Prognosiritis – eine das Ego pflegende, ansteckende Krankheit

An einem langen Wochenende wie nun über Ostern, haben wir ja Gelegenheit, uns mal ein paar grundsätzliche Gedanken zu machen. Auch zu unserem Verhalten als Marktteilnehmer und zu den Gründen, warum sich der Börsenerfolg bei einigen von uns vielleicht nicht so einstellt, wie diese sich das wünschen.

Dabei gibt es doch ein paar Standardfallen, in die unsere Gehirne besonders gerne gehen. Und eine davon ist die von mir etwas hämisch so genannte "Prognosiritis", eine ansteckende Krankheit, die mit Selbstüberschätzung einher geht und in der wir uns einbilden, die Zukunft vorher sehen zu können. Typischerweise sogar noch besser als der Markt, hinter dem letztlich die geballte Intelligenz vieler anderer Marktteilnehmer steht.

Die Krankheit ist deshalb so ansteckend, weil sie unser Ego pflegt. Es fühlt sich einfach gut an, sich selber zu den "Wissenden" zu zählen, weil man alle anderen damit herab setzen kann. Man muss nur in die Foren der grossen Medien schauen, da findet man sie alle, diese von "Prognosiritis" heimgesuchten Selbstdarsteller, die alle ganz genau wissen, warum die Zukunft so oder so sein "muss" und diesen Glauben mit entsprechender Bugwelle vor sich her tragen.

Dummerweise "muss" die Zukunft gar nichts und unser Hirn hat einen so massiven , dass wir uns die Zukunft letztlich immer nur als Fortschreibung schon bekannter Entwicklungen vorstellen können. Das ist ja auch kein Wunder, wie soll man sich denn etwas vorstellen, was man sich noch nicht vorstellen kann?

Und deshalb machen diese ganzen Zukunfts-Prognosen selbst ernannter "Experten" eher blind für die Realität, denn wenn wir uns einmal gedanklich mit einer Prognose identifiziert haben, suchen wir nur noch selektiv nach Nachrichten, die diesen unseren Bias bestätigen.

Genau das ist der Grund, warum es Marktteilnehmer gibt, die 2009 angefangen haben gegen den Markt zu wetten, weil sie dem Anstieg nicht trauen und damit bis heute nur dann aufgehört haben, wenn sie ihr Depot endgültig geschrottet haben.

Futter für das Ego sind dabei die diversen "Crash-Gurus", die immer dann dem Bias wieder neue Nahrung geben, wenn der Anleger endlich mal angefangen hat, sich mit der Realität der steigenden Märkte zu befassen.

Auch die Community der Anhänger des gelben Gottes (auch "Gold-Bugs" genannt) unterliegt diesem Mechanismus. Praktisch jeden Monat seit Jahren, kann man in den diversen Quellen lesen, dass Gold ja nun "bald" zum "grossen Anstieg" ansetzen wird und man den auf keinen Fall verpassen darf.

Irgendwann wird das auch mal eintreffen, nur hat man dummerweise vorher jahrelang die wahren Gewinne verpasst. Und das nur, weil das Ego es nicht zulassen wollte, von dem einmal gefassten Glauben abzuweichen.

Die Wahrheit ist aber, Prognosiritis ist eine Krankheit und schädlich für das Depot. Und niemand kennt die Zukunft, die sogenannten "Experten" schon gar nicht. Es gibt für diese Wahrheit auch einen wissenschaftlichen Unterbau, man darf die Welt nur nicht mehr als Menge simpler Kausalbeziehungen begreifen.

Leider sind unsere Gehirne aber evolutionär auf solche Kausalbeziehungen trainiert, das Verständnis für einen reflexiven Markt und für komplexe, selbstreferenzielle Systeme, müssen wir uns dagegen erst mühsam und gegen unsere eigenen Instinkte erarbeiten. Genau deshalb ist Börsenerfolg auch für uns so schwierig.

Ich habe den Hintergrund im grundlegenden Artikel -> Reflexivität - die wichtigste abstrakte Börsenerkenntnis überhaupt <- dargestellt und ich kann Ihnen nur *dringend* empfehlen, diese Artikel intensiv zu lesen.

Denn wenn Sie begriffen haben, was die Reflexivität bedeutet und warum der Markt sich unter der Beobachtung von uns allen zwangsläufig selbstreferenziell verändert, können Sie über einfache Ursache->Wirkung Prognosen zum Markt nur noch herzlich lachen.

Und Erfolg am Markt hat entgegen der landläufigen Meinung absolut *nichts* damit zu tun, über die Zukunft das grosse Ratespiel zu betreiben. Erfolg hat viel mehr mit Beobachtung der Realität zu tun und damit ernst zu nehmen und intensiv zu verfolgen, was real ist.

Ich schreibe meinen Lesern daher die folgenden Zeilen immer und immer wieder und das bringt es auf den Punkt:

Wir sollen handeln, was wir real im Marktgeschehen sehen und nicht das, was wir gerne sehen würden.

Nun wollte ich zum Thema heute eigentlich gar keinen langen Artikel schreiben, auch wenn es schon wieder einige Worte geworden sind. Ich wollte vielmehr zumindest teilweise auf Texte zurück greifen, die ich schon in Hari Live mit den Mitgliedern geteilt habe. Und wurde unter anderem bei einem Artikel vom Mittwoch 09.07.14 09:40 fündig, den ich damals einen Tag nach dem sensationellen 7:1 Sieg der deutschen Fussball Nationalmannschaft gegen Brasilien geschrieben habe.

Lesen Sie also vom Tag nach dem 7:1 Sieg und von Zukunftsprognosen, die vor 25 Jahren erstellt wurden:

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Das was gestern in Belo Horizonte passiert ist, war so etwas wie ein "schwarzer Schwan". Ein Ereignis, das sich schlicht niemand vorstellen kann. Mich würde mal interessieren, ob irgendein Spassvogel dieses Ergebnis bei den Londoner Buchmachern konkret getippt hat. Wobei das 7:1 dem Ereignis ja gar nicht gerecht wird, 5:0 nach 30 Minuten gegen den Rekordweltmeister trifft den "schwarzen Schwan" weit präziser. Und hätte die deutsche Mannschaft da nicht aufgehört und in der zweiten Hälfte nicht nur noch locker gekickt, hätte es auch zweistellig werden können.

Gerade gestern habe ich auch einen weiteren Artikel gefunden, der wunderbar zum Thema Prognosen passt. Sie wissen vielleicht, dass ich mich schon in der Vergangenheit über die vergangenen Prognosen sogenannter "Zukunftsforscher" lustig gemacht habe. Und selbst echte Fachleute, die wissen worüber sie reden, sollten besser keine konkreten Zukunftsprognosen machen. Denn wie sagte der IBM Chef Thomas Watson 1943 so schön : "I think there is a world market for maybe five computers." 😉

Nun haben Sie es hier im Artikel noch einmal schwarz auf weiss.

Lesen Sie das unbedingt mal, es ist lustig und interessant. Und der wichtigste Punkt wird am Ende erwähnt: "Damit verfolgten sie die in den 1980er Jahren etablierten Denkmuster weiter."

Genau das ist das Problem. Mit Zukunftsprognosen, können wir Menschen die etablierten Denkmuster und Weisheiten in die Zukunft linear fortschreiben. So wurde aus der erfolgten Mondlandung halt die zwangsläufige Marslandung und ähnliches. Wir sind aber völlig blind, was die grossen Umbrüche, Überraschungen und neuen Entwicklungen angeht. Die aber bestimmen letztlich die Zukunft. So wäre die Welt ohne den Fall des eisernen Vorhangs ohne Frage heute eine andere. Und wer wollte den vorhersagen ?

Wenn Sie also mal wieder von jemandem lesen, wo der DAX 2015 oder 2018 stehen wird, blättern sie weiter. Und fühlen Sie sich auch bei den vermeintlich sicheren Anlagen, nie völlig sicher. Die Solarthematik ist bei mir aktuell so ein Thema. Ich bin völlig von der guten Zukunft des Sektors überzeugt und trotzdem macht mich gerade das aufmerksam und ich werde nicht nachlässig werden, diese Weltsicht immer wieder auf den Prüfstand zu stellen.

Es schadet überhaupt nicht, über die Zukunft nachzudenken. Im Gegenteil, sich verschiedene Szenarien zurecht zu legen, ist sinnvoll und macht das Leben später leichter. Der Fehler liegt aber im Unterschied zwischen einem Szenario und einer Prognose. Im ersten Fall ist es eine Möglichkeit unter vielen. Man hat sie im Auge, mehr aber auch nicht. Und wenn es anders kommt, dann ist es auch ok. Im anderen Fall ist es aber eine Festlegung, hinter die man typischerweise sein Ego und manchmal sogar seine Reputation stellt. Eine Festlegung, die einen daher dann auf fatale psychologische Art und Weise bindet.

Bleiben Sie also locker opportunistisch im besten Sinne des Wortes und akzeptieren Sie die Überraschungen des Marktes gelassen als eine Selbstverständlichkeit und als Chance. Dann wird es Ihnen leichter fallen, dem Markt profitabel zu folgen.

Ihr Hari

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Der psychologische Ankereffekt oder: Es ist eben nur eine Zahl!

