wenig böse, aber mit dem berühmten Schuss Wahrheit. Die längere Erklärung, warum dieses Denken Anfänger auszeichnet und warum es eher der falsche Ansatz ist, steht in einem Artikel von 2014, den Sie kennen sollten:
-> Gedanken zum langfristigen Vermögensaufbau und vom Zerrbild des Value-Investing < -

Man soll ja aber nicht nur erklären wie es nicht geht, sondern auch zeigen wie es geht. Und das will ich heute und in einem zweiten Folgeartikel beispielhaft tun. Und Ihnen dann im Folgeartikel den Aufbau eines sehr einfachen Investitionsdepot liefern.

Vorher müssen wir aber noch einmal ins Theoretische. Denn zunächst einmal möchte ich betonen, was auch in obigem Artikel sehr nachdrücklich geschrieben wurde:

Für (fast) jeden von uns ist es wichtig, ein ruhiges Basisdepot zu haben, mit dem wir mit begrenzten Risiken, einfach mit dem Markt mitlaufen!

Das gilt auch für Trader, auch denen tut diese ruhige Basis in der Regel gut und mit dieser Basis ist es auch nicht das Ziel "den Markt zu schlagen", sondern einfach nur mit beherrschbaren Risiken mit dem Markt mitzulaufen - zu investieren eben. Denn das ist schon mehr, als viele schaffen, die sich für klüger als der Markt halten und genau deshalb am Ende schlechter abschneiden.

Denn es gibt zwei Arten den Markt schlagen zu wollen.

Die eine Methode ist die Methode der Markttechnik. Das ist die Methode, die wir hier auf surveybuilder.info präferieren. Der Kern dieser Methode ist, dass wir den Markt genau beobachten und so seine grossen Schwingungen mitnehmen bzw die Täler vermeiden.

Diese Methode ist schwierig genug und der Markt ist ein harter Gegner. Aber sie ist auch für normale Anleger realistisch umsetzbar und wir haben als kleine Anleger da keinen unaufholbaren Nachteil gegenüber den Profis.

Die andere Methode, mit der man den Markt schlagen kann, ist die Fundamentale. Bei der Methode, muss es das Ziel sein, zu einer Aktie sozusagen "klüger zu sein" als der Markt. Heisst konkret, dass man die Zukunftsaussichten, die Risiken, die Geschäftserwartungen usw des Unternehmens besser einschätzen kann, als das, was schon in den Kursen enthalten ist.

Genau das ist die Grundlage davon, am Markt "unentdeckte Perlen" zu entdecken. Genau das ist die Grundlage von "Value-Investing" und vielen anderen Arten, nach fundamentalen Gesichtspunkten Aktien zu selektieren.

Das Dumme ist, diese Methode ist für uns als Individuen *noch viel schwieriger* als die Methoden der Markttechnik. Denn das was die Kurse ausmacht, ist ja schon das Ergebnis eines Erkenntnisprozesses, an dem alle Marktteilnehmer mitgewirkt haben. Und die sind nicht doof, denn das sind auch Sie und ich und dann noch all die Profis dazu, die weit bessere Informationsquellen als wir haben.

Beschreiben wir das fundamentale Wissen um eine Aktie mal mit Schulnoten. Sagen wir, dass die Qualität dessen, was der Markt an öffentlichem Wissen über eine Aktie besitzt, einer Schulnote 3 entsprechen würde.

Wenn das so ist, hat der normale Anleger, der einen oder zwei mediale Artikel zu so einer Aktie liest und daraus seine fundamentale Entscheidung ableitet, die Schulnote 5. Der weiss bestenfalls Bruchstücke und definitiv viel weniger als der Markt. Er bildet sich aber gerne ein, wie unglaublich klug er ist. 😉

Nun nehmen wir an, dieser Mensch ist fleissig, er begnügt sich also nicht mit dem Artikel und forscht selber. Er liest vieles über die Aktie, studiert den Geschäftsbericht und saugt Informationen auf. Je nach dem wie gut und intensiv er das macht, erreicht er Schulnote 4 und nähert sich bei viel Fleiss der Note 3 an, weil er nun auch weiss, was der Markt schon in den Kurs der Aktie eingearbeitet hatte.

