Hari´s Märkte am Abend – 26.04.12 – Die Bullen gewinnen die Oberhand

22 Uhr - Handelsschluss

Ein spannender Tag an den Börsen geht zu Ende, an dem es unter der Decke viel mehr Bewegung gab, als die mässige Bewegung des DAX Index impliziert.

Eine Entwicklung ist dabei von besonderer Bedeutung:
Der S&P 500 hat mit einem Schlusskurs von fast 1400 in einer sehr überzeugenden Art und Weise die alte Range und den alten Trendkanal zurück erobert !

Damit ist aus Sicht des Leitindex S&P500 die Korrektur schon wieder vorbei. Und die Wahrscheinlichkeit ist deutlich gestiegen, dass wir jetzt eine Bewegung an die obere Begrenzung des steigenden Trendkanals bekommen, die irgendwo bei 1450 liegen sollte.

Für den DAX bedeutet das, das selbst bei fortgesetzter Schwäche in der Euro-Zone, nach unten nun eine Absicherung im Markt ist. Denn wenn der Leitindex S&P500 sich in der Nähe der Jahreshochs bewegt, dann wird der DAX nicht ungebremst abstürzen. Eine derartige Divergenz gibt es in der Realität einfach nicht, dafür ist unsere Wirtschaft weltweit zu stark miteinander vernetzt. Solange der S&P500 also nicht erneut abstürzt, sollte der DAX das Verlaufstief vom 23. und 24.04. bei 6500 nicht mehr unterschreiten. Das bedeutet nicht zwingend, dass der DAX nun eine Rally hinlegt, der Mühlstein "Euro" ist einfach sehr schwer. Aber das das Risiko eines harten Absturzes erst einmal gebannt erscheint, sind doch auch schon mal gute Nachrichten !

Um das kurzfristige Potential des DAX nach oben abzuschätzen, haben wir nun auf dem Stundenchart eine sehr schöne Cup & Handle Formation mit Doppelboden, die ich Ihnen hier mitgebracht habe:

Im nachbörslichen Handel im Future, hat der DAX den Durchbruch durch die Nackenlinie bestätigt und bei 6763 geschlossen. Wendet man die Daumenregeln zum Potential der Cup & Handle Formation an, kommt man auf ein Kursziel von knapp unter 7000. Das würde auch zu einer Bewegung in den oberen Bereich der von mir mehrfach genannten volatilen Range 6400-7100 passen.

Mehr würde ich dem DAX im Moment noch nicht als kurzfristiges Potential zugestehen, dafür ist die Lage in der Euro-Zone zu kritisch und die Wahlen in Frankreich und Griechenland hängen auch noch bis Ende nächster Woche über unseren Köpfen. Aber das ist doch schon mal was und diese 250 Punkte im DAX nach oben könnten schöne Gewinne in sich bergen, wenn das Szenario genau so eintreffen sollte.

Für die neuen Leser dieses Blogs muss ich noch einschränkend hinzufügen, dass obiger Chart keineswegs bedeutet, dass es nun zwingend genau so kommt. Es bedeutet nur, dass die Wahrscheinlichkeit für dieses Szenario nun deutlich gestiegen ist. Und das ist doch schon mal eine wichtige Erkenntnis ! Börse ist immer nur ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten - "Gewissheiten" bieten nur diversen Dienste und Börsenbriefe, die Sie mit "Geheimtips" gegen Geld alle "reich" machen wollen. Komisch nur, warum diese Leute sich dann überhaupt noch um Kunden bemühen, wenn sie das perfekte System oder den heissen, reich machenden "Geheimtip" schon selber gefunden haben. Aber das sind halt bestimmt einfach nur alles gute, altruistisch engagierte Menschen. 😉

Aktie des Tages war sicher Rhön-Klinikum (WKN 704230), die nach einer Übernahmeofferte von Fresenius um 50% nach oben katapultiert wurde. Glückwünsch an alle, die zufällig dabei waren - ich war es nicht und dieses Angebot hat auch niemand vorher gesehen, sonst wäre der Kurs von Rhön-Klinikum schon im Vorfeld angesprungen. Meinen Glückwunsch auch an Fresenius, die damit gezeigt haben, dass man Übernahmen auch professionell und geräuschlos planen kann. Im Gegensatz zu manch anderer Übernahme, bei der die Information schon im Vorfeld an "Smart Money" heraus leckt, sichtbar daran, dass die Aktien schon vor der Übernahme steigen.

Bemerkenswert war heute auch Aixtron (WKN A0WMPJ), die heute wirklich grottenschlechte Zahlen ablieferten und dazu auch noch einen sehr unsicheren Ausblick des Managements. Und was machte der Kurs ? Der sprang um 6% nach oben. Normalerweise wäre das ein klares Kaufsignal, denn wenn ein Kurs in Anbetracht solcher Zahlen steigt, ist der Boden erreicht.