Der folgende Artikel erschien schon Donnerstag 12.03.15 09:30 in Hari Live

Heute mal etwas Grundsätzliches zur Entwicklung im DAX.

Denn die Fixierung der Menschen auf diese Zahl - heute 11.800 - führt zu psychologischen Fehlbewertungen der Situation. Und die Folge davon sind dann Schlagzeilen wie "Wahnsinn" oder "Übertreibung" oder "DAX ohne Hemmungen".

Das liegt daran, dass wir im Sinne des psychologischen Ankereffektes, "Normalität" über die nahe Vergangenheit defínieren. Und wir uns aber auch an eine "neue Normalität" ganz schnell gewöhnen und unsere Einschätzung daran ausrichten.

Stellen wir uns mal vor, der DAX würde nun ganz schnell auf 15.000 hoch schiessen. Jedermann würde das als "übertrieben" werten. Würde dann aber ein Jahr folgen, in dem der DAX seitwärts läuft, wäre am Ende des Jahres 15.000 "ganz normal" und niemand würde sich wegen der vermeintlichen Höhe sorgen.

Es ist eben nur eine Zahl!

Dass das so ist, können wir validieren, wenn wir in die Vergangenheit schauen. Der DAX stand vor 20 Jahren bei ca. 2000. Und klar, man muss die Dividenden nun raus rechnen, wenn man die Unternehmen heute und damals vergleichen will, aber trotzdem: haben sich Unternehmen wie Siemens in den 20 Jahren wirklich so grundlegend verändert, dass Sie heute ein Vielfaches Wert sind? Einen DAX bei 4000, was vielleicht nach Abzug der Dividenden dem 2000er DAX von 1996 entspricht, würden wir heute aber als Ausdruck einer schweren Wirtschaftskrise betrachten. Passt das zusammen?

Es ist eben nur eine Zahl!

Es ist eben nur eine Zahl, die da rechnerisch nun steht. Und dass die Zahl so hoch steht, dafür gibt es viele gute Gründe.

Nominelle Gewinnsteigerungen durch Bilanzakrobatik ala IFRS sind einer davon. Echte Gewinnsteigerungen durch effizientere Operation sind ein anderer. Höhere Multiples durch Anlagedruck im Null-Zins-Umfeld sind ein weiter Grund. Und der brutal fallende Euro ist der letzte Sargnagel, der dem DAX letztlich Scheingewinne verschafft, die nämlich nur für Bürger in voller Höhe sichtbar sind, die im Euro rechnen und daher nicht sofort merken, wie ihre Währung und damit auch Ihr Wohlstand, im weltweiten Massstab abwertet.

Es ist eben nur eine Zahl!

Eben, so ist es! Und wer sich nun von der vermeintlichen Höhe der Zahl irritieren lässt, weil sie sozusagen "Gestern" noch bei 8500 war, macht einen schweren Fehler. Die Höhe alleine sagt gar nichts. Null und Nichts. Erst der Kontext sagt etwas aus.

Gewinne in unseren Depots entstehen auch nicht, weil die Zahl "hoch" oder "tief" ist, sie entstehen nur, wenn die Zahl morgen höher ist als heute. Und das wäre auch wahr, wenn der DAX heute bei 100.000 stehen würde.

Dass wir Menschen uns durch den Ankereffekt zu falschen Schlussfolgerungen verleiten lassen, können Sie auch an der Tatsache sehen, dass Aktiensplits so beliebt sind. Denn eigentlich ändert sich durch einen Split gar nichts, der Wert der Firma ist völlig identisch. Und trotzdem "fühlt" es sich für uns eine Zeit lang so an, als ob die Aktie "billiger" geworden sei. Und das führt zu statistisch beweisbarem Kaufdruck nach so Massnahmen. Was sind wir doch für Affen, oder? 😉

Insofern wäre das Beste, was die Macher des DAX für die Aktienkultur in Deutschland machen könnten, beim DAX nun einfach eine Null zu streichen. Dann notiert er aktuell bei 1.180 und das würde es vielen leichter machen, nun zuzugreifen. Absurd? Ja! Realität? Auch!

Es ist eben nur eine Zahl!

Wir sollten uns diese Mechanismen unbedingt klar und uns davon so weit wie möglich frei machen. Hören wir also nicht auf den gedanklichen Reflex von "zu weit" und "Übertreibung", nur weil die Zahl nun so hoch ist - das ist alles irrelevant. Alles was für uns zählt ist, dass bei den Assets in unseren Depots die Zahl morgen höher ist als heute.

Und was heisst das nun konkret?

Eigentlich ist es recht einfach. Es gibt gute und fundamentale Gründe, warum der DAX so nach oben schiesst. Ich habe sie oben genannt, im Moment sind das vor allem der Anlagedruck und der Absturz des Euros, der "die Zahl" nach oben schiebt, ohne den Wohlstand wirklich im gleichen Masse zu heben.

Und solange diese Gründe so dominant sind, gibt es keinen Grund, warum der DAX nicht weiter steigen kann und sogar 15.000 im Verlauf der kommenden Jahres erreichen. Merken wir uns: es gibt keinen zwingenden Grund warum nicht!

Ist das nun "sicher" und darf man deswegen "sorglos" werden? Gott bewahre! Schwere Dummheit!

Was wir hier erleben, ist ein historisch einmaliges Experiment der Notenbanken. Jeder - absolut jeder, inklusive Draghi himself - der behaupten würde, er wüsste wie das ausgeht und welche Fallstricke auf dem Weg lauern, würde an massiver Selbstüberschätzung leiden und sollte von uns tunlichst ignoriert werden!

Schaut man in die Vergangenheit hinein, wodurch starke Bullenmärkte abgeschossen wurden, waren es nie die Dinge, um die sich der Markt sorgte. Worum sich der Markt sorgt, ist in den Kursen und stellt selten ein echtes Risiko dar. Wirklich riskant sind die Dinge, um die sich der Markt *nicht* sorgt, weil er sie nicht auf dem Radar hat. Und wie will man Dinge voraus sehen, die man nicht erkennt - das ist ein Widerspruch in sich.

Und hier - in der aktuellen Situation - ist dieser "blinde Fleck" in unserer Wahrnehmung noch viel grösser als sonst, weil wir uns in unerforschten Gewässern befinden. Wie kann man da seriös sorglos sein? Nein, so eine Haltung wäre völlig falsch.

Was man aber nicht machen darf, ist sich durch die berechtigte Vorsicht und Aufmerksamkeit lähmen lassen. Und das passiert leider gerade bei den meisten deutschen Anlegern, auch eben, weil "die Zahl" so ungewohnt hoch aussieht.

Es ist eben nur eine Zahl!

Vergessen wir also diese Zahl. Stellen wir Sie uns geistig mit einer Null weniger vor. Und denken wir wieder daran: es kommt nur darauf an, dass diese Zahl morgen höher ist.

Deshalb - genau deshalb - machen wir Trendfolge. Deshalb gehen wir solche Bewegungen mit, egal wie die Zahl ist. Und wir gehen solange mit, wie der Trend erhalten bleibt.

Und im Moment ist nichts am Horizont zu erkennen, was den Trend der durch die EZB in Gang gesetzt wurde, schnell beenden könnte. Aber was heisst das schon, dass im Moment nichts zu erkennen ist? Schon kommende Woche steht die FED an und theoretisch könnte die den Spieltisch durchrütteln und den Dollar wieder runter reden.

Und obwohl wir mitgehen, bleiben wir deshalb paranoid. Denn wir wissen, dass unter der stillen Wasseroberfläche der schönen neuen Nullzinswelt, Ungeheuer lauern. Es macht definitiv keinen Sinn, aus abstrakter Angst dem Trend nicht mehr zu folgen. Aber wir beobachten. Und wenn wir sehen, dass sich ein Ungeheuer zeigt - und der Markt wird uns das durch sein Verhalten signalisieren - dann sind wir draussen.

DAX 11.800 ist auf jeden Fall nur eine Zahl. Mit der Zahl ist kein bisschen gesagt, dass 10.800 in einem Monat wahrscheinlicher ist als 12.800. Kein bisschen!

Lassen wir uns also nicht von der Zahl verrückt machen und folgen dem Trend. Bis er endet. Gnadenloser Opportunismus im positiven Sinne, ist das, was man am Markt braucht um erfolgreich zu sein.

Ob diese Zahl nun "zu hoch" oder "zu weit" ist, überlassen wir der Diskussion anderer, die damit ihre Zeit verbrauchen wollen. Wir akzeptieren einfach: wir wissen es nicht. Und es ist auch egal.

Ihr Hari

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Das Marktsentiment in Deutschland und die Höhenangst

Jeden Mittwoch Abend kommentiere ich in Hari Live den von Joachim Goldberg heraus gegebenen Stimmungsindikator für die Frankfurter Börse. Meinen Kommentar von gestern Mittwoch 11.03.15 16:50, will ich heute auch im freien Bereich mit Ihnen teilen.

Das war klar:

Nach dieser wahnwitzig anmutenden Bewegung, wundert es mich überhaupt nicht, dass da ganz viele voller Höhenangst an der Seitenlinie stehen. Und wir sehen auch, dass auch institutionelle Anleger den gleichen psychologischen Reflex haben, den auch private Anleger gerne an den Tag legen. Private Anleger ganz besonders gerne, wenn sie an Verlustpositionen "auf ewig" festhalten und sozusagen heute noch die Telekom von 2000 im Depot haben.