Das erfordert schon sehr, sehr viel Fleiss und ist für normale Anleger mit Beruf, nur für sehr wenige Werte gleichzeitig möglich. Nur schlagen kann der Anleger den Markt damit immer noch nicht. Aber wenigstens mit dessen Wissen gleich ziehen, das ist ja schon was.

Erst wenn besonderes Wissen oder Einsicht hinzu kommt, das/die die Mehrheit nicht besitzt, dann hat der Anleger die Chance die Note 2 zu erreichen und damit "klüger" als der Markt zu sein. Und dieses "Besondere" sind zum Beispiel besondere fundamentale Branchenkenntnisse, also Wissen, dass nur jemand hat, der auch in der Branche unterwegs ist.

Das kann zum Beispiel jemand sein, der in genau der Branche arbeitet und daher tiefere Einsichten hat oder jemand der sich seit vielen Jahren mit der Thematik befasst hat, die das Geschäftsmodell der Aktie bestimmt. Solche Menschen haben überhaupt erst die Chance, einen echten Mehrwert bei fundamentaler Betrachtung zu erzielen - die anderen eher nicht.

Und um da hin zu kommen, erfordert es Fleiss, Wissen, Erfahrung, Fleiss, Wissen, Erfahrung. Nichts was man "mal eben" am Nachmittag im Internet macht.

Genau das - dieser "Note 2 Zustand" - ist auch der Zustand, den gute (Value-)Investoren zu erreichen suchen. Sie haben sich dann so tief im Unternehmen eingegraben und sein Umfeld so intensiv abgeklopft, dass sie tatsächlich für diesen einen Wert etwas "klüger" als der Markt sind. Sie wissen mehr und können die Zukunft besser einschätzen.

Was glauben Sie wohl, was Buffetts Leute gemacht haben, bevor sie aktuell diesen gekauft haben. Sie haben über Wochen und Monate gegraben, intensiv mit dem Management gesprochen, abgewogen und den Markt sondiert. Und dann - dann! - haben sie zugeschlagen, nicht nur weil ein oder zwei Finanzkennzahlen gut aussehen.

Da der Markt aber schon ein hohes Mass an Wissen über die börsennotierten Unternehmen vereint, besteht der Preis für so eine Strategie, neben hoher Qualifikation aus enorm viel Zeit und Energie, die man einsetzen muss. Das ist etwas das der normale Anleger im Normalfall gar nicht aufbringen kann, zumal auch oft die Grundlagen fehlen. Denn ein Geschäftsmodell korrekt einzuschätzen ist ja nichts, das man einfach so kann, das ist das Ergebnis von viel Erfahrung. Wie ich mich da trotz all meiner massiven Erfahrung realistisch selber einschätze, habe ich im oben verlinkten Artikel deutlich gemacht, das sollte Warnung für jeden sein, der weiss was Demut ist.

Aber, es geht durchaus diesen Zustand zu erreichen. Der fundamentale Pfad sich einen Edge zu erarbeiten, funktioniert durchaus, ich will hier nicht Value-Investing schlecht reden, im Gegenteil. Aber es hat eben einen hohen zeitlichen und intellektuellen Preis.

Absurderweise ist aber genau das die Methode, in der fast jeder Aktien-Anfänger in grenzenloser Selbstüberschätzung versucht, seine ersten Schritte am Markt zu machen. Das sind dann die, die ich oben mit "kann das Wort Buffett schon bustabieren" etwas sarkastisch beschrieben habe. Ich habe da eine Aktie "entdeckt" - dieser Satz sagt schon alles und ist der zuverlässige Vorbote grosser Enttäuschungen. 😉

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Der typische Unterinvestierte

Man soll ja seine Leser nicht "beschimpfen". Und das tue ich auch bestimmt nicht, ich will einigen von Ihnen nur den Spiegel vorhalten.

