ThyssenKrupp – das Interregnum vor dem Neuanfang

Treue Leser wissen, wie kritisch ich ThyssenKrupp (WKN: 750000) lange gesehen habe.

Artikel vom Februar 2012 wie -> Vom Donnerhall zum Anlagenbauer <- oder vom Juli diesen Jahres wie -> Thyssenkrupp und das Problem Berthold Beitz <- legen davon Zeugnis ab.

Lange war die Aktie daher auf meiner "Igitt"-Liste und ausschlaggebend waren dafür für mich drei Faktoren:

  • Eine Krupp-Stiftung mit Berthold Beitz an der Spitze, die einerseits mit Sonderrechten im Aufsichtsrat die ThyssenKrupp AG de facto kontrollierte, andererseits aber zum Bremsklotz geworden war. Unter anderem weil sie - nach dem was man lesen konnte - mangels Finanzkraft scheinbar nicht in der Lage war, eine zwingend notwendige Kapitalerhöhung mitzugehen.
  • Ein Aufsichtsratsvorsitzender in Person von Gerhard Cromme, der alle Fehlentscheidungen bei ThyssenKrupp des letzten Jahrzehntes aus seiner herausgehobenen Rolle heraus mit zu verantworten hatte. Cromme ist ein Manager, den ich persönlich zwar für einen hervorragenden "Strippenzieher" halte, ansonsten aber für eher ungeeignet halte, ein Industrieunternehmen mit Kreativität, Offenheit und Tatendrang nach vorne zu führen. Zumindest sind mir persönlich derartig positive Entwicklungen in seinem "segensreichen Wirken" der Vergangenheit nicht aufgefallen - übrigens auch nicht bei Siemens, wo er noch Aufsichtsratsvorsitzender ist. Soweit meine ebenso bescheidene, wie persönliche Meinung zu Herrn Cromme.
  • Eine Unternehmenskultur, die natürlich massgeblich von den beiden obigen, herausgehobenen Herren mitgeprägt wurde und nach meinem persönlichen Eindruck von Hierarchiedenken, ja Seilschaften und Kaderdenken und teilweise auch Grossmannssucht geprägt war. Diese Unternehmenskultur hat nach meiner Überzeugung daran mitgewirkt, dass es ThyssenKrupp geschafft hat, exakt zum Höhepunkt der Stahlkonjunktur diese gigantischen Investitionen in Amerika anzustossen, die nun wie ein Klotz am Bein des Unternehmens hängen und das Kapital aufzehren. Ein 5-jähriges Kind ohne jedes Verständnis der Zyklizität der Stahlindustrie, hätte keinen schlechteren Zeitpunkt für die Investition finden können und ein Würfel hätte wahrscheinlich rein statistisch einen besseren Zeitpunkt gefunden.

    Auf jeden Fall sprechen Jagdpachten und Luxusreisen eine beredte Sprache dieser Unternehmenskultur. Und wenn Sie meinen, das ich mir das einbilde, schauen Sie noch einmal beispielhaft in Artikel der Welt von März diesen Jahres hinein, in dem sogar der neue Konzernchef Hiesinger mit einer ähnlichen Charakterisierung zitiert wird.

All das ist nun aber vergangen und Geschichte. Berthold Beitz ist von uns gegangen. Und bei all den Fehlern, an denen letztlich auch er in hohem Alter bei ThyssenKrupp beteiligt war, sind diese doch nur Petitessen im Angesicht eines erfüllten und ereignisreichen Lebens, das man mit Respekt betrachten sollte. Und Gerhard Cromme ist zurück getreten und beschränkt sein Wirken nun auf Siemens.