Wir sehen daran, wie universell die Psychologie ist und warum der Markt sich immer wieder nach den gleichen Mustern verhält - eben weil sich die Menschen nie ändern werden.

Nur die zunehmend aufkommenden Algos wandeln das Bild, aber solange diese von Menschen programmiert werden, fällt der Apfel halt nicht weit vom Stamm.

Dabei ist das Problem ganz offensichtlich, wenn man sich mal rational klar macht, *warum* der DAX nun in so unglaublichen Höhen steht. Denn schaut man einfach auf den Kutand, sieht da ja wirklich alles nach einer massiven Übertreibung aus, die zwangsläufig bald korrigieren muss. Und aus dieser Betrachtung ist die Seitenlinie der Institutionellen dann ganz rational. Der Kutand ist aber einfach nur eine Zahl.

Und es reicht eben nicht, nur auf den Kurs des DAX zu schauen und diese Sicht ist ohne Kontext nicht die volle Wahrheit. Denn der DAX steht nur deshalb so hoch, weil der Euro so einbricht. Es ist einfach nur die andere Seite der selben Medaille. Und für den Einbruch gibt es einen objektiven Katalysator, der nichts mit psychologischem Überschwang oder Übertreibung zu tun hat. Und das ist das historisch einmalige Experiment der EZB mit seinen massiven Wirkungen.

Rechnet man diesen "objektiven" EZB-Faktor der Euroschwäche aber heraus und betrachtet den DAX aus der weltweiten Perspektive und damit aus der Warte anderer Währungen, ist von einem "irrationalem Überschwang" im DAX nicht mehr viel zu sehen, der per se Zurückhaltung rechtfertigen würde. Klar, der DAX läuft ganz gut, das war es dann aber schon und ist ganz normal.

Wenn es also derzeit eine "Übertreibung" gibt, dann beim Dollar bzw beim Euro und nicht bei den Zuflüssen im DAX. Und die Übertreibung könnte sich wohl nur dann schnell legen, wenn die EZB sofort wieder die Richtung ändert oder die FED nun sofort von einer Zinserhöhung Abstand nimmt.

Wollen die institutionellen Anleger etwa darauf wetten? Ich nicht.

Sie sehen daran, wie gut und erfolgreich es ist, sich nicht an Diskussionen zu beteiligen, ob der DAX nun "zu hoch" sei. Wir gehen *mit* dem Markt und stellen uns *NIE* gegen ihn.

Klar, wir machen uns Gedanken, sichern ab und bereiten uns auf Eventualitäten vor. Das macht alles Sinn und sollte man tun. Und eine Korrektur kann nun jeden Moment um die Ecke kommen. Absichern ist aber nicht gleichbedeutend damit, in Angststarre an der Seitenlinie zu verharren, während die grosse Rally noch läuft.

In diesem Sinne stellt das aktuelle Marktsentiment und die Höhenangst der Anleger, keinerlei Widerspruch dazu dar, dass es noch weiter hoch gehen könnte an Europas Aktienmärkten. Das ist die einzige Realität, die uns der Markt gerade mitteilt.

Und wer aus Angst vor der sicher irgendwann kommenden Korrektur, solche Bewegungen nicht mitgehen kann, hat nun ein Problem. Ein Problem, dass manche schon seit 2009 haben, denn einige im Markt warten seitdem auf den "grossen Einbruch", falls sie ihr Depot nicht schon geschrottet haben, weil sie sich permanent gegen den Markt stellen.

Deshalb ist es auch so wichtig, ein gutes Risikomanagement zu besitzen. Denn wenn man weiss, dass man im Falle des Falles auch raus kommt, kann man nach oben auch gelassener mitgehen.

Es gibt wirklich keinen Grund, die Risiken dieses historisch einmaligen Experimentes zu übersehen. Genau dafür haben wir aber unser Risikomanagement und wissen, wann wir die Reissleine ziehen. Und wir nehmen dafür in Kauf, ein paar Prozent vom Hoch wieder zu verlieren, bevor das Risikomanagement greift. Denn das ist ein fairer Preis dafür, dass man solche Bewegungen ausschöpfen kann.

Erfolg entsteht aber, in dem man solche Rallys mitgeht und sie ausschöpft und nicht, in dem man sie bekämpft.

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Der DAX und das ….Rrrisiko!

Ein Gastkommentar von Tokay

Heute mal ein staubtrockener Beitrag angesichts der dramatischen Entwicklungen im Weltgeschehen, die einen kaum noch Zeit zum Luftholen lassen. Es geht um die Frage, ob der DAX mittlerweile schon zu teuer geworden ist, oder ob er angemessen, wenn nicht sogar günstig bewertet ist. Ausgangspunkt solcher Überlegungen ist oftmals das KGV. Ein geringes KGV sei etwas positives und damit eine Riesenchance zum Einstieg, während ein hohes KGV ganz klar „Finger weg!“ anzeigen würde, wird in der Finanzpresse gerne kolportiert.

Dabei wurde an dieser Stelle schon einmal die Meinung vertreten, dass das KGV für sich genommen nur sehr wenig aussagt. Das liegt daran, dass der Kurs d.h. der Marktpreis von sehr vielen intelligenten Leuten analysiert wird und damit die Markterwartungen dieser Leute bereits enthält. Anders formuliert, ein tiefes DAX-KGV etwa bringt zum Ausdruck, dass die Marktteilnehmer von den DAX-Unternehmen nicht viel erwarten. Ein hohes DAX-KGV lässt hingegen darauf schliessen, dass die Wachstumsperspektiven der DAX-Unternehmen als ausgesprochen rosig eingeschätzt werden.

Wovon das DAX-KGV beeinflusst wird, wissen wir. Es sind
• die Gewinnerwartungen;
• die Zinsen;
• die Risikoeinschätzungen;

Dies kommt in folgender Gleichung, die sich durch Umformung aus dem sogenannten Dividendendiskontierungsmodell ergibt, zum Ausdruck:

P/E = D/E / (r-g)

Es lohnt sich, diese Gleichung näher zu untersuchen. D/E ist die Ausschüttungsquote der DAX-Unternehmen. Es ist nicht unplausibel, davon auszugehen, dass die Unternehmenschefs konstante Gewinnanteile ausschütten werden, um die Aktionäre bei der Stange zu halten. Also kann man D/E längerfristig als konstant annehmen.

Bei den Zinsen kommen zwei Fragestellungen ins Blickfeld. Erstens, was könnte man alternativ zum DAX erzielen, etwa in längerfristigen Bundesanleihen ? Die wären vergleichsweise risikolos im Verhältnis zu den enormen Kuchwankungen, die am Aktienmarkt doch immer wieder durchlebt werden müssen. Zweitens, wie gross müsste die Zusatzprämie ausfallen, um einen für das Risiko am Aktienmarkt zu entschädigen?

Nun, die Zinsen für Bundesanleihen sind beobachtbar, man kann sie jeden Tag im Wirtschaftsteil der Tageszeitung nachlesen. Für die Risikoprämie gilt das nicht. Aber man kann sie sich ungefähr herleiten:

1. Da die Ausschüttungsquote D/E identisch ist mit der Dividendenrendite D/P mal dem KGV bzw. mit P/E, ergibt sich bei D/P = 2,8 % und P/E = 13,3 %, das sind die Werte aus dem DAX, ein Wert von D/E = 37,2 %.
2. der Zins r ergibt sich als risikoloser Zins längerfristiger Anleihen r0 der Risikoprämie rp, d.h. r = r0 + rp.
3. Die Gewinnerwartungen g ergeben sich als reale Gewinnerwartungen zuzüglich der (längerfristigen) Preissteigerungsrate, d.h. g = g(real) + p

Diese Ausdrücke setzt man ein in die oben präsentierte Formel und löst nach der Risikoprämie rp auf, also:

rp = D/E / P/E + g(real) + p – r0

Jetzt muss man diesen Ausdruck „nur noch“ mit „richtigen“ Zahlen füllen. Die Ausschüttungsquote D/E haben wir ja bereits berechnet, P/E kennen wir ebenfalls. Wir erkennen hier übrigens, dass sich die Risikoprämie zum KGV invers verhält; eine hohe/tiefe Risikopräme ist immer mit einem tiefen/hohen KGV verbunden.

Das reale Gewinnwachstum g(real) kennen wir nicht. Hier müssen wir Annahmen treffen. Eine sinnvolle Annahme ist zum Beispiel das durchschnittliche Wachstum des Bruttoinlandsproduktes in den letzten 10 bis 15 Jahren. Nach dieser Logik könnte man etwa ein Wachstum von ca. 1,5 Prozent jährlich zugrundelegen.

Bei der Preissteigerungsrate müssen wir ebenfalls Annahmen treffen. Legt man das Expertenpanel der Bundesbank zu den Inflationserwartungen zugrunde, dann wären auch hier 1,5 Prozent Preissteigerung jährlich ein plausibler Wert.

Den risikolosen Zins kennenwir auch ungefähr; nehmen wir den Zins der zehnjährigen Bundesanleihe, dann sind wir bei etwa 0,35 Prozent.