Bei Aixtron bin ich aber nicht so sicher, denn der Titel ist ein Spielball privater Spekulanten und gehört im Umfeld der Privatanleger zu den meistbesprochenen spekulativen Titeln in Deutschland. Wäre ich sicher, dass institutionelles Geld für den heutigen Anstieg verantwortlich ist, wäre ich nun sehr bullisch was Aixtron angeht. Das bin ich mangels Daten aber leider nicht und fürchte eher, das sich hier einfach die massive Hoffnung der Privatanleger zeigt. Denn übersehen wird in meinen Augen in der heutigen Euphorie, dass auch das Management nichts anderes als Hoffnung zu bieten hatte. Die Zahlen und Auftragseingänge waren so unglaublich schlecht, das Aixtron brutal in die Verlustzone rutschen würde, wenn die Hoffnung für die nächsten Quartale auch trügen sollte. Insofen bleibe ich wie schon vor 3 Monaten bei Aixtron weiter an der Seitenlinie, denn alleine auf Hoffnung basiere ich keine Investitionsentscheidungen.

Wie schon vor Wochen hier in einem Artikel bemerkt, gäbe es ein ganz einfaches Mittel um zu beweisen, dass das Aixtron Management selber an die Hoffnung glaubt, die es verbreitet: Insiderkäufe ! Ich habe aber aktuell keinerlei Insiderkäufe gesehen und das selbst nicht bei Kursen unter 10€ Ende letzten Jahres. Wenn Management und Aufsichtsrat aber so wenig Zutrauen in die weitere Geschäftsentwicklung des eigenen Unternehmens haben, warum glaubt dann Otto Normalanleger es ohne konkrete Indizien besser zu wissen ?

Volkswagen (WKN 766403) lieferte ganz ausgezeichnete Zahlen, die der Markt zu Recht mit einem Anstieg von 8% quittierte ! So gut die Zahlen auch waren, den massiven Anstieg muss man wohl teilweise auch als Gegenbewegung zu einem übertriebenen Abverkauf in den Tagen zuvor werten. Letztlich ist VW damit nur wieder in der Region oberhalb 130€ angekommen, in der sich der Titel schon in den vergangenen Monaten bewegte. Erst wenn der Deckel bei ca. 146€ vom Februar geknackt würde, wäre das ein Signal für eine positive Neubewertung der Aktie durch den Markt.

Ich halte Volkswagen für ein hervorragendes Unternehmen und traue dem Titel durchaus noch einige Kursanstiege zu, bin aber trotzdem nicht investiert, weil ich andere Titel vorziehe. Mir persönlich ist Volkswagen zu sehr von den Interessen des dominierenden "Piëch-Netzwerkes" geprägt. Auch wenn der halb liebevoll, halb spöttisch mit dem Spitznamen "Fugen-Ferdl" versehene Ferdinand Piëch ohne jede Frage ein herausragender Ingenieur und Unternehmer ist, hat er nach meiner Meinung aber auch schon gezeigt, wie wenig er auf die Interessen Dritter - hier der kleinen Aktionäre - Rücksicht nimmt, wenn deren Interessen seinem grossen Plan im Weg stehen. Die Geschehnisse rund um Porsche sollten da jedem zu denken geben.

Aus der Sicht von jemandem, der einen grossen Weltkonzern formen will, sind das nach meiner Einschätzung zwingend notwendige "machiavellistische" Fähigkeiten, ohne die es unmöglich wäre, einen solchen Firmen-Koloss wie Volkswagen unter alleiniger Kontrolle zu behalten. Insofern hat Ferdinand Piëch meinen grossen, professionellen Respekt. Für einen kleinen Aktionär muss das aber nicht zwangsläufig Gutes bedeuten. Insofern schaue ich mir Ferdinand Piëchs Lebenswerk mit einiger Bewunderung trotzdem lieber von der Seitenlinie aus an.

Das ist nach meiner Einschätzung übrigens auch der Grund, warum VW schon lange fundamental so unterbewertet ist und sich bisher trotzdem keine nachhaltige Änderung dieser Unterbewertung abzeichnet. Denn rein von den Zahlen, der Wettbewerbsstärke und der ausgezeichneten Marktposition her, müsste VW in meinen Augen wesentlich höher als heute notieren und einen Aufschlag auf die Sektorbewertung haben. Aber viele grosse internationale, institutionelle Anleger machen nach meiner Einschätzung einen Bogen um diese Aktie, weil sie als Aktionäre ohne jeden Einfluss wären. Die Kombination der Beteiligung Niedersachsens mit Ferdinand Piëchs Machtsystem, macht alle anderen Aktionäre in meinen Augen zu Statisten ohne Einfluss - wie zuletzt bei der Wahl zum Aufsichtsrat wieder zu bewundern. Das ist eine Situation, die grosse internationale Anleger mit verwaltetem Milliardenvolumen gar nicht schätzen.