Damit hat Konzernchef Heinrich Hiesinger nun die Fäden in der Hand und von seiner zupackenden Art erhoffe ich nun Änderungen bei der Unternehmenskultur von ThyssenKrupp. Erfreulich ist auch, das es bisher nicht zu einem Notverkauf der amerikanischen Stahlwerke "um jeden Preis" gekommen ist. Denn wie ich schon mehrfach schrieb, wäre der Zeitpunkt in meinen Augen ebenso prozyklisch und unglücklich, wie der Zeitpunkt der Investition. Denn es ist gut möglich, dass der Boden des Stahlzyklus nun erreicht ist oder sogar schon hinter uns liegt.

Und zu guter Letzt hat ThyssenKrupp mit Cevian nun einen schwedischen Finanzinvestor an Bord, der einen guten Ruf in der Branche besitzt und ähnlich Deals schon erfolgreich durchzog. Auch das wird die Position von ThyssenKrupp stärken.

Damit hat Heinrich Hiesinger nun die Chance, mit einer grossen Kapitalerhöhung die Abhängigkeit von der Krupp-Stiftung zu durchschlagen und damit auch genügend Luft zu gewinnen, um keinen Notverkauf um jeden Preis bei den Stahlwerken durchführen zu müssen. Das wäre auch die Grundlage, dass man ThyssenKrupp an der Börse wieder aus der Sicht des Wertes der Einzelteile betrachten kann.

Wenn jetzt die richtigen Entscheidungen getroffen werden, erleben wir vielleicht also gerade ein Interregnum, an das sich ein erfolgreicher Neuanfang bei ThyssenKrupp anschliesst. Ich würde es diesem Traditionskonzern wünschen.

Und weil das so ist, ist die Aktie nun auch nicht mehr auf meiner "Igitt"-Liste. Im Gegenteil, ich fange an, mich für einen Einstieg zu interessieren.

Wenn wir auf das Chart mit Tageskerzen schauen, sehen wir auch, dass die Aktie schon seit April einen neuen Aufwärtstrend begonnen hat. Sollte der Kurs nun - vielleicht im Zuge einer allgemeinen Marktkorrektur - zur Trendlinie und damit auch zur 200-Tage-Linie zurück kommen, könnte das ein interessanter Einstiegspunkt werden:

ThyssenKrupp 07.10.13

Im Moment aber neige ich noch dazu abzuwarten, zu wahrscheinlich markiert das Hoch vom 25.09. ein temporäres Hoch im neuen Trend. Und soooo eilig muss man es bei ThyssenKrupp nun auch nicht haben, eine Kapitalerhöhung dürfte den Kurs noch einmal nach unten zerren.

Die Zeit aber, in der ich die ThyssenKrupp Aktie konsequent geschnitten habe, ist nun definitiv vorbei.

Glückauf ThyssenKrupp !

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ThyssenKrupp und das Problem Berthold Beitz

Heute möchte ich - in Form eines sehr persönlichen Kommentars - meine subjektive Wertung der aktuellen Ereignisse bei ThyssenKrupp mit Ihnen teilen.

Dabei geht es mir nicht um das Nacherzählen der Ereignisse, das machen andere zu Genüge. In diesem Fall ist die entscheidene Quelle das Wall Street Journal, dessen Artikel Ihnen einen Überblick verschafft. Ich will hier statt dessen versuchen, zum Thema einen Gedankengang anzustossen, der nicht überall zu finden ist.

Kurzfristig ist die aktuelle Entwicklung für die Aktie von ThyssenKrupp ohne Frage negativ und die Reaktion des Marktes angemessen, denn bei ThyssenKrupp stellt sich in Anbetracht der Verluste und der immer mehr schwindenden Liquidität langsam die Existenzfrage. Möglicherweise zu Recht sagen schon heute viele Stimmen, dass ThyssenKrupp so oder so nicht um eine Kapitalerhöhung herum kommt.