Nun ist es aber manchmal schmerzhaft den Spiegel vorgehalten zu bekommen, vor allem wenn man sich darin erkennt. Und Freunde macht man sich als Autor damit in der Regel auch nicht. Auf Websites, die auf Klicks angewiesen sind, weil sie über die Klickzahlen dann Werbung und Klickdaten teuer verkaufen können, gehört es daher eher zum "NoGo" etwas zu schreiben, was den Lesern nicht gefallen könnte. Leichter und erfolgsträchtiger ist es, den Lesern nach dem Mund zu reden.

So entstehen dann diese Filterblasen, in denen jeder nur noch liest, was er sowieso schon weiss und sich alle im sozialen Umfeld wohlgefällig zunicken, wenn sie die bekannte Selbstvergewisserung erhalten.

Da trifft es sich doch gut, dass mir hier bei surveybuilder.info.de das alles egal ist. 😀

Klickzahlen spielen hier keine Rolle, der Blog lebt von seiner wachsenden, treuen Community und deren Beitragszahlungen und ist bewusst praktisch werbefrei. Und nur wer wirklich hier sein will, stösst durch diese Hürde der Zahlung, dann auch zur Community dazu und das ist gut so.

Und dann komme ich noch immer wieder daher, halte Ihnen den Spiegel vor und verärgere oder verschrecke damit sicher auch Einige von Ihnen. Aber umgedreht wird ein Schuh daraus: Die, die dann trotzdem dabei sein wollen, wollen gerade deswegen dabei sein, weil man hier mehr liest als das, was man sowieso schon zu wissen glaubt. Und auch das ist gut so!

Also halten wir den Spiegel heute doch mal wieder hoch. Auf Einige von Ihnen wird er zutreffen, auf Andere nicht, die Entscheidung ob Sie sich angesprochen fühlen, treffen Sie alleine.

Ich habe am 23. September diesen Jahres im internen Bereich einen kleinen Beitrag geschrieben, in dem ich eine direkt von einem Nicht-Mitglied an mich gerichtete Mail zum Anlass genommen habe, auf das Muster des typischen, unterinvestierten Anlegers einzugehen und den Finger in dessen Wunde zu legen.

Dabei zitierte ich auch aus dieser Mail, die ich selbstverständlich völlig anonymisiert hatte. Es geht ja auch nicht um die Person die das geschrieben hat, sondern es geht beispielhaft um das Muster. Denn diese Denkstrukturen, sich unbewusst klüger als der Markt zu halten, gibt es leider zu oft.

Diesen Balken vor der eigenen Stirn zu erkennen, der Erfolg am Markt so massiv im Wege steht, ist aber sooo wichtig, dass ich es hier zum Thema mache - auch wenn es Ihnen vielleicht nicht gefällt 😉

Und nun ein Auszug aus der Mail und mein Kommentar.

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Buffett, Berkshire Hathaway, IBM & Deere

Der folgende Artikel erschien schon Mittwoch 18.02.15 09:50 in Hari Live

Es ist immer wieder interessant, im Nachhinein zu sehen, was Warren Buffett mit seiner Berkshire Hathaway Holding so treibt. Sicher, durch die zeitliche Verzögerung bei den SEC Filings, ist das schon Schnee von gestern, wenn man das lesen kann. Aber da Berkshire eher langfristig agiert und eine eingegangene Position nicht im Folgequartal gleich wieder verkauft, steckt trotzdem eine Menge wichtiger Information in der Offenlegung der Daten bei der SEC.

Nun sind wieder die veröffentlich worden und die offenbaren einige interessante Details.

Erstens hat Buffett seine Beteiligungen an Ölfirmen deutlich reduziert. Das sollte allen zu denken geben, die nun grosse Chancen im Sektor riechen, weil der Ölpreis so stark gefallen ist. Und es schlägt in die gleiche Kerbe, in die ich hier im Premium-Bereich auch immer schlage, wenn ich darauf hinweise, dass eine längere, volatile Seitwärtsbewegung des Ölpreises auf niedrigem Niveau nun viel wahrscheinlicher ist, als ein schneller Rebound in die alten Regionen.

