Sind Derivate für Kleinanleger Fluch oder Segen?

Derivate haben keinen guten Ruf. Manchmal werden sie auch verteufelt. Mit diesem Beitrag, der auf einer ausführlichen Antwort im Forum des Premium-Bereiches beruht, will ich versuchen, mich dem Thema etwas differenzierter zu nähern.

Denn ich selber nutze Derivate, wie Zertifikate und Optionsscheine, nur sehr selten und höchst wählerisch.

Und das liegt daran, dass Derivate ja in der Regel auf einem Basiswert (dem Underlying) beruhen, also einem Index, einer Aktie oder einem Sektor. Und auf diesem Underlying, baut sich dann das Konstrukt des Derivats auf.

Der Kauf eines Derivates macht also ganz grundsätzlich nur dann Sinn, wenn das Derivat etwas bietet, was man im Underlying selber nicht bekommen kann. Das könnte die Möglichkeit Short zu gehen sein, oder vielleicht ein Währungshedge, der im Konstrukt des Derivates eingebaut ist. Ich kann aber wenig Sinn darin erkennen, eine Allianz per Derivat zu kaufen, wenn man die gleiche Handlung direkt auf Xetra durchführen kann.

Ausnahme sind dabei CFDs, die ich selber sehr oft nutze. Das liegt daran, dass CFDs zwar formal auch Derivate sind, das Underlying aber in der Regel 1zu1 abbilden und sich damit vom Kursverlauf her genau wie das Underlying verhalten. Einige der weiter unten diskutierten Nachteile von klassischen Derivaten wie Zertifikaten oder Optionsscheinen, existieren für CFDs daher nicht.

Aber selbst für CFDs gilt: ich sehe keinen sinnvollen Grund, beispielsweise eine Allianz Aktie via CFD zu kaufen, wenn ich die "echte" Allianz auch als Aktie an Xetra kaufen kann. Dafür gibt es dann aber gute Gründe einen CFD zu benutzen, wenn man die Allianz shorten will, denn das kann man mit dem Underlying nicht so einfach gestalten.

In Summe gibt es in meinen Augen also keinen Grund, Derivate pauschal zu verteufeln. Denn manchmal decken sie auch sinnvolle Nischen ab, die man anderes gar nicht adressieren könnte.

Trotzdem haben sie in meinen Augen drei strukturelle Nachteile gebenüber den Assets selber, die sie derivativ abbilden. Keiner dieser Nachteile ist so massiv, dass er einen "Showstopper" darstellt und man deswegen sagen müsste, man "darf" keine Derivate nutzen. Aber in Summe macht es diese nach meiner Ansicht etwas unattraktiver, weswegen man - wenn man die Wahl hat - in meinen Augen besser das "Original" nutzt. Und weswegen ich selber Derivate (mit Ausnahme von CFDs) nur sehr selten nutze.

1) Sie sind (oft) weniger ausfallsicher

Und damit meine ich nicht den Ausfall (die Pleite) des Emittenten, das wäre sowieso der Gau und wenn grosse Emittenten wie Deutsche Bank und Commerzbank ausfallen sollten, haben wir alle ganz andere Probleme. Und zwar auch die unter uns, die keine Derivate nutzen.

Dieses Hauptargument, das immer in der öffentlichen Meinung gegen Derivate ins Feld geführt wird, ist also eigentlich keines.

Nein, ich meine damit die kleineren Probleme, wie den Ausfall beim Handelssystem, fehlende Kurse, falsche Kurse und ähnliches. Also die "kleinen" Ärgernisse, die auftreten können und Anlegern das Leben schwer machen.

Der Grund ist ganz einfach und leicht einzusehen. Wenn man eine Aktie kauft oder am Devisenmarkt direkt EURUSD handelt, dann kann bei jedem von uns, theoretisch der Broker nicht erreichbar sein und keine Kurse mehr stellen. Dieses Grundrisiko der IT-Strukturen haben wir immer - wir alle.

Mit einem Derivat kommt aber noch eine zweite Ebene des Risikos hinzu: neben dem Broker, kann auch der Emittent IT-Probleme haben und keine Kurse mehr stellen. Und das gilt auch für den Fall, dass man das Derivat von der gleichen Bank kauft, bei der man sein Depot hat, denn in der Regel stehen unterschiedliche Computersysteme hinter Depotführung, Handelssystem und dem Market Making der Derivate.