Und da liegt auch der Punkt, warum ich die aktuelle Entwicklung ausdrücklich begrüsse. Mein Blick ist dabei nicht der Blick eines Aktionärs, als Anleger gehört ThyssenKrupp - wie Sie als treue Leser wissen - schon lange zu meinen "Igitt-Aktien". Lesen Sie bei Interesse noch einmal meinen nun 1,5 Jahre alten Artikel -> Vom Donnerhall zum Anlagenbauer <-, der auch heute noch Aktualität hat.

Nein, mein Blick ist der eines deutschen Bürgers und Unternehmers mit Augenmerk auf die langfristige Wirtschaftskraft Deutschlands, der sich wünscht, dass der Traditionskonzern ("Kruppstahl!") Deutschland erhalten bleibt und einen Weg in eine profitable Zukunft findet. Denn eine Industrienation wie Deutschland braucht einen Stahlriesen, es ist ein Irrweg sich in den Grundlagen der industriellen Produktion völlig von China und Co. abhängig zu machen.

Sie wissen aus meinen Artikeln zu ThyssenKrupp auch, dass ich den jetzigen Notverkauf der beiden Stahlwerke langfristig für eine groteske Fehlentscheidung halte. Bitte führen Sie sich vor Augen, dass diese Stahlwerke auf dem Höhepunkt des Booms blauäugig geplant wurden und nun auf dem Tiefpunkt des Stahlzyklus weit unter Baukosten raus geschleudert werden. Schlechteres Timing haben selbst die Privatanleger nicht geschafft, die im Jahr 2000 für über 100€ die Telekom kauften, um sie dann 10 Jahre später für unter 10€ zu verscherbeln. Der Unterschied ist nur: die dafür Verantwortlichen bei ThyssenKrupp wurden mit Millionen entlohnt, erhalten dicke Pensionen oder gerieren sich auf der Villa Hügel als grosse Förderer. Die Privatanleger der Telekom haben einfach Geld verloren und das völlig zu Recht.

Mit diesen Worten nehme ich bewusst ins Visier, denn hinter dem "Größenwahn" bei ThyssenKrupp (um seine Worte im verlinkten Spiegel Artikel zu benutzen), steht mit Berthold Beitz das Machtzentrum in Form der Krupp Stiftung, das diese "dem Größenwahn" verfallenen Top-Manager wie Cromme geholt und protegiert hat. Und diese regelmässig zum "Rapport" in die Villa Hügel bestellt hat.

Natürlich hat ein Berthold Beitz diese Entscheidungen nicht im Detail getroffen und überwacht. Das wäre für einen über 90-jährigen auch zu viel verlangt. Aber die Kultur bei ThyssenKrupp, die sich in vielen Details wie oder offenbart, hat natürlich jede Menge mit dem Stil zu tun, in dem die Top Manager des Konzerns agierten. Und dieser "Comment" hat eben jede Menge mit der Krupp Stiftung und Berthold Beitz zu tun.

Und ja ich weiss, Berthold Beitz ist eine Person der Wirtschafts- und auch Sport-Geschichte und hat auch über ThyssenKrupp hinaus eine Lebensleistung erbracht, die ich ausdrücklich mit Respekt betrachte. Wobei mir ehrlich gesagt die "Verdienste" von Menschen immer noch wichtiger sind, die mit eigenen Händen etwas schaffen, als die "Verdienste" von Menschen die das Geld ausgeben, das ihnen anderen überantwortet haben. Vielleicht liegt diese Haltung daran, dass ich mich selber aus eigener Kraft hoch gearbeitet habe und mir nichts, aber auch gar nichts, geschenkt wurde. Solche echten Verdienste hat Berthold Beitz übrigens auch, insbesondere aus der Zeit des zweiten Weltkrieges. Und ich erwähne das hier nur, um meinen ausdrücklichen Respekt vor seiner Lebensleistung abseits von ThyssenKrupp auszudrücken.