Zweitens hat Buffett seine Beteiligung bei IBM deutlich erhöht. Er sieht scheinbar etwas, was auch ich zu sehen glaube und in einem Artikel vom Montag 26.01.15 16:40 hier im Premium-Bereich ausführlich dargestellt habe - gewürzt mit meiner persönlichen Erfahrung als "alter IBMer".

Drittens - und das finde ich sehr spannend - teilt Buffett scheinbar meine langfristige Begeisterung für den Agrotechnik-Sektor. Wir beobachten hier schon länger Agco (888282, AGCO) intensiv und ich habe mehrfach argumentiert, dass dieser Sektor weit mehr ist, als langweilige Traktorenbauer, sondern ein High-Tech Sektor, in dem Robotics auch schon bald zum Tragen kommen wird.

Das Schöne am Sektor aus Sicht eines langfristigen Investments ist halt, dass es überhaupt keinen Zweifel am langfristigen Bedarf für diese Maschinen gibt. Selbst eine Apple ist da "wackeliger", es kann theoretisch technische Umbrüche geben, die Apple vielleicht verpasst und die die heutigen Cash-Cows - wie das iPhone - in einigen Jahren obsolet machen. Das ist zwar unwahrscheinlich, aber keineswegs undenkbar - ich erinnere an Nokia und Blackberry.

Die Vorstellung aber, dass die Welt keine intensive Landwirtschaft mehr braucht, ist völlig unrealistisch. Das Gegenteil ist der Fall aus dem schlichten Grund, weil immer mehr Menschen ernährt werden müssen, während gleichzeitig die Böden immer mehr auszehren und die Wasserversorgung schwieriger wird.

Insofern gibt es in meinen Augen kaum etwas, was langfristig krisensicherer ist, als dieser Sektor. Klar, es ist ein Investitionssektor, der auch Zyklen unterliegt und in einer Währungskrise, werden auch die Bauern neue Anschaffungen in die Zukunft verschieben und so die Aktien des Sektors nach unten schicken. Nur ist ganz sicher, dass diese Investitionen später nachgeholt werden - aufgeschoben ist halt nicht aufgehoben und gegessen und geerntet werden, muss immer.

Vor diesem Hintergrund ist es hoch spannend, dass Buffett nun seit dem dritten Quartal eine grosse Position im Marktführer Deere (850866, DE) aufgebaut hat - und das bewusst unter der Decke, er hat sich dafür eine Sondergenehmigung der SEC geholt, sonst hätte er die Position schon vor drei Monaten veröffentlichen müssen.

Wenn wir auf das langfristige Chart von Deere seit 2008 schauen, sehen wir schnell, wie attraktiv das aussieht. Ich habe mit zwei blauen Linien, zusätzlich die dominante Struktur eingezeichnet, die eher einen Ausbruch nach oben impliziert:

DE 19.02.15

Wer dagegen in den ganzen Agrar-Sektor, inklusive Düngemittel, investieren will, bei dem dann die Agrartechnik ala Deere und Agco aber nur eine kleine Untermenge ist, kann das gut mit dem tun.

Noch ein wichtiger Hinweis. Bitte schauen Sie sich die Charts dieses Sektors unbedingt in Dollar an. Die Charts in Euro sind durch die Euroschwäche massiv verzerrt und implizieren schon laufende, massive Ausbrüche, die es in der Realität gar nicht gibt, denn der Sektor notiert weitgehend in Dollar und rechnet auch überwiegend in Dollar ab.

Auch der obige IS0C steht in Dollar kurz vor einem Ausbruch und ist keineswegs schon nach oben ausgebrochen, wie das das Chart in Euro impliziert.

Aber egal, wie Sie persönlich an den Sektor heran gehen, in einem langfristig angelegten Investment-Depot, darf er nach meiner festen Überzeugung nicht fehlen. Und seit heute ist klar, dass auch Warren Buffett diese Sicht teilt. Bei mir ist der Sektor auf jeden Fall schon länger im Investmentdepot vertreten.