Also ergibt sich die Risikoprämie rp als

rp = 37,2 % / 13,3 + 1,5 % + 1,5 % – 0,35 % = 5,55 %.

Ist das nun viel oder wenig ? Angenommen, wir würden die Meinung vertreten, der DAX sei überbewertet, dann würde eine solche Überbewertung mit einem hohen KGV einhergehen, sagen wir bei etwa 30, was in Deutschland zuletzt im Jahr 2000 der Fall war. Befänden wir uns in der Hochkonjunktur, dann lägen Wachstumsaussichten, Preise und Zinsen entsprechend höher. Die Alternativrechnung sähe dann zum Beispiel so aus:

rp = 37,2 % / 30 + 2,5 % + 2 % - 6 % = - 0,26 %

Das hieße, in einer echten Überhitzung wären die allgemeinen Perspektiven so glänzend, daß die Anleger bereit wären, auf eine Risikoprämie gänzlich zu verzichten und gegebenenfalls sogar noch einen Abschlag hinzunehmen.

Ist der DAX aber andererseits noch unterbewertet ? Dann hätten wir ein tiefes KGV. Preise und Zinsen lägen sehr tief, was ja derzeit tatsächlich der Fall ist, also z.B.

rp = 37,2 % / 7,5 + 1,5 %+ 1,5 % - 0 % = 7,96 %

In so einem Fall wäre jemand nur dann zu einem Einstieg in den Aktienmarkt bereit, wenn das Risiko eines geringeren Ertrags durch bereits deutlich tiefere Kurse abgegolten würde.

Insgesamt haben wir also mit großer Wahrscheinlichkeit trotz bereits deutlich gestiegener Kurse immer noch keine Überbewertung. Sondern der Anstieg ist so zu erklären, dass in dieser Zeit ein gewisser Prozentsatz an Risikoprämie abgebaut wurde, was ganz wesentlich durch die Politik der EZB bewirkt wurde, aber auch durch ein stabileres Umfeld in der Weltwirtschaft erzielt werden konnte - dies kommt auch und gerade dem deutschen Export zugute, nicht zuletzt den vielzitierten „hidden champions“. Der stark gesunkene Ölpreis und der tiefe Eurokurs wirken zusätzlich wie ein Konjunkturprogramm. So gesehen ist es eher erstaunlich, dass deutsche Aktien nicht noch höher notieren.

Und nun der „erhobene Zeigefinger“: Auch wenn es schön ist, dass die Bewertungen noch nicht überzogen sind, so bedeutet das noch nicht automatisch, dass sie in der Zukunft steigen werden. Risikopotentiale wie Griechenland, Ukraine oder Naher Osten gibt es genügend, die den Investoren die Lust am Aktienkauf verleiden könnten. Sind die Perspektiven schlecht, dann bleiben auch die Bewertungen schlecht. Siehe Italien, siehe Österreich, siehe Russland – diese Märkte sind schon seit Jahren tief bewertet. Anders die USA – der amerikanische Markt ist schon seit Jahren hoch bewertet, aber er hat vorerst noch weiter gute Perspektiven.

Außerdem: Einige Größen sind Erwartungsgrößen und können sich ändern – sollte sich etwa in naher Zukunft das Elektroauto flächendeckend durchsetzen, dann dürfte der Ölpreis noch weiter in den Keller purzeln. Die Notenbanken wären dann in der angenehmen Lage, auch bei florierender Konjunktur weiter fleißig Geld drucken zu können und die Zinsen tief zu halten – so wie sie das jetzt bereits tun. Sollten sich allerdings etwa die Saudis eines schlechteren besinnen, dürfte das ganze leider in die Gegenrichtung funktionieren.

Tokay

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Warum billige Zykliker teuer sind – und umgekehrt: Reloaded

Man arbeitet und arbeitet und arbeitet. Und irgendwann wird man sich durch einen kleinen Anlass bewusst, wie viel Zeit vergangen ist und wie viel älter man geworden ist.

So einen Anlass hatte ich heute und habe mit Erstaunen festgestellt, dass dieser Blog nun schon seit über drei Jahren existiert und der wachsende Premium-Bereich nun schon seit fast 2 Jahren.

Seit über drei Jahren schreibe ich hier also täglich und im Premium-Bereich jeden Börsentag 5-15 verschiedene Artikel. Manche über Aktuelles, manche über Grundsätzliches und manche über Strategisches.

In so einer Zeit sammeln sich auch viele grundsätzliche Artikel an, die von neuen Mitgliedern nie gelesen werden, weil sie "vor ihrer Zeit" veröffentlicht wurden. Das ist schade, denn darin stecken oft wichtige Informationen.

Über so einen Artikel bin ich gerade wieder gestolpert, er wurde hier am 12. April 2012 veröffentlicht, also vor fast 3 Jahren. Und er ist immer noch aktuell und wert, wahrgenommen zu werden.

Gehen Sie mal durch die Kategorie "Wissenswertes" durch, die Sie in den Spalten rechts unter dem Spenden-Button finden können. Da finden sich allerlei grundsätzliche Artikel, von denen auch heute noch viele interessant sein dürften!

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Gerne wird ja das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von Anlegern benutzt, um einzuschätzen, ob eine Aktie "billig" oder "teuer" ist. Wie sehr dieses Kriterium aber bei Zyklikern in die Irre führt, will ich mit Ihnen heute besprechen.

Zyklische Aktien wie zum Beispiel Stahl, laufen ja in der Regel mit der Konjunktur in Wellen - auch Schweinezyklus genannt. Der Ablauf ist dabei immer der gleiche. Eine anziehende Konjunktur sorgt für erhöhte Nachfrage. Das treibt bei bestehendem Angebot die Preise und die Gewinne der Unternehmen. Was wiederum zur Kapazitätsausweitung und Investitionen der Zykliker führt - siehe die neuen Stahlwerke von ThyssenKrupp. Diese Kapazitätsausweitungen werden solange vom Markt aufgesogen, solange die Nachfrage weiter steigt, was wiederum zu erneuten Kapazitätsausweitungen führt.

Irgendwann steigt die Nachfrage nicht mehr, die Kapazität steigt aber weiter, weil diese Investionen ja Jahre brauchen bis sie den Markt erreichen. So trifft dann am Höhepunkt der Konjunktur eine seitwärts laufende oder leicht fallende Nachfrage auf immer weiter steigende Kapazitäten, was zwangsläufig den Preis ins Bodenlose drückt. Der sinkende Preis sorgt für die Abschaltung oder Aufgabe von Kapazitäten, solange bis die Nachfrage nicht mehr fällt und eine wieder steigende Nachfrage auf immer noch fallende Kapazitäten trifft. Und so setzt sich eine neue Runde des Schweinezyklus in Bewegung.

Der Grund für diesen Effekt liegt also in der zeitlichen Disparität zwischen der Entwicklung der Nachfrage und der Entwicklung der kapitalintensiven Produktionskapazitäten.

Schauen wie uns nun einmal an, wie sich die Aktien der Zykliker und das KGV entwickeln. Und hier haben wir auch eine massive Disparität zwischen den Gewinnschätzungen und dem Kursverlauf, die von unerfahrenen Anlegern immer wieder falsch interpretiert wird. Denn die Gewinnschätzungen laufen der Wirklichkeit um Monate nach. Die Kursentwicklung läuft aber der Konjunkturentwicklung vor, weil der Aktienmarkt ein ausgezeichneter konjunktureller Frühindikator ist.

Am Höhepunkt des Booms werden die Gewinne der Zykliker in die Folgejahre fortgeschrieben, was auf dem Papier zu sehr geringen KGVs führt. Auf dem Höhepunkt sehen die Aktien also "billig" aus. Und wenn dann der Frühindikator "Mr. Market" schon zu fallen beginnt, werden die Kurse optisch nur noch billiger, was viele veranlasst, dann 20% unter dem Zyklushoch die Aktien für "sehr billig" zu halten. Sie sehen aber nur so aus, weil die Gewinne des Aufschwungs einfach fortgeschrieben wurden. In Wirklichkeit hat der Absturz gerade erst begonnen.

Umgedreht ist es am Tiefpunkt. Der Tiefpunkt ist typischerweise dadurch gekennzeichnet, dass die Firmen kein Geld mehr verdienen, weil der Marktpreis ins Bodenlose gefallen ist. Genau dann werden die Entscheidungen getroffen Kapazität abzubauen und aus dem Markt zu nehmen. Und genau dann sehen die KGVs extrem hoch aus, da sind 50 oder 60 durchaus möglich - was kein Wunder ist, wenn die Firmen kaum mehr Geld verdienen. Genau dann stabilisiert sich aber der Marktpreis und die Gewinne beginnen wieder zu fliessen, was die KGVs dann ganz schnell wieder in normale Regionen bringt.

Abweichend von dem was unerfahrene Anleger erwarten würden, gilt also vom Grundsatz her:

-> Der bessere Zeitpunkt einen Zykliker zu verkaufen ist dann, wenn die Aktie optisch billig aussieht und die Kurse aber schon fallen und sich gerade ein neuer Abwärtstrend etabliert.

Genau in diesem Moment kauft Otto Normalanleger aber, weil die vermeintlich billigen Kurse den "Buy-the-Dip" Reflex auslösen.