Aber allgemeiner Respekt ist kein Grund für falsch verstandene Rücksichtsnahme, wenn es um das Schicksal eines ganzen Konzerns geht. Denn um das was Berthold Beitz war, geht es bei ThyssenKrupp nicht mehr. Es geht um die Zukunft eines der bekanntesten Industriekonzerne Deutschlands. Eines Konzerns, der ehedem einen Ruf wie Donnerhall hatte. Und der Respekt vor dieser Zukunft und dem Schicksal zehntausender Arbeitnehmer gebietet es, falsche Rücksichten fallen zu lassen und den Ursachen des Desasters bei ThyssenKrupp ins Auge zu sehen.

Um es deutlich zu sagen, der Versuch diese Stahlwerke nun um jeden Preis zu verscherbeln, ist in meinen Augen erneut ein Desaster. Ein Desaster das in meinen Augen nicht nötig wäre, wenn da die Krupp Stiftung nicht wäre. Denn die will nach dem was man liest unbedingt ihre Sperrminorität behalten, die ihr die Kontrolle des Konzerns erlaubt. Eigentlich gibt es für den ThyssenKrupp Konzern nämlich eine saubere Lösung und die lautet im Stile Guderians "Klotzen nicht Kleckern". Der Konzern braucht eine grosse Kapitalerhöhung und damit Infusion von Kapital. Dann könnte man nämlich die Stahlwerke in Amerika durchaus noch zum Erfolg führen.

Machen Sie sich bitte klar, dass wir es hier mit einem neuen Stahlwerk in der aufstrebenden Grossmacht Brasilien zu tun haben, dessen Stahl dann in den USA weiter verarbeitet werden sollte und dort zum Beispiel an die US Autoindustrie verkauft werden sollte. Nun befindet sich Brasilien dummerweise gerade in einer Krise, aus der Brasilien alleine durch seine Demographie aber bestimmt heraus findet und immer noch einen gigantischen Investitions- und damit Stahlbedarf hat. Und die US Autoindustrie befand sich dummerweise in den letzten Jahren auch in der Krise, gerät nun aber potentiell im Fahrtwind von Elon Musks Tesla in eine neue Phase des Aufschwungs. Sind diese Investionen in die Stahlwerke wirklich so grundlegend falsch, oder haben sie - und das ist meine Überzeugung - einfach nur ein grottenschlechtes Timing ?

Langfristig gesehen sind die Stahlwerke nämlich nach meiner Erwartung gar keine schlechte Idee und haben im nächsten Boom die Chancen grosse Gewinne abzuwerfen. Die Stahlindustrie war schon immer extrem zyklisch. Aber dafür braucht es die grosse Kapitalerhöhung. Und diese Kapitalerhöhung könnte die Krupp Stiftung nicht mitgehen und würde dadurch ihren Griff um das Unternehmen verlieren. Und deswegen muss sich Konzernchef Hiesinger nun wohl mühen, diese Investionen um nahezu jeden Preis los zu werden, auch wenn das Milliarden an Abschreibungen auslöst.

Am Ende ist also nach meiner persönlichen Wertung der Situation der Machtanspruch von Berthold Beitz eine der entscheidenden Ursachen, warum der ThyssenKrupp Konzern nun so unterkapitalisiert ist. Die Entwicklung des Konzerns seit 1967, als Beitz die Stiftung und damit die Kontrolle übernahm bis heute, ist einfach nur traurig. Es gehört nach meinem Empfinden schon viel Selbstverleugnung dazu zu behaupten, dass das gar nichts mit dem Mann zu tun hätte, der die Fäden seit fast einem halben Jahrhundert autokratisch in der Hand hält.

Ach ja. Und wenn Sie meinen, dass nur ich das obige so sehe, dann lesen Sie mal, was der Neffe von Alfried Krupp, Friedrich von Bohlen und Halbach, dazu gesagt hat. Ich kann Ihnen nur empfehlen, das Interview genau zu lesen. Der Mann ist übrigens ein aktiver Biotech Unternehmer und kann insofern sehr wohl mitreden, was gute Unternehmensführung angeht.