Ihr Hari

*** Bitte beachten Sie bei der Nutzung der Inhalte dieses Beitrages die -> Rechtlichen Hinweise <- ! ***

Vom Irrsinn des IFRS und einem zweifelhaften Buchwert – Reloaded

Es gibt Dinge, die kann man gar nicht oft genug erklären. Und da ich diese Woche noch Urlaub mache, schiebe ich heute einen Artikel wieder in den Vordergrund, der hier schon am 24.10.2012 - also vor fast 2 Jahren - veröffentlicht wurde.

Diese Erklärung ist aber nach wie vor topaktuell und erst heute habe ich wieder einen interessanten Artikel gesehen, der die Problematik der Buchwerte nach "Fair Value" erneut in Erinnerung ruft, dieses mal für die grossen Energiekonzerne mit ihren Reserven und deren Bewertung in den Bilanzen:

Ein erneutes, schönes Beispiel, warum das Prinzip des "Fair Value" in der Praxis Augenwischerei ist und nur dazu führt, dass das Management zu grosse Gestaltungsfreiheiten hat und die Aussagekraft der Bilanzen verschmiert wird. Genau das, was der Artikel unten im Detail erklärt. Denn da es in der Gegenwart keine objektiven Fakten gibt, ob und wie die Reserven der oben im Artikel beschriebenen Energie-Konzerne in Zukunft überhaupt genutzt werden können, obliegen diese Bilanzposten mehr oder weniger der Gestaltung des Managements.

Viele der neuen Leser, die in den letzten zwei Jahren zu surveybuilder.info dazu gestossen sind, werden den Artikel vom Herbst 2012 nicht kennen. Das sollten Sie aber, daher hier der "Irrsinn des IFRS" reloaded. Viel Spass, Ihr urlaubender Hari.

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Heute möchte ich mit Ihnen mal wieder ein grundsätzliches Thema besprechen. Und zwar in Form eines persönlichen und höchst subjektiven Kommentars zum Thema IFRS.

Ausgelöst durch einen der zahllosen Artikel, in denen dem privaten Anleger mal wieder das KBV (Kurs-Buchwert-Verhältnis) als einfaches Mittel angedient wurde um "Value-Aktien" nach Graham und Buffet zu finden, habe ich mich dazu despektierlich geäussert und den Versuch so ein Thema auf das KBV zu reduzieren als "Plattheit" gebranntmarkt.

In diesem Artikel möchte ich genauer erläutern was ich damit meine. Und warum Sie sich nach meiner Erfahrung keinen Gefallen damit tun, Ihre Anlageentscheidungen alleine nach solchen trivialen Kennziffern zu treffen. Wenn mir die Welt so stark vereinfacht dargeboten wird, ist für mich eher sofort die Frage, "warum" man mir das so darlegt und welche Interessen die Beteiligten haben könnten.

Noch vor 15 Jahren, war die Welt der Bilanzierung in Ordnung. In Deutschland galt das HGB, das die Tendenz hatte, in den Bilanzen stille Reserven - also eine Sicherheitsmarge - aufzubauen. Kaufte man damals ein anderes Unternehmen oder Rechte oder oder, wurde der Aufwand als "Kosten" verbucht oder aktiviert und das Wirtschaftsgut langsam abgeschrieben. Irgendwann war das Wirtschaftsgut in der Bilanz bei Null angekommen, hatte aber immer noch einen realen Gegenwert. Manchmal war dieser Gegenwert sogar gestiegen.

Diese stillen Reserven schlummerten unerkannt in den Bilanzen und wurden erst dann gehoben, wenn das Wirtschaftsgut zum Beispiel verkauft wurde, wenn es also durch einen Preis einen "Wert" bekam. Das war auch im Wesentlichen die Bilanz-Welt, in der Benjamin Graham (der diesem Blog seinen Namen gab und dessen Schüler Warren Buffet war) seine berühmte "Value-Strategie" entwickelte, wie in seinem Buch "The intelligent Investor" ausgeführt. Sicher waren die Bilanzierungsregeln auch damals in den USA anders als das HGB, aber auch in den US war die Bilanzierung damals viel mehr vom Sicherheitsgedanken geprägt als heute.