-> Der bessere Zeitpunkt einen Zykliker zu kaufen ist dann, wenn die Aktie optisch teuer aussieht und die Kurse aber wieder steigen und sich gerade ein neuer Aufwärtstrend etabliert.

Genau in diesem Moment traut sich Otto Normalanleger aber nicht zu kaufen. Vielmehr ist der Kursanstieg bei so "hoher" Bewertung für ihn das Signal, nun endlich seine Verluste zu realisieren und endgültig auszusteigen, nachdem er den gesamten Absturz bis dahin brav ausgesessen hatte.

Nun ist dieser Mechanismus nicht der einzige Faktor der wirkt und kann von anderen Faktoren überlagert. Insbesondere wenn, wie in den letzten Jahren, die Notenbanken massiv in die natürlichen Zyklen eingreifen, werden diese gedehnt und verzerrt und laufen nicht mehr nach Lehrbuch ab. Trotzdem ist es wichtig, diesen grundsätzlichen Ablauf zu verstehen, um nicht die falschen Schlussfolgerungen zu ziehen.

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Die guten Vorsätze oder: Wird 2015 alles anders?

Das Jahr 2014 neigt sich dem Ende zu und so ist es wieder Zeit für die guten Vorsätze zum neuen Jahr. Der Jahreswechsel bietet die Chance, vergangene Fehler und Probleme hinter sich zu lassen.

Objektiv ist der Jahreswechsel natürlich nur ein weiterer Tag auf dem Kalender, aber emotional ist es für uns Menschen eine Wegscheide zwischen Vergangenheit und Zukunft. Und unsere Emotionen beeinflussen uns weit stärker, als uns oft bewusst ist - gerade erfahrene Marktteilnehmer wissen das ganz genau.

Das Dumme mit den guten Vorsätzen ist, so ehrlich sie im Moment sind, schon nach einigen Tagen im neuen Jahr steckt man wieder im alten Trott und nichts hat sich wirklich geändert. Ausser, man hat einen guten Vorsatz nicht nur einfach so daher gesagt, sondern hat einen Plan entwickelt, an den man sich dann auch hält - einen Plan, der das Ziel hat, das Leben wirklich zu verändern.

Gerade beim Thema der Fitness bzw Gewichtsabnahme kann man diesen Mechanismus wunderbar beobachten. Es gibt tausende an "Diäten" und klugen oder wenigen klugen Tips zum Thema. Eine ganze Industrie lebt von der Verheissung eines "schnellen" und "entbehrungslosen" Weges zu mehr Gesundheit und einem besseren Körper. Und es ist leicht, mit guten Vorsätzen schnell mal ein paar Kilo abzunehmen.

Aber dann ..... dann, nach den ersten Erfolgen, trennt sich der Weg der Minderheit, die wirklich diszipliniert ihre Ernährung und Lebensweise umstellt von der Mehrheit, bei der der Jojo-Effekt gnadenlos zuschlägt.

Denn es gibt eben keinen "leichten" und "schnellen" Weg zu einem schlanken, gesunden Körper und wenn eine gigantische Industrie das verspricht, muss man sich mit klarem Verstand die Frage stellen, ob diese Industrie überhaupt eine Interesse daran haben kann, dass ihre Kunden wirklich dauerhaft erfolgreich sind. Wohl kaum, denn dann würde die Industrie sich selber abschaffen, Teile der Industrie leben vielmehr gerade von der immer neu erweckten, aber nicht wirklich erfüllten, Hoffnung auf den "leichten" und "schnellen" Weg.

Und damit sind wir bei der Börse und dem Anlageerfolg der normalen Anleger. Auch hier gibt es eine riesige Finanz-Industrie, die teilweise mit Prognosen und Produkten den leichten Anlageerfolg verspricht. Dumm nur, dass auch das für die Mehrheit gar nicht funktionieren kann, denn es liegt in der Natur der Sache, dass immer nur eine Minderheit dauerhaft besser als der Marktschnitt abschneiden kann. So ist das nun einmal mit Durchschnitten. 😉

Und auch hier gilt, Teile der Industrie können gar kein Interesse daran haben, dass ihre Kunden selber zu erfolgreich und selbstständig werden, denn dann würden diese durch die Girlanden des Marketings schauen und erkennen, mit welch lauem Wasser viele hochtrabende "Anlageprodukte" gekocht sind.

Nun war 2014 für viele Anleger sicher ein eher schwieriges Jahr. Wir hatten wilde Swings, die für alte Fahrensmänner zwar nichts Neues sind, viele Marktteilnehmer die erst seit 2009 bzw 2011 in den Märkten unterwegs sind, kennen diese aber noch gar nicht.

Und so werden auch zum Thema ihres Anlageerfolges viele Anleger für 2015 gute Vorsätze haben: 2015 wird alles anders und besser!

Wirklich?

Denn wenn Sie an der Art, wie Sie an den Markt heran gehen und an Ihrem Wissen um Zusammenhänge und Mechanismen nichts Grundlegendes ändern, warum soll das in 2015 wirklich anders werden? Weil Sie in 2015 mal eine Glückssträhne haben? Oder gibt es einen anderen belastbaren Grund?

Nein, wenn hinter diesem guten Vorsatz kein konkreter Plan steht, den man dann auch verfolgt, dann wird das mit hoher Wahrscheinlichkeit wieder nichts. Ein Plan ist zwar keine Garantie für Erfolg, aber eben notwendige Voraussetzung. Die Hauptfehler beim Anlageverhalten stecken sowieso in unserer eigenen Psychologie und wenn man die nicht angeht, kann einem wirklich nur Glück helfen. Auch im Kasino kann man halt mal gewinnen, statistisch gewinnt aber zuverlässig das Kasino. 😉

Wie man überhaupt feststellen muss, dass für die Mehrheit der normalen Anleger, eine passive Strategie die die Marktperformance abbildet, sowieso -> der beste Weg <- sein dürfte. Denn nur eine Minderheit kann dauerhaft gegen Mr. Market bestehen und um das zu schaffen, erfordert es Engagement, Disziplin und jede Menge Erfahrung und Wissen.

Wenn Sie aber zu der Minderheit gehören wollen und selbst wenn Sie nur Ihre klassischen Fehler verringern wollen um bei der Marktperformance mitzuhalten, müssen Sie Zeit und Energie investieren. Anders geht das nach meiner festen Überzeugung nicht.

Nehmen Sie mich selber als Beispiel. Ich bin seit über 20 Jahren, seit Anfang der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, an den Märkten unterwegs und ich habe alle Fehler gemacht, die man so typischerweise macht. Genau deshalb kann ich auch so gut über diese typischen Fallen schreiben, alles eigene Erfahrung. 😉

Und ich habe ca. 10 Jahre gebraucht, bis sich für mich "mein" Weg heraus schälte, auf dem ich meine Rahmenbedingungen, meine individuellen Fähigkeiten, wie auch meine individuellen Schwächen, in sinnvoller Art und Weise kanalisieren konnte. Die 2000er Internet Blase war für mich das erste systematische Erfolgserlebnis abseits von Glück, in dem ich mich aus der Herde entfernen konnte und merkte, was bei mir mit meiner Psychologie funktionierte und was nicht.

Dieser mein Weg ist immer noch keine Garantie für permanenten Erfolg, das kann er gar nicht sein, weil der Markt ein -> reflexives Wesen <- ist und sich permanent wandelt - und man selber passt sich an oder geht unter. Aber mein Weg funktioniert für mich persönlich, hart erarbeitet ist er auf jeden Fall.

Hätte ich einen guten Mentor gehabt, hätte ich die 10 Jahre vielleicht auf 5 reduzieren können und mir ein paar klassische Fehler erspart, 5 Jahre der Suche nach dem eigenen Weg wären es aber bestimmt immer noch geworden.

Jetzt gibt es im Web glücklicherweise schon einige seriöse Angebote, die Ihnen auf diesem Weg helfen und Ihnen keine Finanzprodukte verkaufen wollen. Ich zähle diesen Blog dazu. Eine Erfolgsgarantie verschafft Ihnen der Inhalt dieses Blogs aber ebenso wenig, wie andere wertvolle Informationen. Aber eine Chance, Ihren eigenen Weg zu finden, verschaffen Ihnen die richtigen Quellen. Und mehr als eine Chance gibt es am Markt nie und überhaupt eine Chance zu haben, ist eine ganze Menge und nicht selbstverständlich.

Sie haben also die Wahl. Sie können ab 2015 Zeit und Energie in Ihren Börsenerfolg investieren. Dann sollten Sie sich seriöse Quellen suchen, die Sie ein Stück weiter bringen. Oder Sie können Ihr Geld -> in gute Hände geben <- und mit Ihrer Zeit etwas Besseres tun, als sich mit untauglichen Mitteln dem Wettbewerb mit Mr. Market zu stellen. Letzteres ist ganz klar der Rat, den ich ausdrücklich der Mehrheit der normalen Anleger geben will.

Nun weiss ich ja, dass dieser Blog im freien Bereich von vielen gelesen wird, die zögern und sich fragen, ob Sie zu dieser Community dazu stossen sollten. Ich habe kurz darüber nachgedacht, denen einen Anstoss zu geben, nun zum Jahreswechsel zu handeln oder eben das Thema zur Seite zu legen. Denn eines ist klar: der Zustand des Zögerns ist unproduktiv. Tue es, oder tue es nicht.