Nun ist dieses Ausfallrisiko nicht hoch, es verdoppelt aber die Problem-Wahrscheinlichkeit. Und Sie werden erstaunt sein, wie oft ich - der ich rund um die Uhr am Markt unterwegs bin - kurze Ausfälle bei den Market Makern der Derivate beobachte. Ich erinnere mich noch lebhaft an den August 2011, als sich die Eurokrise in Gang setzte, da war es teilweise ganz schlimm und wer da bei bestimmten Brokern war, konnte teilweise tagelang nicht agieren. Und auch die Emittenten haben teilweise die Kutellung einfach eingestellt.

Insofern ist ein gerne gebrachtes Argument, das man selber "noch nie ein Problem hatte" auch nicht wirklich stichhaltig. Denn wenn das Risiko eines Ausfalls gering ist, merken die meisten nichts davon. Wenn das Problem dann aber mal auftritt - und meistens natürlich mitten im schönsten Absturz - ist der Ärger gross.

Ein Anstieg eines Risikos von 0,02 auf 0,04 ist halt einfach eine Verdoppelung, auch wenn es in beiden Fällen so gering ist, dass man es meistens nicht bemerkt. Das ist ein wenig wie beim Truthahn vor "Thanksgiving" oder dem Weihnachtskarpfen, dem geht es auch immer gut, bis es ihm nicht mehr gut geht. 😉

Deswegen muss man nichts verteufeln, aber wenn man ein kleines Risiko noch einmal halbieren kann, macht es Sinn das zu tun. Also warum ein Derivat nutzen, wenn man das Gleiche auch direkt machen kann?

2) Sie sind (oft) komplexer

Das gilt nicht immer, aber oft und vor allem für Zertifikate und Optionsscheine. Und klar, wenn man sich an die Strukturen eines Derivates mal gewöhnt hat, stellt das kein Argument mehr dar, man weiss halt, wie das funktioniert.

Für Anleger, die das tagtäglich machen, ist das alles transparent und einfach, weil sie die Funktionsweise des Derivats rauf und runter kennen. Ein Neueinsteiger, steht aber oft erst einmal vor Fallstricken. Nehmen wir den Devisenmarkt und EURUSD als Beispiel:

In der Zeitung steht das Währungspaar EURUSD sei auf 1,08 gestiegen. Fein. Wenn man nun am Devisenmarkt EURUSD Long gehen will, dann kauft man EURUSD genau zu 1,08. Und verkaufe das Währungspaar ein paar Tage später zu 1,10. Damit ist der Gewinn und die Kutellung völlig transparent, es gehen die Gebühren ab und fertig.

Mit einem Derivat aber, das auf EURUSD aufsetzt, hat man in der Regel "irgend einen" Kurs, bei dem man auch nicht wirklich nachvollziehen kann, ob er fair gestellt wurde, weil es keinen Referenzmarkt gibt. Dann hat man "Knock-Out-Barrieren", Volatilität was auch immer - eben viele Spezial-Parameter, die von der Konstruktion des Derivats abhängig sind.

Erneut, das muss kein Problem sein und wenn man sich im Detail in die Funktionsweise hinein denkt, kann man auch das gut verstehen. Nur ist es erst einmal weniger transparent und selbsterklärend, als EURUSD einfach zu genau dem Kurs zu kaufen, zu dem er auch in der Zeitung steht.

Und ich habe selber in der Vergangenheit auch Fälle erlebt - auch bei grossen Emittenten - bei denen Unschärfen und Gestaltungsspielräume bei der Konstruktion des Derivates, nach meiner subjektiven Interpretation vom Market Maker genutzt wurden, um die Kutellung zu "optimieren"- böse Zungen würden sagen "um die Anleger abzuzocken". 😉 Gerade die Frage, wann und wie die Volatilität im Derivat herauf oder herab gesetzt wird, ist dafür ein beliebtes Spielfeld.

3) Sie sind (oft) teurer

Auch das ist nicht immer richtig, es gibt Ausnahmen die von den individuellen Umständen abhängen. Aber im Kern ist es doch ganz einfach, bei einem Derivat ist ein weiterer "Mitesser" an Bord, der das Derivat anbietet, weil er Gewinn machen will.