Dann begann aber der Siegeszug der IFRS (International Financial Reporting Standards). Eigentlich ein richtiger Gedanke, die Rechnungslegungsvorschriften weltweit zu vereinfachen und damit vergleichbar zu machen. Ich zitiere mal einen Satz aus dem WiWo Artikel zum "grossen Bilanz Bluff", den ich Ihnen unten verlinkt habe: "Die 15-köpfige Gruppe ist privat organisiert. Sponsoren der Gruppe sind nahezu alle wichtigen internationalen Konzerne, Banken und Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Die Europäische Union winkt deren Beschlüsse regelmäßig durch und gibt sie weiter in die Hauptstädte von Berlin bis Rom, wo sie in nationales Recht umgewandelt werden."

Meine Lebenserfahrung gebietet anzunehmen, dass es die Interessen der genannten Spieler sind, die indirekt Einfluss auf die Bilanzierungsregeln nehmen. Und das selbst, wenn man den 15 Personen individuelle Untadeligkeit und das Bemühen um Unabhängigkeit attestiert, was ich hiermit gerne annehme. Denn jeder Mensch ist durch sein Arbeitsumfeld geprägt, auch wenn er sich persönlich um Unabhängigkeit bemüht. Lässt man Bilanzstandards von den genannten Gruppen erarbeiten, wird man andere bekommen, als wenn das Standardisierungsgremium zum Beispiel aus den Finanzchefs von Mittelständlern besteht. Bezeichnend für die deutsche Politik ist übrigens, dass sie dieses so entscheidende Thema aus meiner Sicht mal wieder völlig verschlafen hat.

Und die Interessen der grossen Spieler sind für mich naheliegend. Indem man stille Reserven hebt, in dem man die Bilanzen aufbläht, erzeugt man höhere Kurse an Börsen (= mehr Boni) weil die Kennziffern wie zB KBV besser aussehen, erhöht man das Volumen der Mandate, erzeugt neue Beratungsfelder für Banken und Wirtschaftsprüfer und gibt dem Management Spielraum, sich die Bilanz nach Gusto zu bauen. Es entspricht meiner Lebenserfahrung anzunehmen, dass diese Interessen auch in die Entscheidungsprozesse einfliessen.

Das Schlüsselprinzip das seit IFRS dabei eingesetzt wird und das es vorher nicht gab, ist dabei das "Fair Value Measurement“. Theoretisch ein richtiger Gedanke, statt das stille Reserven wie oben in den Bilanzen schlummern und diese defensiv aufgebaut sind, sollen alle Bilanzpositionen mit ihrem aktuellen "fairen Wert" bewertet werden. Das Problem ist nur, wer legt denn fest wenn es keinen echten Marktwert gibt, was die Regel ist ? Wer hat die Kompetenz zu entscheiden, ob eine Investition zB in eine innovative Technologie diesen oder jenen "fairen" Wert hat ? Womit wir beim massiven Spielraum sind der nun entstanden ist und der die modernen Bilanzen eher zu einem Pudding macht, den man verzweifelt versucht an die Wand zu nageln.

Es übersteigt den Umfang eines solchen Artikels, hier auf alle Aspekte einzugehen. Ich will Ihnen mit diesen Worten auch nur ein Problembewusstsein schaffen. Und dazu braucht es Beispiele.

Nehmen wir also mal beispielhaft Daimler und die Brennstoffzelle. Ich habe irgendwo mal gelesen, dass Daimler in das Thema schon mehr als 1 Milliarde Entwicklungskosten hinein gesteckt haben soll. Ich weiss nicht ob das stimmt und ich will vorausschicken, das ich keinerlei Ahnung habe wie Daimler das Thema bilanziert. Und ich will mit den folgenden Worten auch keine Behauptungen über die Bilanz bei Daimler aufstellen. Ich will Ihnen nur an einem Beispiel das jeder kennt ("Daimler" und "Brennstoffzelle") klar machen, was IFRS potentiell bedeutet.