Der klassische psychologische Trigger wäre ein zeitlich sehr eng beschränkter Rabatt auf die Mitgliedschaftsgebühr für Neueinsteiger rund um den Jahreswechsel gewesen, frei nach dem Motto "Gute Vorsätze". Wir kennen diese vertriebliche Methode ja zu Genüge, die eine der vielen menschlichen Schwächen aufdeckt, die auch der Markt immer wieder gnadenlos bestraft - Sie wissen schon: "Kauf mich jetzt", "Limited Edition" und "Nur solange der Vorrat reicht". 😉

Ich habe diesen Gedanken aber ganz schnell wieder verworfen, denn es wäre kontraproduktiv und solche vertrieblichen Pirouetten passen nicht zu dem Ansatz, den ich hier vertrete. Und es sind ja gerade diese psychologischen Schwächen, bei denen ich Ihnen hier weiterhelfen will, denn diese stehen auch dem Markterfolg immer wieder im Weg - hier ist es die berühmte und im Premium-Bereich immer wieder thematisierte "Angst zu verpassen".

Und mal ganz ehrlich, wer die Frage, ob sie/er über Jahre intensiv Zeit und Energie in den Anlageerfolg investieren will, von ein paar Euro mehr oder weniger bei einer Mitgliedschaft abhängig macht, zäumt das Pferd vom Schwanz her auf. Das wäre so, wie wenn jemand eine grundlegende Umstellung seines Lebensstils und seiner Nahrungsaufnahme, von einem kleinen Rabatt bei einem Fitnessplan abhängig machen würde.

Nein, Sie haben die Wahl und Sie haben eine Chance. Aber einen einfachen Weg zum reproduzierbaren Erfolg an den Märkten gibt es nicht. Und einen generellen und pauschalen Weg, der für alle Menschen mit unterschiedlichsten Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gleichermassen funktioniert, gibt es auch nicht.

Wenn Sie also gute Vorsätze für 2015 haben wollen oder wenn Sie erkennen, dass Sie im Zeitalter der finanziellen Repression sowieso keine andere Chance haben, als Ihr finanzielles Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, weil es keine risikoarme Rendite mehr gibt - dann machen Sie es dieses Mal und ab 2015 richtig und mit mehr Substanz, als nur mit ein paar guten Vorsätzen. Oder lassen es gleich bleiben und wenden sich anderen Dingen zu - das Leben ist schön und hat vieles zu bieten.

Ihr Hari

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Macht eine langfristig passive Bluechip Strategie Sinn?

Der folgende Artikel erschien schon Donnerstag 11.12.14 15:20 in Hari Live und wurde zwecks Anonymisierung und Verständlichkeit für den freien Bereich überarbeitet

Im Forum gab es eine Frage, die ich hier ausführlich als Artikel beantworten will, weil mir das Thema von so allgemeinem Interesse zu sein scheint, dass es jeder wahrnehmen sollte.

Es ist die Frage eines Mitglieds, ob eine langfristig passive Bluechip Strategie Sinn macht, also sozusagen "Buy and Hold" mit Bluechips a la 3M, Johnson&Johnson, MC Donalds, Kellogg, Procter&Gamble und Co.

Die Anlage in solchen Werten wird ja in Deutschland von interessierter Seite gerne als "Value-Strategie" verkauft und erfreut sich grosser Beliebtheit. Kaum fängt jemand an sich mit Börse zu beschäftigen, hat er schon "Warren Buffett" und "Value" im Mund, es hört sich ja auch zu einfach und überzeugend an. So wie ein Baby als erste Worte typischerweise "Mama" und "Papa" sagen kann, sind "Warren Buffett" und "Value" die ersten Worte deutscher Anleger. 😉

Komisch nur, dass trotz dieses überzeugenden Konsens, nur die wenigsten an der Börse wirklich erfolgreich sind. Diese Divergenz zwischen eingängigem Erklärungsmodell und mangelndem Erfolg, sollte ja zum Nachdenken anregen, tut es aber erstaunlicherweise in der Regel nicht.

Wie ich darüber denke, habe ich im Artikel -> Gedanken zum langfristigen Vermögensaufbau und zum Zerrbild des Value-Investing <-
ausführlich dargestellt - ein Artikel, den ich Ihnen auch heute zum Lesen empfehle, falls sie ihn noch nicht kennen.

Nun also meine Antwort auf die Frage des Mitglieds:

Theoretisch (zu dem Begriff komme ich noch) ist es für 80-90% der Anleger tatsächlich am Besten, sich Bluechip-ETFs wie beispielsweise den iShares Global Titans (WKN: 628938) passiv ins Depot zu legen, diese dann unter Ausnutzung des Cost Average Effektes langfristig zu akkumulieren und gut ist es!

Denn Markt-Timing bekommt nur eine Minderheit hin, erfordert viel Wissen und vor allem Disziplin und Kenntnis der eigenen Psychologie. Und wir erleben ja hier auch immer wieder, dass es trotz meiner Hinweise und meiner offensichtlich brauchbaren "Glaskugel", trotzdem immer noch nicht einfach ist. Was soll da erst "Otto Normalanleger" sagen, der nur den Mainstream Nachrichten hinterher läuft und damit sowieso immer im falschen Moment agiert, wenn der Käse schon längst gegessen ist?

Bevor ich aber zum "theoretisch" komme, noch der Hinweis, dass die Annahme, dass immer die grossen Bluechips die Besten seien, in meinen Augen ein unzulässige Annahme ist. Unzulässig ist sie deshalb, weil selbst ein Betrachtungszeitraum von 20 Jahre für die generelle Aussage zu kurz ist.

Es waren in den letzten 20 Jahren diverse Entwicklungen, wie zuletzt die finanzielle Repression, die das Geld in Bluechips als Anleihenersatz getrieben haben und daher für eine Überperformance der "grossen Brummer" zum Gesamtmarkt gesorgt haben. Ich kann mir gut Szenarien vorstellen, in denen das in Zukunft anders sein würde.

Stellen wir uns zB mal einen massiven Umbruch wie das Aufkommen der Computer vor. Ich habe das jetzt nicht historisch überprüft, kann mir aber gut vorstellen, dass ein 20 Jahre gehaltener Korb der 1970er Bluechips aus der Vor-Computer-Ära, bis 1990 keineswegs eine Überperformance gegenüber einem Wachstums-orientierten Depot gebracht haben dürfte. Im Gegenteil, einige dieser Bluechips von 1970 waren in den 90ern aus dem Geschäft. So etwas machen halt Umbrüche.

"Past Performance is no indication for future results" - diese Weisheit gilt auch für die Überperformance der grossen Adressen an der Börse, die gerade in den letzten 5 Jahren eklatant gewesen ist. Wir wissen aber auch, warum das so war, das hat mit der Notenbank-Politik zu tun.

Und dass die 2008er Krise, die Bluechips nicht im Kern erschüttert hat und diese gestählt daraus hervor gingen, liegt eben am Charakter der Krise und kann nicht verallgemeinert werden. Ich kann mir auch ganz andere Umbrüche vorstellen, die die Geschäftsmodelle einiger der grossen Namen komplett in Frage stellen und einen "Game Changer" darstellen.

Kommen wir nun aber zu dem wichtigen Wort "theoretisch". Denn die Strategie funktioniert für Otto Normalanleger nur dann besser als jeder Timing-Versuch, wenn er dann aber wirklich durch dick und dünn dabei bleiben würde.

Genau das passiert aber fast nie! Theoretisch ist das alles immer ganz einfach, aber wer noch eine Erinnerung daran hat, wie sich das alles im 4. Quartal 2008 angefühlt hat, weiss was ich meine.

Der mediale Druck war immens. Alles schien zusammen zu brechen und tiefer ging an der Börse immer. "Otto Normalanleger" mit der Strategie einfach dabei zu bleiben, hat dann ganz lange durchgehalten aber irgendwann wurde der Druck zu gross und nachdem sich 50% der angesparten Alterversorgung in Luft aufgelöst hatte, hat er dann doch entnervt verkauft - wahrscheinlich Anfang 2009 auf dem Tiefpunkt.

So ist das immer bei den grossen Einbrüchen. Theoretisch ist "Buy and Hold" immer ganz einfach. Praktisch aber brutal schwierig, ausser man zieht sich in eine Holzhütte im Wald zurück, ohne Internet-Zugang und ohne Zeitung.

Das Verrückte dabei ist, um so eine Phase mit "Buy and Hold" durchzustehen, braucht es einen erfahrenen Anleger, der so etwas schon erlebt hat. Es braucht also einen börsengestählten Geist, der ein Gefühl für Marktschwingungen hat. Denn erst aus der Erkenntnis dieser Mechanismen, erwächst das Selbstbewusstsein und die Ruhe, solche Phasen durchzustehen. Ein Anfänger hat gar keine Chance, er wird immer im falschen Moment in Panik geraten und das Falsche tun.

Heisst mit anderen Worten, wer Buy-and-Hold nicht mit einem monetären Pipifax, sondern mit seiner für das weitere Leben eminent wichtigen Alteicherung!!! durchstehen will, muss entweder die Aussenwelt komplett aussperren können oder er muss das Wissen zu den Märkten aufgesammelt haben, das ich hier vermittele. Ohne die Sicherheit, die aus dem Wissen kommt, wird der durchschnittliche Anleger genau am Tiefpunkt die Nerven verlieren - das ist die zwangsläufige Folge der Reflexivität der Märkte.