So wird sich ein Bank, die ein Derivat auf EURUSD anbietet, sich dafür auch am Devisenmarkt refinanzieren. Einem Devisenmarkt, an dem wir auch direkt handeln könnten. Und dann baut die Bank rund um EURUSD noch eine derivative Konstruktion und natürlich kostet diese und die Kosten werden ins Produkt eingepreist - wo auch immer, das hängt vom Produkt ab.

Abgesehen davon, werden solche Derivate auf die Underlyings ja nicht deshalb kreiert, weil die Banken "gute Menschen" sind. Sondern weil diese damit zusätzlichen Gewinn machen wollen. Da aber der Preis des Underlyings, sich objektiv an der Börse oder am Devisenmarkt ergibt, muss der zusätzliche Gewinn der Bank, der das Geschäft mit Derivaten überhaupt erst legitimiert, im Derivat selber versteckt sein.

Deswegen darf man bei den Derivaten auch nicht immer nur die reinen Gebühren betrachten, denn auch in der Konstruktion selber können Kosten versteckt sein. Und die kann man eben schwer sehen, weil es eben keine Vergleichskurse gibt. Um das zu analysieren. muss man sich aber intensiv mit der individuellen, derivativen Konstruktion befassen.

Wenn man den Verlauf der Kurse von Derivaten direkt mit dem Underlying vergleicht, stellt man auf jeden Fall oft mal Abweichungen fest, die über die Zeit grösser werden. Grund sind dann fast immer "innere" Kosten in der Konstruktion des Derivats. Und diese sind nicht per Zufall da, sondern weil der Emittent dieses Geschäft ja macht, weil er damit verdienen will.

Es mag Einzelfälle und Anwendungsfälle geben, bei denen die derivative Lösung dann für den einzelnen Anleger doch günstiger ist. Gerade bei Anlegern mit kleinen Depots kann das sein, wenn mal wieder Sonderaktionen laufen um Derivate zu promoten. Denn durch die vergleichsweise hohen Grundgebühren für Kleinanleger beim Kauf- und Verkauf an der echten Börse, haben Derivate die Chance bei Sonderaktionen hier Gebühren-Vorteil zu generieren.

Im grossen Bild ist aber klar, dass ein weiterer gewinnorientierter Mitesser in der Nahrungs-Kette des Finanzproduktes, eher zu höheren Kosten beim Anleger führen muss.

Fazit:

Derivate sind auch für Kleinanleger keine Teufelei und kann man gut einsetzen, wenn man sich der Funktionsweise und Nachteile bewusst ist.

Das Problem ist eher, dass der Umgang mit Derivaten vom Anleger in der Regel höhere Kenntnisse erfordert, als der Kauf des Underlying selber. Umgedreht sind es aber eher die "kleinen Anleger", die diese Derivate nutzen, während die grossen, eher erfahrenen Anleger an Xetra, Eurex und Co. unterwegs sind oder derivative Konstruktionen nutzen, die sie sich selber "gebaut" haben. Aus dieser Diskrepanz entstehen oft Probleme mit Derivaten.

In Fällen wo Derivate Situationen abbilden, die man ansonsten nicht direkt handeln könnte, kann man sie aber nutzen, wenn man die Funktionsweise wirklich versteht. In Fällen aber, wo sie letztlich nur bieten, was man im Underlying auch selber tun könnte, ist aus den obigen Gründen in meinen Augen das Underlying vorzuziehen.

Ganz grundsätzlich gilt natürlich, dass die Solidität des Emittenten ein zentraler Risikofaktor ist, den man im Auge behalten sollte. Solange man bei grossen Adressen wie der Deutschen Bank oder Commerzbank bleibt, braucht man das Risiko aber auch nicht über zu bewerten. Denn wenn die kippen sollten, haben wir alle ganz andere Probleme. Und zwar auch die Anleger, die keine Derivate nutzen. Dann sitzen wir alle mehr oder weniger im gleichen Boot.

Insofern spricht erst einmal null und nichts dagegen, bestimmte Sondersituationen mit Derivaten zu handeln. Man muss sich halt nur genau mit der individuellen Funktionsweise beschäftigen. Und man sollte immer erst einmal schauen, ob man das Gleiche nicht mit dem Asset selber oder mit einem sehr transparenten CFD abwickeln kann, der den Kursverlauf des Underlying 1zu1 abbildet.

Ihr Hari

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