Spätestens mit den Ereignissen rund um Porsche, wurde auch diesen Institutionellen gezeigt, wie hilflos sie bei VW als Aktionär diesen Kräften ausgeliefert sind. Es wird lange dauern, bis dieser Eindruck verblasst und deshalb dürfte VW nach meiner Einschätzung noch weit länger unter seinem wahren Wert gehandelt werden, als man in Anbetracht der reinen Zahlen vermuten könnte.

Ein weiterer Grund hat damit zu tun, das für institutionelle Anleger sowieso nur die Stämme in Frage kommen dürften, denn wenn man schon grosse Summen in ein Unternehmen steckt, dann will man auch sein Recht als Aktionär ausüben können. Die Stämme sind aber mit nur noch 10% Freefloat nicht liquide genug, um grosse Orders aufzunehmen. Der Kurs der Vorzüge - in denen sich die meisten Kleinanleger tummeln - ist aber letztlich ein Abbild der "wahren Aktien", der Stämme. Ohne diese internationalen, institutionellen Anleger, ist aber ein massiver Kursaufschwung nach meiner Ansicht nicht darstellbar. Anders herum formuliert, hätte VW aktuell einen Freefloat von 80% bei seinen Stämmen und nicht diese Porsche-Historie am Bein, wäre der Kurs der Stämme nach meiner Einschätzung aktuell sicher eher bei 180€ als bei 120€. Und diese 180€ wären nach meiner Ansicht auch angemessen, entsprächen dem aktuellen fundamentalen Wert und wären keineswegs eine Überbewertung.

In Anbetracht der offensichtlichen Unterbewertung, kann ich eine Investition in VW also durchaus nachvollziehen. Nur mit einem schnellen Anstieg zum fundamentalen Wert, rechne ich aus oben genannten Gründen nicht so schnell wie erhofft.

Morgen liefern dann auch Rheinmetall (WKN 703000) und Daimler (WKN 710000) Quartals-Zahlen, beides Aktien, die ich intensiv auf dem Radar habe. Ich bin bei Rheinmetall aktuell mit 50% meiner Zielgrösse und bei Daimler voll mit meiner Zielgrösse im Investmentdepot investiert und bin gespannt, was Morgen heraus kommt.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend !

Ihr Hari

6 Gedanken zu “Hari´s Märkte am Abend – 26.04.12 – Die Bullen gewinnen die Oberhand

  1. Bin heute aus Aixtron rausgegangen, ob es richtig war, weiß ich auch nicht…Aber wie sagt der Schwabe: Was mr hett, des hett mr….Auf hochdeutsch: Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach,

    Ja, schon komisch, grottige Zahlen, aber trotzdem Kursanstieg. Kann so bleiben, muss aber nicht.

  2. Tag Hari,

    wie siehst du die Rheinmetall-Zahlen? Dass das Rüstungsgeschäft im Moment noch schwächeln würde, war doch zu erwarten oder? Übertriebener Abverkauf oder begründete Angst?

  3. @ Ramsi, für mich alles im Rahmen der Erwartungen. Auch wenn das Rüstungsgeschäft momentan wg der Schuldenkrise etwas schwächelt, ist es genau das, weswegen ich Rheinmetall ganz entspannt im Depot halte. Das geht immer und Rheinmetall ist genau in den richtigen Segmenten aktiv. Bei Kursen um 40€ für mich nach wie vor eine ganz entspannte Investition. Wenn jetzt der Börsengang von Kolbenschmidt noch klappt, dann dürfte die Aktie noch einmal profitieren. Kurzfristige, schnelle Gewinne sind aber im Moment nicht drin, da muss man nun eher auf Wacker Chemie schauen 😉

  4. Für was Kurzfristiges warte ich bis ich morgen in der Heimat ankomme 🙂
    Danke dir für das kurze Statement!

  5. Hallo Hari, kannst du bei gelegenheit einen kleinen kommentar zum derzeitigen auf und ab bei Itron geben? Grüße – HB

  6. Harrygo, ich war wieder drin, nachdem Itron die Hälfte seines grossen Hubs von Februar wieder abgegeben hatte. Ich bin aber bei Itron vor ein paar Tagen vor den Zahlen rein aus Sicherheit heraus auf die Seitenlinie gegangen und das war wohl auch gut so. Ich habe mir dann genau die Kommunikation von Leroy Nosbaum angeschaut und muss gestehen, dabei gefällt mir nicht alles, was ich da lese. Der Konkurrenzdruck durch die ganz Grossen ala GE steigt weiter, das treibt die Entwicklungskosten und dabei scheint intern auch nicht alles rund zu laufen. Positiv ist dagegen der Vertriebsaufbau in Asien zu sehen.

    Ich habe noch keine klare Meinung gewonnen, sehe daher aber nun auch keine Not bei Itron sofort wieder einzusteigen. Damit sage ich auch nichts Negatives über die Aktie, nur dass mir der Ausblick derzeit zu unklar ist, um eine klare Position zu beziehen – so ist das halt manchmal. Insofern bin ich aktuell neutral eingestellt und muss einfach abwarten, bis ich wieder ein klareres Bild bekomme.

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