Daimler hat also massive Investitionen in die Brennstoffzelle gesteckt, um in der Zukunft damit Geschäft zu machen. In der alten Welt des HGB wäre das ganz einfach gewesen. All die Investitionen in die Brennstoffzelle, all die Millionen an Entwicklerstunden, die gekauften Maschinen, Patente und Rechte, wären Kosten bzw aktivierbare Wirtschaftsgüter gewesen. Wirtschaftsgüter wie zb eine Testanlage wären bis auf Null abgeschrieben worden. Bilanziell wären also all diese Aktivitäten irgendwann nichts mehr "wert" gewesen, bis dann der Moment eintritt, an dem man mit der Brennstoffzelle Umsatz macht, Kunden gewinnt etc. So einfach, so defensiv, so konservativ.

Heute, im IFRS, darf man aber Entwicklungsaufwand aktivieren. Und muss den Wert dieser "virtuellen Wirtschaftsgüter" nicht zwingend auf Null abschreiben. Nein, man muss für die Bilanz bestimmen, was der "Fair Value" dieser Aktiva ist. Und bläht die Bilanz entsprechend auf, was bedeutet das KBV sieht optisch attraktiver aus. Nur wer entscheidet was die Investitionen in die Brennstoffzelle Wert sind ? Nach welchen Kriterien ?

Viel schlimmer, kann das überhaupt jemand kompetent entscheiden ? Ich behaupte ganz frech: NEIN ! Denn die entscheidende Frage wird sein, ob sich die Brennstoffzelle am Markt gegen die alternativen Antriebsformen durchsetzen kann. Und das hängt von unzähligen, auch politischen, Parametern ab und kann niemand vorher sehen. Und deshalb kann auch niemand seriös den "Fair Value" bestimmen.

Im Endeffekt masst sich IFRS damit ganz arrogant an, via Bilanz die Zukunft vorher sehen zu können. Klar, theoretisch soll es der aktuelle "Fair Value" der Gegenwart sein, nur ist der nicht zu bestimmen ohne Annahmen zur Zukunft zu machen. Das ist in meinen Augen die traurige Realität. Und Realität ist für mich auch, dass sich damit das Management der Konzerne nach meiner Erfahrung mehr oder weniger selber in die Bilanzen schreiben kann, was es will. Oder glauben Sie ein durchschnittlicher Wirtschaftsprüfer kann eine ernsthafte Diskussion mit dem Entwicklungsvorstand bestehen, welchen aktuellen Wert frische Innovationen in einem innovativen Spezialthema haben ? Sicher haben die Wirtschaftsprüfer "Krücken" zur Bewertung in ihrer Methodik, es sind und bleiben aber Krücken und am Ende entscheidet das Management.

Das ist nur ein Beispiel. Und um es noch einmal zu erwähnen, ich weiss nicht wie Daimler das real bilanziert, das ist nur ein theoretisches Gedankenszenario um einen Punkt klar zu machen. Und es ist auch keine Problematik von Daimler, sondern vor diesen Fragen stehen mit IFRS alle Unternehmen mit signifikanten Entwicklungsaufwendungen, egal aus welcher Branche. Aber von dieser Art "Bewertungen" nach "Fair Value" werden die Bilanzen der Konzerne seit IFRS bestimmt. Und es ist beileibe nicht nur das Thema aktivierter Entwicklungsleistungen um das es hier geht, weitere Stichworte sind der Goodwill bei Firmenkäufen, die Bilanzierung von Pensionsverpflichtungen usw. usw..