Wenn man aber das Wissen um so Zyklen und um Risikomanagement sowieso aufgesammelt hat, fährt man emotional besser damit, wenn man sein "Blue Chip Buy and Hold" mit einem ganz trivialen Risikomanagement unterlegt, wie zum Beispiel die 200-Tage-Linie zu benutzen. Womit es eben kein "Buy and Hold" mehr ist, sondern aktives Markt-Timing, wenn auch ein sehr langfristiges und ruhiges.

Selbst wenn diese Risikomanagement-Strategie langfristig mal keine echte Überperformance gegenüber sturem Buy-and-Hold generieren sollte, ist sie für die menschlichen Anleger trotzdem besser, weil sie das emotionale Kapital schont. Es ist fühlt sich einfach besser an, wenn man sich in den Zeiten der schlimmsten Ängste der Welt einfach zurück lehnen kann, weil man seine Schäflein ins Trockene gebracht hat.

Fazit:

Ja, die grosse Mehrheit der normalen Anleger, fährt mit einer langfristigen Basis-Strategie, die mehr oder weniger dem Markt folgt, wahrscheinlich besser, als mit dem Versuch den Markt intensiv zu timen. Damit das überhaupt gelingen kann und damit man nicht im falschen Moment genau das Falsche tut, braucht es aber zwingend die Sicherheit, die nur aus einem Verständnis des Marktgeschehens resultieren kann.

Es führt in meinen Augen also kein Weg daran vorbei, sich mit den Mechanismen des Marktes zu beschäftigen, sonst hält man die grossen Krisen in der Regel schlicht nicht aus. Das ist der Unterschied zwischen Theorie und langfristiger Praxis.

Ich kann es auch etwas flapsiger formulieren: Eine schwere Weltkrise mit der immens wichtigen, grossen Alteicherung auszusitzen, schafft in der Regel nur ein Autist, oder ein sehr erfahrener Anleger mit guten Nerven und viel innerer Sicherheit, die aus Erfahrung resultiert.

Letzter, der sehr erfahrene Anleger, kann es sich aber leichter machen, denn mit der Erfahrung hat er dann auch das Wissen um ein zumindest rudimentäres Risikomanagement. Und selbst wenn das am Ende keinen monetären Vorteil bringen sollte, lebt es sich mitten in der Krise beschwingter und glücklicher, wenn man mit seiner Alteicherung an der Seitenlinie steht.

Es führt also kein Weg daran vorbei, nur wer den Markt wirklich versteht und das Geschehen einordnen kann, hat eine Chance - egal mit welcher Strategie, ob kurzfristige Trades oder langfristige Anlage. Alle anderen werden von ihren Emotionen in Verluste getrieben.

Und "den Markt zu verstehen" erfordert Zeit und Engagement. Mal schnell was lesen und sich zusammen reimen, reicht einfach nicht aus, dafür sorgt alleine schon die -> Reflexivität <-.

So weit meine Sicht auf die Dinge.

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E-Commerce Förderung nach Art der EU-Bürokratie:
Mitglieder aus Papua-Neuguinea und Cayman Islands willkommen!
Aus Frankreich, Italien und Finnland dagegen nicht!

Es wäre ja schön, wenn das, was ich Ihnen nun schreiben muss, nur eine Satire wäre.
Oder alternativ ein böser Traum, aus dem man bald aufwacht, weil so verquer kann doch gar niemand denken.

Ist es aber leider nicht. Sondern das worüber ich nun schreiben muss, ist wohl ab 01.01.2015 Realität für alle, die im EU Raum digitale Dienste anbieten - wie eben auch ein Blog mit Mitgliedern wie surveybuilder.info.

Da werden sich noch einige im Internet umschauen und ich sage schon jetzt ein grosses Chaos bevor. Und dann wird vom Gesetzgeber in einem Jahr "nachgebessert".

Das von der Politik gerne verwendete Wort von der "Nachbesserung", ist sowieso Kandidat für das Unwort des Jahrzehntes, denn es ist für mich eher Ausdruck inkompetenten Handelns der Verantwortlichen. So wie manche Software-Unternehmen ihre Software beim Kunden "reifen" lassen, lässt der Gesetzgeber zu oft undurchdachte Gesetze beim Bürger und vor Gerichten "reifen". Und Bürger und Unternehmen müssen über Steuern diese Inkompetenz auch noch zwangsweise finanzieren.

Lesen Sie zunächst einmal in einem kurzen Überblick, worum es bei der neuen Umsatzsteuerregelung für digitale Produkte und Dienstleistungen geht.

Bisher war das alles einfach und logisch. Wenn man als Privatperson etwas kaufte, galt das Recht des Landes, in dem der Händler sass. Wenn ich mir also unbedingt etwas aus London schicken lassen wollte, war das britische Recht die Grundlage dafür. Und das galt für alle Waren, egal ob digital oder "physisch". So einfach, so logisch und so klar. Ab 2015 ist nun alles kompliziert und voller Ausnahmen.

Um es nicht abstrakt, sondern anhand dieses Blogs konkret zu beschreiben:

  • Wenn sich hier ein Mitglied mit Adresse aus Malta anmelden würde, müsste ich eine Rechnung nach maltesischen Rechnungsvorschriften mit maltesischer Umsatzsteuer erstellen und mich beim Finanzamt Maltas - wahrscheinlich in Landessprache - für die Umsatzsteuer registrieren.
  • Wenn sich hier ein Mitglied mit Adresse aus Rumänien anmelden würde, müsste ich eine Rechnung nach rumänischen Rechnungsvorschriften mit rumänischer Umsatzsteuer erstellen und mich beim Finanzamt Rumäniens - wahrscheinlich in Landessprache - für die Umsatzsteuer registrieren.
  • Wenn sich hier ....... ich denke Sie wissen, wie die Geschichte weitergeht.

Lustig oder? Nach meiner sehr persönlichen und pointierten Meinung ist das einfach: Schwachsinn!

Damit es keine Missverständnisse gibt, es geht hier um eine Sonderregelung für digitale (nicht physische) Güter. Wenn Sie sich aber physische Waren aus EU Ländern schicken lassen, bleibt alles wie gehabt (bis zu nächsten Gesetzesänderung ;)). Und die Regelung gilt auch nur für Endverbraucher, wer als Unternehmen digitale Güter in der EU bezieht, für den ändert sich auch nichts.

Oder mit anderen Worten: Wenn ich als Verleger einen Artikel per PDF verschicke, bekommt der eine diametral andere Umsatzsteuer-Behandlung, als wenn ich den gleichen Artikel ausdrucke und per Post versende! Und dann unterscheidet sich das noch einmal abhängig davon, ob der Kunde ein Unternehmen oder ein Endverbraucher ist. Und woran erkenne ich bei einer GBR eigentlich das Unternehmen gegenüber dem Endverbraucher? Wie sieht eigentlich eine spanische GBR aus? Schöne neue Welt!

Und damit das nicht wieder nur das beliebte EU-Bashing wird: unsere "kompetenten" Politiker im Parlament haben das schon längst abgenickt und es hat so auch in Deutschland und Österreich Gesetzeskraft erlangt.

Jetzt haben die verantwortlichen Bürokraten und Politiker ja irgendwann im Verlauf dieses Prozesses scheinbar eine Teilerleuchtung gehabt und erkannt, dass es wohl nicht funktionieren kann, dass jeder Einzelunternehmer ca. 20 EU Sprachen spricht und sich mit noch mehr länderspezifischen Eigenheiten im Umsatzsteuerrecht befasst. Diese Erkenntnis erfordert zwar nicht gerade den IQ eines Raketenwissenschaftlers, aber immerhin, wir wollen ja bescheiden sein.

Und so wurde die Idee des "One Stop Shops" bei den landeseigenen Finanzbehörden geboren. Wenn ich mich nun also bei der deutschen KEA (Erklärung siehe Link oben) registriere, kann ich die Umsatzsteuer weiter zentral abführen und muss mich nicht in allen Ländern registrieren und die Landessprache sprechen.

