Wegelin – Kein Kommentar mehr – In der Schweiz werden die Uhren umgestellt

Zum Fall Wegelin - Ein Gastkommentar von Tokay

Vorgestern kam die Meldung, dass die schweizerische Privatbank Wegelin vor einem US-amerikanischen Gericht eingeräumt hat, bei der Umgehung der Steuerpflicht amerikanischer Steuerbürger mitgeholfen zu haben. Gegen Zahlung einer Summe von 74 Mio. US-Dollar wurde das Strafverfahren eingestellt. Als wäre dies nicht schon bemerkenswert genug, hat der Wegelin-Mitgesellschafter Bruderer angegeben, die Praktiken von Wegelin hätten absolut dem entsprochen, was andere Schweizer Geschäftsbanken getan hätten. Nun, die angesprochenen Geldhäuser dürften sich riesig gefreut haben, von einem ihrer nunmehr ehemaligen Wettbewerber mal eben der aktiven Mithilfe bei der Begehung von Straftaten bezichtigt zu werden. Allein, die Welt ist seit der großen Finanzkrise eine andere geworden, und die USA so wie auch alle anderen großen Industriestaaten sind nicht mehr gewillt, gegenüber dem Bankensektor allzu große Nachsicht walten zu lassen. Nun gibt es die Wegelin-Bank nicht mehr, sie wurde aufgespalten. Und mit dem Urteil gegen die Bank Wegelin dürfte sich die Szenerie noch lange nicht beruhigen.

Die Wegelin-Bank war etwas ungewöhnliches. Seit 1741 bestehend und in St. Gallen ansässig, managte sie nicht nur hohe Summen in- und ausländischer Anleger, sie wurde nicht zuletzt auch bekannt durch den „Anlagekommentar“ des Mitgesellschafters Konrad Hummler. Diese waren geprägt von einem durch und durch liberalen Gedankengut. Friedrich August von Hayek und Milton Friedman waren zwei herausragende Protagonisten der Hummler'schen Vorstellungswelt. Mit einiger Schärfe, aber auch intellektueller Brillanz verfocht Hummler seine Vorstellungen und dabei bekamen auch Euroland, bekam die deutsche Politik regelmäßig ihr Fett ab. Zu träge, zu wenig für die Zukunft gerüstet, zu korporatistisch, so waren die Botschaften, die aus dem idyllischen Städtchen unweit des Bodensees in die Welt getragen wurden. Mit dem Verfahren gegen Wegelin und dem daraus folgenden Verkauf an die Ostschweizer Raiffeisenbank ging diese Epoche zu Ende.

Hummler selbst dürfte es überaus schmerzen, künftig keine Anlagekommentare mehr zu veröffentlichen. Aber auch für die interessierte Öffentlichkeit ist dies ein Verlust. Die radikalliberalen Positionen des Anlagekommentars waren kaum je mehrheitsfähig; anregend zu lesen waren sie allemal. Man mochte die darin vertretenen Positionen nicht in allem und jedem nachvollziehen, doch die dahinterstehende Realitäten können bei nüchterner Betrachtung nicht ignoriert werden, so stellte man beim Reflektieren des gelesenen immer wieder fest. In jeder Gesellschaft finden sich die Verfechter wirtschaftlicher Freiheit zum einen und des sozialen Zusammenhalts zum anderen im permanenten Widerstreit. Hummler hat hier, wahrscheinlich in der öffentlichen Wahrnehmung ein wenig zu nachdrücklich, eindeutig für die wirtschaftliche Freiheit Partei ergriffen. Das ist zwar konsequent, aber damit macht man sich nicht nur Freunde.

Nicht zuletzt hat Hummler dafür geworben, für den langfristigen Vermögensaufbau in Aktien zu investieren, dabei heftig dem Staat misstrauend, an dessen Wille zur Einlösung seiner papiernen Versprechen er zweifelt. Zieht man die vielen Unwägbarkeiten in Betracht, denen wir uns gegenüber sehen – Demographie, zunehmende Energie- und Rohstoffknappheit, Staatsverschuldung – so ist es recht zwangsläufig, sich mit der Erhaltung seines Sparkapitals in Form von Realwerten zu beschäftigen, so wie es unter anderem auch hier bei Mr. Market geschieht. Dieser Gedanke wurde von Hummler eindrücklich propagiert. Der Duktus seiner Beiträge war ein ganz anderer als etwa der von Anlage-Gurus wie Max Otte oder Dirk Müller. Natürlich ging es nicht in erster Linie um konkrete Anlageempfehlungen, sondern der Leser blieb aufgefordert, sich seine eigenen Gedanken zu machen. Das alles diente selbstverständlich dazu, die Bank Wegelin und seine Dienstleistungen dem interessierten Publikum bekannt zu machen. Aber nicht nur.

Die Bank Wegelin ist damit über Geschäftsbeziehungen gestolpert, die für sie nicht essentiell waren. Das enthält eine gewisse Tragik. Mit den Anlagekommentaren hat sich Wegelin darum verdient gemacht, einem interessierten Publikum Wirtschafts- und Finanzthemen, verbunden mit Ausflügen in Geschichte und Philosophie, manchmal auch in die Schweizer Landeskunde, auf pointierte Weise nahezubringen.

Goodbye!

Tokay

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