Warum wohl weist Microsoft plötzlich, von einer Sekunde auf die andere einen Quartalsverlust aus und schreibt 6 Milliarden auf eine Akquisition ab ? Womit die Bilanz um diese 6 Milliarden verkürzt wird. Hat sich die Welt in dieser Sekunde so verändert ? War die Bilanz vor 3 Monaten also richtig ? Lesen Sie . Und warum wundern sich Redakteure, das der Markt dabei nicht mal zuckt ? Ganz einfach, weil die Redakteure den (Un)Sinn des IFRS nicht verstehen und noch denken, Bilanzen hätten Aussagekraft. Big Money weiss es aber und zuckt deshalb nicht einmal über die Abschreibung. Die Profis im Markt wissen : "sowieso Bullshit" und kümmern sich um die bedeutenden Dinge.

Am schlimmsten sind in diesem Zusammenhang übrigens nicht die Bilanzen von IT Unternehmen, sondern die von Banken. Da hier fast keine "realen" Güter dahinter stehen, bestehen die Bilanzen aus Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen, der Bewertungen. Natürlich alles "Fair Value". 😉 Erfahrene Bilanzspezialisten, die bei einem Industrieunternehmen durchaus noch sinnvolle Schlüsse aus der Bilanz ziehen können, streichen bei Bankbilanzen die Segel. Denn die wissen, das sie *nicht* wissen, eben gerade weil sie kompetent sind. Um so absurder wird es dann, wenn man im Web von Laien "fundamentale Analysen" zu Banken anhand der klassischen Bilanzkennziffern liest. Da kann man in meinen Augen auch gleich wie im Mittelalter das Gekröse eines Frosches untersuchen, das läst ähnlich kompetente Rückschlüsse zu. 😉 Bank-Bilanzen sind einfach eine "Black-Box", die selbst für Insider extrem schwer zu durchdringen sind.

Faktum ist, dass man aufgrund dieser durch IFRS aufgeblähten Unternehmensbilanzen die Kennziffern wie KBV gar nicht mehr mit der Vergangenheit vergleichen kann. Wer Ihnen also erzählt, dass das KBV des DAX im historischen Massstab billig sei, ist nicht ernst zu nehmen. Die Bilanzen sind nicht vergleichbar und keiner kann Ihnen genau sagen, wie aufgebläht sie nun im Vergleich zu den 90er Jahren sind.

Und dann lächeln Sie Personen von Magazinen an und und implizieren, dass Sie ja nur das KBV und die Dividende anschauen müssen, um sich wie Graham und Buffet zu fühlen. Wenn Geldanlage so einfach wäre, wären wir alle Multimillionäre. Komisch nur, dass wir es nicht sind. 😉

Sage ich damit, dass eine Kennziffer wie das KBV gar keine Aussagekraft mehr hat ? Nein, wenn man das Geschäft des Unternehmens versteht, wenn man die Substanz der wesentlichen Bilanzpositionen einschätzen kann und wenn man weiss, wie "aggressiv" das Management bilanziert, dann hat eine Bilanzanalyse immer noch gute Aussagekraft. Das ist das was ein Buffet macht und mehr. Machen Sie das ? Können Sie das ? Wenn nein, lassen Sie sich nicht von den grossen Vereinfachungen blenden.

So weit meine hoffentlich deutliche und zugegeben spitzzüngige Rede zum Thema. Wie gesagt, ich wollte damit nicht in die Details der Bilanzierung einsteigen, sondern Ihnen nur eine sehr grundsätzliche Problematik klar machen.

Im Folgenden habe ich daher für Sie noch zwei Links um das Thema zu vertiefen. Gerade den ersten Link "Der grosse Bilanz Bluff" möchte ich Ihnen dringend zum intensiven Studium empfehlen. Danach sind Sie hoffentlich kuriert und können nur noch bitter lachen, wenn Ihnen einer mal wieder etwas vom KBV als entscheidendem Kriterium erzählt und dafür dann noch der arme Warren Buffet ungefragt als Testimonial benutzt wird.

Ich hoffe ich konnte Ihren Horizont ein wenig erweitern. Und ich bedauere, dass ich Ihnen keine "einfachen" Lösungen anbieten kann. Das muss ich anderen überlassen.

Ihr Hari

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