Ein Scheitern des Verkaufs der Stahlwerke wäre also nach meiner Meinung in zweifacher Hinsicht gut. Erstens weil es diese prinzipiell sinnvollen Investitionen nicht für einen "Apfel und eine Ei" an die Konkurrenz verscherbelt. Und so Deutschland einen langfristig wichtigen Stahlkonzern erhält. Und zweitens weil es die "grosse Kapitalerhöhung" erzwingt, die endlich die Sperrposition der Krupp Stiftung zertrümmert und damit endlich auch das Ende der autokratischen Führung durch Berthold Beitz einleitet.

Für die Mitarbeiter von ThyssenKrupp und für den Industriestandort Deutschland wäre das in meinen Augen eine sehr gute Nachricht. Denn Stahl wird auch in 10 und in 20 Jahren noch essentielle Bedeutung für eine Industrienation haben. Stahl ist keineswegs ein Auslaufmodell und man darf das Missmanagement einzelner Herren nicht zum Massstab für Industriepolitik machen. Bluten würden in dem Szenario nur die jetzigen Aktionäre, angefangen mit der Krupp Stiftung.

Ihr Hari

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Marktupdate – 14.02.12 – ThyssenKrupp – Vom Donnerhall zum Anlagenbauer

ThyssenKrupp (WKN 750000) liefert heute schlechte Quartalszahlen und wird entsprechend abgestraft. Diese Zahlen sollte man in meinen Augen aber nicht unbesehen auf die Stahlbranche übertragen, denn Thyssen-Krupp leidet unter hausgemachten Problemen aus der Zeit von CEO Ekkehard Schulz, in Form von zwei neuen Stahlwerken in Brasilien und den USA, die so erhebliche Anlaufverluste schreiben, dass auch die Verschuldung des Konzerns auf ein ungesundes Mass angestiegen ist. Das wiederum begrenzt die finanzielle Schlagkraft und lastet wie Blei auf dem Konzern. Abgesehen davon rumort es kräftig im Konzern, denn der Aufsichtsratchef Gerhard Cromme wird mit seiner Haltung die Verantwortung auf Ekkehard Schulz abzuladen nicht überall im Konzern akzeptiert. Einen Eindruck was da unter Decke los ist, vermittelt vielleicht Artikel der Süddeutschen von vor 2 Monaten.

Nach dem was man in der gut informierten Wirtschaftswoche < lesen kann, scheint die Lage im Konzern so kritisch zu sein, dass man sogar über eine völlige Trennung vom Stahl-Geschäft nachdenkt und den Konzern möglicherweise eher in Richtung einer Siemens II als Technologieanbieter entwickeln will. Nur für grosse Schritte fehlt schlicht das Geld. ThyssenKrupp ohne Stahl, das wäre für mich ungefähr so wie Daimler ohne Autos - unvorstellbar und in meinen Augen auch unsinnig. Denn ein erfolgreiches Unternehmen ist mehr als ein paar beliebig austauschbare Geschäftsbereiche. Ruf, Image, Loyalität der Mitarbeiter und Jahrzehnte an mühsam aufgebauter Kompetenz - all das hängt oft an einer langen erfolgreichen Historie, die man nicht ohne Not aufgeben sollte.