Auf den ersten Blick ja ein sinnvoller Gedanke und zu begrüssen. Nur ist der nach den mir bisher vorliegenden Informationen leider viel zu kurz gedacht. Denn:

  • Erstens ändert die zentrale Abführung nichts daran, dass ich rechtlich dann wohl dem "maltesischen" und "rumänischen" Umsatzsteuerrecht unterliege und daher auch den Strafmassnahmen ausgesetzt bin, die das lokale Recht vorgibt. Die zentrale Abwicklung entbindet mich natürlich nicht davon, mich nach "maltesischem" und "rumänischem" Recht zu verhalten, was immer das ist und was immer das bedeutet - mögliche Straftatbestände im Umsatzsteuerecht eingeschlossen.
  • Zur Rechnungsstellung zitiere ich aus dem Leitfaden der EU, den man unter obigem Link finden kann: "Für die Rechnungsstellung gelten die Vorschriften des Mitgliedstaats des Verbrauchs. Deshalb sollten sich die Steuerpflichtigen über die maßgeblichen Bestimmungen der Mitgliedstaaten informieren, in denen sie Dienstleistungen erbringen." Ah ja, ich informiere mich also über die Bestimmungen von über 20 EU Ländern und beachte diese bei der Rechnungsstellung. So viel zum "One Stop Shop".
  • Auf jeder Rechnung müsste ich nun die lokale Umsatzsteuer ausweisen und die unterscheidet sich eben. Heisst unterschiedliche Rechnungen und Beträge je nach Land.
  • Nach der Preisangabenverordnung müsste ich aber jedem EU Bürger seinen Bruttopreis zeigen, was bei identischen Nettopreisen die Programmierung eines dynamischen Systems erfordert, dass je nach Nationalität des Mitglieds die jeweils richtigen Brutto-Preise zeigt.
  • Oder alternativ kann ich den Umsatzsteuer-Irrsinn in der EU auf die eigenen Schulter nehmen, die Brutto-Preise für alle gleich lassen und dafür um so weniger Netto einnehmen, je höher der Umsatzsteuersatz des Landes ist.

Motivation dieses (für mich) gesetzgeberischen Schildbürgerstreiches war möglicherweise, den Effekt einzudämmen, dass sich grosse E-Commerce Anbieter natürlich bisher als Sitz das Land ausgesucht haben, das den geringsten Umsatzsteuersatz hatte. So blieb bei identischen Bruttopreisen, Netto der grösste Gewinn bei den Konzernen hängen. Warum wohl verschickt Amazon offiziell aus Luxembourg?

Das Problem ist ja auch real vorhanden und sollte gelöst werden. Bis zu diesem Punkt, habe ich volle Zustimmung.

Auf den einzig logischen Gedanken, um das Problem an der Wurzel zu packen - nämlich die völlig sinnfreien unterschiedlichen Umsatzsteuersätze in der EU zu vereinheitlichen - ist der politisch-bürokratische Komplex aber scheinbar nicht gekommen. Beziehungsweise er hatte scheinbar keine Bereitschaft, sich hier ausreichend zu bewegen. Ist ja auch kein Problem, wenn man die Komplexität auf den Rücken der vielen kleinen Unternehmen abwälzen kann. Das ist mal E-Commerce Förderung nach Politiker-Art. Wer hier Sarkasmus findet, kann ihn behalten.

Das Absurde dabei ist, dass man damit nach meiner Vermutung ein ganz neues Problem geschaffen hat. Denn was bisher Sport der Grossunternehmen war, könnte nun vielleicht Sport der Bürger werden - Stichwort: "Wahl des Standortes zur legalen Umsatzsteuerverkürzung".

Denn im E-Commerce digitaler Güter hat die reale Adresse nur die Bedeutung, dass diese auf der Rechnung steht. Alles andere läuft elektronisch, denn physikalisch geliefert wird ja nichts. Und auch die Rechnung wird elektronisch verschickt.

Wer also nun im Land mit einer hohen Umsatzsteuerbelastung wohnt, wird sich nach meiner Vermutung erstens einen Shop suchen, in dem die Brutto-Preise länderspezifisch angepasst werden und sich zweitens dort mit einer Adresse aus einem EU Land mit geringerer Umsatzsteuer anmelden. Voila - mehrere Prozent beim Einkauf digitaler Güter gespart. So hat eine Adresse in Luxembourg nun auch für Otto-Normalverbraucher plötzlich Mehrwert, ich bezweifele, ob die Bürokraten so weit gedacht haben. Aber kein Problem, dann wird "nachgebessert", siehe oben.

Jetzt kann ich nicht sagen, ab wann die Verwendung abweichender Adressen bei der Bestellung rechtlich ein Problem für die Verbraucher darstellt und illegal wird. Wahrscheinlich ist auch das sehr länderspezifisch und jedes Rechtssystem wird das vermutlich leicht anders sehen. Wer aber eine reale vorhandene Adresse wie zum Beispiel eine Zweitwohnung oder die Wohnung der Eltern angibt, in der er sich auch immer wieder real aufhält, sollte nach meinem bescheidenen Rechtsverständnis (ohne Gewähr, ich bin kein Jurist!) zumindest in Deutschland kein Problem haben. Zumindest in Deutschland ist mir persönlich bisher kein Gesetz bekannt, das mir als Privatperson verbieten würde, eine Lieferadresse abseits meiner Hauptwohnung anzugeben. Viele lassen sich ja auch an ihren Arbeitsplatz liefern, eine völlig gängige Praxis von Endverbrauchern.

Abgesehen davon, haben doch Unternehmen sowieso keine Chance, die Richtigkeit von Adressen zu überprüfen, solange die Adresse irgendwo real existiert und nicht gerade den Planeten Mars als Lieferort ausweist. Und kleine Unternehmen haben diese Chance schon gar nicht. Was der Kunde schreibt gilt, so einfach ist das in der Realität. Und wenn einer deklariert, er wohne in Papua Neuguinea, dann muss ich das glauben, eine andere Chance habe ich doch gar nicht.

In Summe wurde nach meinem Eindruck hier "von hinten durch die Brust ins Auge" geschossen und eine etablierte und gut funktionierende Regelung ohne echten Anlass in endlose Ausnahmen überführt. Was der volkswirtschaftliche Sinn davon sein soll, ein gedrucktes Buch umsatzsteuerlich völlig anders zu behandeln, als wenn man das Buch per Kindle herunter lädt, können wohl nur Menschen mit ganz besonderen Gehirnwindungen verstehen. Ich gehöre scheinbar nicht zu dieser Spezies.

Es gäbe in meinen Augen nur eine einzige wirkliche Lösung, um das berechtigte Problem der umsatzsteuerlichen Optimierung von Konzernen ala Amazon zu lösen. Eine Lösung, die ebenso logisch wie einfach ist und funktionieren würde, ohne den Bürgern oder Unternehmen zusätzliche Lasten aufzuerlegen.

Und das wäre ein einheitlicher Umsatzsteuersatz in der EU! Denn genau da liegt das Problem und nirgend wo anders. Aber das wäre ja zu einfach und dann müsste der politisch-bürokratische Komplex sich ja mal produktiv in Bewegung setzen. Solange der Komplex aber seine Gehälter und Pensionen sowieso vom Steuerzahler erhält, egal wie unproduktiv die eigene Leistung ist, wird sich daran wohl nichts ändern.

So habe ich - wie viele andere die im Internet digitale Inhalte anbieten - nun ein Problem ab 01.01.2015.

Und ich werde das voraussichtlich auf radikale Art und Weise mit Verweigerung lösen, in dem ich Mitglieder mit Adressen aus EU Ländern (mit Ausnahme von Österreich, dazu später mehr) nicht mehr akzeptiere. Glücklicherweise haben wir ja noch Vertragsfreiheit und ich kann mir noch aussuchen, mit wem ich einen Vertrag schliessen will und wohin ich "liefern" will - und wohin nicht.

Ich bedauere sehr, das tun zu müssen, bitte aber um Verständnis, dass ich einfach keine Wahl habe. Ich habe weder die sprachlichen Fähigkeiten, noch die rechtliche Kompetenz, mich mit dem Umsatzsteuerrecht in Griechenland, Irland, Zypern, Estland, Slowenien und so weiter auseinander zu setzen und mich dort rechtlich als umsatzsteuerpflichtiges Unternehmen zu exponieren. Das können bestenfalls Grosskonzerne mit riesigen Rechtsabteilungen und selbst die, werden ihre Probleme haben.

Solange auf der rechtlichen Seite keine Vertrauensschutzregelung existiert, sehe ich persönlich keinen Weg, der mich davon entbindet, mich den Gesetzen jedes einzelnen Mitgliedslandes stellen zu müssen. Die derzeitige Konzeption der "KEA" ist so eine Vertrauensschutzregelung auf jeden Fall nicht. So eine Vertrauensschutzregelung wird bestimmt unter dem Druck und der Wut "der Strasse" kommen, daran habe ich wenig Zweifel, denn anders geht es einfach nicht. Aber diese ist eben derzeit nicht da, auch da wird wohl mal wieder in 2015 und 2016 "nachgebessert".

Mitglieder aus Papua-Neuguinea und Cayman Islands sind mir also weiter herzlich willkommen! Aus Frankreich, Italien und Finnland dagegen ab 01.01.2015 nicht mehr!

Das ist eben E-Commerce Förderung in der EU nach Bürokraten-Art. Beschwerdeschreiben richten Sie bitte an Ihren Bundestagsabgeordneten, der das potentiell abgenickt hat, ohne sich damit auch nur 10 Minuten inhaltlich zu befasssen.

Ich bin übrigens sicher, dass die Verbraucher diesen Effekt in Zukunft bei vielen kleineren Shops für digitale Güter erleben werden. Man wird als "EU-Ausländer" nicht mehr so einfach kaufen können. Es wird zu einer Renationalisierung führen und dem Gedanken des freien Binnenmarktes komplett zuwider laufen. Aber wie gesagt: -> Nachbesserung. Die "Lösung" für alle, die nicht fähig sind, etwas gleich richtig zu machen.

Diese "Nachbesserung" wird kommen. Denn dieses Gesetz macht für mich in dieser Form hinten und vorne keinen Sinn.

Günther Oettinger, bitte übernehmen Sie!

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