Vor ein paar Jahren fand es der Aufsichtsrat von ThyssenKrupp ja noch angemessen, zwei teure neue Stahlwerke zu bauen und nun kurz danach, soll Stahl nicht mehr die richtige Strategie sein nur weil man das Thema operativ versenkt hat ? Wie bitte ? Ich halte von diesem Aktionismus gar nichts und kann darüber nur den Kopf schütteln. Ich erinnere in diesem Zusammenhang daran, dass einige Jahre vorher - natürlich auf dem preislichen Tiefpunkt - sich viele Stahlkonzerne auch unter dem Druck der "Restrukturierer" von ihrem Zugriff auf eigene Erzresourcen getrennt hatten, nur um kurz danach (Überraschung!) festzustellen, wie die Preise steigen und ihnen von Rio Tinto, Vale und Co. brutal diktiert werden. Erst das hat Konzerne wie ThyssenKrupp in meinen Augen in die unlösbaren Probleme im Stahlsektor getrieben. Denn als integrierter Konzern der die gesamte Wertschöpfungskette im Stahl abdeckt, könnte man vieles gelassener sehen. Ein etwas längerer strategischer Horizont von mindestens 10 Jahren würde solchen Konzernen gut tun, statt sich von kurzfristigen Schwankungen im Schweinezyklus treiben zu lassen.

Oder glaubt jemand ernsthaft mit Stahl liesse sich in 10 Jahren kein Geschäft mehr machen ? Ich halte das für Unfug, nur weil man operativ versagt hat, sollte man nicht ein hundert Jahre altes Geschäftsmodell über Bord werfen. Selbst Spekulationen um eine zukünftige Fusion von ThyssenKrupp mit Siemens geistern nun schon durch die Presse - was in Anbetracht von Herrn Cromme als Aufsichtsratchef beider Unternehmen und dem neuen ThyssenKrupp CEO und ex-Siemensianer Heinrich Hiesinger ja naheliegend ist. Sie werden von Siemens dementiert und es gibt derzeit bestimmt auch keine konkreten Gespräche. Aber mittelfristig ist der Gedanke ja naheliegend wenn ThyssenKrupp vom Stahl weg will und es zeigt mir vor allem wie desolat die Lage im Moment ist. Ich persönlich brauche aber keine Siemens II auf dem Kurszettel, da kann ich gleich das Original nehmen. Und wenn Grösse und Fusionen alleine zählen würden, wäre General Motors heute der erfolgreichste Autokonzern der Welt.

Aber die alte ThyssenKrupp, der integrierte Stahlkonzern mit stahlintensivem, technologisch hochwertigem Anlagenbau, der hätte in meinen Augen auch in 10 Jahren noch genügend Platz im Weltmarkt. Denn auch da gilt: "Made in Germany" hat Weltruf und Rheinmetall verkauft seine berühmte Glattrohrkanone immer noch mit riesigem Erfolg. Thyssen-Krupp wurde aber - unter anderem auch von Herrn Cromme - in meinen Augen so lange restrukturiert, bis am Ende von einem stolzen Konzern mit einem weltweiten Ruf wie Donnerhall vielleicht nicht viel mehr übrig bleibt als ein durchschnittlicher, mittelgrosser Anlagenbauer. Und Perlen wie das private Geschäft der Spezialwerft Blohm & Voss wurden ja auch lieber verkauft, statt das Geschäft so aufzustellen, dass es im Jahr 2012 bestehen kann. Komisch nur, dass es sogar Finanzinvestoren als Käufer gibt, die sich das zutrauen. Sehr, sehr traurig ist das in meinen Augen alles. Eine etwas längerer Atem und mehr Weitblick hätten diese traurige Entwicklung in meinen Augen verhindert.

Aber wie auch immer, ich sitze nicht als Berthold Beitz in der Villa Hügel und habe weder darüber zu entscheiden ob Herr Cromme mir nachfolgt noch was die richtige Strategie für ThyssenKrupp ist. Ich habe nur zu entscheiden ob ich diese Aktie kaufe oder verkaufe. Und aus den oben genannten Gründen ist ThyssenKrupp für mich derzeit völlig unattraktiv. Solange bis dieses strategische Problem auf die eine oder andere Art und Weise gelöst ist. Von dem Reflex bei ThyssenKrupp an Stahl zu denken, muss man sich aber möglicherweise bald verabschieden. Wer eine Stahlaktie kaufen will, der hat in Deutschland Salzgitter (WKN 620200).